Mexiko: Anonymous will korrupte Beamte outen

Von

In einem neuen drastischen Video prangert Anonymous Korruption und Gewalt in Mexiko an. Man werde jetzt Gegenmaßnahmen ergreifen, kündigt die Netzbewegung an. Offenbar haben die Aktivisten einen Trumpf in der Hand: Zehntausende abgefangene E-Mails aus Behörden.

REUTERS

Hamburg - Das Video ist nichts für Menschen mit schwachen Nerven. "Wir sind Anonymous", heißt es zu Anfang, unterlegt mit einer stilisierten rotierenden Weltkugel, wie man sie aus Nachrichtensendungen rund um den Globus kennt. Dann aber kommen Bilder, die auf drastische Weise deutlich machen sollen, wie der Alltag in Mexiko heute aussieht: grauenvoll verstümmelte Leichen, von Drogenkartellen hingerichtete Menschen. Die hier gezeigte Version des Videos wurde bearbeitet, die extremsten Bilder herausgeschnitten.

Das Video macht die Regierung für das Leid und die grassierende Korruption im Land verantwortlich - und kündigt einen Gegenschlag an. "Wir haben feststellen müssen, dass die Mexikaner alleingelassen wurden. Sie haben niemanden auf ihrer Seite, niemanden, an den sie glauben können." Nun werde man etwas unternehmen, und zwar mit der Hilfe möglichst vieler Freiwilliger rund um den Globus, "die gesamte weltweite Hacker-Community" sei aufgerufen, "alle Regierungsbehörden in Mexiko rücksichtslos anzugreifen: Ihre Websites, ihre E-Mails, ihre Server".

Zahlungsempfänger werden "langsam nervös"

Tatsächlich liegen Anonymous-Aktivisten in Lateinamerika nach Informationen von SPIEGEL ONLINE bereits Zehntausende E-Mails aus den Beständen mexikanischer Behörden vor. Eine sehr kleine Stichprobe der durch einen Hack angeblich zum Teil bereits vor Monaten erbeuteten E-Mails deutet darauf hin, dass sich dort wirklich Hinweise auf Korruption finden lassen: Da ist von Zahlungen an ungenannte Personen die Rede, von Zahlungsempfängern die "langsam nervös" würden und von Personen, die dann endlich freigelassen werden könnten.

Anderswo beklagt sich ein Offizieller, dass seine Heimatstadt seit Monaten in der Hand einer bewaffneten Bande sei, die von niemandem aufgehalten würde. Die Ranch, auf der die Bewaffneten zeitweise residierten, sei auch schon von einer hochrangigen Vertreterin der Verwaltung besucht worden. Ob die E-Mails tatsächlich echt sind, ist allerdings nicht zu überprüfen. Ein Aktivist kündigte gegenüber SPIEGEL ONLINE an, das Ergebnis der Auswertung der Zehntausenden E-Mails werde gegen Ende Dezember öffentlich gemacht.

Anonymous hatte erst in der vergangenen Woche damit gedroht, Informationen über Kollaborateure und Zuträger des Zeta-Drogenkartells zu veröffentlichen, weil angeblich ein Anonymous-Aktivist vom Kartell entführt worden war. Nachdem der Betreffende freigelassen wurde, zog man die Ankündigung zurück. Die Publikation von Namen von Zeta-Gefolgsleuten war allerdings auch innerhalb der Aktivistengruppe umstritten gewesen, weil sie vermutlich Menschenleben gefährdet hätte.

Mehr als 45.000 Tote binnen fünf Jahren

Seit die mexikanische Regierung den Drogenbanden im Jahr 2006 offiziell den Kampf angesagt hat, kamen im Drogenkrieg schätzungsweise mehr als 45.000 Menschen ums Leben.

Drei Menschen wurden im August und September offenbar von Kartellmitgliedern ermordet, weil sie die Drogenmafia öffentlich kritisiert hatten. "Das wird allen widerfahren, die merkwürdige Dinge im Netz veröffentlichen", stand auf einem Pappschild, das auf einer Brücke in der Grenzstadt Nuevo Laredo am Rio Bravo gefunden wurde.

