Marktforschung per Gesichtsanalyse: Schau mich an - und ich weiß, wer du bist

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Ein Blick ins Schaufenster - und die Videokamera erfasst den potentiellen Kunden, eine Software ermittelt Alter und Geschlecht. In den USA ist diese Form der Marktforschung Realität. Doch bleibt es dabei? Mit einigem Aufwand könnte man auch die Namen von Passanten herausbekommen.

Gesichtsanalyse (Symbolbild): Einkaufszentren können so Besucherströme erforschen Zur Großansicht
Corbis

Gesichtsanalyse (Symbolbild): Einkaufszentren können so Besucherströme erforschen

Ein Passant bleibt stehen, betrachtet den Bildschirm im Schaufenster eines Ladens und sieht einen Spot für Sportschuhe. Eine Kamera über dem Werbedisplay filmt den Betrachter, eine Software wertet die Aufnahmen aus, stellt fest: junger Erwachsener, männlich. Der nächste Clip wirbt dann für eine Biermarke, die sich an junge Männer richtet.

Mit dieser Demonstration wirbt das New Yorker Unternehmen Immersive Labs für sein System zur Gesichtsanalyse. Das Unternehmen verspricht, die Software könne in Echtzeit feststellen, wer da gerade vorm Schaufenster steht: Die Software soll zuverlässig das Geschlecht, das ungefähre Alter, die Verweildauer und die Aufmerksamkeit der Passanten einschätzen. So sollen die Clips passend zur gerade anwesenden Zielgruppe abgespielt werden.

Außerdem will Immersive Labs den Ladenbesitzern eine Publikumsstatistik anbieten, wie man sie von Facebook-Fanseiten kennt: Wie viele Frauen, wie viele Männer welcher Altersgruppe sind wann vor dem Bildschirm stehen geblieben?

Die Software von Immersive Labs soll laut der " New York Times" noch in diesem Monat in Los Angeles, San Francisco und New York zum Einsatz kommen. Das New Yorker Unternehmen ist einer von vielen Anbietern, die derzeit solche Systeme für Publikumsanalysen in physischen Räumen anbieten.

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Kunstprojekt: Stylingtipps gegen die Gesichtserkennung
Die Software erkennt sogar die Stimmung des Betrachters

Viele Firmen arbeiten daran, eine Art Google Analytics über die Realwelt zu stülpen. In Chicago haben gut 50 Bars ein Gesichtsanalysesystem des Unternehmens Scenetap installiert, die Software gibt auf einer Website an, wie hoch derzeit das Durchschnittsalter der Besucher und wie das Frauen-Männer-Verhältnis ist.

Das Kasino-Shopping-Hotel Venetian in Las Vegas nutzt laut " Los Angeles Times" bereits solche Digital-Werbeplakate mit integrierter Publikumsanalyse. Adidas und der Lebensmittelkonzern Kraft wollen noch in diesem Jahr solche beobachtende Werbung in US-Ladengeschäften testen.

Experten halten die Versprechen dieser Unternehmen zumindest für plausibel. Wie zuverlässig Software allerdings das Geschlecht von Fotografierten im Schummerlicht von Bars erkennen kann, hängt von den eingesetzten Algorithmen ab. Da nicht bekannt ist, welche Verfahren Scenetap einsetzt, kann man darüber nicht urteilen.

Generell spricht nichts dagegen, dass derlei möglich ist. Der Informatiker Ralph Gross von der Carnegie Mellon University führt aus, was generell mit den heute verfügbaren Algorithmen zur Gesichtsentdeckung und -analyse umsetzbar ist:

  • Gesichter werden generell auch in schlechten Lichtverhältnissen gut entdeckt, oft mit einer Trefferquote von 90 Prozent und mehr.
  • Geschlechtserkennung funktioniert auch nachweislich recht gut, in einigen Studien wurden Trefferquoten von nahezu 90 Prozent erreicht.
  • An der Zuordnung von entdeckten Gesichtern zu Altersgruppen arbeiten Forscher erst seit fünf Jahren intensiv, diese Aufgabe ist schwieriger zu lösen, die Trefferquoten sind derzeit niedriger als bei der Geschlechtserkennung.
  • Es gibt mehrere Verfahren, die Aufmerksamkeit messen, zum Beispiel ob eine Person frontal zum Bildschirm steht oder wohin sie blickt - Letzteres ist erheblich schwieriger zu analysieren.

