S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Was man von Frank Schirrmacher lernen kann

In einer Demokratie hat man zwei Stimmen: eine auf dem Wahlzettel und eine in der öffentlichen Debatte. Frank Schirrmachers Werk ist eine Anleitung, wie aktive Gesellschaftsgestaltung außerhalb des politischen Apparats funktioniert.

Eine Kolumne von


"Okay", sagt die Person in der Fußgängerzone, "diese Totalüberwachung finde ich jetzt auch nicht so super. Aber was kann man schon dagegen tun?" Es ist diese spezielle Mischung aus Hoffnungslosigkeit, Zynismus und Egalhaltung, die zur Verzweiflung führen kann. Bei denen, die für die verfassungsgarantierten Grundrechte eintreten, die genau in diesem Moment durch eine aggressive Spähmaschinerie ignoriert werden.

Das wichtigste Machtinstrument der Öffentlichkeit ist die Debatte. Von Frank Schirrmacher konnte man lernen, wie dieses Instrument funktioniert. Man kann es noch immer. Seine große Leistung war die Inszenierung gesellschaftlich wirksamer Debatten. Für den Digitaldiskurs hinterlässt er nicht bloß eine Lücke, sondern ein Vakuum. Aber trotz seiner in vielen Nachrufen beschworenen - und von mir persönlich empfundenen - Unersetzlichkeit hat Schirrmacher selbst dafür gesorgt, dass dieses Vakuum neu gefüllt werden kann.

Sein Werk ist zugleich eine Anleitung, wie aktive Gesellschaftsgestaltung außerhalb des politischen Apparats funktioniert. Die Aufgabe der nächsten Jahre, womöglich Jahrzehnte, wird sein, das von ihm vorgeführte Debatteninstrumentarium zu nutzen, und zwar für das übergeordnete Ziel, das er verfolgte. Natürlich nicht nur, weil Frank Schirrmacher es verfolgte, sondern weil es für die Entwicklung der Zivilgesellschaft essenziell ist:

  • die Rückeroberung der demokratischen Macht über die digitale Sphäre.

"Ja, Debatten wirken irgendwie", sagt die Person in der Fußgängerzone, "aber da ist ein kleiner Haken. Man sieht es nicht gleich auf den ersten Blick, aber ich arbeite zufälligerweise derzeit nicht als FAZ-Herausgeber. Mein Debatteneinfluss liegt grob übertrieben bei null."

Seine Begeisterung für Blogs war kein Zufall

So verständlich diese Haltung ist, so sehr verkennt sie, wie und warum Debatten politisch wirken. Artikel werden viele geschrieben. Aber die Schirrmacher-Analyse zeigt zuallererst, dass die Debattenwirksamkeit davon abhängt, ob und wie auf diese Artikel reagiert wird. Und zwar nicht nur durch Politik, Publizistik und Prominenz, sondern auch in der Bevölkerung. Schirrmachers sehr frühe Begeisterung für soziale Medien, vor allem für Blogs, war kein Zufall.

Denn jede Person, die sich öffentlich äußert, ob digital oder analog, trägt zur Relevanz und damit zur Wirksamkeit einer öffentlichen Debatte bei. Ein Nebensatz in der Kantine scheint irrelevant, Millionen Gespräche in hunderttausend Kantinen können politische Kraft entfalten. Konkret funktioniert das zum einen über ein feines Populismus-Sensorium, das noch für jede erfolgreiche Politikfachkraft überlebenswichtig ist. Zum anderen fungieren soziale und redaktionelle Medien auch als Rückkanäle zur Macht.

Schirrmacher hat bewiesen, dass es für die politische Wirksamkeit auf eine Debatteninszenierung ankommt, die viele und vielfältige Reaktionen erzeugt. Aufmerksamkeit ist Gravitation: Wo viel ist, kommt noch mehr dazu, und irgendwann, wenn die Öffentlichkeit beständig darüber zu diskutieren scheint, muss sich die Politik erst positionieren und später handeln. Was wiederum zurückwirkt auf die Debatte, wie sich an einem aktuellen Beispiel zeigt.

Eine Entsnowdenisierung der Debatte wäre nicht verkehrt

Der CDU-Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, Lorenz Caffier, hat sich gegen die Auszeichnung von Edward Snowden mit einer Ehrendoktorwürde ausgesprochen. Tatsächlich wäre eine gewisse Entsnowdenisierung der von Snowden ausgelösten Debatte um Totalüberwachung nicht verkehrt. Caffiers Begründung allerdings ist ein Ausweis der Implosion seines Realitätssinns: "Diejenigen Bürger, die sich intensiver mit IT und Datenschutz beschäftigen, wissen das, was wir angeblich von Snowden erfahren haben, doch schon lange."

Das ist a) unverschämt, b) falsch, und c) muss Caffier wissen, dass es falsch ist. Die Snowden-Enthüllungen haben erstmals mit Tausenden Dokumenten belegt, was in diesem Ausmaß kein Bürger auch nur ansatzweise kannte. Caffier hat sich mit diesem Debattenbeitrag von gleißender Einfalt aus jedem Diskurs ausgeschlossen. Mit jemandem, der darauf besteht, als Vorspeise den Mond zu essen, muss man nicht über den Hauptgang sprechen.

