Kontrollen an US-Flughäfen Wut macht erfinderisch

Körperscanner und rücksichtslose Kontrollen machen Flugreisende in den USA wütend. Wer sich am Airport nicht durchleuchten lässt, wird abgetastet. Das ist oft demütigend, einige skandalöse Fälle wurden dokumentiert. Mancher Passagier wehrt sich mit bösem Humor - oder Strahlenschutz-Unterwäsche.

Dem Scanner ein Schnippchen schlagen: Damenslip mit strahlungsresistentem Feigenblatt

Dem Scanner ein Schnippchen schlagen: Damenslip mit strahlungsresistentem Feigenblatt

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In den USA pflegt man einen ungleich weniger entspannten Umgang mit Nacktheit als in Deutschland, dem Reich der gemischten Saunen und FKK-Strände. Dementsprechend fällt die Reaktion auf die neuen Körperscanner, die an allen Flughäfen aufgestellt worden sind, dort deutlich heftiger aus als bei uns.

Noch wütender macht viele Amerikaner allerdings die Alternative zum Scan: Wer sich nicht mit in Kapitulationshaltung hochgereckten Armen durchleuchten lassen will, den tasten die Sicherheitsleute der Transportation Security Administration (TSA) gründlich ab. Was unter Umständen auch das Berühren von Intimbereichen unter der Kleidung einschließt. Die TSA ist in den vergangenen Wochen ruckzuck zu einer der meistgehassten Organisationen in den USA geworden.

Das hat auch mit dokumentierten Einzelfällen zu tun, in denen die TSA-Mitarbeiter bewusst oder aus Unachtsamkeit Grenzen überschritten haben.

  • Da gibt es zum Beispiel den vieldiskutierten Fall einer Frau, die von einem TSA-Angestellten nach erfolgter Scanner-Untersuchung aufgefordert wurde, ihre Brustprothese abzunehmen und vorzuzeigen.

  • Ein weiterer Krebs-Überlebender wurde auf andere Weise gedemütigt: Beim Abtasten beschädigten die Beamten trotz mehrfacher Warnungen einen Urinbeutel, den der Mann am Körper tragen muss, und schickten ihn anschließend mit durchtränkter Kleidung aber ohne Entschuldigung weiter.

  • Eine gepiercte Passagierin wurde gezwungen, mit Hilfe einer Zange die Ringe aus ihren Brustwarzen zu entfernen.

Besonders wütend dürften viele Amerikaner jedoch auf die Videos reagieren, in denen zu sehen ist, wie TSA-Leute kleine Kinder mit größter Sorgfalt abtasten.

Ein Vater filmte mit seiner Handykamera, wie seine dreijährige Tochter sich verzweifelt gegen die Untersuchung zu wehren versucht und dabei "Fass mich nicht an!" kreischt. In einem anderen Clip ist zu sehen, wie ein Junge im Vorschulalter seinen Oberkörper bis auf die Haut entkleiden muss, um anschließend abgetastet zu werden.

"Kein Recht auf Betreten eines Flugzeugs"

Wenn am kommenden Donnerstag Millionen US-Bürger zu ihren traditionellen Thanksgiving-Reisen aufbrechen, um Verwandte zu besuchen, dürfte die Empörung einen neuen Höhepunkt erreichen.

Längst gibt es Boykott- und Protestaufrufe, an amerikanischen Flughäfen dürften in den nächsten Tagen bislang unbekannte Wartezeiten und Verdruss die Folge sein. TSA-Chef John Pistole - ja, der Mann heißt wirklich so - nimmt die Aktion ernst. Er warnt davor, "dass Leute ihre Flüge verpassen, nur weil protestiert wird". Dem TV-Sender ABC sagte er, Passagiere hätten "kein Recht auf das Betreten eines Flugzeugs", wenn sie sich den Untersuchungen ganz verweigerten.

Den privaten Recherchen eines auf Luftverkehr spezialisierten Bloggers zufolge leiden die TSA-Angestellten, die die Untersuchungen durchführen müssen, ebenso darunter wie die Passagiere. In einer Mini-Befragung bekam er ausnahmslos Antworten, in denen die Sicherheitsleute sich über mangelnde Körperhygiene, übermäßige Körperfülle und ganz generell die Peinlichkeit der Prozedur beschwerten. "Ich will auch nicht den ganzen Tag Penisse berühren", klagte einer.

