Besserer Datenschutz: Mozilla plant Alternative zu Google und Facebook

Aus San Francisco berichtet

Firefox soll erst der Anfang sein. Die Mozilla-Stiftung, die den Browser verantwortet, bereitet weitere Projekte vor. Sie sollen eine Alternative bieten zu den Datensilos von Google, Facebook und Microsoft. Ärger mit den Konzernen ist programmiert.

Firefox als Plattform: Mozillas Universal-Login für Websites Fotos
Malte Spitz

Im Mozilla-Hauptquartier im kalifornischen Silicon Valley hängt an einer Wand eine gerahmte Comiczeichnung: ein gewaltiger, feuerroter Dinosaurier im Kampf gegen eine Armada fliegender Untertassen in leuchtenden Primärfarben, die an das Google-Logo erinnern. Das Monster steht auf der Ruine eines Wolkenkratzers, an einer übriggebliebenen Mauer prangt ein Internet-Explorer-Logo. "Mozilla vs King Corporate" steht in wuchtigen Comic-Lettern daneben. Die Zeichnung erschien 2010 in "Wired".

Sie passt zum Selbstbild der Mozilla Foundation, die unter anderem für den Open-Source-Browser Firefox verantwortlich zeichnet: der mächtige Mutant gegen die Kräfte der Konzerne. Wenn auch weniger destruktiv. Jetzt will der Mutant, neben Wikipedia das zweite Flaggschiff des anderen, menschenfreundlicheren Internets, die großen Konzerne auf dem nächsten Schlachtfeld angreifen: dem Geschäft mit den persönlichen Daten Hunderter Millionen Internetnutzer. Ohne die Datenwolke wird es in Zukunft nicht gehen, glaubt man auch bei Mozilla. Wie aber soll man in einer solchen Welt die Souveränität des Nutzers waren, die zu den Mozilla-Grundprinzipien gehört?

Cloud-Dienste von der Stiftung

"Im Moment gibt es keine bequeme Möglichkeit, [im Internet] Informationen über mich selbst mitzuteilen und gleichzeitig die Kontrolle über diese Information zu behalten", schrieb Mitchell Baker, die Vorsitzende der Mozilla-Stiftung, im Januar. In der Zentrale arbeitet man deshalb daran, eine Alternative zu den Datensilos von Google, Facebook, Microsoft und all den anderen zu entwickeln. "Keine andere Organisation", sagt Baker selbstbewusst, könne das mit weitreichendem Effekt schaffen. Sprich: Mozilla will selbst Cloud-Dienste anbieten, der Dinosaurier will in die Wolke.

Mozilla arbeitet an einem eigenen Betriebssystem namens Firefox OS, das auf Computern ebenso laufen soll wie auf Handys. Bereits in der Erprobung ist da etwas, das man als Neustart einer alten Idee bezeichnen könnte: ein Universal-Login für Websites. So wie man sich mit seinem Facebook-, Twitter- oder Google-Account heute schon auf vielen anderen Websites einloggen kann, so soll man das künftig auch mit Mozilla Persona tun können, mit einem entscheidenden Unterschied: Mozilla will die Kontrolle darüber, wer was mit den dabei anfallenden Daten anstellen darf, vollständig den Nutzern übertragen. Während die zentralen Login-Funktionen für die Giganten der Branche vor allem eine weitere Datenquelle sind, will Mozilla von den Nutzerdaten am liebsten gar nichts wissen - sie werden schon im Browser verschlüsselt.

Firefox verschlüsselt Surf-Protokolle

Der Cheftechniker des neuen Identitätsprogramms Ben Adida erklärt das am Beispiel von Firefox Sync. Dieser Dienst synchronisiert auf unterschiedlichen Geräten installierte Firefox-Versionen: Auf dem Smartphone lassen sich damit beispielsweise automatisiert die gleichen Tabs öffnen, die man eben noch auf seinem Desktop-Rechner geöffnet hatte. Bookmarks und Surf-Historie werden ebenfalls synchronisiert. Die Idee fanden die Leute bei Google so gut, dass sie sie einfach kopiert haben: Bei einer Entwicklerkonferenz im Juni stellte Google für seinen Chrome-Browser eine vergleichbare Funktionalität vor.

Mit einem entscheidenden Unterschied: Während man Google für diese Funktionalität sein gesamtes Surfverhalten offenlegen muss, verspricht Mozilla Privatsphäre: Welche Websites, welche Inhalte aufgerufen werden, wird direkt im Browser verschlüsselt. Zwar sind die Daten auf Mozilla-Servern gespeichert, anders ließe sich die Synchronisierung über mehrere Geräte nicht realisieren. Weil die Daten aber verschlüsselt sind, könnte Mozilla nie Einsicht nehmen, "selbst dann nicht, wenn eine Strafverfolgungsbehörde anklopft", versichert Adida. "Wobei wir natürlich nicht wissen, was die womöglich entschlüsseln könnten."

