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Live-Rollenspiel im Marine-Zerstörer: Vier Tage Weltuntergang

Von , Wilhelmshaven

Live-Rollenspiel: Katastrophe im Weltraum Fotos
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Ein ausgemusterter Marine-Zerstörer verwandelt sich dieses Wochenende vom Museumsschiff zum Raumschiff. An Bord der "Mölders" sind Teilnehmer eines Live-Rollenspiels, die den Weltuntergang proben - im Universum einer Science-Fiction-Serie.

In wenigen Stunden wird Captain Hal O'Connor erschossen. Davor wird er seiner Crew das Leben retten. Die Schiffsbesatzung weiß davon noch nichts, schließlich hat sie das Skript nicht zu lesen bekommen. O'Connor und seine Crew sind Teilnehmer eines sogenannten Live-Rollenspiels auf einem ausgemusterten Marine-Zerstörer in Wilhelmshaven.

Bei einem Live-Rollenspiel verkörpern die Teilnehmer Charaktere aus einer fiktiven Welt, sie tragen dafür passende Kostüme. Sogenannte Larps gibt es zum Beispiel in Mittelalter- oder Fantasy-Szenarien. Für das Wilhelmshavener Rollenspiel "Projekt Exodus" dient eine Science-Fiction-Serie als Vorlage. Der Zerstörer "Mölders" ist im Spiel kein Schiff des Deutschen Marinemuseums, sondern ein Frachter aus dem Universum von "Battlestar Galactica".

Von Donnerstag an vier Tage lang übernehmen die Teilnehmer für jeweils acht Stunden die Rolle von Offizieren, Technikern und Zivilisten. Dafür haben sie etwa 300 Euro gezahlt. 85 Spieler sind auf dem Schiff unterwegs. Etwa ein Viertel von ihnen gehört zum Organisationsteam und wird den Verlauf der Handlung beeinflussen.

Rund 130 Meter lang und 14 Meter breit: Der ausgemusterte Zerstörer "Mölders" Zur Großansicht
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Rund 130 Meter lang und 14 Meter breit: Der ausgemusterte Zerstörer "Mölders"

Die Crew auf der Schiffsbrücke trägt Handschuhe und Wollmützen, denn der ausgemusterte Zerstörer ist kaum beheizt. Auf ihren Gesichtern liegt das blaue Licht von Computerbildschirmen. Wer größer ist als 1,80 Meter, muss den Kopf einziehen, um sich nicht an den frei liegenden Rohren zu stoßen. Während um den Zerstörer herum langsam das Museumsbecken einfriert, kämpft die Besatzung drinnen ums Überleben.

Das Projekt ist eine Belastungsprobe

In "Battlestar Galactica" haben humanoide Roboter die Menschheit nahezu ausgelöscht. Die letzten Überlebenden fliehen in Raumschiffen vor ihren Angreifern. In vier Staffeln beschreibt die Serie die politischen und moralischen Konflikte der Überlebenden. Hat in der Flotte das Militär das Sagen, oder dürfen die Flüchtlinge eine politische Vertretung wählen? Was tun, wenn die Vorräte knapp werden?

Ähnlichen Problemen stellen sich die Teilnehmer in Wilhelmshaven, das Spiel soll sie an die Grenzen ihrer psychischen Belastbarkeit bringen.

Das Rollenspiel beginnt mit dem Angriff der Roboter auf die Menschheit, die Teilnehmer fliehen mit ihrem Raumschiff. Dann kommt es zur ersten Krise: Einige Teilnehmer versuchen als geheime Einsatztruppe des Militärs, das Schiff zu übernehmen. Eine andere Gruppe kommt in der Rolle von Flüchtlingen auf einer Rettungskapsel an Bord. Und der Captain wird ermordet.

Bei dem Spiel geht es ums Verlieren

"Die Wahrscheinlichkeit zu scheitern und zu sterben ist sehr hoch", sagt Dennis Ziesecke aus dem Organisationsteam. Das Konzept des Rollenspiels sei "Play to lose" - spielen, um zu verlieren. Vorbild dafür sind skandinavische Live-Action-Rollenspiele, sogenannte Nordic Larps. Die Organisatoren konnten sich am schwedischen Rollenspiel "Monitor Celesta" aus dem Jahr 2013 orientieren, das ebenfalls auf "Battlestar Galactica" basierte.

"Projekt Exodus" will mehr sein als eine Party für kostümierte Science-Fiction-Fans. Es versteht sich als ein Projekt zur politischen Bildung - und wird sogar von der Bundeszentrale für politische Bildung mit 60.000 Euro gefördert. Insgesamt hat das Projekt ein Budget von 80.000 Euro.

Ziesecke ist überzeugt, dass ein Rollenspiel intensivere Bildungsarbeit leisten kann als ein Seminar. "Wer einmal selbst im Rollenspiel ein Flüchtling war und um sein Überleben betteln musste, der wird eine andere Haltung zu Flüchtlingen entwickeln", sagt er. Eine Medienpädagogin begleitet das Spiel wissenschaftlich, nach dem Spiel werden die Teilnehmer ihre Erfahrungen diskutieren.

