Münchner Medientage "Die Jugend ist ein großes Problem"

Die Medienbranche beschäftigt sich immer weiter mit der Suche nach einem Schuldigen für den Wandel als mit der Suche nach Lösungen. Viele sehen Google als Bedrohung. Verleger Dirk Ippen macht ein weiteres Problem aus: die Jugend von heute.

Von , München

Verleger Dirk Ippen: Resignation vor dem Internet
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Verleger Dirk Ippen: Resignation vor dem Internet


Fast jede größere Medientagung bringt einen Satz hervor, ein Zitat, das hängenbleibt, womöglich zu einer Art geflügeltem Wort wird. Etwa, als Hubert Burda einmal bei seiner DLD-Konferenz leicht verbittert erklärte: "You make lousy, lousy pennies on the internet". Das geflügelte Wort der Münchner Medientage 2013 stammt vom Regionalzeitungsverleger Dirk Ippen ("Münchner Merkur", "Hessische/Niedersächsische Allgemeine"). Als es beim Eröffnungsgipfel am Mittwoch mal wieder um die Frage ging, was das Internet mit dem Journalismus macht, sagte Ippen: "Es ist ganz klar - die Jugend ist ein großes Problem."

Das rief im Saal Raunen und Gelächter hervor und wird im Rückblick all die optimistischen Botschaften, die Ippen auch zu vermitteln versuchte - etwa, dass Tageszeitungen nach wie vor 66 Prozent der Deutschen erreichten - überlagern. Die Resignation, die aus seinen Worten spricht, wollten die übrigen Teilnehmer der Runde so nicht teilen, und doch passt der Satz hervorragend zu diesen Medientagen. Als Motto wäre er womöglich sogar besser geeignet als das offizielle: "Mobile Life - Herausforderung für Medien, Werbung und Gesellschaft".

Konsens herrschte in der Eröffnungsrunde und auch sonst überall im Münchner Kongresszentrum nur in einem Punkt: Das Internet geht nicht mehr weg. "Nicht mehr zurückzudrehen" war als Formulierung auf zahlreichen Podien zu hören, genau wie "wir stehen erst am Anfang dieser Entwicklung". Auf den Gängen und im Netz wurde anschließend gelästert, die Medientage 2013 klängen ziemlich genauso wie die von 2012, 2011 oder 2010. Auf der "Speakers Corner"-Bühne im Foyer wurden zwischendurch sogar noch einmal die Begriffe "Web 2.0" und "Tablet-PC" erklärt.

Wettbewerb mit "internationalen Unternehmen"

Noch immer scheint sich ein großer Teil der Branche eher mit der Suche nach den Schuldigen für all den Wandel zu beschäftigen als mit der Suche nach Lösungen. Und das ist, neben der Jugend, die einfach nicht mehr Zeitung lesen will, auch im Jahr 2013 wieder Google. Siegfried Schneider, Chef der Medientage und Vorsitzender der Bayerischen Landesanstalt für Neue Medien erwähnte den Suchmaschinenkonzern in seiner Begrüßungsrede nicht, sagte aber: "Klassische Medienunternehmen stehen nicht nur im Wettbewerb untereinander, sondern auch mit großen, internationalen Unternehmen." Dann zählte er auf, was alles wichtig sei, um mit diesen ungenannten Unternehmen einen fairen Wettbewerb zu gewährleisten: "Das Urheberrecht, das Steuerrecht, der Datenschutz, der Zugang zu den Netzen, die Auffindbarkeit, die Definition der Märkte einschließlich des Medienkonzentrationsrechts und der Jugendmedienschutz." Spätestens damit war der Adressat klar.

In der Vorwoche hatte die "Financial Times" vorgerechnet, dass Google dank komplizierter Konstruktionen mit blumigen Namen wie "Dutch Sandwich" im Ausland im Schnitt nur fünf Prozent Steuern bezahlt. Und dass traditionelle Medienhäuser mit dem Konzern in Sachen Urheberrecht und Aufmerksamkeitsverteilung über Kreuz liegt, ist kein Geheimnis. Auch die frischgebackene bayerische Wirtschafts- und Medienministerin Ilse Aigner will ihrer eher lustlos vorgetragenen Begrüßung zufolge "jegliche Art von Wettbewerbsverzerrung, auch durch Steuerdumping" bekämpfen.

