Umfrage Netz? Neutral, bitte!

Netzneutralität interessiert keinen? Stimmt nicht: 175.000 Menschen haben sich im Netz dafür starkgemacht, das Thema ist im Mainstream angekommen. Laut einer Umfrage wollen drei Viertel der Deutschen sie erhalten.

Klares Votum: Die meisten sind für Netzneutralität
abgeordnetenwatch.de

Klares Votum: Die meisten sind für Netzneutralität

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Netzneutralität. Allein das Wort ist so sperrig und nichtssagend, dass sich kaum jemand ohne Hilfe zusammenreimen kann, worum es bei dem Thema eigentlich geht. Entsprechend mau war bislang das Interesse. Netzpolitiker und Aktivisten diskutieren zwar hitzig und starten Kampagnen, doch den meisten Deutschen treibt das Thema den Puls nicht in die Höhe. Die öffentliche Debatte blieb überschaubar.

Bis jetzt.

Plötzlich scheint die Netzneutralität im Mainstream angekommen - pünktlich zur Debatte und Abstimmung im Europaparlament. Das Prinzip, nach dem Daten - unabhängig vom Absender - ohne Aufpreis gleichwertig durchs Netz geleitet werden sollen, scheint auf einmal vielen Deutschen erhaltenswert. (Eine ausführliche Erklärung der Netzneutralität findet sich im Infokasten unten.)

Zu diesem neu erwachten Interesse dürfte unter anderem der YouTube-Star LeFloid beigetragen haben: In einem seiner Videos erklärte er, "niemand möchte ein Zwei-Klassen-Internet", und forderte seine Zuschauer auf, eine entsprechende Petition zum Erhalt der Netzneutralität zu unterzeichnen. "Stürzt euch drauf, macht da mit! Das ist richtig wichtig", erklärte er.

Die Petition "Rettet das freie Internet!" hatte der Journalist und Aktivist Markus Beckedahl bereits im Dezember 2014 gestartet. "In einem Internet ohne Netzneutralität regieren große Provider, sie entscheiden und kontrollieren, welche Inhalte in welcher Geschwindigkeit und zu welchem Preis durchgeleitet werden", heißt es in der Beschreibung. Netzneutralität hingegen stehe "für Meinungsfreiheit und -vielfalt. Netzneutralität steht dafür, dass wir entscheiden können, wie wir das Netz nutzen wollen".

Laut Umfrage steht Mehrheit der Deutschen hinter der Petition

Die Petition war bereits vorher erfolgreich, allerdings stagnierte die Zahl der Unterzeichner bei knapp unter 100.000. "Ich dachte, da passiert auch nicht mehr viel. Monatelang kamen nur noch wenige Unterstützer dazu", sagt Beckedahl. Doch dann kam LeFloid, und gleichzeitig startete die Kampagnenplattform Change.org selbst noch einen Aufruf. So formierte sich in den vergangenen Wochen plötzlich eine breite Front zum Erhalt der Netzneutralität: Gut 175.000 Menschen haben die Petition mittlerweile unterschrieben.

Grund genug für Abgeordnetenwatch.de, einmal in Deutschland nachzufragen, ob der Rest der Bevölkerung das ähnlich sieht. Für den sogenannten Petitionscheck wurde eine repräsentative Umfrage bei infratest dimap in Auftrag gegeben. Dabei wurden 1034 wahlberechtigte Deutsche gefragt, ob sie die Netzneutralität beibehalten möchten oder sie für verzichtbar halten. Das Ergebnis sieht eindeutig aus: 75 Prozent sprachen sich für die Beibehaltung aus, 13 Prozent hingegen halten die Netzneutralität für verzichtbar. Nur 11 Prozent gaben an, das Thema sei ihnen egal, interessiere sie nicht oder sie wollten sich kein Urteil dazu bilden.