Es gibt mittlerweile zahlreiche Versuche, dem unappetitlichen Befummeltwerden am Airport das Grauen zu nehmen. Diverse humoristische Annäherungen an das Thema machen im Netz derzeit die Runde, und mit einigen davon wird vermutlich richtig Geld verdient.

Eine Comedy-Truppe produzierte ein Video mit Modetipps für die Scanner-Untersuchung - etwa mit dem Ratschlag für Singles, auf dem eigenen Bauch mit Klebeband Kontaktanzeigen aus Metallbuchstaben zu befestigen, um attraktive Sicherheitsbeamte auf sich aufmerksam zu machen.

Bei Ebay verkauft ein Witzbold "TSA-Fummelhandschuhe, gebraucht" für mindestens 99 Cent das Paar. Aus der von einem Blogger dokumentierten und anschließend vielzitierten Warnung "Don't touch my junk!" (in etwa: "Fass mein Gemächt nicht an") wurde inzwischen sogar ein eigener HipHop-Track.

"Furry Girl" zieht sich am Kontrollpunkt einfach aus

Eine plumpe aber in Sachen Selbstvermarktung zweifellos effektive Variante wählte eine Sexbloggerin und Pornodarstellerin mit dem Künstlernamen "Furry Girl": Sie hüllte sich in sehr enthüllende Unterwäsche und legte vor dem Sicherheitscheck nicht nur ihre Jacke, sondern ihre gesamte Oberbekleidung ab. Den Selbstversuch hielt sie mit einer Videokamera fest: "Das erste Mal ist immer etwas Besonderes und sollte auf Video dokumentiert und ins Netz gestellt werden, damit jeder darüber lachen kann."

Auf dem Video ist zu hören (nicht zu sehen), wie ein leicht panisch klingender TSA-Mann "Furry Girl" beschwört, bitte sofort wieder ihre Jacke anzuziehen - obgleich es doch seit September 2004 zu den TSA-Regularien gehört, dass alle Jacken abgelegt und durchleuchtet werden müssen. Obwohl das Video über weite Strecken nur das (dunkle) Innere der Durchleuchtungsmaschine am Flughafen zeigt, wurde es bereits über 120.000-mal aufgerufen. Auch "Furry Girls" Blog dürfte einiges an zusätzlichem Traffic abbekommen haben.

"Ihre Nacktfotos sind sicher bei uns"

Aus der Wut über die TSA ein Geschäft machen wollen auch andere. Da ist zum Beispiel der T-Shirt-Hersteller, der nun Modelle mit dem TSA-Logo anbietet. Garniert mit Zusätzen wie "Ihre Nacktfotos sind sicher bei uns" oder "Wir machen Flugreisen zu einer berührenden Angelegenheit".

Die effektivste Verteidigung gegen die als indiskret wahrgenommene Scanner-Technologie aber bewirbt derzeit ein findiges US-Unternehmen namens Rocky Flats Gear: Es verkauft Unterwäsche, die an den kritischen Stellen mit einem "garantiert bleifreien" aber "strahlungsabschirmenden" Material besetzt ist.

Rocky Flats Gear wirbt mit Sätzen wie "Beschützen Sie Ihre Privatsphäre und Würde vor aufdringlichen Flughafen-Scannern". Zu diesem Zweck kann man nun beispielsweise Damenschlüpfer kaufen, die vorne mit einem ausladenden Feigenblatt verziert sind - oder mit zwei stilisierten, züchtig vor dem Schritt gefalteten Händen.

Eine einfachere Lösung empfehlen unterdessen Wissenschaftler vom Lawrence Livermore National Laboratory in Kalifornien. Ein ehemaliger Atomwaffenforscher namens Willard Wattenburg hatte der "Washington Post" zufolge schon vor Jahren eine Variante vorgeschlagen, die jedoch beim Heimatschutzministerium nicht auf Gegenliebe gestoßen sei. "Warum verzerrt man das Bild nicht so grotesk, dass nichts Erregendes mehr daran zu finden ist?", fragt Wattenburg.

Er empfiehlt, in die Scanner eine simple Software zu integrieren, die zwar verdächtige Objekte weiterhin klar erkennbar lässt, die Körperform der Durchleuchteten jedoch im Abbild so verformen würde, dass die Scannerbilder wie Reflektionen in Zerrspiegeln aussehen würden - oder wie Cartoon-Figuren.