Kaum jemand nutzt das Leistungsschutzrecht

Zweifellos wäre es wünschenswert, dass Google dort Steuern zahlt, wo es Geld verdient, und zweifellos ist das eine Aufgabe für die Politik. Doch den Medienhäusern, die nach wie vor verblüfft bis entsetzt vor dem digitalen Wandel zu stehen scheinen, wäre damit kaum geholfen. Und tatsächlich richten sich deren Ängste weniger auf Googles Erlöse, als auf die drohende Atomisierung jeglichen Medieninhalts durch Suchmaschinen und Soziale Medien. Wie soll man Geld verdienen, wenn die Aufmerksamkeit der Nutzer von Google und Facebook verteilt wird? Am Mittwochnachmittag gab es eine Diskussionsrunde, organisiert von Tomorrow Focus, Titel: "Gehört Google das Internet?"

Dabei ist doch das nicht zuletzt von "Focus"-Besitzer Hubert Burda vehement eingeforderte Leistungsschutzrecht für Presseverlage jetzt da. Nur macht kein großes Medienhaus davon aktiv Gebrauch. Am grundsätzlichen Problem der Verlage, dass online bislang weniger verdient wird als offline, hat sich dadurch nichts geändert.

1600 Artikel am Tag

Es geht eben nicht nur um Geld, sondern auch immer noch um Aufmerksamkeit. Der Geschäftsführer der "Huffington Post", Jimmy Maymann, fasste die Lage der Medienhäuser in seinem Vortrag so zusammen: "Die Nutzer wollen selbst entscheiden, was sie lesen, wann sie lesen, wo sie lesen." Das Modell für den Medienkonsum der Zukunft sei "Einkaufen à la Carte". Die amerikanische "Huffington Post" generiere heute deshalb 1600 Artikel am Tag, während es früher 200 gewesen seien. Ihm selbst bereite das kein Vergnügen, aber "wenn wir das nicht machen, gewinnen wir nicht im Spiel mit Suche und Social, sind wir kein relevanter Nachrichtenanbieter mehr".

Da dürfte der eine oder andere im Saal schwer geschluckt haben, zumal Maymann selbst nachschob, kein Medienunternehmen, das profitabel agieren wolle, könne all diese Geschichten aus sich selbst heraus generieren - ohne das Kuratieren und Aggregieren anderer Inhalte aus dem Netz gehe es nicht mehr.

"Wo finde ich Relevanz?"

Matthias Büchs von RTL interactive sagte dazu einen weiteren Satz, der so oder so ähnlich zahllose Male fiel bei diesen Medientagen: Man könne sich in dieser neuen Medienwelt nur halten, wenn man "in unverwechselbare Inhalte" investiere. Sogar Googles Deutschlandchef Philipp Justus hatte in der Eröffnungsrunde versucht, den anwesenden Medienvertretern Mut zu machen: Die Frage "Wo finde ich Relevanz?" sei in der zersplitterten Mediengegenwart drängender denn je. Da sehe er "eine hervorragende Möglichkeit für guten Journalismus."

All das klang eher beschwörend als optimistisch. Dabei gab es am Mittwoch auch durchaus positive Nachrichten: PriceWaterhouseCoopers zufolge wird die Medienbranche bis 2017 jährlich um geschätzte 2,3 Prozent wachsen. Besonders kräftiges Wachstum prognostizieren die Autoren der Studie im Bereich Internet und Online-Werbung. Den Umsätzen mit digitalen Medien prognostizieren sie ein jährliches Wachstum von 8,4 Prozent. Trotz, oder vielleicht sogar wegen der Jugend von heute.