"Ich denke, es kann schon passieren, dass jemand vor Stress weint", sagt Angelika Koster, die als Sanitätsoffizier auf das Raumschiff kommen wird. Sie hat einige Jahre als echte Sanitäterin bei der deutschen Marine gearbeitet. Die emotionale Belastung könne beim Rollenspiel durchaus der Realität nahekommen, sagt sie. Für den Fall, dass es einem Teilnehmer zu viel wird, hat die Spielleitung Codewörter vereinbart.

An Bord des Schiffs: Technik der Sechzigerjahre, Computerbildschirme von heute Zur Großansicht
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An Bord des Schiffs: Technik der Sechzigerjahre, Computerbildschirme von heute

Das Schiff wird bis einschließlich Sonntag fast in seiner kompletten Länge von 130 Metern bespielt, enge Leitern aus Metall führen die Spieler von Deck zu Deck. 500 Meter Netzkabel verbinden 20 Computer, es gibt eine Gegensprechanlage und etwa zehn Kameras, mit denen die Spielleitung das Geschehen überwacht. Alle Räume wurden mit Aufklebern und Postern aus dem "Battlestar Galactica"-Universum dekoriert.

Die Spielleitung übernimmt in einem separaten Raum die Rolle des Schiffscomputers. Wenn die Teilnehmer auf der Brücke einen Befehl wie "Show fuel" - "Treibstoff anzeigen" - in ihren Computer tippen, wird die Spielleitung mit einer passenden Zahl antworten. Im Rollenspiel wird viel Wert auf Technik gelegt, auch wenn Computer in der Fernsehserie eine eher geringe Rolle spielen. Allein um die Brückencrew in die Bedienung der Schiffstechnik einzuweisen, nimmt sich ein Informatiker zwei Stunden Zeit.

In anderen Situationen bleibt weniger Zeit für Erklärungen: So auch am Donnerstagabend, kurz vor dem Tod des Captains. Als sich die Flüchtlinge schon in der Rettungskapsel befinden, werden Journalisten gebeten, das Schiff zu verlassen.

Keiner soll die Illusion der Spiels stören, nichts den gezielten Eingriffen der Spielleitung im Weg stehen. "Die Spielleitung ist schon auf 180", sagt Organisator Ziesecke, der nun eine verschnörkelte Stirnbemalung trägt. Er wird auf der Kommandobrücke stehen, wenn der Captain stirbt.

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1.
Moewi 07.02.2015
Fotostrecke Bild 7: "Liebe zum Detail: Im Universum der Fernsehserie "Battlestar Galactica" sind Dokumente und Fotos sechseckig." Hmm - das mit dem Zählen üben wir aber noch mal, oder? ;o)
2. Kein Titel
wll 07.02.2015
Ist doch schön zu sehen, für was alles so unsere Steuergelder verbraten werden. Da werden vergammelte Schulen und schlaglochübersäte Straßen doch völlig nebensächlich...
3. ja, darüber bin ich auch gestolpert.
magetasalex 07.02.2015
Zitat von MoewiFotostrecke Bild 7: "Liebe zum Detail: Im Universum der Fernsehserie "Battlestar Galactica" sind Dokumente und Fotos sechseckig." Hmm - das mit dem Zählen üben wir aber noch mal, oder? ;o)
ja, darüber bin ich auch gestolpert. Es scheint sich immer mehr herauszukristallisieren, dass es zwei Menschenarten hinsichtlich des Beobachtens gibt. Menschen, die frühzeitig lernen, drei, vier oder mehr Dinge gleichzeitig zu erledigen, übersehen einfach Details, weil Ihnen keine Zeit der genauen Beobachtung bleibt. Steht beispielsweise auf einem Rezeptionsthresen ein Schild mit der deutlichen Aufschrift "Fahrstühle links um die Ecke", fragen diese Leute so gut wie immer die diensthabende Rezeptionsperson nach den Fahrstühlen. Menschen die gelernt haben, bewußt eine Sache nach der anderen zu erledigen, sehen einfach mehr (die es aber auch nicht schaffen, drei oder vier Dinge gleichzeitig zu tun).
4. Moin aus WHV
corben_dallas 07.02.2015
1. Zunächst handelt es sich bei dem Zerstörer um ein aus dem Dienst ausgesondertes, damit ehemaliges Militärschiff der Deutschen Marine. Es befindet sich im Besitz eines privaten Vereines, nämlich der Stiftung Deutsches Marinemuseum mit Sitz in Wilhelmshaven. Das bedeutet, es werden keinerlei öffentliche Gelder missbraucht oder zweckentfremdet. Jegliche Vorurteile in dieser Richtung sind also völlig falsch. 2. Das Schiff liegt nicht in einem Museumsbecken, sondern im Innenhafen von Wilhelmshaven. Hier liegen zwar ein paar olle Frachter und Boote rum, aber der Hafen ist in vollem Betrieb und ist durch die Seeschleuse, der sog. 4. Einfahrt, vom offenen Meer getrennt. 3. Ich bin Wilhelmshavener und erfahre mit Begeisterung von dieser tollen Idee, also der Nutzung des Zerstörers für dieses "Spiel".
5. So was könnte man
Peter Eckes 07.02.2015
mal im Fernsehen zeigen. Anstelle von Big Brother oder Dschungelcamp. Würde mich wirklich mal interessieren wie das so abläuft, denn ich kann mir absolut nicht vorstellen das und wie es funktioniert. Ich glaube nicht das ich bei einer Teilnahme ausblenden könnte das hier nur ein Rollenspiel stattfindet.
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