Künstler-Kampagne: Die fünf größten Irrtümer im Urheberrechtsstreit

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Steht die Abschaffung des Urheberrechts unmittelbar bevor? Müssen Künstler des Internets wegen bald von Almosen leben? Die Urheberrechtsdebatte, die von einem Aufruf Hunderter teils sehr prominenter Künstler nun erneut angefacht wird, hat zuweilen hysterische Züge. Ein Vermittlungsversuch.

Schriftstellerin Julia Franck: Sie und Hunderte weitere Künstler haben den Brief unterzeichnet Zur Großansicht
dapd

Schriftstellerin Julia Franck: Sie und Hunderte weitere Künstler haben den Brief unterzeichnet

Mittlerweile über 1500 Autoren, Künstler, Schauspieler haben einen Aufruf unterschrieben, der vor einer Abschaffung des Urheberrechts warnt: Mario Adorf, Charlotte Roche, Uwe Tellkamp, Daniel Kehlmann - sogar Martin Walser ist dabei. Die Unterzeichner verwahren sich gegen "öffentliche Angriffe gegen das Urheberrecht".

Von wem diese Angriffe ausgehen, ist dem Aufruf nicht zu entnehmen. Doch es ist zu vermuten, dass die Unterzeichner vor allem von den Erfolgen der Piratenpartei inspiriert wurden. Den Politik-Aufsteigern wird häufig unterstellt, sie wollten Künstler ihrer Rechte berauben.

Tatsächlich ist die aktuelle Debatte von einigen fundamentalen Missverständnissen geprägt. Die führen dazu, dass die Teilnehmenden allzu oft aneinander vorbeireden. Hier die fünf größten Irrtümer:

Irrtum Nummer eins: Die Abschaffung des Urheberrechts steht bevor

Nicht einmal die Piratenpartei will das Urheberrecht abschaffen. Was die Piraten wollen, hat mit ihrem eigenen Gründungsmythos zu tun: Die erste Piratenpartei in Schweden entstand, weil sich die fleißig Musik tauschende Bevölkerung des Landes mit einem Mal repressiven Maßnahmen ausgesetzt sah. Die waren, wie sich herausstellte, maßgeblich auf Wunsch von US-Strafverfolgern und mittelbar auf Wunsch von US-Branchenverbänden der Unterhaltungsindustrie zustande gekommen. Wie die Branchenverbände über das US-Handels- und Außenministerium weltweit versuchen, Gesetze in ihrem Sinn durchzusetzen, ist nicht zuletzt dank WikiLeaks mittlerweile anschaulich dokumentiert.

Die Piratenpartei wurde gegründet, um Datentauscher vor dem Zugriff von Strafverfolgern und privatwirtschaftlich organisierten Piratenjägern zu schützen. Die Abschaffung des Urheberrechts steht in keinem Piraten-Parteiprogramm, auch wenn einige Extremisten innerhalb der Partei sie fordern. Viel wichtiger aber ist: Selbst wenn die Piratenpartei bei der nächsten Bundestagswahl ins Parlament einziehen sollte, würde das Urheberrecht nicht abgeschafft. Keine der im Bundestag vertretenen Parteien würde sich dazu überreden lassen, nicht einmal bei einer baldigen Regierungsbeteiligung der Piraten (die wiederum etwa so wahrscheinlich ist wie die Auferstehung von Klaus Störtebeker).

Irrtum Nummer zwei: Die Piraten wissen, was sie tun

Der Kampf für ein Recht auf straffreies Filesharing gehört zum Gründungsmythos der Piratenpartei. Gleichzeitig ist vielen Piraten längst klar, dass ein gewisser Widerspruch besteht zwischen sanktionslosem Tausch digital vorliegender Werke im Netz und der Aufrechterhaltung des klassischen Urheberrechts. Der Begriff "Privatkopie" wird spätestens dann sinnlos, wenn man einen Song, einen Film oder ein E-Buch global verfügbar macht, indem man das Werk in eine Tauschbörse stellt. Diesen Grundwiderspruch haben die Piraten bislang nicht auflösen können, was man in mittlerweile zahlreichen Interviews nachlesen kann, in denen die Vertreter der Partei immer ziemlich unscharf und ausweichend werden, wenn es um diese Frage geht.