Bislang ist die Einrichtung der Sync-Funktion noch relativ mühsam. Man muss beide Geräte gleichzeitig griffbereit haben, um die Paarung mit einem eigens generierten Code erstmals herzustellen, sonst würde die Verschlüsselung nicht funktionieren. Mozilla Persona soll das eines Tages ändern.

Sync ist damit gewissermaßen das trojanische Pferd, mit dem Mozilla sein Persona-Login in den Browsern möglichst vieler Internetnutzer verankern will. Wer die Bequemlichkeit stets synchronisierter Browser auf allen seinen Geräten will, ohne sich von Google beim Surfen über die Schulter sehen zu lassen, besorgt sich am besten einen Persona-Account, das ist die Logik. So soll verhindert werden, dass Persona das gleiche Schicksal erleidet wie andere nichtkommerzielle zentrale Login-Ideen wie OpenID, das sich nie durchsetzen konnte.

Blinder Makler zwischen Seitenbetreibern und Nutzern

Mit dem eigenen Browser und dessen Funktionalität hat man ein mächtiges Argument für die Teilnahme an Persona an der Hand. Und mit Hunderten Millionen Firefox-Nutzern, die womöglich Persona-Nutzer werden können, ein gutes Argument gegenüber Website-Betreibern, Persona auch für ihre Dienste als Login-Möglichkeit zuzulassen. Persona soll eine Art universeller Web-Ausweis werden, Mozilla würde damit zu einer Art blindem Makler zwischen Seitenbetreibern und Nutzern.

Letztlich soll all das natürlich auch dem Firefox-Browser selbst helfen, dem - neben Microsofts Internet Explorer - mit Googles Chrome ein rasant wachsender Konkurrent erwachsen ist. Firefox soll so bequem sein wie Chrome, aber mit eingebautem Datenschutz, auch wenn das bei Mozilla niemand laut sagt. Schließlich leben Mozilla Foundation und Mozilla Corporation maßgeblich von Geld, das die Suchmaschinenbetreiber dafür zahlen, dass Google die Standardsuchmaschine in Firefox ist. 2010 waren das 101,6 Millionen Dollar - 84 Prozent der gesamten Mozilla-Einnahmen. Ende 2011 schlossen Google und die Stiftung einen neuen Vertrag für drei Jahre, "AllThingsD" zufolge geht es nun um 300 Millionen Dollar pro Jahr.

Mittelfristig dürfte die neue Cloud-Strategie noch für Konflikte zwischen Mozilla und seinem mächtigen Finanzier sorgen. Spätestens dann, wenn Mozilla neben Persona weitere datenschutzfreundliche Dienste anbietet.

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insgesamt 35 Beiträge
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1. Um gotteswillen ...
turadot 31.07.2012
... hoffentlich wird das nicht genauso eine lahme Ente wie der Firefox.
2. Auf Wiedersehen
McPomNormalo 31.07.2012
Zitat von sysopFirefox soll erst der Anfang sein. Mozilla plant Persona als Alternative zu Google und Facebook - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,847251,00.html)
Tatsache ist, dass ich meinen jahrelangen Lieblings-Browser von allen Rechnern verbannt habe. Es genügte zum Schluss, Firefox einfach nur gestartet zu haben, um gnadenlos Resourcen zu belegen und den Rechner über die Zeit in Schleich- und Stottermodus zu fahren. Schweren Herzens habe ich Chrome als Ersatz akzeptiert. Jetzt habe ich wieder genug freien Speicher und das Schleichen und Stottern hat auch ein Ende. Wenn Mozilla freilich eine angenehme Alternative zu den aggressiven Datenkraken hin bekommt, versuch ich es vielleicht nochmal. Thunderbird läuft ja auch noch ganz gut.
3. Zukunftsmusik ...
myonium 31.07.2012
... die sollen doch erst einmal einen Bowser bauen, der auf Mobilgeräten vernünftig läuft (momentan funktioniert Firefox vielleicht auf der Hälfte aller Mobiltelefone, soweit meine Privatstatistik im Bekanntenkreis aussagekräftig ist) und einen Synchronisierungsdienst auf die Beine stellen, der wenigstens von Computer zu Computer funktioniert (geht auch nicht). Dann kann man ja mal weitersehen ...
4. Gute Sache
dannyinabox 31.07.2012
Im Grunde eine tolle Sache nur gibt es die eine oder andere Fallgrube. Wie wird das ganze z.B finanziert? Die einzige Möglichkeit sähe ich über Croudsourcing, ein Unterstützungsmodell wo jeder Nutzer freiwillig einen Betrag abgeben kann. Andernfalls wird man immer abhängig sein und bald würde ein Investor fragen wie man denn nun Geld damit verdienen könnte. Ich selbst begrüsse die geplante Roadmap sehr jedoch sehe ich auch gewisse Gefahren.
5. komisch
mabo77 31.07.2012
bei mir läuft der FF wie geschmiert habe ein windoof system ist sogar schneller als der chrome was hast du für ein system turadot
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