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S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Wie aus Netzhass Gewalt wird und was dagegen hilft

Eine Kolumne von

Die Hasskommentare gegen Flüchtlinge auf Facebook sind gefährlich, denn Online-Hetze kann zu Gewalt führen. Doch es gibt einen Weg, das zu verhindern.

Sagen, was ist: Deutschland hat ein Problem mit Online-Hetze. Die Netzhasswelle gegen Flüchtlinge und der enorme Anstieg von Straftaten gegen Flüchtlinge scheinen auf den ersten Blick miteinander zu tun zu haben. Der vielbeachtete Tagesthemen-Kommentar von Anja Reschke hat diesen Zusammenhang so hergestellt: "...aber es sind ja eben nicht nur Worte. Sondern es gibt sie ja schon, die Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte. Die Hasstiraden im Internet haben ja längst gruppendynamische Prozesse ausgelöst, die Zahl der rechtsextremen Gewalttaten ist gestiegen."

Bei den Reaktionen auf diesen Kommentar ließ sich die Verfahrenheit der Situation beobachten. Zwar gab es laut Tagesschau-Redaktion rund zwei Drittel positive Kommentare. An den negativen Reaktionen aber konnte man erkennen, dass es nicht um den Austausch von Argumenten geht, sondern nur um die Verortung in einer schwarz-weißen Welt: für oder gegen Flüchtlinge.

Die Aussage von Reschke richtete sich gegen Hetze und Gewalt, sie wurde in den negativen Kommentaren aber als Appell betrachtet, alle Flüchtlinge aufzunehmen. Diesen Schluss kann man nur ziehen, wenn man ein polares Weltbild mit sich herumschleppt, wo Grauwerte, Verhandlungen und Kompromisse nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems sind.

Raus, weg, anzünden - schlichter geht es nicht

Das ist die Basis des Netzhasses, der weit über das aktuelle Flüchtlingsthema hinausreicht: der Wunsch nach radikaler Vereinfachung. Vermeintlich einfache Probleme mit vermeintlich einfachen Lösungen, raus, weg, anzünden - schlichter geht es nicht. Deshalb ist es so fatal, wenn Innenminister de Maizière oder irgendwelche CSU-Populisten genau dann eine Diskussion um angeblich zu hohe Taschengelder für Flüchtlinge oder angeblichen "Asylmissbrauch" anzetteln, wenn Flüchtlingsheime brennen: In der Schwarz-Weiß-Welt der Netzhetzer fühlt sich das wie eine Bestätigung ihrer radikal vereinfachten Haltung an.

Die Vereinfachung beginnt also mit Bekenntnis statt Diskussion. Das aber bedeutet, dass die Kommunikation einem anderen Zweck dient als dem Meinungsaustausch, nämlich der Findung Gleichgesinnter und dem spontanen Zusammenhalt gegen die böse Restwelt.

Spontane Gruppenbildung in Verbindung mit Hass und offensichtlicher Menschenverachtung - so klingen Zutaten zu einem Mob. An dieser Stelle lohnt es sich deshalb, den von Anja Reschke unterstellten Zusammenhang näher zu betrachten: Führt Online-Hetze zur Gewalt?

Das "Vorspiel zum Mord"

Die Forscherin Susan Benesch hat diese Frage anhand von konkreten Gewaltwellen beantwortet. In Kenia zum Beispiel hatten sich im Umfeld der Wahlen 2007 und 2008 gewalttätige Mobs gebildet, angetrieben von sozialen Medien, E-Mails und SMS. Eine essenzielle Rolle spielten dabei Gerüchte und halbwahre Neuigkeiten. Das Resultat: über 1000 Tote und mehr als 600.000 Vertriebene. Susan Benesch hat bei der Untersuchung dieser und anderer Gewaltausbrüche festgestellt, dass Hassrede ("Hate Speech") tatsächlich Gewalt hervorbringen kann, wenn sich bestimmte Bedingungen ergänzen:

  • ein einflussreicher Absender mit Publikumswirkung
  • ein angsterfülltes und sorgenvolles Publikum
  • eine Ansprache, die als Gewaltaufruf zu verstehen ist
  • frühere Gewaltausbrüche oder ein sozialer oder historischer Kontext, der Gewalt begünstigt
  • eine Verbreitungsplattform, die ihrerseits einflussreich ist, weil sie die primäre Nachrichtenquelle für das Publikum darstellt

Diese fünf "definierenden Variablen" lesen sich wie die Beschreibung von dem, was jetzt auf Facebook mit den einschlägigen Hassgruppen und ihren Anführern geschieht. Benesch hat dafür einen neuen Begriff geprägt: "Dangerous Speech", also etwa "Gefährliche Rede", man könnte auch schlicht sagen: Hetze. Sie markiert den Punkt, wo Herabwürdigungen sich verwandeln in die Vorbereitung von Gewalttaten.

Besonders häufig werden dabei die späteren Opfer Tiere oder Ungeziefer genannt - exakt diese verbale Entmenschlichung bezeichnet Benesch als "Vorspiel zum Mord". Nach Benesch lässt sich also eine gerade Linie ziehen von der Hetze gegen Flüchtlinge zu den Brandanschlägen auf Flüchtlingsheime, Anja Reschke hatte Recht.

Gegenrede hilft - aber ohne Hass

Ein wichtiger Teil der Bekämpfung von Hassrede ist natürlich die Löschung. Interessant war dabei in einem Fall 2013 das Verhalten von Facebook. Nachdem die Meldung von frauenfeindlicher Hassrede selten zur Löschung führte, attackierten drei Aktivistinnen das Netzwerk an seinem neuralgischen Punkt: Sie schrieben die werbetreibenden Unternehmen an. Facebook reagierte umgehend mit einer Erklärung und ging fortan sensibler mit frauenverachtenden Beiträgen um.

