29C3: So geht ziviler Ungehorsam im Internet

Von

Websites mit massenhaften Abfragen lahmlegen - pubertärer Quatsch oder legitimer Protest? Auf dem Kongress des Chaos Computer Clubs stellte Molly Sauter ihre Forschung zu DDoS-Angriffen vor. Ihr Fazit: Die Massenblockade kann unter Umständen hilfreich sein.

Hackerforscherin Molly Sauter: Befürwortet DDoS-Angriffe als Teil politischer Kampagnen Zur Großansicht
Molly Sauter

Hackerforscherin Molly Sauter: Befürwortet DDoS-Angriffe als Teil politischer Kampagnen

Hamburg - Das Wort "Angriff" möchte Molly Sauter gar nicht benutzen, zu kriegerisch klinge das. Während die meisten von DDoS-Attacken sprechen, von "Distributed Denial of Service"-Attacken, redet sie lieber über DDoS-Aktionen, das klinge neutraler. Schließlich geht es ihr um die Ethik hinter diesen Störmanövern, bei denen mit massenhaften Abfragen Websites in die Knie gezwungen werden sollen. Ein wertendes Wort gleich zu Beginn will sie vermeiden.

Die 27-jährige Studentin aus den USA hat am Donnerstagabend einen Vortrag auf dem Hackertreffen 29C3 in Hamburg gehalten, in dem es um die moralische Beurteilung von DDoS-Angriffen ging. Vor allem durch Aktionen von Anonymous wie die Operation Payback ist diese Form des digitalen Überfalls einem breiten Publikum bekannt geworden. Seitdem wird auch unter Hackern über die Blockadeangriffe diskutiert.

"Es gibt Befürworter, die diese Methode immer für eine gute Idee halten", sagte Sauter, die als Medienwissenschaftlerin gerade ihre Abschlussarbeit über das Phänomen schreibt. "Und es gibt die Kritiker, die dieses Vorgehen grundsätzlich verurteilen." Deren Argumente stellte sie vor: Ein DDoS-Angriff sei schlicht Zensur. Wenn eine Website nicht mehr zugänglich ist, verliere der Betreiber damit die Möglichkeit, sich mitzuteilen. Eine DDos-Attacke sei außerdem nur symbolisch. Der Erfolg eines solchen Manövers sei nur schwer zu beurteilen.

Wenn DDoS, dann mit Erklärung

Illegal und womöglich sogar wirkungslos - dieser Kritik also sehen sich Aktivisten und Befürworter der Methode gegenüber. Sie nämlich halten die Massenangriffe für ein geeignetes und legitimes Mittel zum Stören, Intervenieren und Blockieren. Vergleichbar am ehesten noch mit einer Demonstration oder einem Sitzstreik, ziviler Ungehorsam in digital.

Beide haben recht, befand Sauter, denn kein Angriff gleiche dem anderen. Wenn eine Gruppe eine Nachrichtenseite erfolgreich blockiert, weil ihr die Berichterstattung nicht gefällt, dann sei das tatsächlich Zensur und "nicht besonders cool". Wenn allerdings ein Angriff dazu dient, auf einen Misstand aufmerksam zu machen oder zum Beispiel das Geschäftsgebaren einer Firma öffentlich zu kritisieren, könne das durchaus ein hilfreiches Mittel sein - sofern möglichst viele Menschen davon überhaupt etwas mitkriegen.

"Eine DDoS-Aktion sollte nie allein stehen, sondern immer Teil einer größeren Kampagne sein", findet Sauter deshalb. Nebenher müsse erklärt werden, was die ganze Sache eigentlich soll. Die Aktivisten könnten etwa zusätzliche demonstrieren, informieren oder Pressemitteilungen verschicken.

"Es kann sein, dass die Leute zurückschreien"

Auch die Fernsteuerung von Rechnern für solche Angriffe sei problematisch, sagt Sauter. Unbeteiligte würden so mit ihren Computern unfreiwillig an einer solchen Aktion teilnehmen - ohne es zu wissen und ohne es zu wollen. Moralisch gesehen wäre es der bessere Weg, Menschen zu finden, die freiwillig mitmachen oder ihren Rechner zur Verfügung stellen. Wer sich zur Teilnahme melde, müsse umfassend informiert werden, welches Risiko er eingeht. "Würde man sagen: Wir gehen jetzt auf die Straße und schreien Leute an", erklärt Sauter, "dann muss man mindestens dazu sagen: es kann sein, dass diese Leute zurückschreien."

Zurückschreien - oder die Polizei einschalten. Etliche Anonymous-Anhänger bekamen nach DDoS-Angriffen Besuch von Ermittlern. In Deutschland durchsuchte das Bundeskriminalamt die Wohnungen von 106 Verdächtigen, die im vergangenen Jahr an einer DDoS-Attacke auf die Website der Gema teilgenommen haben sollen. Der Vorwurf: Computersabotage nach Strafgesetzbuch, Paragraf 303. Die Computer der größtenteils jungen Verdächtigen nahmen die Fahnder gleich mit.

"Mehr geschadet als geholfen"

DDoS-Aktionen seien eine "extrem umstrittene" Taktik, in manchen Fällen aber eine wirksame Methode, sagt Molly Sauter. Und sie werde nach wie vor genutzt, "und wenn man sie nutzt, sollte man das durchdacht und reflektiert tun". Deshalb legte die Absolventin den Aktivisten ans Herz, achtsam mit diesem Manöver umzugehen und sich der Verantwortung - vor allem gegenüber den anderen, womöglich technisch nicht ganz so versierten Teilnehmern - bewusst zu sein. Manchmal nämlich könne ein DDoS-Angriff mehr Schaden anrichten als helfen.

