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Zuckerberg-Zirkus in Berlin: Heeey, da ist Mark!

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Zuckerberg (ohne Brille), mit EU-Parlamentspräsident Schulz und Springer-Chef Döpfner Zur Großansicht
Getty Images

Zuckerberg (ohne Brille), mit EU-Parlamentspräsident Schulz und Springer-Chef Döpfner

Viele kritische Fragen könnte man Mark Zuckerberg stellen. Zum Beispiel zu Facebooks Versagen, gegen Hasskommentare vorzugehen. Aber der Besuch des 31-Jährigen in Berlin geriet zur Selbstinszenierung.

Der Facebook-Chef, das hatte er wohl vor seinem Berlin-Besuch geahnt, musste in Deutschland Farbe bekennen. Da war der Verlagsboss, der ihn fragte, wie gut er das Windelnwickeln beherrsche (Antwort: ganz gut). Da war die einstündige öffentliche Fragerunde, in der Auskunft verlangt wurde über seinen Hund Beast und den Problemkomplex, wie gut sich der Vierbeiner mit Zuckerbergs Töchterchen Max verstehe (auch ganz gut).

Und schließlich wurde Zuckerbergs interkulturelle Kompetenz auf eine harte Probe gestellt, als eine Staatssekretärin ihn mit einer lederbehosten FC-Bayern-München-Badeente beschenkte und die feierliche Übergabe sogleich fotografisch dokumentierte.

Ja, der Berlinbesuch Mark Zuckerbergs war mit Spannung erwartet worden. Es gab Liveticker, Preise, abgeschirmte Treffen in kleineren und größeren Runden. Schließlich hatte es zuletzt schlechte Stimmung zwischen Facebook und den Deutschen gegeben, und die war es auch, die Zuckerberg hierher brachte. Man hatte sich die Reibung ausgemalt, zu der es in Berlin hätte kommen können:

  • Da ist Zuckerbergs Zukunftsglaube, der stets geschickt mit dem Facebook-Geschäftsmodell verwoben ist. Ein Geschäftsmodell, mit dem man in Deutschland nur begrenzt viel anfangen kann.
  • Da ist das Dauerstreitthema Hasskommentare, bei dem Facebook beteuert, "nachzubessern". Und bei dem sich nachprüfbar gar nichts verbessert.
  • Da ist der Zank um die Nutzerdaten.

Das wären spannende Themen gewesen, über die man kontrovers hätte diskutieren können, wenn der Facebook-Boss schon mal persönlich in die deutsche Hauptstadt kommt. Hätte. Doch die Dinge liefen in eine andere Richtung. So nämlich:

Berlin-Treptow, Freitagnachmittag: Das sogenannte "Townhall Q&A with Mark", eine Fragestunde mit ausgewählten Studenten und Nutzern, ist Höhepunkt und Abschluss von Zuckerbergs Besuch in Berlin. Über 1000 Studenten warten auf den Mann, der selbst noch ein Student war, als er Facebook gründete.

Beim Thema Hasskommentare, das man offensichtlich gleich zu Beginn der Veranstaltung fix abräumen möchte, spricht er die schlagzeilenträchtigen Sätze: Man habe zu wenig getan. Man habe die Botschaft aus Deutschland vernommen. Konkret sagt er nichts, was den 19-jährigen Fragesteller zwar enttäuscht (schließlich musste er die Frage vorab mit Facebook absprechen). Doch da brandet schon Applaus für Zuckerbergs Antwort auf.

So läuft es bei jeder Antwort - sei es zu seinem Hund, zu seinen Vatergefühlen oder zur Frage, was sein Facebook "noch alles Positives bewegen" werde. Zuckerberg sagt außer den pflichtgemäßen Zuckerberg-Sätzen zum Hass nur das, was er immer sagt. Selbst als er nach seinem Zeitmanagement gefragt wird, landet er bei seinen altbekannten Themen: die Welt vernetzen, die Künstliche Intelligenz fördern, jenen vier Milliarden Menschen, die noch keinen Zugang zum Internet haben, selbigen ermöglichen (was zum einen ein hehres Ziel ist und zum anderen ein schöner Weg für Facebook, seine Wachstumsraten zu halten).