Anbieter dieser Analyseprogramme betonen, dass ihre Systeme nicht die Identität der Gefilmten feststellen. Die Software erkenne nur, ob gerade Gesichter gefilmt werden, nicht zu wem diese Gesichter gehören. Der Begriff Gesichtsdetektion und -analyse ist für solche Verfahren treffender. So nennt zum Beispiel das Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen (IIS) seine Software Shore. Dieses Programm kann von Aufnahmen auf Altersgruppe, Geschlecht, Gesichtsausdruck (fröhlich, traurig) schließen. Außerdem analysiert das Programm die Position von Augen, Mund und Nase, die Neigung und Drehung des Kopfes, und wie weit Augen und Mund geöffnet sind.

Gesichtserkennung ist erst bei Abgleich mit Datenbank möglich

Fraunhofer-Forscher Jens-Uwe Garbas betont: "Eine Erkennung von Personen durch einen Abgleich mit einer Datenbank ist bei unserem Verfahren ausdrücklich nicht möglich." Außerdem würde die Fraunhofer-Software keine Daten speichern, durch die man auf einen bestimmten Nutzer rückschließen könne.

Auf die Frage, wie schwierig es sei, entsprechende Erkennungsfunktionen nachzurüsten, antwortet Garbas: "Das kommt natürlich auf das System an." Da es sich bei Shore um ein Detektionsverfahren handele, sei das nur mit erheblichem Aufwand möglich.

Allerdings ließe sich die für Gesichtsdetektion aufgebaute Infrastruktur auch zur GeAsichtserkennung nutzen. Wie nah diese Einsatzszenarien einander sind, zeigt das japanische Unternehmen NEC. Die Firma ist nach eigenen Angaben führend auf dem Markt der biometrischen Lösungen - der Marktanteil liege bei über 60 Prozent. NEC liefert Überwachungslösungen für Flughäfen.

Überwachungsprogramme erkennen Terroristen und Shopper

NEC wirbt in diesem Zusammenhang auch für die eigene Gesichtserkennungssoftware. Sie könnte "Sicherheitsleute benachrichtigen, wenn Reisende als Personen identifiziert werden, die auf einer Beobachtungsliste registriert sind". Außerdem könne ein System aus Überwachungskameras, Gesichtserkennungssoftware und Porträtdatenbanken auch nach Kriterien durchsucht werden wie: "Kleidung in bestimmten Farben, Accessoires wie Gehstöcke, Geschlecht, Alter und Rasse".

NEC bietet vergleichbare Technologie auch zur Markforschung an. Die Software FieldAnalyst wertet Video-Feeds von Überwachungskameras aus, um festzustellen, welche Zielgruppen zu welcher Zeit in welchen Bereichen etwa eines Einkaufszentrums zu finden sind. Die Software kann laut NEC-Eigenwerbung Altersgruppen, Geschlecht, Aufenthaltsdauer an bestimmten Orten und Besucherzahlen erfassen - personenbezogene Informationen der Fotografierten würden dabei nicht gespeichert.

Trotz dieser Beteuerungen kann man eines nicht leugnen: Es ist leichter, vorhandene Gesichtsanalyse-Infrastruktur mit Erkennungsprogrammen aufzurüsten, als ein Überwachungssystem neu aufzubauen. Auf diese Tatsache verweist der Informatiker Ralph Gross von der Carnegie Mellon University: "Wenn die Infrastruktur für die Aufnahme, die Bildübertragung und Ergebnisübertragung installiert ist, könnte nur ein Software-Upgrade nötig sein, um eine Identifizierungsfunktion nachzurüsten."

