Ministeriumspläne Web-Anzeigenkunden wehren sich gegen Datenschutz-Haftung

Die Werbewirtschaft lehnt den Vorschlag ab: Das Ministerium für Verbraucherschutz will Anzeigenkunden stärker in die Pflicht nehmen - und für Datenschutzverstöße von Internet-Plattformen zur Rechenschaft ziehen. Der Plan könne die Online-Werbung abwürgen, heißt es in einer Replik.

Facebook: Haften bei Datenschutz-Ärger künftig die Anzeigenkunden?
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Facebook: Haften bei Datenschutz-Ärger künftig die Anzeigenkunden?


Hamburg - Die Reaktion kommt prompt - und sie fällt verheerend aus: Als "schlicht unsinnig" bezeichnet die Organisation für Werbungtreibende im Markenverband (OWM) Pläne des Verbraucherschutzministeriums, Anzeigenkunden für Datenschutzverfehlungen von Internet-Plattformen haften zu lassen. Mit einer solchen Regelung würde nicht der Datenschutz gestärkt, sondern Werbung im Internet massiv geschädigt, teilte der Verband mit.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE denkt das Ministerium für Verbraucherschutz über einen radikalen Ansatz nach: Um die in Sachen Datenschutz zuweilen lax operierenden Anbieter aus dem Ausland zu disziplinieren, will man die Anzeigenkunden der Netzfirmen - zum Beispiel Facebook, Google, Yahoo oder jeden beliebigen anderen Anbieter - zur Rechenschaft ziehen, wenn ausländische Unternehmen gegen deutsche Gesetze verstoßen.

Die Idee dahinter: Wirbt ein Unternehmen im Angebot etwa eines Social Networks, profitiert es indirekt auch von dessen möglichen Datenschutzverstößen - zum Beispiel über gezielte Anzeigenplatzierungen, sogenanntes Targeted Advertising. Konkurrenten des Anzeigenschalters könnten dieses Unternehmen dann nach Wettbewerbsrecht kostenpflichtig abmahnen.

Der OWM-Vorsitzende Uwe Becker hält nichts von den Plänen aus dem Ministerium: "Wie soll ein Werbung treibendes Unternehmen einen Internet-Anbieter daraufhin kontrollieren können, dass sämtliche Bedingungen des Datenschutzes auch wirklich erfüllt werden?" Unternehmen würden für Dinge haftbar gemacht, die sie gar nicht prüfen könnten.

Beispiele in der Vergangenheit hätten gezeigt, dass auch dann noch etwas fehlerhaft sein könne, wenn der Vertragspartner versichere, den deutschen Datenschutz einzuhalten. Um auf der sicheren Seite zu sein, könnten Unternehmen in diesen Medien nicht mehr werben. Der Werbemarkt im Internet könnte so vollständige abgewürgt werden, warnt der OWM.

In dem Verband sind nach eigenen Angaben mehr als 100 Unternehmen Mitglied, die im Jahr mehr als 8,5 Milliarden Euro für Kommunikation und Werbung investieren. Im vergangenen Jahr betrug der Online-Werbemarkt in Deutschland nach Angaben des Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) rund 5,4 Milliarden Euro. Für 2011 wird mit mehr als sechs Milliarden Euro gerechnet.

ore/cis



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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
OneTwoThree 11.06.2011
1. Ja, wenn man...
...nicht genug Ahnung hat, um sich um wichtiges zu kümmern, sucht man sich ein Themenfeld aus, in denen einem ein gewisser Zuspruch der ´´üblichen Verdächtigten´´ zu rechnen ist. Völliger Unsinn ist es vielleicht nicht, aber nichts, um dass sich ein Staatsorgan in dieser Form kümmern sollte. Vor allem, wenn man betrachtet, wie vehement sich der Staat in anderen Bereichen um klare Regelungen für den Datenschutz herum drückt.
Dschey 11.06.2011
2. Sehr
gute Idee. Das sorgt endlich für Datenschutz indem es die Anbieter da trifft wo es wehtut , am Geldbeutel. Dadurch liegt es auf einmal im eigenen Interesse der Internet-Unternehmen für Datenschutz zu sorgen weil es sonst keine Einnahmen mehr gibt ;.-)
aspi01 11.06.2011
3. Komplett durchgeknallt!
Komplett durchgeknallte Vorstellung! Bevor eine Anzeige veröffentlich wird, soll also der Auftraggeber der Internet-Anzeige vom Auftragnehmer juristisch durchleuchtet werden. Halbiert das Personal des Verbraucherschutz-Ministeriums, die haben wohl nix besseres zu tun, als sich einen solchen Unsinn auszudenken!
entsorgter_Vater 11.06.2011
4. .
So "sinnvolle" Regeln gibts auch bei der Gewährleistung. Wenn ein selbständiger z.B. Bäcker seinen Firmenwagen verkauft muß er eine Gewährleistung geben wie ein Autohaus ... Ein Ausschluß: "Gekauft wie besehen und probegefahren" ist nicht möglich.
ArnoNym 11.06.2011
5. Hier könnte Ihre Werbung stehen
Zitat von Dscheygute Idee. Das sorgt endlich für Datenschutz indem es die Anbieter da trifft wo es wehtut , am Geldbeutel. Dadurch liegt es auf einmal im eigenen Interesse der Internet-Unternehmen für Datenschutz zu sorgen weil es sonst keine Einnahmen mehr gibt ;.-)
Im Grunde finde ich es gut, wenn man ordentlich Druck auf die Konzerne ausübt, die Datenschutz mit Füßen treten. Nur praktisch wird das nicht funktionieren, denn wie will eine kleine Klitsche, die einfach nur Werbung schalten möchte, erst einmal prüfen, ob die Werbeplattform die deutschen Datenschutzbestimmungen einhält? Auch wenn die Plattformen versichern, daß sie ihn einhalten, kann die kleine Klitsche trotzdem problemlos abgemahnt werden. Durch den dadurch zunehmenden Abmahnwahn wird der Werbemarkt stark zurückgehen. Die Frage ist allerdings, ob dies aus Sicht des normalen Internetbenutzers nicht durchaus sehr positiv zu werten ist. :-)
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