Von der Brücke baumelten zwei Leichen. Ben West von Stratfor berichtet von einem weiteren Fall, ebenfalls in Nuevo Laredo. Dort sei eine geköpfte Frau gefunden worden, die in Blogs gegen Kartelle angeschrieben hatte.

Kritik an den mexikanischen Behörden äußert auch Human Rights Watch. Die Menschenrechtsorganisation beklagt eine drastische Gewaltzunahme wegen des harten Vorgehens der mexikanischen Regierung gegen Drogenbanden. Die Zahl der Morde und Misshandlungen hätten in dem Land ebenso zugenommen wie der Missbrauch von Gewalt durch Sicherheitskräfte, teilte die Organisation in der Nacht zum Donnerstag mit.

In den fünf vom Drogenkrieg am stärksten betroffenen Bundesstaaten hätten Sicherheitskräfte in mindestens 170 Fällen Foltermethoden angewandt. Zudem seien 39 Menschen spurlos verschwunden, während 24 weitere ohne gesetzliche Grundlage getötet worden seien. Human Rights Watch beruft sich auf Zeugenaussagen von rund 200 Menschen.

Präsident Felipe Calderón kündigte nach der Veröffentlichung des Human-Rights-Watch-Berichts an, die Anschuldigungen zu überprüfen. Seine Regierung gibt an, dass etwa 90 Prozent der Todesopfer im Drogenkrieg Kriminelle seien.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 44 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Quo vadis?
majik 10.11.2011
Im Moment klingt das alles so, als seien die Aktivitäten von Anonymous ein Hoffnungsschimmer in dieser verkommenen Welt. Aber wer garantiert uns, dass diese Leute auf der Seite des "Guten" bleiben? Auch die Mafia hat einmal als politische Widerstandsorganisation angefangen. Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut. Eine internationale, undurchschaubare Hackerorganisation wie Anonymous, aber mit kriminellen Zielen dürfte eine dystopische Horrorvision sein.
2. Interessantes Duell
Christian Wernecke 10.11.2011
Das ist ein Duell ganz neuer Prägung: Die Akteure der Schlachtfelder von morgen treten gegen die Akteure der Schlachtfelder von gestern an. Denn eins ist klar: Die mexikanischen Kartelle mit all den alten Herren und beschränkten Kriminellen sind keine Hacker. Zugleich aber sind sie auf das Internet angewiesen, wenn sie weiter erfolgreich sein wollen. Auch für Anonymous dürfte es absolutes Neuland sein. Zwar wissen sie, wo man den Gegner treffen kann, aber sie werden das erste mal nicht mit Behörden oder Konzernen zu tun bekommen, sondern mit brutalen Killern. Sie werden nicht in Gefängnissen landen, sondern stattdessen vielleicht Tote zu beklagen haben.
3. ... Mexiko - das beliebte Urlaubsziel...
Koana 10.11.2011