Datenbanken, über die man Gesichtern Namen zuordnen kann, sind heute schon frei verfügbar. Bei Facebook sind zum Beispiel die Namen und die als Porträtfoto eingestellten Aufnahmen frei zugänglich. Ralph Gross hat mit Kollegen von der Carnegie Mellon University in mehreren Versuchen nachgewiesen, dass es allein mit Hilfe der Facebook-Datenbank und gängiger Gesichtserkennungssoftware möglich ist, in Echtzeit den Namen fotografierter Personen herauszufinden.

Derzeit verhindert allein die verfügbare Rechenkraft, dass man beispielsweise das Porträt eines Unbekannten mit allen Facebook-Profilen in einem Land abgleichen kann. Wie schnell wird sich das ändern? Gross: "Es ist eher eine Frage von wenigen Jahren, bis das möglich ist, zumindest auf Großstadt-Ebene."

Vielleicht werden dann die Stylingtipps gegen Gesichtserkennung, wie sie der Künstler Adam Harvey gibt, in naher Zukunft in Ratgebern von Datenschützern auftauchen.

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insgesamt 32 Beiträge
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1. ..
beinando123 17.11.2011
Ich weiß nicht wie es anderen geht, aber mir macht sowas Angst. In was für einer Welt wollen wir leben? "Die Produktion ist für den Profit da, nicht für den Nutzen." Der Satz macht für mich bei dem ganzen Elektronik-SchnickSchnack, den man heutzutage so kaufen kann, immer mehr Sinn. Konsumforschung dient doch in erster Linie der Manipulation eines weiten Teils der Käufer.
2. Einkauf mit Motorradhelm
OttoEnn 17.11.2011
Zitat von sysopEin Blick ins Schaufenster - und die Videokamera erfasst den .....
Es ist einfach nur absurd. Vor allem, da es nichts wäre, das dem Wohle der Menschen dient, sondern lediglich - wie immer - der Profitmaximierung. Die Geschichte etwas weiter gedacht, ich ich bereits gespannt, wann das Finanzamt uns anschreibt und nachfragt, woher wir denn das Geld zum Kauf eines bestimmten Produktes hatten.
3. geschäftsidee
rst2010 17.11.2011
vor großen geschäftsansammlungen mit einem bauchladen falsche haare und bärte verkaufen/vermieten;-)) mit verfremdungsgarantie.
4. Dr.
braintainment 17.11.2011
Zitat von beinando123Ich weiß nicht wie es anderen geht, aber mir macht sowas Angst. In was für einer Welt wollen wir leben? "Die Produktion ist für den Profit da, nicht für den Nutzen." Der Satz macht für mich bei dem ganzen Elektronik-SchnickSchnack, den man heutzutage so kaufen kann, immer mehr Sinn. Konsumforschung dient doch in erster Linie der Manipulation eines weiten Teils der Käufer.
Ja, geht mir genauso. Aber solange Leute freiwillig Paybackkarten und sonstige Schnüffelkarten benutzen, hat die "Konsumforschung" leichtes Spiel. Ich persönlich gehe in Großstädte nur noch mit Basecap und Sonnenbrille, zahle Bar, nehme an keiner Umfrage teil, gebe an der Kasse nicht meine Postleitzahl an, habe keinen Fratzenbuchaccount!, etc. ... hört sich nach Paranoia an, gibt mir aber doch das gute Gefühl nicht von Kameras - von wem auch immer - erfasst zu werden.
5. Zukunft
twister13 17.11.2011
Also in Schweden arbeiten sie wohl hart daran dass Bargeld abzuschaffen. Dann ist jeder Bürger eine gläserne Datensammlung. Verbunden mit Handy- und Computerdaten und Gesichtserkennung aus Überwachungskameras kann man dann absolut lückenlos nachverfolgen was einer so treibt. Wenn man jetzt noch ein Experiment hinzunimmt das kürzlich durchgeführt wurde, dann wird es komplett gruselig. Man hat die Hirnströme gemessen die beim betrachten eines Bildes ausgelöst wurden. Später hat man dann umgekehrt versucht aus Hirnströmen darauf zu schliessen welches Bild gerade betrachtet wird. Es klappte hervorragend. Im Jahr 2045 sollten die Netzwerke und die Software soweit sein dass sie den Menschen als intelligentestes Wesen ablösen könnten. Dann schuften wir dafür es denn Rechnern möglichst angenehm zu machen. Dass ich zu diesem Zeitpunkt vermutlich nahe dem Tode sein werde erfüllt mich mit gewisser Dankbarkeit.
