Web-Guerilla Anonymous: Wehe dem, der die Maske fallen lässt

Von Carolin Wiedemann

Anonymous besteht aus Namen- und Gesichtslosen. Doch gelegentlich werden Sympathisanten der Web-Guerilla enttarnt, mitunter suchen sie auch selbst die Öffentlichkeit. Der Schwarm betrachtet das als Affront. Wer sich zu erkennen gibt, muss den Zorn der Anonymen fürchten.

Anonymous-Anhänger in Frankreich: Der Schwarm misstraut den öffentlichen Gesichtern Zur Großansicht
AFP

Anonymous-Anhänger in Frankreich: Der Schwarm misstraut den öffentlichen Gesichtern

Ein Satz brachte es auf den Punkt: "Barrett Brown ist Anonymous", titelte das "D-Magazin", ein Lifestyle-Guide aus Dallas, im März 2011. Schon einige Monate zuvor war Brown, ein freier Journalist aus Texas, aufgestiegen zu einem der bekanntesten Internetaktivisten der USA. Als Anführer von Anonymous, einer digitalen Protestbewegung, die sich mit den Mächtigen der Welt anlegt, hatten ihn die Medien beschrieben - und Brown hatte diese Rolle gern erfüllt. Nun war er die Bewegung selbst.

Ein Jahr später sitzt der gleiche Barrett Brown betrunken vor seinem Computer und twittert: "Wer will mit mir reden?" Seine Haare sind zerzaust, in der einen Hand hält er eine Zigarette, in der anderen eine Bierdose. Brown erzählt von seinen vergangenen Abenteuern, davon, wie er mit Anonymous die Regierungen in Ägypten und Tunesien gestürzt habe. Er spricht noch immer für Anonymous - es hört ihm nur kaum jemand mehr zu. Im Videochat wird er von Anhängern der Bewegung beschimpft. Sie verspotten ihn als Wichtigtuer, nennen ihn "Namefag".

Barrett Brown ist bei vielen in Ungnade gefallen, weil er gegen eines der Grundprinzipien von Anonymous verstoßen hat: Er hat sich zum Gesicht der Bewegung gemacht.

Anonymous - das ist die Idee, dass das Internet hilft, Hierarchien zu überwinden, weil die User anonym kommunizieren können. In der Anonymität spiele es keine Rolle mehr, ob jemand schwarz oder weiß, Frau oder Mann oder was auch immer sei - alle Stimmen seien damit gleich und die Menschen frei. Dieser Logik zufolge kann kein Einzelner für Anonymous sprechen - denn die Idee gehört allen und sie realisiert sich nur im Austausch. "Wenn irgendjemand im Namen von Anonymous spricht, ist er ein Lügner", heißt es in einem offenen Brief an den rechtspopulistischen Fernsehmoderator Glenn Beck.

Anonymous - das ist aber auch das Werk einzelner Aktivisten, die dafür zwei Kämpfe führen: Einen gegen Konzerne und Regierungen, die den freien Informationsaustausch hemmen, einen anderen gegen sich selbst. Anonymous ist für die Aktivisten ein andauerndes Ringen darum, zu wirken, wahrgenommen zu werden, ohne sich selbst sichtbar zu machen und dadurch Hierarchien zu schaffen.

"Wer sich als Anonymous vor die Medien stellt, hat nicht verstanden, um was es geht", sagt Mercedes Haefer, 21, Soziologiestudentin aus Las Vegas. Haefer ist Anonymous-Aktivistin. Das FBI wirft ihr vor, an der Operation Payback mitgewirkt zu haben und deckte damit ihre Identität auf. Haefer sagt: "Ich wäre lieber anonym geblieben." Sie habe keine Freude daran, sich öffentlich als Anonymous-Aktivistin zu brüsten. "Die Idee braucht keine Gesichter", sagt sie.

Doch auch ihr Foto taucht nun neben vielen Artikeln auf. Früher war sie ein unbekannter Teenager, der viel im Netz herumhing und selten zum Friseur ging. Jetzt trägt sie die Haare kürzer, modischer. Seitdem ihre Identität aufgedeckt wurde, bekommt auch sie Anfragen der großen Medienhäuser. Sie hat sich interviewen und begleiten lassen für den ersten Dokumentarfilm über Anonymous, der 2012 in die Kinos kommen soll. Ihr Anwalt warnt: Haefer müsse sich vor den Verlockungen schnellen Ruhms in Acht nehmen, den die plötzliche Bekanntheit von Anonymous mit sich bringt.

Nicht jeder kann dieser Verlockung widerstehen. Gregg Housh arbeitet als Computerfachmann in Boston. Auf die E-Mail-Anfrage zum Skype-Interview über Anonymous antwortet er innerhalb weniger Minuten. "Ich bekomme andauernd Medienanfragen. Bin schon ein Profi", sagt er. Housh hat laut eigener Aussage in den neunziger Jahren die Open-Source- und die Free-Software-Bewegungen mitbestimmt. 2008 habe er gemeinsam mit vier Aktivisten durch das Anti-Scientology-Projekt Anonymous als politische Protestbewegung begründet - beinahe zufällig.

Auch seine Identität wurde wie die von Haefer durch das FBI aufgedeckt. Seitdem stand Housh etlichen Journalisten als Anonymous-Protagonist zum Interview zur Verfügung. "Ich will die Idee schließlich auch an Leute vermitteln, die sich darunter nichts vorstellen können und von allein nicht zufällig über einen Anonymous-Chat stolpern." Aber auch er bleibt vorsichtig. "Nenn mich bitte nicht Sprecher von Anonymous", sagt er dreimal während des Skype-Gesprächs. Bislang hat er die Achtung der Anonymous-Gemeinde noch nicht verloren. Anders als sein Freund Barrett Brown.