Die Begeisterung ist dennoch: ungebrochen. Und so ist das, was Zuckerberg sagt oder tut, bald weniger interessant als die Art und Weise, wie das deutsche Publikum auf ihn reagiert. Also jene Politiker, Journalisten und Townhall-Studenten, die ihn zu Gesicht bekommen.

Fotostrecke

12  Bilder
Zuckerberg in Berlin: Staatsbesuch in Bildern
Viele Reaktionen, aber auch das ganze Ambiente erinnern an den Besuch eines Popstars (Er ist durchs Brandenburger Tor gejoggt!) oder an die Visite des reichen Onkels aus Amerika, der der TU Berlin vier Hochleistungsserver als Gastgeschenk mitbringt. Manche Besucher sind offenkundig vor allem gekommen, um Zuckerbergs froher Botschaft zu lauschen. Also um zu erfahren, wie es mit diesem wahnsinnig komplizierten digitalen Wandel weitergeht. Der Prophet aus dem Silicon Valley ist herabgestiegen nach Berlin!

Dorothee Bär, CSU-Politikerin und Staatssekretärin im Ministerium für digitale Infrastruktur, schenkt Zuckerberg zum Dank, ja, tatsächlich, eine FC-Bayern-Badeente, die eine Lederhose trägt. Die Beweisfotos werden umgehend herausgetwittert. Bilder mit "Zuck" sind zwei Tage lang die Währung in der Berliner Politik-Medien-Twitter-Blase.

Hasskommentare? Künstliche Intelligenz? Heeeey, da steht Mark!

CDU-Netzpolitiker Thomas Jarzombek versieht seine Schnappschüsse immerhin noch mit thematischen Botschaften: "Heute Mark Zuckerberg getroffen und mit ihm über die Gründerszene in Deutschland und über Singularität gesprochen."

Merkels Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) schreitet zur Audienz im eigens aufgebauten "Innovation Hub", einem Pavillon, in dem Zuckerberg Facebook'sche Forschungsprojekte präsentiert. Ach ja, und wo Altmaier in Sachen Hasskommentare doch mal kurz nachhakt.

Der Rest: Ergebenheit. Schön zu sehen ist das beim "Axel Springer Award" am Donnerstagabend, dessen allerallerallererster Preisträger Zuckerberg ist. Der Springer-Konzern hat den 19. Stock seines Hochhauses im Stile der Facebook-Zentrale umgestaltet und verleiht Zuckerberg den Preis für das Verdienst, dass seine Firma die aus ihrem Erfolg entstehende Verantwortung wahrnehme. Wäre die Debatte über Hasskommentare nicht so ernst, wäre das fast schon witzig.

Es folgte eine aufwändige Abend-Revue zu Zuckerbergs Ehren, in der Laudatoren wie EU-Parlamentspräsident Martin Schulz Leben und Werk des 31-Jährigen würdigen. Die Umarmung des Ehrengastes liefert praktischerweise so viel Glanz, dass auch Springer davon eine Menge abbekommt.

Matthias Döpfner nimmt Zuckerberg vor den Kameras lange in den Arm. Und im 19. Stock des Springer-Hauses berichtet der Springer-Chef dann von einer Karaoke-Party mit dem Facebook-Chef irgendwo in Idaho, erkundigt sich nach, genau, Zuckerbergs Fähigkeiten beim Windelnwechseln und preist ihn schließlich: "You're a wonderful human being."