Zu Recht wird heute in Deutschland beklagt, dass die Meldung eindeutiger Hassrede gegen Flüchtlinge selten Folgen hat. Vielleicht sammelt ja bald jemand Screenshots von Werbung großer Unternehmen, die auf Facebook direkt neben den Hasskommentaren steht, und veröffentlicht sie. Das würde für Facebook die Entfernung von Hassrede wohl wesentlich einfacher machen.

Susan Benesch hat aber auch untersucht, wie sich die Wirkung von Hassrede gesellschaftlich bremsen lässt, weil rein gesetzliche Maßnahmen häufig in Zensur münden - und hier wird es spannend: Benesch nennt die sinnvollen Gegenmaßnahmen "Counter Speech", also Gegenrede. Dabei kommt es darauf an, Hass gerade nicht mit gleicher Münze zu beantworten, so emotional naheliegend das auch sein mag. Stattdessen zitiert Benesch den norwegischen Premierministers Stoltenberg angesichts des rechtsradikalen Terroranschlags mit 77 Morden auf Utøya: "Wir werden Hass mit Liebe beantworten".

Es ist schwierig, aber vermutlich die Mühe wert

Als konkretes Beispiel erklärt sie, wie der Amsterdamer Bürgermeister nach dem islamistischen Mord an Theo van Gogh sich deutlich gegen anti-muslimische Racheakte aussprach und sagte: "Ein Amsterdamer wurde ermordet. Kämpft mit dem Stift und wenn notwendig, vor Gericht. Aber nehmt niemals die Justiz in die eigenen Hände." In den Tagen nach dem Mord geschahen im ganzen Land Racheakte gegen Muslime - außer in Amsterdam.

Nachdem im Jahr vor den Wahlen 2013 in Kenya bereits wieder mehrere Hundert Menschen ermordet worden waren, bildete sich eine breite "Counter Speech"-Gegenbewegung. Die Führung fast aller gesellschaftlicher Gruppen rief unisono und in ständiger Wiederholung dazu auf, sich von jeder Gewalt fernzuhalten. Sehr viele kenianische Prominente, Sportler, Schauspieler, Musiker, stimmten in die "Friedenspropaganda" ein. Die Gewaltausbrüche gingen dramatisch zurück, die Wahlen selbst verliefen mehr oder weniger friedlich.

Counter Speech, Gegenrede, bedeutet also gerade nicht Verharmlosung von Gewalt - Brandanschläge sollen auch weiterhin Terrorismus genannt werden, und ein islamistischer Mord bleibt ein islamistischer Mord. Es bedeutet aber, dass den hasserfüllten Worten mit nicht hasserfüllten Worten, mit Aufklärung und einer kraftvollen Gegenposition begegnet wird. Ich gebe zu, dass mir das selbst nicht immer leicht fallen wird. Aber vermutlich ist es die Mühe wert.

tl;dr

Hassrede im Netz kann zu Gewalt führen - aber mit nicht hasserfüllter Gegenrede kann die Gesellschaft das verhindern helfen.

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Kolumne - Die Mensch-Maschine
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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 107 Beiträge
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1.
vaikl 19.08.2015
Und da haben wir schon das Problem für solche Kommunikationsstrategien in Deutschland. Solange sich die Blitzbirnen aus fast allen politischen Lagern mehr mit Stimmenfang am ultrarechten Gesellschaftsrand befassen wie mit der eigenen Verfassung, solange wird es dieses Unisono nicht geben.
2. schön geschrieben
glimmstengel 19.08.2015
guter knapper Artikel, der es auf den Punkt bringt. Wenn ich meinen Mitarbeiter anschreie, weil er wieder etwas falsch gemacht hat, wird er mit Sicherheit anders darauf reagieren, als wenn ich es ihm nochmal in Ruhe erkläre. Lösungsfokussiert zu diskutieren bedeutet nicht Missstände anzusprechen, sondern zu erörtern wies weitergeht. Natürlich gibt es Grenzen, wenn einer partout nicht einlenken will, oder abfällig wird oder eben Menschenverachtend redet oder schreibt, ist eine Grenze überschritten. Dann muss der Rechtstaat einschreiten, wie Till Schweiger so schön angeprangert hat.
3. Schön...
trader_07 19.08.2015
Schöner Artikel, Herr Lobo. Danke dafür!
4. Volle Zustimmung
kompetenzfabrik 19.08.2015
Ich werde das beherzigen
5.
maxmaxweber 19.08.2015
Zitat: Diesen Schluss kann man nur ziehen, wenn man ein polares Weltbild mit sich herumschleppt, wo Grauwerte, Verhandlungen und Kompromisse nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems sind. Genau so ist es. Wenn in den Medien jeder einwanderungs- oder islamkritische Kommentar gleich mit der großen Autobahn-Keule niedergeschmettert wird, dann entstehen Feindbilder. Wenn bei Polizeischüssen auf Afroamerikaner in den USA im Spiegel Artikel mehrfach betont wird, dass der Polizist weiß ist, dann entstehen Vorurteile - auf beiden Seiten.
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Sascha Lobo

Was bedeutet tl;dr?
In Anerkennung der Ungeduld als Eigenschaft mit positiven Facetten soll fortan unter jeder Mensch-Maschine eine twitterfähige Zusammenfassung des Textes in 140 Zeichen stehen. Sie wird den Namen tl;dr tragen, eine Internetabkürzung für "too long; didn't read".
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