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Kommunikationskultur

Beherrsche dich, Nutzer!

Die Politik ruft wieder einmal nach einem Klarnamenzwang im Internet. In der Community weckt das Empörung, doch die Argumente liefern die Netznutzer oft selbst - mit einer erbarmungswürdigen Kommunikationskultur. Das Web braucht unsere Selbstbeherrschung, findet Frank Patalong.

Manchmal bekomme ich Briefe, die so aussehen: "Sie Arsch! Sie habn dieses ding nicht genug gelobt!" Oder so: "ich wär gern der mujahedien der dir den bauch aufschlitzt!" Dann gibt es noch höfliche Varianten der Hassmail: "Mein Herzenswunsch ist es, Ihnen einen großen Kübel voll Scheisse auf Ihre Tastatur zu kippen."

So etwas hat es immer gegeben. Online aber erreicht es eine andere Qualität: Viele der Mails sind rückverfolgbar, man könnte klagen, wenn man wollte. Bei vielen erklären sich die Verfasser, die mitunter offen justitiable Dinge von sich geben, sogar mit der Veröffentlichung bereit: Sie wollen, dass ihre Verbal-Flatulenzen öffentlich lesbar werden - und zeichnen oft sogar mit vollem Namen. Als ob ihr Verhalten normal sei.

Manchmal mache ich mir den Spaß und beantworte so eine Schmiererei. Meistens beginnt meine Mail mit diesem Satz: "Sehr geehrter Herr XYZ, vielen Dank für Ihre konstruktive Kritik, aber..."

Nicht selten folgt darauf eine Antwort, die so klingt: "O sorry, wer ahnt denn, dass das jemand liest."

Welcher denkende Mensch verschickt Briefe ins vermutete Nirgendwo, um Frust und Hass abzulassen? All zu viel Wert können solche Nutzer der Web-Kommunikation nicht beimessen. Das Internet, unendliche Weiten: Hier darf jeder mal auf den Boden rotzen.

"Kann bitte jemand Martin H***** töten?"
Kommentar unter einem YouTube-Video eines SPIEGEL-ONLINE-Redakteurs

Das Problem dabei ist, dass es so, wie man in den Wald schreit, auch wieder heraushallt. Die kommunikative Unkultur im Web munitioniert die regelungswütigen unserer Politiker mit Argumenten für mehr Kontrolle des Internet. Denn das Ätzen und Geifern ist ja nicht auf Briefe beschränkt. Auch in öffentlichen Foren wird Unflat kommuniziert, als sei das nichts, als könne das keine Konsequenzen nach sich ziehen. Als sei man im Web weniger haftbar, als sei die Online-Plattform ein Toberaum, in dem die normalen gesellschaftlichen Regeln nicht gelten.

Online wird gepöbelt, beleidigt, beschimpft, gegeifert, bedroht, diffamiert und denunziert. Es werden justitiable Behauptungen ganz locker publiziert, es wird Menschen übel nachgeredet oder sogar zu Straftaten aufgerufen.

Die meisten Publikationshäuser moderieren deshalb ihre Foren. Das heißt nur, dass die schlimmsten, mit Fäkalsprache durchsetzten oder rechtlich bedenklichen Äußerungen gar nicht erst erscheinen. Jedes öffentliche Forum, das so verfährt, sieht sich darum dem Vorwurf der Zensur ausgesetzt. "Foristen" gehen fest davon aus, dass die Diskussionsplattform ihnen gehört und man dort absolut alles sagen darf. Wir Plattformbetreiber schützen mit den darum nötigen Moderationen aber nicht nur uns und unsere Marken, sondern letztlich auch die Forentrolle vor sich selbst.

Es ist eine Flut von Beiträgen und Zuschriften, die man nicht veröffentlichen kann. Sie kommen, jeden Tag, jede Stunde, mit einer inhaltlichen Spannbreite von primitiv bis kriminell.

Gern wird verbal geschlagen, an die Wand gestellt, exekutiert, zum Abschuss freigegeben. Oder gleich zum Volksaufstand gegen die "Multikulturisten", gegen die BRD oder EU aufgerufen, mit mitunter seitenlangen, irren Traktaten.

Und wenn dann wieder einmal ein Bundesinnenminister wie jüngst Hans-Peter Friedrich (CSU) daherkommt und meint, das Netz in Deutschland - natürlich aber nicht in Arabien, China und überall dort, wo uns die Regime nicht passen - brauche unbedingt mehr Kontrolle, Klarnamen, Identitätsnachweise, Zensur oder Überwachung, ist das Geschrei groß.

Die Community, ein im Wortsinn virtuelles Hirngespinst der begeisterten Internet-Fans, reagiert darauf immer auf die gleiche Weise: Sie kontert mit free flow of information und den Idealen der emanzipatorischen Kraft des Netzes, das irgendwann alle totalitären Regime hinwegfegen werde (Arabien!). Es erklingt die Hymne vom sich selbst regulierenden Raum. Als Schenkelklopfer setzen manche dann noch die Beschwörung der Netiquette oben drauf, der ach so mächtigen Online-Hausordnung.

Adrenalin hin oder her: Erst denken, dann tippen und veröffentlichen

Die Web-Pessimisten antworten darauf mit dem Verweis auf den kommunikativen Irrsinn dort - und zu Recht. Mit Verlaub: Wer den idealistischen Käse vom selbstregulierenden Web noch glaubt, der stellt dem Weihnachtsmann auch noch Milch und Kekse neben den Kamin. Seit ihrer Erfindung (wahrscheinlich im Oktober 1983, als Benimm-Regeln für Usenet-Newsgroups) wartet man vergeblich darauf, dass sich die Online-Knigge-Regeln durchsetzen. Auch ihre Normierung (IETF RFC 1855) hat ihnen keinen Rückenwind verleihen können. Auf Dauer wird das Netz aber nur leidlich frei bleiben, wenn es gelingt, es nicht zum Tourette-Space verkommen zu lassen.

Denn dass jede Freiheit ihre Schranken dort findet, wo die Rechte und Freiheiten anderer verletzt werden, ist ja ein richtiger Grundgedanke demokratischer Verfassungen (bei uns: Grundgesetz, Artikel 2). Wenn die Web-Kultur zur Unkultur abkippt, in der die Rechteverletzung zum Normalfall wird, braucht man sich nicht zu wundern, wenn der Ruf nach Grenzen für diese Freiheit ertönt.

Alle Medien haben das im Laufe ihrer Entwicklung erlebt. In Deutschland ist der Normalfall heute aber nicht die staatliche Aufsicht über die Medien, sondern ihre freiwillige Selbstkontrolle. Die wacht darüber, dass sich ihre Vertreter im Rahmen der Gesetze und Sitten bewegen, um ihre und die Freiheit des Mediums nicht zu gefährden.

Für das Internet kann und wird es so etwas in institutionalisierter Form niemals geben. Wir werden das schon selbst erledigen müssen. Wir alle sind Publizisten im Web, und wir sind es auf Basis derselben Gesetze. Um das weiter frei und ohne Zensur und Aufsicht durch die Kontrollwütigen in der Politik tun zu können, sind wir darauf angewiesen, dass alle sich an die Spielregeln halten.

Die könnten einfacher nicht sein: Benimm dich im Web. Trage mit dafür Sorge, dass die Unkultur nicht überhand nimmt. Das Web braucht Selbstkontrolle, und zwar unsere.

Nettiquette extrem - die Knigge-Empfehlungen

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