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30. August 2010, 16:25 Uhr

Leben ohne Festnetz

Wer kein Geld hat, telefoniert mobil

Mobile Onlys - das klingt zunächst elitär: Überdurchschnittlich viele Deutsche, die nur noch per Handy telefonieren, sind junge, männliche Singles. Das Telefon aber, weiß das Forschungsinstitut Infas, ist ein Indikator für (fehlenden) Wohlstand: Prepaid bleibt man erreichbar, wenn man Pleite ist.

Bonn/Hamburg - Dreizehn Prozent aller Deutschen ab 16 Jahre leben ohne Festnetzanschluss. Überdurchschnittlich viele dieser "Mobile only"-Telefonierer sind jung (34 Prozent unter 30 Jahre), männlich (67 Prozent) und leben als Singles in Ein-Personen-Haushalten (48 Prozent, Bundesdurchschnitt: 19 Prozent).

Wer jetzt das Bild eines Technik-affinen, iPhone-schwingenden Jungmanagers vor Augen hat, wäre allerdings auf dem Holzweg: Mit 34 Prozent liegt auch der Anteil der Geringverdiener mit Einkommen unter 1000 Euro im Monat unter den Mobile Onlys ungewöhnlich hoch - im Bundesdurchschnitt fallen gerade zwölf Prozent der Erwachsenen ab 16 Jahre in diese Kategorie der Geringverdiener. Besonders häufig sind die Mobile Onlys, wie eine aktuelle Studie des sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitutes Infas zeigt, in Berlin und den östlichen Bundesländern.

Die Korrelationen der Daten sind damit unmissverständlich: Die Entscheidung für das Mobiltelefon und gegen den lokalen Festnetzanschluss wird bewusst, primär von Alleinlebenden und vor allem aus ökonomischen Gründen getroffen. Die Zeit, in der ein Mobiltelefon ein Statussymbol war, sind damit ein für alle mal vorbei.

Prepaid: Der letzte Anschluss?

Heute ist es eher ein Statussignal: Vor allem die ausschließliche Nutzung von Prepaid-Handys einfacher Bauart ist eine Art Indikator für Armut. Klar, denn wer das Geld nicht mehr hat, eine monatliche Gebühr zu bezahlen, steigt um auf die pauschal vorab bezahlte Sim-Karten - und bleibt so selbst dann erreichbar, wenn er selbst sich das Telefonieren nur noch selten erlauben kann.

Doch in diese Gruppe fallen längst nicht nur Bürger, die aus dem Arbeitsleben oder durch die Maschen der sozialen Netze gefallen sind. Gewissermaßen als Mobile Onlys auf Zeit gehören dazu auch überdurchschnittlich viele Studenten (zwölf Prozent, gegenüber vier Prozent Bevölkerungsanteil), die wohl im Gegensatz zum Gros der Prepaid-Nutzer dann auch eine erhöhte Internetaktivität aufweisen - nicht selten auch das mit Prepaid-Anbindung.

Die stellen dann auch eine Schnittstelle zu einem weiteren Extrem in der Nutzung von Telekommunikation dar - den jugendlichen Smartphone-Nutzern, die gut verdienenden jüngeren Arbeitnehmer. Mobile Onlys sind die aber nur selten: Wer Geld hat, leistet sich in der Regel irgendwann einen Festnetzanschluss - und wenn auch vornehmlich nur, um die günstigere und schnellere Internetanbindung nutzen zu können.

Bemerkenswert ist das alles unter anderem, weil Menschen, die in diese "exotischen" Raster fallen, normalerweise von den Instrumentarien der Markt- und Meinungsforschung gar nicht mehr erfasst werden: Telefonumfragen erreichen sie nicht, im Internet sind sie entweder gar nicht oder dauernd und zu lokalisieren sind sie auch nicht - an Prepaid-Nummern ist nicht zu erkennen, wo jemand lebt.

Infas erfasste die Mobile Onlys mit einer methodischen Besonderheit der Telekommunikationsmonitor-Studie vom Mai 2010, die nun sukzessive auf Besonderheiten analysiert wird. Die Studie stützt sich auf ein repräsentatives Sample von Telefoninterviews, die sowohl via Festnetz, als auch via Handy durchgeführt wurden. Im konkreten Fall der Mobile Onlys flossen so Beobachtungen über Menschen in die Studie ein, die bei einem anderen Vorgehen gar nicht erfasst worden wären - die aber 13 Prozent der Bevölkerung repräsentieren.

pat

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