Im Videochat erzählt Brown jetzt von seiner Rückkehr zu Anonymous im November 2011. Plötzlich kracht es. Neben Browns Stream ploppt ein Anonymous-Video auf: "We have no leaders", rufen die Maskenmänner. Brown verstummt. Er murmelt, dass der Haufen sich einfach nicht organisieren ließe und schließt seinen Stream mit einem Klick.

Von seinen Abenteuern mit Anonymous wird er trotzdem weiter berichten. Er und Gregg Housh haben bereits einen Buchvertrag mit Amazon abgeschlossen. Ausgerechnet mit dem Konzern also, der sich gegen WikiLeaks stellte - und damit Feindbild für Anonymous wurde.

Carolin Wiedemann diskutiert mit Netzaktivist Jacob Appelbaum und Frank Rieger, einem Sprecher des Chaos Computer Clubs, am Mittwoch um 16 Uhr auf der re:publica über Anonymous.

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1.
glen13 02.05.2012
Zitat von sysopAnonymous besteht aus Namen- und Gesichtslosen. Doch gelegentlich werden Sympathisanten der Web-Guerilla enttarnt, gelegentlich suchen sie auch selbst die Öffentlichkeit. Der Schwarm betrachtet das als Affront. Wer sich zu erkennen gibt, muss den Zorn der Anonymen fürchten. Mercedes Haefer, Gregg Housh, Barrett Brown: Gesichter von Anonymous - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,830765,00.html)
Diese anonyme Truppe ist nicht demokratisch sondern faschistisch. Keiner darf ausscheren, alle sind gleich. Kein Gedankenaustausch mit den Feinden von Anonymus, sondern Angriff ohne Selbstkritik. Pubertäres Robin Hood Theater einer verwöhnten Masse.
2. Da hast du ......
w b a 02.05.2012
Zitat von glen13Diese anonyme Truppe ist nicht demokratisch sondern faschistisch. Keiner darf ausscheren, alle sind gleich. Kein Gedankenaustausch mit den Feinden von Anonymus, sondern Angriff ohne Selbstkritik. Pubertäres Robin Hood Theater einer verwöhnten Masse.
....sicher über deine eigene Unwissenheit und Dummheit deinen Magen ausgeleert. Du würdest natürlich, als rechtschaffener Bürger, zuerst eine globale Diskussion z.B mit PayPal einläuten und fragen ob sie nicht gewillt wären ihre Zahlungen an WikiLeaks bitte bitte wieder aufzunehmen. Ganz tolle Denke haut mich glatt vom Hocker.
3.
glen13 02.05.2012
Zitat von w b a....sicher über deine eigene Unwissenheit und Dummheit deinen Magen ausgeleert. Du würdest natürlich, als rechtschaffener Bürger, zuerst eine globale Diskussion z.B mit PayPal einläuten und fragen ob sie nicht gewillt wären ihre Zahlungen an WikiLeaks bitte bitte wieder aufzunehmen. Ganz tolle Denke haut mich glatt vom Hocker.
Ich habe Ihren Beitrag (ich bleibe in diesem Fall lieber beim SIE) mehrmals gelesen und versucht, zu verstehen, was Sie meinen. Ich weiß jetzt nicht, warum ich "als rechtschaffender Bürger" betitelt werde. Ist das in Ihren Kreisen etwa ein Schimpfwort? Ach ja, WikiLeaks - Bezahlungen über PayPal einzufordern, erfordert kein Anonymous Netzwerk. Das können Sie mit Ihrem eigenen Namen ganz öffentlich in Blogs oder Straßendemos einfordern. Alles erlaubt hier und erfordert keine anonymen Schwärme.
4. soso, im faschismus...
fordp 02.05.2012
Zitat von glen13Diese anonyme Truppe ist nicht demokratisch sondern faschistisch. Keiner darf ausscheren, alle sind gleich. Kein Gedankenaustausch mit den Feinden von Anonymus, sondern Angriff ohne Selbstkritik. Pubertäres Robin Hood Theater einer verwöhnten Masse.
...sind also alle gleich... ihr beitrag zeigt ihr recht simples denkbild.
5. was ist denn bei ihnen...
fordp 02.05.2012
Zitat von glen13Ich habe Ihren Beitrag (ich bleibe in diesem Fall lieber beim SIE) mehrmals gelesen und versucht, zu verstehen, was Sie meinen. Ich weiß jetzt nicht, warum ich "als rechtschaffender Bürger" betitelt werde. Ist das in Ihren Kreisen etwa ein Schimpfwort? Ach ja, WikiLeaks - Bezahlungen über PayPal einzufordern, erfordert kein Anonymous Netzwerk. Das können Sie mit Ihrem eigenen Namen ganz öffentlich in Blogs oder Straßendemos einfordern. Alles erlaubt hier und erfordert keine anonymen Schwärme.
...überhaupt ein anonymer schwarm? wo sehen sie da einen unterschied zu aktivisten bei einer demonstration? oder bei fussballfans im stadion? sind das dann auch anonyme schwärme? wer weiss, was heute im netzt so alles (negativ) möglich ist, der ist auch froh, dass es noch ein wenig anonymität gibt. alle anderen haben leider nichts verstanden und trotteln weiter durch ihre heile welt. das muss nichts schlechtes sein...
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Zur Autorin
  • Carolin Wiedemann promoviert gerade zu kritischer Kollektivität im Netz, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hamburg und freie Journalistin. Sie beschäftigt sich mit subversiven Netzwerkstrategien.

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