Der Kampf ist notwendig und immerwährend

Caffier ist damit für die Debatte über die digitale Gesellschaft tot, selbst seine allgemeine Urteilskraft ist in Frage zu stellen. Und der öffentliche Spott zwischen Teeküche und Twitter - ganz einfach per Klick auf diesen Satz zu verbreiten - verstärkt Caffiers öffentliches Stigma der digitalen Nichtzurechnungsfähigkeit. Jede künftige Einlassung zum Internet dürfte verlacht werden, als würde Philipp Mißfelder über Hüftgelenke reden. Caffier ist zu diesem Thema völlig in die Defensive geraten. Seine innenministerielle Gestaltungskraft ist beschädigt, denn auch Macht muss sich überzeugend kommunizieren.

Die Macht der Debatte wird damit deutlich. Schirrmachers Vermächtnis zu verstehen, bedeutet zu verstehen, dass man in einer Demokratie zwei Stimmen hat, eine auf dem Wahlzettel und eine in der öffentlichen Debatte. Und bei beiden liegt - Multiplikatoren und Medien hin oder her - die Wirksamkeit letztlich in ihrer schieren Masse. "Aha, soso, interessant, ich denk drüber nach", sagt die Fußgängerzonenperson und geht zum Supermarkt, weil es Leberwurst heute billiger gibt. Klingt enttäuschend, ist zunächst enttäuschend. Aber zugleich ist dieses Nachdenken auch der hoffnungsfrohe Beginn des Kampfes um die Köpfe und Deutungshoheit namens Debatte. Der Kampf ist notwendig und immerwährend - und jetzt ist Frank Schirrmacher nicht mehr da, also müssen die Übriggebliebenen ihn führen. Los!

tl;dr

Frank Schirrmachers großes Vermächtnis heißt: Die wichtigste Waffe einer demokratischen Öffentlichkeit ist die Debatte.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
trj 18.06.2014
1. Ach Sascha ...
... es wäre so schön wenn du Recht hättest ... allerdings zweifle ich daran. Andererseits, wir müssen es wenigstens versuchen ... also weiter so.
f-rust 18.06.2014
2. sehr treffend
bravo. eine kleine anmerkung: 2001 erschienen: geheime herrscher der welt, atlantis vertlag. s. 28f: hinweis auf totalüberwachung, auf englisches gesetz, das information über überwachung verbietet etc. ABER: danke, dass sie die debatte weiterführen. in der tat: viele politiker wussten von den nsusa/uk-dingen (und haben stillschweigend mitgemacht). stimmt: das ist unverschämt und falsch gewesen und ist es auch heute noch. NUR: warum wählen wir dann nicht andere? auch wenn sie vielleicht nicht besser sind oder mehr wissen ... ich meine: wir brauchen eine art schweizer system der direkten volkabstimmungen. dann können wir uns selbst an der nase fassen, wenn wir "falsch" entschieden haben ... erneut: danke an den autor für die immer lesenwerten udn bedenkenswerten beiträge!
wibo2 18.06.2014
3. Geheimdienste brauchen mehr Kontrolle ...
Zitat von sysopIn einer Demokratie hat man zwei Stimmen: eine auf dem Wahlzettel und eine in der öffentlichen Debatte. Frank Schirrmachers Werk ist eine Anleitung, wie aktive Gesellschaftsgestaltung außerhalb des politischen Apparats funktioniert. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/lobo-kolumne-debatte-als-waffe-vermaechtnis-von-frank-schirrmacher-a-975860.html
Kommunikation mittels low-tech Kommunikation sowie die Existenz von sicherern Chiffriermethoden haben bei der Planung von Terroranschlägen geholfen. Der Schwachpunkt Mensch ist deshalb weniger kritisch bei Terrororganisationen, weil individuelle Gruppen im wesentlichen autonom arbeiten und die Gruppen nicht hierarchisch organisiert sind. Bei Terroristen ist der Schwachpunkt Mensch deshalb weniger ein Problem, denn wer mitwirkt, ist mit Kopf und Herz ideologisch voll mit dabei. Die Terroristen identifizieren sich persönlich mit ihrer Sache. Wir wissen inzwischen, dass das Kommikationsnetz der Terroristen auch deshalb nicht geknackt werden können, weil bei der Vorbereitung auf elektronische Übermittlungsmittel verzichtet wird. Es gibt fast keine Telefonate, Fax oder unverschlüsselte Emails. Schriftliches wird nur über versteckte Briefkästen weitergeleitet. Die Terroristen kommunizieren mit primitiveren Kommunikationsmitteln. Ihre Devise lautet stets, dass erste Priorität die mündliche Kommunikation hat.
nicco13 18.06.2014
4. Wäre zu schön
Ich gehe nicht immer konform mit Herrn Lobo, aber hier auf ganzer Linie. Er übersieht aber einen entscheidenden Faktor. Die Zensur in den Redaktionen bei Leserreaktionen auch und gerade bei Spon. Eine Zensur die weder durch Netiquette, persönliche Angriffe oder Unwahrheiten zu rechtfertigen wäre. Sie beruht einzig und alleine auf dem Unterdrücken unliebsamer Meinungen.
loplop 18.06.2014
5.
'Das Wort zum Sonntag' von unserer protestantischen Pastorin. Es schien so, als hättest du das 'Digitale' nach längerem Anlauf verstanden. Goedel, Turing, Macy etc. ?! Hat Schirrmacher leider auch nicht.
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