Umfrageergebnis: Angaben in Prozent (fehlende Werte zu 100 Prozent: keine Angabe)
abgeordnetenwatch.de

Umfrageergebnis: Angaben in Prozent (fehlende Werte zu 100 Prozent: keine Angabe)

Diese Haltung zieht sich laut Umfrage durch alle Lager, die Wähler aller Parteien. Auch wenn sich besonders viele befragte Anhänger der Linken (84 Prozent) und im Vergleich dazu besonders wenige Anhänger der FDP (71 Prozent) für die Beibehaltung der Netzneutralität ausgesprochen haben, bleibt das Ergebnis trotzdem insgesamt ähnlich:

Umfrageergebnis: Angaben in Prozent (fehlende Werte zu 100 Prozent: Ist mir egal / interessiert mich nicht / weiß nicht / kann ich nicht beurteilen / keine Angabe)
abgeordnetenwatch.de

Umfrageergebnis: Angaben in Prozent (fehlende Werte zu 100 Prozent: Ist mir egal / interessiert mich nicht / weiß nicht / kann ich nicht beurteilen / keine Angabe)

Dass die Menschen in der Umfrage einfach einmal "Beibehalten" geantwortet haben, ohne zu wissen, worum es genau geht, ist übrigens unwahrscheinlich. In der ausführlichen Fragestellung wurden sowohl grob das Prinzip beschrieben als auch jeweils ein Pro- und Kontra-Argument genannt. So lautete die Fragestellung:

Im Internet gilt die sogenannte Netzneutralität. Sie verpflichtet Telekommunikationsunternehmen, Daten gleich schnell durch das Internet zu leiten, unabhängig von Sender, Empfänger und Inhalt. Derzeit wird über Änderungen diskutiert: Den Netzbetreibern soll erlaubt werden, gegen Bezahlung Daten schneller zu übertragen. Befürworter erwarten höhere Einnahmen und eine bessere Finanzierung für den Ausbau der Netze. Gegner befürchten ein "Zweiklassen"-Internet und eine Einschränkung der Meinungsfreiheit und Vielfalt im Internet. Wie sehen Sie das: Sind Sie für die Beibehaltung der bestehenden Netzneutralität oder halten Sie diese für verzichtbar?

Jetzt fragt Abgeordnetenwatch.de die Politiker: Am Donnerstag beginnt eine Befragung der 96 deutschen EU-Abgeordneten zur Beibehaltung der Netzneutralität. Die Parlamentarier haben dann zwei Wochen Zeit anzugeben, ob sie sich für oder gegen das Anliegen der Petition aussprechen oder sich in dieser Frage enthalten. Anschließend werden die Standpunkte veröffentlicht.

Was mit der neuen Front innerhalb der Bevölkerung für die Netzneutralität anzufangen ist, ist ungewiss. Markus Beckedahl gibt zu bedenken, dass der politische Prozess im Europaparlament kompliziert sei. Es gehe um Formulierungen und Gesetzentwürfe, "aber es gibt keine Abstimmung für Ja oder Nein. Das macht eine Kampagne schwieriger". Vielleicht ändert sich das ja jetzt, wo das Interesse erst einmal geweckt ist.

Netzneutralität - Gleiches Recht für alle Daten
Wofür steht Netzneutralität?

Ob YouTube-Video oder Nachrichten von SPIEGEL ONLINE, ob World of Warcraft oder BitTorrent: Neutrale Netze leiten alle Inhalte durch, ohne nach der Herkunft der Datenpakete zu fragen. Die Netzbetreiber, darunter vor allem die großen Telekommunikationsunternehmen, kontrollieren nicht, welche Inhalte unterwegs sind. Ebenso wenig bremsen sie bestimmte Daten aus - etwa Filme aus Tauschbörsen, die oft mehrere Gigabyte groß sind.

dpa
Was spricht für Netzneutralität?

Befürworter sehen in neutralen Netzen eine Voraussetzung für den Wettbewerb - und der dient dem Verbraucher. Das wird an einem Negativ-Szenario deutlich: Was wäre etwa, wenn ein Provider mit einem Online-Kaufhaus kooperiert und dessen Konkurrenten ausbremst? Oder wenn nur eine Suchmaschine zugelassen wäre? Außerdem gilt das Prinzip als Garant für Innovationen. Weil die Kosten für ein digitales Kaufhaus, Blog oder Web-2.0-Portal vergleichsweise niedrig sind, versuchen Jahr für Jahr Tausende Unternehmer ihr Glück. Viele scheitern, einige schaffen es. Auch heutige Größen wie Google, Amazon und Facebook fingen klein an.

dpa
Warum gibt es Bedenken?