Irrtum Nummer drei: Das Geschäftsmodell von Charlotte Roche, Mario Adorf und Sven Regener ist durch Filesharing existentiell bedroht

Wenn das so wäre, dürfte es längst keine Musikindustrie mehr geben. Die Musiktauschbörse Napster wurde im Jahr 1999 gegründet, vor 13 Jahren, was im Digitalzeitalter eine Ewigkeit ist. Die Musikbranche existiert noch immer. Obwohl sie in den Jahren seit der Gründung von Napster fast alles falsch gemacht hat, was man nur falsch machen kann. Etwa drei Jahre später wurde nicht eine, sondern zwei Plattformen für kostenpflichtige Musikdownloads gegründet. Das hatte zur Folge, dass potentielle Käufer erst einmal herausfinden mussten, bei welchem Label ihr Lieblingskünstler unter Vertrag ist, bevor sie einkaufen gehen konnten.

Im Jahr 2011 hat die deutsche Musikbranche erstmals seit Jahren nicht weniger verdient als im Vorjahr. Nicht jeder Kunde ist zum Regelbruch bereit, aber immer mehr Menschen sind willens, für digitale Inhalte zu bezahlen - Amazon verkauft in den USA inzwischen mehr E-Books für seine Kindle-Lesegeräte als gedruckte Bücher. Die Umsätze der US-Musik- und Filmindustrie sind dem unparteiischen Bureau of Economic Analysis des US-Handelsministeriums zufolge von 92,1 Milliarden Dollar im Jahr 2004 auf 102,1 Milliarden Dollar im Jahr 2010 angestiegen. "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche gibt es selbstverständlich als Raubkopie, in Tauschbörsen lassen sich gleich mehrere Versionen davon finden. Dennoch hat sich das Buch über zwei Millionen Mal verkauft.

Das Internet wächst und wächst, doch die Branchen, die an urheberrechtsgeschützten Werken verdienen, gehen nicht unter. Ebenso wenig, wie der Straßenverkehr zusammenbricht, obwohl täglich Zehntausende Menschen bei Rot über die Ampel gehen oder mit dem Auto zu schnell fahren.

Irrtum Nummer vier: In dem Konflikt stehen sich geizige Filesharer und missachtete Urheber gegenüber.

Es lohnt, den Ursprung der gegenwärtigen Debatte im Auge zu behalten. Auch wenn im Moment geschickt der Eindruck erweckt wird, Urheber, die kurz vor der (geistigen) Enteignung stehen, müssten sich mit aller Macht gegen einen übermächtigen Gegner wehren - die Realität sieht anders aus. Tatsächlich setzt sich seit vielen Jahren eine sehr hartnäckige Lobby dafür ein, grundlegende Eingriffe in die Infrastruktur des Internets vorzunehmen, um Urheberrechtsverletzungen noch wirksamer bekämpfen zu können. Ein Papier des Musik-Branchenverbands Ifpi aus dem Jahr 2007, das EU-Parlamentariern zuging, enthält beispielsweise folgende Vorschläge:

  • Internet-Filter: Provider sollen den gesamten Datenverkehr ihrer Kunden filtern, Musikdateien identifizieren und automatisch mit einer Datenbank geschützter Aufnahmen abgleichen. Macht der Filter eine urheberrechtlich geschützte Musikdatei aus, wird die Datenübertragung gestoppt.
  • Protokoll-Sperren: Anhand des verwendeten Internet-Protokolls sollen Provider Tauschbörsen-Datenverkehr ihrer Kunden ausmachen. Die Forderung der Musikindustrie: Provider sollen alle Dienste blockieren, die "bekanntermaßen vor allem Urheberrechte verletzen" oder "Maßnahmen abgelehnt haben, um solche Verstöße zu verhindern".
  • Web-Sperren: Internet-Provider sollen den Aufruf von Webseiten sperren, die "Urheberrechte verletzen" und sich weigern, "mit den Rechteinhabern zusammenzuarbeiten".

