Netz-Öffentlichkeit: Blogger verschlafen die Euro-Krise

Europa ist in der Krise, aber kaum jemand mag darüber bloggen. Dabei sind die technischen Bedingungen für eine digitale europäische Öffentlichkeit durchaus vorhanden. Was wir also endlich brauchen, ist eine europäische Blogosphäre. Ein Debattenbeitrag von Ronny Patz.

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"Warum wacht Ihr nicht auf?": Blogs sind selten Teil echter europäischer Diskussionen

Als wir vor über drei Jahren Bloggingportal.eu aus der Taufe hoben, gab es die ökonomische Krise schon. Aber ein Europa, in dem sich deutsche Medien mit dem Zeitpunkt griechischer Wahlen beschäftigen und in dem die deutsche Kanzlerin aus Angst vor dem französischen Sozialisten Hollande Wahlkampf für den Konservativen Sarkozy macht, war nicht absehbar.

Facebook wuchs und wuchs, Twitter nahm langsam Fahrt auf, aber dass sich die EU-Kommission drei Jahre später in einer offiziellen Sitzung wegen der Acta-Proteste geschockt mit der gewachsenen Rolle der digitalen europäischen Öffentlichkeit befassen würde, hätte niemand vorhersagen wollen. Und dass sich Fernsehkoch Tim Mälzer an der in Großbritannien gestarteten, europäischen Umweltschützer-Kampagne "Fish Fight" beteiligen würde, um ein EU-weites Verbot von Beifang-Rückwürfen in der Fischerei durchzusetzen, hätte man auch nur unter der Kategorie "Schön wär's!" abgetan.

2012 ist all das Realität, trotzdem bloggt fast niemand über europäische Politik. Kaum ein Blogger zitiert die politischen Diskussionen in anderen Mitgliedstaaten oder kommentiert auf Blogs, die nicht in der eigenen Sprache verfasst sind. Mit Bloggingportal.eu versuchen wir, einen Überblick über die wenigen hundert "Euroblogs" zu geben, die sich überall auf dem Kontinent und darüber hinaus mit europäischen Themen auseinandersetzen. Aber die Szene ist klein und größere europäische Blogger-Diskussionen selten. Gewachsen ist lediglich der Bereich der europäischen Wirtschaftsblogs, die sich wegen der Krise zwangsläufig mehr mit Europa auseinandersetzen mussten.

Es fehlt ein neuer, kritischer Blick auf Europa

Auch in Deutschland muss man europäisches Bloggen mit der Lupe suchen. Man findet dann neben Beiträgen zur Wirtschafts- und Finanzkrise zum Beispiel den ein oder anderen Beitrag von Netzpolitik.org, "Kaffee bei mir?" oder "vasistas?" zu Acta und anderen netzpolitischen Entscheidungen in der EU. Einige Blogs beschäftigen sich regelmäßig mit spezifischen EU-rechtlichen Fragen oder mit europäischer Verfassungspolitik, und es gibt den ein oder anderen Journalisten, der zu europäischen Themen bloggt.

Gemessen an der Reichweite europäischer Politik sind das nur Tropfen auf dem heißen Stein. Die Beiträge sind selten Teil echter europäischer Diskussionen, durch die Blogger mit gegenseitigen Links und Kommentaren Länder- und Sprachgrenzen überwinden und dafür sorgen, dass aus national geprägten Debatten europäische Diskurse werden.

Was den Bloggern fehlt, ist eine Plattform wie Presseurop. Dort werden nicht nur Artikel von Zeitungen und Nachrichten-Websites in bis zu zehn Sprachen übersetzt, sondern auch unter jedem Beitrag die Kommentare aus allen Sprachversionen sichtbar. Den Lesern und Kommentatoren wird dadurch klar, dass die entsprechende Diskussion europaweit geführt wird.

Was fehlt, ist ein neuer, kritischer Blick auf Europa, in dem Entscheidungen, die in Brüssel oder in Bologna gefällt werden, nicht als zu kompliziert, zu technisch, oder zu wenig nachvollziehbar empfunden, sondern als ganz normale Politik diskutiert werden.

Hier geht es nicht um die Frage, ob Europa gut oder die EU schlecht ist. Hier geht es um die Frage, wo welche Politik für uns und mit uns gemacht wird. Oft ist eine Entscheidung der deutschen Bundesregierung genauso wichtig wie die Position der spanischen, der ungarischen oder der zyprischen Regierung, und die Haltung des deutschen Bundestages so relevant wie eine Abstimmung im EU-Parlament.