Der Verkehr auf der Datenautobahn wächst durch Videos, Internet-TV und das Telefonieren im Netz (VoIP) rasant - so sehr, dass es ohne Regulierung bald einen Mega-Stau geben könnte. Schon heute betreiben Telekom, Vodafone und andere daher ein Netzwerkmanagement, um die verfügbare Bandbreite sinnvoll zu nutzen.

dpa
Wer ist gegen Netzneutralität?

Vor allem die Netzbetreiber fordern eine Abkehr vom Prinzip in seiner Reinform. Ihr Argument: Wer die Leitungen besonders stark in Anspruch nimmt, soll auch mehr zahlen. Bei der Deutschen Telekom und dem spanischen Pendant Telefónica ist etwa zu hören, dass sie beispielsweise den Internet-Giganten Google gerne zur Kasse bitten würden. Darüber hinaus böten sich ihnen neue Geschäftsmodelle, etwa durch differenzierte Tarife: Nutzer, die große Datenmengen saugen, zahlen mehr als Gelegenheitssurfer.

dpa
Gibt es schon nicht-neutrale Netze?

Aber sicher: Das Paradebeispiel sind die Mobilfunknetze. So blockieren etliche Anbieter den Dienst Skype oder verlangen dafür einen Zuschlag - die Software für Internet-Telefonie schadet dem eigenen Geschäftsmodell.

dpa



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insgesamt 68 Beiträge
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Seite 1
ackergold 07.10.2015
1.
Mich erschüttert eigentlich nur, dass immer noch über 10% der Meinung sind, das Netz müsse nicht neutral sein und man solle es lieber den Politikern überlassen, weil die das so gut können. Denn eins ist sicher: ist das Netz nicht mehr neutral, so wird es politisch dominiert. Wer kann das wollen? Es hätte jedweden Sinn verloren und würde nur noch als Spionagewerkzeug dienen - gegen, statt für die Menschen.
sehichanders 07.10.2015
2. Also ehrlich...
"Gegner befürchten ein "Zweiklassen"-Internet und eine Einschränkung der Meinungsfreiheit..." Schon allein durch die Erwähnung des Wortes "Meinungsfreiheit" kann man jede Umfrage in die gewünschte Richtung lenken. Ich gehe jede Wette ein, dass ein Großteil derjenigen, die für Netzneutralität gestimmt haben, trotzdem nicht den geringsten Schimmer haben, was das eigentlich bedeutet. Dann sollte man auch mal nachfragen, was das denn heißt, wenn Daten gegen Bezahlung schneller transportiert werden. Reden wir hier von Tagen, Wochen, oder doch vielleicht nur von Milisekunden. Diese verkürzende Darstellung hilft der Debatte schlicht nicht weiter und ist auf beiden Seiten nichts anderes als Lobbyistengewäsch.
sehichanders 07.10.2015
3. Nein.
Zitat von ackergoldMich erschüttert eigentlich nur, dass immer noch über 10% der Meinung sind, das Netz müsse nicht neutral sein und man solle es lieber den Politikern überlassen, weil die das so gut können. Denn eins ist sicher: ist das Netz nicht mehr neutral, so wird es politisch dominiert. Wer kann das wollen? Es hätte jedweden Sinn verloren und würde nur noch als Spionagewerkzeug dienen - gegen, statt für die Menschen.
Nicht den Politikern, sondern den Unternehmen. Eben so, wie es in einer Marktwirtschaft üblich ist. Da bestimmt der Anbieter den Preis für eine Dienstleistung und der Kunde kann entscheiden, ob er diese Dienstleistung zu diesem Preis in Anspruch nehmen will. Wenn die Politik die Netzneutralität gesetzlich vorschreiben würde, dann hätten die Politiker das sagen.
manni.baum 07.10.2015
4. 75 minus 10 gleich 65
wurde den 65% Dummköpfen unter den Netzneutralitätsverfechtern auch vorher erklärt dass sie das Netz von 10% "Intensivnutzern" mitbezahlen.
sehichanders 07.10.2015
5. Ach...
Zitat von manni.baumwurde den 65% Dummköpfen unter den Netzneutralitätsverfechtern auch vorher erklärt dass sie das Netz von 10% "Intensivnutzern" mitbezahlen.
... lassen Sie doch die Linken ihren Traum vom Kommunismus wenigstens im Internet träumen.
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