Der Ausgangspunkt der Debatte ist nicht die Forderung nach einer Abschaffung des Urheberrechts. Der Ausgangspunkt ist vielmehr der vehement und auf zahlreichen Wegen immer wieder vorgetragene Wunsch der Branchenverbände, Bürgerrechte einzuschränken, um die Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen zu erleichtern. Viele, die etwa gegen den Copyright-Pakt Acta auf die Straße gingen, taten das nicht, weil sie unbegrenzten Zugang zu kostenlosen Musik- und Filmdateien wollen, sondern weil sie verschärfte Internetüberwachung für gefährlich halten.

Irrtum Nummer fünf: Es ist derzeit unmöglich, gegen Urheberrechtsverletzungen im Internet vorzugehen.

Allein in Deutschland werden jährlich Hunderttausende von Abmahnungen wegen Urheberrechtsverletzungen in Tauschbörsen verschickt. Es gibt Anwaltskanzleien, deren einzige Erlösquelle im Verschicken solcher Abmahnungen besteht, andere leben davon, Abgemahnte zu vertreten, um die teils horrenden Summen zu drücken, die dabei verlangt werden. Die Daten für diese Massenabmahnungen werden mit Hilfe von Software erhoben. Das ist möglich, weil die immer noch am weitesten verbreiteten Tauschbörsen-Systeme in der Regel die IP-Adresse ihrer Nutzer enthüllen.

Die Anwälte, die solche Abmahnungen verschicken, haben augenscheinlich keine Probleme, zu diesen IP-Adressen auch die Anschlussinhaber zu bestimmen - und das, obwohl die Vorratsdatenspeicherung, die für die sechs Monate lange Aufbewahrung solcher Zuordnungen von IP-Adresse zu Anschlussinhaber sorgen soll, derzeit in Deutschland aufgrund eines Verfassungsgerichtsurteils außer Kraft ist. Urheberrechtsverletzungen werden also durchaus verfolgt, und zwar mit wenig zimperlichen Methoden.

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1.
Olaf 11.05.2012
Zitat von sysopSteht die Abschaffung des Urheberrechts unmittelbar bevor? Müssen Künstler des Internets wegen bald von Almosen leben? Die Urheberrechtsdebatte, die von einem Aufruf Hunderter teils sehr prominenter Künstler nun erneut angefacht wird, hat zuweilen hysterische Züge. Ein Vermittlungsversuch. Künstler schreiben offenen Brief für das Urheberrecht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,832624,00.html)
Der erste Versuch, in einem Leitmedium, wirklich einmal auf die Argumente beider Seiten einzugehen. Nicht schlecht. Besonders auf diesen Punkt wurde immer zu wenig Wert gelegt:
2. ...
deus-Lo-vult 11.05.2012
Zitat von sysopSteht die Abschaffung des Urheberrechts unmittelbar bevor? Müssen Künstler des Internets wegen bald von Almosen leben? Die Urheberrechtsdebatte, die von einem Aufruf Hunderter teils sehr prominenter Künstler nun erneut angefacht wird, hat zuweilen hysterische Züge. Ein Vermittlungsversuch. Künstler schreiben offenen Brief für das Urheberrecht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,832624,00.html)
Danke für einen endlich einmal sachlichen Beitrag zu dieser Diskussion!
3. Danke
Morngwath 11.05.2012
es wäre wirklich schön, wenn die Damen und Herren Künstler ihren Beitrag lesen und verstehen. Allerdings hab ich da wenig Hoffnung...
4. Almosen?
calunga 11.05.2012
Madonna hat ca. US$ 250 Mio. Wenn ich mir aus dem Internet eine Raubkopie runterladen würde, könnte ich eine Woche nicht schlafen, da sie ja Morgen am Hungertuch nagen wir.
5. Vielen Dank
chagall1985 11.05.2012
Zitat von sysopSteht die Abschaffung des Urheberrechts unmittelbar bevor? Müssen Künstler des Internets wegen bald von Almosen leben? Die Urheberrechtsdebatte, die von einem Aufruf Hunderter teils sehr prominenter Künstler nun erneut angefacht wird, hat zuweilen hysterische Züge. Ein Vermittlungsversuch. Künstler schreiben offenen Brief für das Urheberrecht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,832624,00.html)
Vielen Dank! Mehr ist zu diesem Artikel kaum zu sagen! Selten eine bessere Analyse des derzeitigen Grundproblems gelesen! Bitte einmal lesen Herr Kauder!!
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