... eines schafft die Regierung; die Strände Mexikos bleiben i.d.R. "leichenfrei". Somit dürften die hochkultivierten, hochgebildeten und hochkapitalisierten Individuen dieser Welt auch weiterhin nicht belästigt werden, wenn sie mit Ihren Yachten die schönsten Buchten und Häfen des Landes anlaufen. Ich bewundere die logistische Kompetenz, mit welcher das Elend dieser Welt jeweils regional konzentriert wird - lasst uns hoffen, dass unsere Gärten schöne, sauber gepflegte Zonen bleiben, dass unser wunderbares Deutschland weiter von braven, willigen und fleissigen Bürgern bevölkert wird, dass unsere graue Solidargemeinschaft verschont wird vom Rot des Blutes. Ansonsten hoffe ich, die Menschen hinter Annonymus enden nicht so wie das Vorbild Ihrer Maske.
4. +++ Schon 40.000 Kriminelle tot!
Boy_Kott 10.11.2011
Die Regierung des Präsident Felipe Calderón gibt an, dass etwa 90 Prozent der Todesopfer im Drogenkrieg Kriminelle seien. Bei ca. 45.000 Toten müssten das ca. 40.000 tote Kriminelle sein, in 5 Jahren. Respekt, da räumt aber einer sauber auf! Na schön langsam dürften in Mexiko nur noch anständige Menschen leben. Anonymous muss sich mit den Veröffentlichungen beeilen, sonst sind da keine kriminellen Beamten und Politiker mehr unterwegs. In 1-2 Jahren werden wir von Präsident Calderón hören, der Krieg sein aus, es gäbe zwar noch Unmengen von Drogen in Mexiko, aber keinen einzigen Dealer mehr.
5. Gegenseitige Erpressung!?!
adsum 10.11.2011
Zitat von sysopIn einem neuen, drastischen Video prangert Anonymous Korruption und Gewalt in Mexiko an. Man werde jetzt Gegenmaßnahmen ergreifen, kündigt die Netz-Bewegung an. Offenbar haben die Aktivisten einen Trumpf in der Hand: Zehntausende abgefangene E-Mails aus Behörden. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,796843,00.html
Jede Münze hat halt auch zwei Seiten. Es ist sicherlich auch erfreulich, dass die Netzwerkaktivisten von Anonymus den moralischen Zeigefinger erheben gegen die Korruption in Mexiko und vielleicht auch einmal weltweit gegen andere Machenschaften. Aber weiß man auch, ob diese korrupten Beamten nicht auch wieder in Lebensgefahr schweben, weil auch sie erpresst wurden oder vielleicht handelt es sich um eingeschleußte verdeckte Ermittler, die wiederum gewisse Straftaten durchgehen lassen müssen, um an die wirklich großen Fische zu kommen. Auch Anonymus muss sich schützen, indem es ein wirkliches Drohpotential gegen diese Kartelle einsetzen kann. Es wäre unverantwortlich, wenn ihre Aktivisten dadurch in höchste Lebensgefahr gebrachten werden könnten. Es ist ein Teufelskreis mit den gegenseitigen Erpressungen. Der Kreis bekommt mit der Zeit einen immer größeren Radius. Aber sei es drum. Vielleicht haben Abonymus und andere Netzwerkaktivisten mittlerweile eine glücklichere Hand und mehr Durchbruch im Wissen der Zusammenhänge als die jahrelang erfahrenen Jungs im Polizeidienst und Geheimdienst. Das ist scher zu glauben.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Netzpolitik
RSS
alles zum Thema Anonymous
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 44 Kommentare
Fotostrecke
Mexikos Drogenkrieg: Jeder gegen jeden

