Nazis bei Facebook: Hass, getarnt als Witz

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Deutsche Rechtsradikale verlagern ihre Aktivitäten zunehmend ins Social Web. Nicht nur bei YouTube verbreiten sie Hass, auch bei Facebook findet man widerwärtige Text-Bild-Collagen, die Neonazis als Sammelpunkt dienen. Facebook tut sich mit dem Löschen augenscheinlich schwer.

Facebook: Nazis nutzen vermeintlich witzige Widerwärtigkeiten als Sammelpunkt Zur Großansicht
REUTERS

Facebook: Nazis nutzen vermeintlich witzige Widerwärtigkeiten als Sammelpunkt

Hamburg - Ein Galgen mit gehenkten Nazi-Opfern, im Vordergrund ein Uniformierter mit Bier in der Hand, Marke: "Reichskristallweizen". Dazu der Werbespruch: "Einfach mal die Seele baumeln lassen."

Ein Bild von Adolf Hitler, im offenen Wagen Hände schüttelnd, Aufschrift: "Ich will Spaß, ich geb G…".

Ein "Geburtstagsgruß" an eine "braune" 30-Jährige, verziert mit dem Bild eines jungen Mannes mit Down-Syndrom und einem Schmähwort.

Rassistische Beleidigungen, gerne in Kombination mit Fäkalwitzen.

Der Betreiber der Facebook-Seite mit der Selbstbeschreibung "Geschmacklos - schmutzig - ehrlich" nimmt für sich in Anspruch, "schwarzen Humor" zu verbreiten. In Wahrheit war die Seite ein digitaler Tummelplatz für Neonazis. Man begrüßte einander mit dem Kürzel "88", das für "Heil Hitler" steht, oder mit "Nazis rein". Fleißige Kommentatoren und Unterstützer verwiesen in ihren eigenen Profilen gern auf rechte Bands, die auf ihren Seiten wiederum zu Rechtsrock-Festivals einladen. Über 64.000 Fans hatte die Seite. Bei Facebook sind auch Nazis gut vernetzt.

"Verstößt nicht gegen unsere Gemeinschaftsstandards"

Die beschriebene Seite existierte mindestens seit Herbst 2012. Damals berichtete Netz-gegen-Nazis.de über das Angebot. Doch am 25. Juni 2013 war es immer noch online. Als wir probeweise einige besonders menschenverachtende Bilder, darunter die oben beschriebenen, bei Facebook als unangemessen meldeten, mit der Begründung, hierbei handele es sich um "Hassrede" - so heißt das bei Facebook - kam die Antwort prompt: "Wir haben das von dir wegen Hassbotschaften oder -symbolen gemeldete Foto geprüft und festgestellt, dass es nicht gegen unsere Gemeinschaftsstandards zu Hassbotschaften verstößt." Auf die Seite aufmerksam gemacht hatte uns ein Leser, dessen Meldungen an Facebook zuvor ebenfalls abschlägig beschieden worden waren.

Die deutsche Organisation Jugendschutz.net erklärt in ihrem eben veröffentlichten Bericht "Rechtsextremismus online": "Facebook reagierte bislang unzureichend und duldete immer wieder auch volksverhetzende Inhalte, wenn sie als Satire oder Humor gekennzeichnet waren. Fehlende Sanktionen können hier jedoch dazu führen, dass ein Klima gefördert wird, in dem Diskriminierungen salonfähig erscheinen." Tatsächlich ist die beschriebene Seite bei weitem nicht die einzige ihrer Art.

Neonazis verlagern ihre Online-Aktivitäten zunehmend ins Social Web: Von 7000 erfassten und als rechtsextrem eingestuften Inhalten im deutschsprachigen Netz habe man 80 Prozent in sozialen Netzwerken, nur 20 Prozent auf klassischen Internetseiten gefunden, berichtet Jugendschutz.net, über 1300 allein bei Facebook und YouTube. Auch Googles Videoplattform erfreut sich bei Nazis ungebrochener Beliebtheit.

Wieder melden wir, wieder gibt es zunächst keine Reaktion

Nach einem Anruf bei Facebooks Pressestelle verschwand die oben beschriebene Seite dann sehr schnell. Betreiber und Fans aber wichen umgehend auf weitere Seiten aus, die sich angeblich wieder dem "schwarzen Humor" widmen: Wieder Witze über Hitler und Gas, von "Träumen" ist die Rede, in denen Türken aufgehängt werden. Wieder melden wir einige Bilder, etwa eines, das ein Luxushotel in Dubai zeigt, Überschrift "Sieben Sterne" und darunter das Tor des Konzentrationslagers Auschwitz mit der Überschrift "4 Millionen Sterne" und der Unterschrift "Made in Germany". Wieder wird die Meldung zunächst abschlägig beschieden, wieder zeigt erst ein Hinweis an die Pressestelle Wirkung.

Facebook betont auf Anfrage, das Netzwerk sei "kein Ort für die Verbreitung rassistischer Ansichten". Man unterstütze mehrere Aktionen und Initiativen gegen Rechtsextremismus, etwa no-nazi.net und 361 Grad Respekt. Außerdem arbeite man unter anderem mit Laut gegen Nazis und Netz gegen Nazis zusammen. Umso erstaunlicher, dass die eingangs beschriebene Seite noch zehn Monate nach dem zitierten Artikel bei Netz gegen Nazis online war.

Natürlich fördert Facebook die Aktivitäten der Nazis auf der Plattform nicht bewusst - sogar Unternehmensgründer Mark Zuckerberg wird auf den beschriebenen Seiten immer wieder antisemitisch verunglimpft. Doch die in Irland stationierten Kontrolleure des Unternehmens haben offenbar Schwierigkeiten, die Grenze zwischen Humor und Hass zu erkennen. Wenn es um nackte Haut geht, ist man hingegen eher allzu konsequent.

Das Unternehmen selbst formuliert: Man sei "der Auffassung, dass Facebook als neutrale Plattform ein Ort sein muss, an dem es möglich ist, Dinge mit Hilfe von drastischen oder verstörenden Inhalten ansprechen zu können". Auf diese würde "die Voraussetzung für gesellschaftliche Diskurse und das Problembewusstsein unter den Menschen geschaffen".

Dass die beschriebenen Beispiele als Diskursanstoß eher nicht geeignet sind, wurde offenbar erst nach den Nachfragen in der Pressestelle erkannt. Man reagiere "umgehend, wenn ein Verstoß vorliegt", erklärt Facebook nun, wenn dies "wie im vorliegenden Fall", nicht geschehe, "so müssen wir uns dafür entschuldigen". Man prüfe, "wie es zu diesem Fehler kommen konnte".

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