"Die digitale Gesellschaft": Finger weg vom Internet

Von Ole Reißmann

Wie das Internet wirklich funktioniert und was die Politik wieder nicht begriffen hat: Das Erklärbär-Buch "Die digitale Gesellschaft" liefert einen subjektiven Überblick über netzpolitischen Streitthemen.

Veränderung ist nie für alle gut, und die Verlierer der Digitalisierung sollen sich bitte nicht so anstellen und auf Abwehrkämpfe verzichten, bei denen letztlich alle Beteiligten nur verlieren. Das ist, sehr grob gesagt, die Botschaft von Markus Beckedahl und Falk Lüke in ihrem Buch "Die Digitale Gesellschaft". Die beiden sind Gründungsmitglieder einer gleichnamigen Nutzerlobby.

Es geht um Killerspiele, Kinderpornos, Jugendschutz, Staatstrojaner, Netzsperren, WikiLeaks, Open Data, Netzneutralität - praktisch alle Reizthemen, die mit Computern und Internet zu tun haben, werden angerissen. Der Netzpolitiker Beckedahl und der Journalist Lüke präsentieren jeweils ihre Haltung dazu, immer unter der Prämisse: möglichst wenig Kontrolle, nur keine Einschränkungen.

Wie geht das nun mit dem Daten- und Verbraucherschutz im Internet, wo man doch eine Regulierung des Netzes ablehnt? Die Autoren haben keine Alternative und schreiben stattdessen, die "westliche Wertegemeinschaft" hätte bislang "noch keinen Weg gefunden". Was demokratisch gewählte Regierungen bisher an Ideen haben oder diskutieren, widerspreche schlicht den Präferenzen der Netznutzer.

Wer es dennoch wagt, auf die Online-Herausforderung Antworten zu finden und dabei nicht gleich die Gesellschaft komplett umzubauen, dem wird "Bunkermentalität" vorgeworfen. So geht es Kultur- und Innenpolitikern, Jugendschützern und Unternehmen. Abgewogen oder diskutiert wird in dem Buch weniger.

So ernst, wie sich die Autoren nehmen, klingen dann auch offenbar lustig gemeinte Passagen. Ein Beispiel: "Und weil man das technisch heute kann, haben sich die Sicherheitspolitiker gedacht, dass diese Totalüberwachungsmaßnahme doch ein unglaubliches kluges Mittel zum Schutz vor Terrorismus sei."

Über die Piratenpartei heißt es an einer Stelle, dass die aus Protest gewählt würden und noch keine Antworten auf die Fragen der Netzpolitik hätten. Darüber ließe sich streiten. Die Buchautoren kennen vor allem eine Antwort: Finger weg vom Internet. Das aber ist dann doch ein wenig zu einfach.

Warum lesen? Das Handbuch der "Digitalen Gesellschaft" präsentiert über weite Strecken eine Art Konsens der Twitter- und Bloggerszene mit Schwerpunkt Berlin, die noch immer unter dem Begriff "Netzgemeinde" zusammengefasst wird.

Zweite Meinung: Angesichts von Eigenlob "vergleichweise oberflächliche Texte. Vielleicht haben sie aber auch lediglich den Unterschied zwischen einem Blog und einem Buch nicht verstanden." ("Das Parlament")

Ein Auszug aus dem Buch, "Wie die Musikbranche zum Internetgegner wurde", lesen Sie hier auf SPIEGEL ONLINE.

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