SPIEGEL-ONLINE-Chefredakteur Florian Harms: Wir dulden keinen Hass im Forum und auf Facebook

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1.
multi_io 26.02.2016
"Da ist das Dauerstreitthema Hasskommentare, bei dem Facebook beteuert, "nachzubessern". Und bei dem sich nachprüfbar gar nichts verbessert." ...wenn man das willkürliche Löschen von Kommentaren ohne richterlichen Beschluss oder sonstwas, nur auf Wunsch deutscher Berufsempörter, denn als "Verbesserung" sehen will. Aber Säuberungsaktionen zum Zwecke der Weltverbesserung haben hierzulande halt eine gewisse Tradition. Statt dass die deutschen Politiker endlich mal ihr eigenes Facebook erfinden, erzählen sie lieber anderen, was an deren Facebook alles falsch ist. Ich hoffe, Facebook widersteht diesem Unfug und bleibt so unverbessert wie es ist.
2. Die Facebookhasser...
sixtymirror 26.02.2016
werden zu diesem Artikel wahrscheinlich 90% aller Beiträge schreiben. Meine Meinung: Es gibt Menschen, für die Facebook überflüssig ist und solche, die einen Nutzen durch Facebook haben (z.B. Musiker, DJs, Künstler und viele andere). Die Facebookhasser sind meist keine Menschen, für die Facebook irgendwie nützlich wäre. Deren Meinung ist eigentlich überflüssig. Dass Facebook für Hass-Propaganda und ähnliches missbraucht wird, ist schlimm. Es ist Aufgabe der Politik, das zu ändern. Die Kompetenz dazu sollte doch von Fachleuten geholt werden können!?
3.
kuac 26.02.2016
Zitat von multi_io"Da ist das Dauerstreitthema Hasskommentare, bei dem Facebook beteuert, "nachzubessern". Und bei dem sich nachprüfbar gar nichts verbessert." ...wenn man das willkürliche Löschen von Kommentaren ohne richterlichen Beschluss oder sonstwas, nur auf Wunsch deutscher Berufsempörter, denn als "Verbesserung" sehen will. Aber Säuberungsaktionen zum Zwecke der Weltverbesserung haben hierzulande halt eine gewisse Tradition. Statt dass die deutschen Politiker endlich mal ihr eigenes Facebook erfinden, erzählen sie lieber anderen, was an deren Facebook alles falsch ist. Ich hoffe, Facebook widersteht diesem Unfug und bleibt so unverbessert wie es ist.
Facebook sollte nicht als "Hassbook" missbraucht werden. Wie kommen Sie auf willkürliche Lösung? Haben Sie Beweise?
4. Farce
truthonly 26.02.2016
Zitat von sixtymirrorwerden zu diesem Artikel wahrscheinlich 90% aller Beiträge schreiben. Meine Meinung: Es gibt Menschen, für die Facebook überflüssig ist und solche, die einen Nutzen durch Facebook haben (z.B. Musiker, DJs, Künstler und viele andere). Die Facebookhasser sind meist keine Menschen, für die Facebook irgendwie nützlich wäre. Deren Meinung ist eigentlich überflüssig. Dass Facebook für Hass-Propaganda und ähnliches missbraucht wird, ist schlimm. Es ist Aufgabe der Politik, das zu ändern. Die Kompetenz dazu sollte doch von Fachleuten geholt werden können!?
FB hat ganz klare Statuten was Hasskommentare angeht und es ist primär die Aufgabe von FB diese Statuten einzuhalten, was aber nicht klappt. Und was hat gesunder Menschenverstand bitte mit einem Bedarf an "kompetenten Fachleuten" zu tun? Das ist doch absoluter Nonsens. Die Fragerunde war eine einzige Farce und vor einem Publikum welches hauptsächlich eifrig darin bemüht war Zuckerberg zu huldigen und zum Teil sehr dämliche Fragen zu stellen. Es ist irrelevant ob seine Tochter mit dem Hund kann oder nicht. Auf das Thema Hasskommentare angesprochen hat er zwar viele Worte zum Besten gegeben, jedoch nichts gesagt was Inhalt hatte. Aalglatt wie immer und die Schar der wilfährigen Claqueure hat so kräfig Stuhl angsaugt das mann den Unterdruck im Saal pfeifen hören konnte und sich die Türen nicht mehr öffnen ließen.
5. Welcher Hass
mhsh 26.02.2016
Die Frage sei erlaubt.Geht es um die Formulierung oder den Inhalt.
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