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insgesamt 36 Beiträge
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Galata_Bridge 17.10.2013
1. Es ist in jeder Branche so
Hier beschweren sich alte Opis darüber, dass man mit einem jahrzehntealten Geschäftsmodell nicht mehr soviel Geld verdient wie damals und reagieren beleidigt. "Früher war alles besser". Willkommen in Neuland.
Erkläromat 17.10.2013
2. wird bis 2013 um 2,3 Prozent wachsen?
Ich weiß ja, dass Prognosen von Wirtschaftswissenschaftlern exponentiell ungenauer werden, je weiter sie in die Zukunft reichen, aber deshalb im Oktober 2013 etwas für "bis 2013" "vorherzusagen" ist auch keine Lösung :-)
Kaworu 17.10.2013
3.
Tja, die Entwicklung hat Deutschland verschlafen, jetzt laufen die Unternehmen hinterher. Die sollten sich mal überlegen, wo Google herkommt - die Zeiten kommen nebenbei nicht wieder. Das wäre so als wollte man eine neue Automarke ohne Fremdbeteiligung auf den Markt bringen. Die Medienkönige sollen eben einsehen, dass sie den Trend verpennt haben, Google hätte genausogut aus Deutschland kommen können, wäre man schneller, innovativer und risikofreudiger gewesen. Weil die Amerikaner da schneller agierten haben wir jetzt - google - facebook - twitter etcpp und Deutschland hechelt hinterher, getrieben von einer Pleite (zB studiVZ) in die nächste.
dorfneurotiker 17.10.2013
4. Das Internet geht nicht mehr weg
was für eine Erkenntnis anno 2013! Ich habe den Eindruck da hat eine Branche 10 Jahre den Kopf in den Sand gesteckt. Und jetzt sind alle am heulen und schimpfen auf die böse Jugend die keine klassische Zeitung zum Frühstück liest. Da fühle ich mich mit fast 50 wieder jung. Danke liebe Verleger.
qoderrat 17.10.2013
5. Geschäftsmodell
Zitat von sysopDPADie Medienbranche beschäftigt sich immer mehr noch mit der Suche nach einem Schuldigen für den Wandel als mit der Suche nach Lösungen. Viele sehen Google als Bedrohung. Verleger Dirk Ippen macht ein weiteres Problem aus: Die Jugend von heute. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/muenchner-medientage-verleger-gruseln-sich-vor-google-und-der-jugend-a-928458.html
Jaja, die böse Jugend von heute, früher war alles besser. Solange diese Gedankengänge die Grundlage für die Geschäftsentwicklung sind, wird es nicht besser werden. Wer nur die Bedrohung seines Geschäftsmodells sieht und nicht die Chancen einer (gar nicht mehr so ) neuen Technologie, wird in der Zukunft untergehen. Google ist eine Bedrohung, da google über Rankings durchaus steuern kann, was gefunden wird und was nicht. Dieses Problem anzugehen ist durchaus wichtig, nur verrennen sich wichtige Teile der Medienbranche im Versuch mit einem Leistungsschutzrecht das alte Geschäftsmodell noch etwas länger am Leben zu erhalten. Ein hoffnungsloses Unterfangen, der Abstand zur Konkurrenz wird grösser, am Ende werden auch noch Nachrichteninhalte aus dem Ausland bedient, die erwähnte Huffington Post mit einem neuen deutschen Ableger ist ein Beleg dafür. Strafverschärfend kommt dazu, dass unsere Medien mit einem Jugendschutz zu kämpfen haben, der alle Angebote an Erwachsene von vornherein scheitern lassen muss. An dieser Front werden politische und moralische Überzeugungen durchgesetzt, die damit ganze Geschäftszweige ins Ausland verbannen. Wer glaubt die Jugend mit Geschäftszeiten im Internet, beschnittenen Medieninhalten und Postident-Altersverifizierungsverfahren zu schützen ist wahrlich noch nicht im Neuland angekommen. Dass damit in einem internationalem vernetzten Medium niemand geholfen ist und man die Anstrengungen lieber in die Vermittlung von Medienkompetenz der Jugend stecken sollte scheint mir offensichtlich. Bevor es im Medienbereich wieder aufwärts gehen kann, muss es wohl erst noch deutlich schlimmer werden, da sowohl die Medienbetreiber als auch die Gesetzgeber die Mechanismen des Internet noch nicht verstanden haben. Bleibt nur zu hoffen dass die notwendigen Korrekturen vorgenommen werden, bevor grosse Teile der Medienlandschaft unwiederbringlich verloren sind.
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