Vielleicht, spekulierte er, ist die Lösung für die Sicherheitsbehörden in den USA schlicht zu einfach: "Wenn sie ein Riesenproblem haben, kommen sie damit üblicherweise zu uns", sagte er der "Washington Post". "Wenn die Lösung simpel ist, sagen wir es ihnen, aber sie hören nicht zu."



insgesamt 83 Beiträge
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Seite 1
KT712 24.11.2010
1. Kommt noch schärfer
Wie aus gut unterrichteten Kreisen zu erfahren ist, kommt es noch dicker: Ab dem neuen Jahr darf in den USA nur noch NACKT geflogen werden. Auch in der EU sind ab Sommer ähnliche Schritte geplant. Einen Pilotversuch hat es bereits vor zwei Jahren gegeben. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,532107,00.html
frubi 24.11.2010
2. .
Zitat von sysopKörperscanner und*rücksichtslose Kontrollen machen Flugreisende in den USA wütend. Wer sich am Airport nicht*durchleuchten*lässt, wird abgetastet. Das ist oft demütigend, einige skandalöse Fälle wurden dokumentiert. Mancher Passagier wehrt sich mit bösem Humor - oder Strahlenschutz-Unterwäsche. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,730750,00.html
Diese unnötige Terrorhysterie hat dazu geführt, dass amerikanische Beamte kleinen jungen zwischen die Beine fassen dürfen. Merkt eigentlich noch irgendjemand wohin das ganze führt? Einfach nur noch wiederlich. Am besten baut Amerika eine riesen Glocke um das eigene Land mit nur einem Haupteingang wo dann alle Menschen nackt und rasiert durchgehen müssen.
Machine 24.11.2010
3. Sei zärtlich zu mir...
Und was passiert, wenn ich bei der Abtastung einen Orgasmus vortäusche? Bekomme ich dann eine etwas kräftigere Hodenabtastung, dass mir die Luft wegbleibt? Aber die TSA ist doch harmlos und freundlich. Mal auf dem "internationalen" Flughafen Augsburg gewesen? Sagenhafte eloquente Leute dort. Nicht vorhandene Sozialkompetenz ist Einstellungsvoraussetzung. Ein japanischer Kollege wurde dort von einer "Dame" im schlimmsten Dialekt in voller Lautstärke angeschrien, als sein Notebook ca. 1 Sekunde benötigte um ein Bild anzuzeigen: "Dörn it onn! Dörn it onn!" Ich war so baff von der Lautstärke, dass selbst ich nur gegafft habe, statt etwas zu sagen. Mein Kollege war ja Vielflieger, aber sowas hatte er noch nie erlebt. Der brabbelte den ganze Flug über, dass er nie wieder nach Bayern reisen wollte. Gruß Machine
matthias_b. 24.11.2010
4. Pc
Vielleicht sollte man die political correctnes einfach sein lassen und wie in Israel die Leute abhängig vom Gefahrenpotential unterschiedlich behandeln. Von der Familie mit Kindern wird sich vermutlich niemand ins Jenseits befördern wollen, außer vielleicht sie tragen seltsame Bärte und rezitieren Koranverse.
critique 24.11.2010
5. die Geister die ich rief
Wir schreiben das Jahr 2020. Tatort Flughafen - egal wo, denn es gelten mittlerweile weltweite Standards. Am morgigen Samstag fliege ich nach München zu einem Kurzbesuch meiner Tante. Ich fahre bereits einen Tag früher, um mich den neuen Sicherheitskontrollen zu unterwerfen. Dazu gehören neuerdings eine 12 stündige Quarantäne, eine 6stündige Befragung zu meiner privaten und beruflichen Vergangenheit sowie meine sexuellen Neigungen und Religion. Nachdem ich einen 67seitigen Fragebogen ausgefüllt habe, welcher übrigens jedesmal auszufüllen ist, da wegen der strengen Datenschutzregelung in Dtl. nichts gespeichert werden darf, bekomme ich noch einen sich selbst auflösenden Peilsender unter die Haut gepflanzt, sodaß ich wegen eventueller Nachfragen auch noch 48 Stunden nach dem Flug auffindbar bin. Kurz bevor ich losfliegen will, wird der Flug gestrichen. In der Eifel ist ein Vulkan ausgebrochen und bedeckt ganz Deutschland mit Vulkanasche.
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