Hyperlinks kennen keine Landesgrenzen

Die klassischen nationalen Medien, auch die Online-Presse, orientieren sich noch zu sehr an nationalen Märkten und nationalen Öffentlichkeiten. Sie verpassen die Gelegenheit, europäische Diskussionen entstehen zu lassen. In einer europäischen Blogosphäre können wir diese Beschränkungen ignorieren, denn Hyperlinks kennen keine Sprach- und Landesgrenzen. Wir brauchen Blogger, die über den Horizont ihres Netzwerks hinausblicken und die, falls die eigenen Fremdsprachenkenntnisse an Grenzen stoßen, mit Hilfe von Google Translate oder über spezielle mehrsprachige Plattformen europäische Diskurse anstoßen und am Leben halten.

Wenn wir das schaffen, werden demnächst in Brüssel, Bratislava und Berlin die Politiker und Bürokraten nicht nur bei Acta mit den Augen rollen. Sie werden sich auch in umwelt-, finanz- und entwicklungspolitischen Fragen einer europäischen Blogosphäre gegenüber sehen, in der europäische Debatten geführt werden, die Einfluss auf die Politik in ganz Europa haben.

An diese Möglichkeit hätte ich vor drei Jahren noch nicht geglaubt. Doch wenn wir Billionen Euro zur Rettung der europäischen Währung in die Hand nehmen können, sollten wir auch in der Lage sein, gemeinsam eine europäische Blogosphäre zu schaffen.

Anmerkung der Redaktion: SPIEGEL ONLINE ist Partner des im Artikel erwähnten Portals Presseurop.

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1.
Tokk 03.05.2012
Die Europäischen Blogger sind eher mit Sachen wie der Vorratsdatenspeicherung und Gesetzen wie ACTA, PIPA und CISPA beschäftigt. Für Blogger und die Onlinebevölkerung steht ein freies Netz an höherer Stelle als eine Finanzkrise.
2. Sprachprobleme
Dzing 03.05.2012
Zitat von sysopREUTERSEuropa ist in der Krise, aber kaum jemand mag darüber bloggen. Dabei sind die technischen Bedingungen für eine digitale europäische Öffentlichkeit durchaus vorhanden. Was wir also endlich brauchen, ist eine europäische Blogosphäre. Ein Debattenbeitrag von Ronny Patz. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,830749,00.html
Richtig erkannt und das wird sich vermutlich so rasch auch nicht ändern. Wohl nur eine ganz kleine Minderheit beherrscht andere europäische Sprachen so gut, um in einer Fremdsprache zu bloggen oder solche Blogs regelmäßig zu verfolgen.
3. presstext.wordpress.com
overhead 03.05.2012
Dieser Blog veröffentlicht gute Artikel zum Thema! presstext.wordpress.com/category/euro
4.
osis1980 03.05.2012
Zitat von TokkDie Europäischen Blogger sind eher mit Sachen wie der Vorratsdatenspeicherung und Gesetzen wie ACTA, PIPA und CISPA beschäftigt. Für Blogger und die Onlinebevölkerung steht ein freies Netz an höherer Stelle als eine Finanzkrise.
Wir haben eine Politik- und eine Bankenkrise. Das sollte auch der SPon langsam mal begreifen. SPON berichtet ja auch nicht über diese Themen... Sondern ist damit beschäftigt alle drei Monate "überrascht" über die Bankenprobleme zu sein.
5. mich wundert es nicht - die meisten SPON-Chatter z.B.
labudaw 03.05.2012
Zitat von DzingRichtig erkannt und das wird sich vermutlich so rasch auch nicht ändern. Wohl nur eine ganz kleine Minderheit beherrscht andere europäische Sprachen so gut, um in einer Fremdsprache zu bloggen oder solche Blogs regelmäßig zu verfolgen.
schreiben und schreiben und schreiben gegen den EURO - eine gemeinsame Währung. Man kann sich bildhaft vorstellen, wass wäre, wenn eine gemeinsame Sprache eingeführt würde. Das gibt nie was..
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Zum Autor
  • Ronny Patz lebt in Berlin und Brüssel. Er promoviert an der Universität Potsdam über Informationsflüsse bei EU-Entscheidungsverfahren. Zusammen mit anderen europäischen Bloggern betreibt er Bloggingportal.eu. Er selbst schreibt auf Polscieu über EU-Politik, EU-Forschung und europäische Kommunikation.



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