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Soziale Netzwerke
Facebook
DPA
Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach eigenen Angaben hat Facebook 845 Millionen aktive Mitglieder weltweit (Dezember 2011). Mehr zu Facebook auf der Themenseite.
Google+
Google+ ist der Versuch, den sozialen Funktionen von Facebook und Twitter etwas entgegenzusetzen. Das soziale Netzwerk wurde im Juni 2011 gestartet und hat nach Firmenangaben rund 170 Millionen Nutzer (April 2012). Der Funktionsumfang ist rein aus Nutzersicht vergleichbar mit Facebook, Schnittstellen für externe Entwickler sind allerdings eingeschränkt. Google animiert seine Nutzer, das Netzwerk als zentralen Hub für seine Dienste zu nutzen. Mehr zu Google+ auf der Themenseite.
Twitter
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Der auf kurze Textnachrichten spezilalisierte Dienst Twitter wurde im Juli 2006 gegründet. Populär wurde der Dienst als Verteilnetzwerk für Links, Fotos und Videos. Twitter zählt nach eigenen Angaben mehr als 140 Millionen Nutzer (März 2012). Mehr zu Twitter auf der Themenseite.
Xing
Xing (früher OpenBC) wurde 2003 von Lars Hinrichs gegründet. Nach eigenen Angaben hat Xing über 11,7 Millionen Mitglieder (Stand: Dezember 2011), etwa acht Prozent haben einen kostenpflichtigen Premium Account. Bei Xing geht es vor allem um berufliche Kontaktaufnahme. Mehr zu Xing auf der Themenseite...
StudiVZ
Ehssan Dariani hat die Studenten-Community StudiVZ 2005 gegründet. Zuerst investierten Lukasz Gadowski und Matthias Spiess in StudiVZ, später finanzierten es vor allem die Gebrüder Samwer - bekannt für die Klingeltonfirma Jamba - und der Venture-Capital-Arm des Holtzbrinck-Verlags ("Die Zeit", "Handelsblatt"). Im Januar 2007 übernahm Holtzbrinck StudiVZ. Derzeit haben die Plattformen studiVZ.net, schuelerVZ.net und meinVZ.net nach eigenen Angaben rund 17,4 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2011). Mehr zu StudiVZ auf der Themenseite...
Lokalisten
Im Mai 2005 gegründet, hat das Netzwerk Lokalisten nach eigenen Angaben (Stand Juli 2010) inzwischen 3,6 Millionen Nutzer. Mehr zu Lokalisten bei Wikipedia...
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Das 1996 in Regensburg gegründete Unternehmen Spin betreibt ein eigenes soziales Netzwerk, aber auch integrierte Unter-Communitys mit regionalem Fokus, die mit Partnern vor Ort (Lokalradios vor allem) betrieben werden. Nach eigenen Angaben (Stand Februar 2011) hat Spin.de eine Million aktive Mitglieder. Mehr zu Spin.de bei Wikipedia...
Wer kennt wen
Wer-kennt-wen wurde von den beiden Studenten Fabian Jager und Patrick Ohler gegründet. Seit Februar 2009 gehört das Netzwerk vollständig RTL Interactiv, die Gründer schieden Ende August 2010 aus. Das Netzwerk hat laut Betreiber über 9,5 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2012). Mehr zu Wer-kennt-wen bei Wikipedia...
MySpace
MySpace war 2006 das populärste soziale Netzwerk in den USA. Ein Jahr zuvor war es von Rupert Murdochs News Corporation gekauft worden. Bekannt wurde es durch die Möglichkeit, Musik einzubinden. Künstler und Bands nutzten die Plattform als Marketingplattform. Zeitweise hatte MySpace mehr als 220 Millionen Nutzer, nach Berechnungen von Google rund 30 Millionen Nutzer (Dezember 2011). Mehr zu MySpace auf der Themenseite...

Präsentation von Immersive Labs
Präsentation NEC Field Analyst


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