Die Web-Guerilla Anonymous
Die Namenlosen
Anonymous ist eine lose Gruppierung, die ihren Ursprung einst im anarchischen Bilderforum 4Chan hatte. Zunächst konzentrierten sich Aktivisten auf Aktionen gegen Scientology. Inzwischen werden DDoS-Attacken, bei denen Websites durch massenhafte Anfragen überlastet werden, gegen eine Vielzahl von Zielen durchgeführt. Die Gruppe erklärte sich solidarisch mit den Aufständischen in Ägypten, Libyen, Syrien und anderswo, sie verteidigt WikiLeaks und bekämpft die Branchenverbände der Musik- und Filmbranche. Freie Information und das Recht auf Anonymität gehören zu den wenigen geteilten Zielen der zahlreichen Netznutzer weltweit, die sich zu Anonymous zählen.
Masken und Anzüge
AFP
Die Maske kommt aus Alan Moores Kultcomic "V wie Vendetta" und steht dort als Symbol für den Kampf gegen Unterdrückung, Überwachung und Zensur: Man erkennt die Gruppenzugehörigkeit, nicht aber den anynomen Träger. Angelehnt ist die Maske an Guy Fawkers, einen englischen Offizier, der 1605 den König und das Parlament in die Luft sprengen wollte, um die Verfolgung der Katholiken anzuprangern. Der Mann im Anzug ohne Kopf, das Logo der Bewegung, steht für eine Organisation ohne Anführer: Jeder kann Anonymous sein. Eine Vielzahl von Websites und Foren, Social-Network-Profilen und YouTube-Angeboten propagiert die Grundideen und -ziele der Bewegung.
Dauerfeuer aus Ionenkanonen
Anonymous setzt häufig auf Distributed-Denial-of-Service- oder kurz DDoS-Attacken. Darunter versteht man Angriffe über das Internet, bei der eine Vielzahl von Rechnern für so massenhafte Seitenaufrufe sorgt, dass die angegriffenen Server mit der Überlast nicht mehr fertig werden und kollabieren. Meist sind sie Stunden später aber wieder am Netz. Die "Niederorbit-Ionenkanone" ist ein Tool, das DDoS-Attacken für jedermann ermöglicht - und den freiwilligen Anschluss an ein Botnetz. Klingt cool, ist bei Einsatz aber kriminell. Anonymous hat mehrere zehntausend dieser DDoS-Tools für sogenannte Raids in Umlauf gebracht.
Anonymous gegen Scientology
REUTERS
Anlass zur Gründung der Bewegung waren 2008 Versuche von Scientologen, das Internet zensieren zu lassen: Ein ganz besonders wirres Video, in dem der Schauspieler Tom Cruise über Scientology redet, sollte aus dem Web entfernt werden. In den Foren einiger Imageboards (vor allem 4Chan, wo alle Teilnehmer Anonymous heißen) wurde daraufhin eine DDoS-Attacke verabredet. Seitdem protestiert ein "Arm" von Anonymous regelmäßig, auch ganz in echt auf der Straße, gegen Scientology.
Unterstützung für WikiLeaks
Bekannt wurde Anonymous durch Blockade-Angriffe auf Mastercard und Visa, die "Operation Payback". Die Finanzdienstleister hatte der Enthüllungsplattform WikiLeaks die Unterstütung entzogen. Später startete Anonymous "Operation Leakspin", eine Crowdsourcing-Initiative, um die von WikiLeaks veröffentlichten Dokumente nach interessanten Geschichten zu durchsuchen. Sympathisanten sollen ihre Energie darin investieren, Enthüllungen in "bürgerjounalistischer" Aufmachung auf allen denkbaren Kanälen so weit wie möglich zu verbreiten.
Anonymous und Sony
REUTERS
Sony möchte nicht, dass die Nutzer der Playstation auf der Spielkonsole eigene Software laufen lassen. Der Hacker GeoHot veröffentlichte eine Anleitung, wie es trotzdem geht - und bekam deshalb juristischen Ärger. Anonymous blies als Reaktion Mitte April zum DDoS-Angriff, zur "Operation Sony". Unbekannte stahlen parallel mehr als hundert Millionen Nutzerdaten des Playstation-Networks, weitere Hacker-Angriffe folgten - und Sony verdächtigt Anonymous, beschuldigt die Gruppe der Mittäterschaft.
Im Visier der Ermittler
Die Website-Blockaden provozieren staatliche Gegenwehr: Das FBI ermittelt, Anfang des Jahres wurden Wohnungen durchsucht und Verdächtige festgenommen. In Deutschland durchsuchten Ermittler im Mai, mitten im Wahlkampf, Server der Piratenpartei: Auf einer offenen Plattform soll, ohne Wissen der Partei, ein DDoS-Angriff geplant worden sein. Im Juni nahm die Polizei in Spanien drei mutmaßliche Anonymous-Mitglieder fest, mehr als zwei Millionen Chat-Protokolle sollen ausgewertet worden sein. Auch das Militärbündnis Nato, das sich für den Cyber-War rüstet, hat Anonymous im Visier.
Anonymous Veracruz


Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.