Das bestätigte sofort ein Mann aus dem Publikum. Er berichtete von Demonstrationen gegen das umstrittene Acta-Abkommen in seinem Heimatland Polen. Die Öffentlichkeit sei den demonstrierenden Aktivisten mit Sympathie begegnet. Dann aber habe Anonymous zum selben Zweck DDoS-Attacken gestartet - und sei auf wenig Verständnis getroffen. DDoS-Attacken seien eben vielen Menschen unsympathisch: "Das hat uns letztendlich mehr geschadet als geholfen."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 23 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Unsympathisch?
divina_commedia 28.12.2012
Kein Wunder. "Attacke" impliziert meist eine Kriegshandlung, welche mit Gewalt einher geht. Aber Raubkopieren hat sich ja auch etabliert ... Dummmenschen übernehmens dann.
2. optional
philkopter 28.12.2012
ich glaub ich les nicht richtig. DoS "Attacken" oder wie immer man sie nennen mag sind eine Straftat und das wird von dieser Frau völlig verkannt. So wie sich der Artikel liest könnte das ja schon fast als Aufruf zu einer Straftat gewertet werden, wo kommen wir denn da hin?! Ich kann schließlich auch nicht hingehen und argumentieren, dass es unter gewissen Umständen sinnvoll sein kann seinem Kind mal Eine zu langen, da wär der Aufschrei riesengroß. Für ein Unternehmen, bspw. einen Online-Versand, kann eine Offlinezeit von einigen Tagen jedoch schon erhebliche Einbußen darstellen bis hin zur Pleite (inkl. Mitarbeiterentlassungen), aber das soll "unter gewissen Umständen" toleriert werden? Das nimmt ja Züge von Selbstjustiz an!
3.
neuroheaven 28.12.2012
Zitat von philkopterich glaub ich les nicht richtig. DoS "Attacken" oder wie immer man sie nennen mag sind eine Straftat und das wird von dieser Frau völlig verkannt. So wie sich der Artikel liest könnte das ja schon fast als Aufruf zu einer Straftat gewertet werden, wo kommen wir denn da hin?! Ich kann schließlich auch nicht.....
na und, sie können auch alternativ im rahmen einer demonstration vorm dem nächsten mc donalds die kunden vergraueln. ist auch legitim und schadet dem unternehmen. das ist kein unterschied. ich halte ddos attacken für ein legitimes und probates mittel dem volk eine stimme zu verleihen. punkt.
4. Verharmlosung
teutoniar 28.12.2012
Zitat von sysopDas Wort "Angriff" möchte Molly Sauter gar nicht benutzen
Oh, sie möchte das Wort "Angriff" nicht benutzen und stattdessen lieber einen Begriff benutzen, der das gemeinschaftliche Lahmlegen von Webseiten verharmlost. Das kennen wir ja schon von den ganzen Filesharing-Diskussionen: Da wollen viele das Wort "Raubkopierer" nicht hören - angeblich, weil der Begriff nicht passe. Die Wahrheit ist aber, dass man schlicht und einfach die Tat *verharmlosen* will. Das ist der wirkliche Grund, weshalb man auf den gängigen Begriffen für diese Straftaten herumhackt. Das will man sich aber oft genausowenig selbst eingestehen wie Insassen im Gefängnis von sich behaupten, dass sie schuldig seien. Und dann kommen sie - ausgerechnet - mit Ethik. Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich mich bei solchen schrägen Denkweisen übergeben möchte. Und das Schlimmste ist, dass manche Medien (ich meine jetzt nicht den Spiegel) so etwas noch aktiv propagieren, weil in den Redaktionen Leute sitzen, die genauso drauf sind.
5. Bürgerliche Freiheitsrechte haben auch Ihre Grenze
masc74 28.12.2012
Zitat von neuroheavenna und, sie können auch alternativ im rahmen einer demonstration vorm dem nächsten mc donalds die kunden vergraueln. ist auch legitim und schadet dem unternehmen. das ist kein Unterschied. ich halte ddos attacken für ein legitimes und probates mittel dem volk eine stimme zu verleihen. punkt.
Ich stimme Ihnen nicht zu! Vor einem Laden zu demonstrieren ist nicht das selbe, schon deshalb, weil die Demonstranten persönlich anwesend sind und sich für etwaige Straftaten oder zivilrechtliche Haftung verantworten müssen, sofern sie die Rechte anderer verletzen. Weiterhin wird durch eine Demonstration Öffentlichkeit erzeugt, welche sie erst als politisches Mittel der Meinungsäußerung ausweist. Dies ist bei einem DDos-Angriff wohl schwer analog zu argumentieren. Auch das Argument der "Volkesstimme" ist schwierig, denn Demonstranten oder hier DDos-"Angreifer" sprechen und handeln natürlich nur für sich und nicht für ein gesamtes Volk. Deswegen gilt bei uns das Gewaltmonopol des Staates und nicht das Faustrecht. Woher sollten die Angreifer also ihre Legitimation für solch eine Tat (die illegale Einschränkung der Rechte anderer) her beziehen als ihre eigene Überzeugung - und diese genügt in einem Rechtsstaat nicht als Legitimation für den Gesetzesbruch. Wenn ich Ihr Argument analog auf Sie anwenden würde, könnte ich z.B. Ihr Auto anzünden um darauf hinzuweisen, dass ich DDos-Angriffe und Ihre Befürworter nicht gutheiße ... und das werden Sie sicher auch nicht als legitim empfinden.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Netzpolitik
RSS
alles zum Thema Chaos Computer Club
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 23 Kommentare

Fotostrecke
29C3 in Hamburg: Hacker-Treffen an der Elbe


Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.