Netzneutralität vor dem Aus: Überholspur im Internet

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Droht das Ende der Gleichberechtigung der Daten im Netz? Google ist offenbar bereit, für eine Vorzugsbehandlung seiner Dienste in die Tasche zu greifen: Die "New York Times" berichtet, entsprechende Verhandlungen mit dem Infrastrukturkonzern Verizon stünden bereits vor dem Abschluss.

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Wankende Netzneutralität: Wird Google dafür zahlen, dass YouTube Vorfahrtrechte erhält?

New York/Hamburg - Google, einst Lieblingsunternehmen der sogenannten Web-Community, ist offenbar dabei, als erstes wichtiges Internetunternehmen einen Deal einzugehen, der die bisher gültige Gleichberechtigung aller Daten im Netz in Frage stellt - die heiß umstrittene Netzneutralität. Die "New York Times" berichtet, entsprechende Verhandlungen mit dem Telekommunikations- und Infrastrukturkonzern Verizon (Jahresumsatz 2009: fast 108 Milliarden Dollar) stünden kurz vor dem Abschluss.

Demnach sei Google bereit, für das Recht auf eingebaute Vorfahrt für die Daten seiner Dienste mehr Geld zu bezahlen. Google will den Bericht der "New York Times" derzeit nicht kommentieren.

Bislang übermitteln die Netzanbieter die Datenpakete zwischen allen Internet-Teilnehmern völlig gleichberechtigt, alle Datenpakete fließen mit gleicher Geschwindigkeit und nutzen die zur Verfügung stehende Bandbreite ohne Präferenzen: Wenn es eng wird, sinkt die Übertragungsgeschwindigkeit für alle. Dieses Prinzip wird als Netzneutralität bezeichnet.

Den Telekommunikationsunternehmen schmeckt das seit langem nicht mehr, weil das Gros des Datenverkehrs auf einige wenige große Player entfällt. Aus ihrer Sicht belasten diese die teuren Infrastrukturen sozusagen über Gebühr, denn natürlich kostet Daten-Traffic die Inhalteanbieter auch heute schon Geld. Die Preiskalkulation der Provider basiert auf einem Mix aus Kundenzahlungen für den Internetzugang, aus Gebühren für Daten-Uploads großer Inhalteanbieter sowie aus Transitzahlungen für große Datenmengen. Dieses - bisher weniger wichtige - Geschäftsfeld würden die Infrastrukturunternehmen gern weiter ausbauen.

Auf dem Weg zum Zwei-Klassen-Netz

Dabei denken sie vor allem an die wachsende Zahl der Videodienste. YouTube ist nur der größte und prominenteste Player in einer Szene, die seit langem für das Gros des Datenverkehrs verantwortlich zeichnet: Weit gefasst kann man hier einen Bogen spannen von legalen Streaming-Diensten wie YouTube oder LastFM über im Graubereich agierende Stream-Seiten bis hin zu Filehostern und P2P-Börsen. Sie alle bieten Inhalte an, deren "Datengewicht" nur noch in Hunderten Megabyte oder sogar Gigabyte pro Aufruf und Stunde Inhalt zu messen ist. Bis 2014, prognostizierte kürzlich der Netzwerkspezialist Cisco, würden solche Daten 91 Prozent des gesamten Datenverkehrs ausmachen. Der würde sich bis dahin zudem vervierfachen.

Solche offenbar realistischen Prognosen wecken auf Seiten der Provider sowohl Ängste als auch Begehrlichkeiten. Erst kürzlich machte Telekom-Chef René Obermann klar, dass sich auch Deutschlands rosa Telekommunikationsriese die Möglichkeit offen halte, besonders große Marktteilnehmer um eine Extra-Maut anzugehen.

Im Herbst 2009 schien das leidige Thema eigentlich schon vom Tisch, als sich der US-Präsident Barack Obama ausdrücklich zum Grundprinzip der Netzneutralität bekannte: Alle Anbieter von Daten sollten im Internet dauerhaft die gleiche Chance haben, ihre Konsumenten zu erreichen. Auf diesem Prinzip fußt nicht nur die bisherige Netz-Infrastruktur, sondern nicht zuletzt ein guter Teil des Mythos Internet: Die prinzipielle Chancengleichheit von Groß und Klein hatte ab 1993 eine regelrechte weltweite Gründerzeit eingeleitet und eine ausgeprägte Start-up-Kultur hervorgebracht. Aus der erwuchsen nicht zuletzt Unternehmen wie Google oder YouTube.

Obamas Edikt folgend tritt auch die amerikanische Regulierungsbehörde FCC für die Netzneutralität ein. Doch deren Leitlinien in dieser Hinsicht kassierten im April 2010 eine gerichtliche Watsche: In einem Berufungsverfahren setzte sich das US-Unternehmen Comcast durch, seinen Kunden den Datendurchsatz von BitTorrent-Dateien zu drosseln. Das vornehmlich für den Vertrieb von Raubkopien genutzte Protokoll wurde so zu einem Dienst zweiter Klasse - die Netzneutralität war in Frage gestellt.

Mittelfristig höhere Internetkosten?

Dass die nun immer kräftiger wackelt und wankt, ist der Angst vor dem Engpass geschuldet - auf Seiten der Infrastrukturunternehmen wie auf Seiten der großen Inhalteanbieter und Dienstleister. Die einen wollen nicht länger zusehen, dass ihnen zu große Kosten durch Dienste entstehen, die dafür nicht bezahlen, die anderen wollen gewährleistet wissen, dass ihre Dienste immer mit erstklassiger Performance ausgeliefert werden.

Der nach Informationen der "Times" möglicherweise schon in der nächsten Woche anstehende Google-Verizon-Deal hat also das Zeug, das Internet nachhaltig zu verändern. Begrüßt würde das wohl auch von Unternehmen der Entertainment-Industrie: Damit könnten mittelfristig legale Anbieter von Inhalten einen qualitativen Vorteil gegen die bisher meist überlegenen Anbieter von Raubkopien erlangen.

Leidtragende der Entwicklung könnten hingegen mittelfristig kleinere Web-Unternehmen sowie nicht-kommerzielle Projekte sein, die sich eine Vorzugs-Maut nicht leisten können und ihren Kunden in Zukunft womöglich darum nur eine verminderte Performance bieten könnten.

Auch für die Internetnutzer selbst verheißt das Fallen der Netzneutralität nichts Gutes: Mit erhöhten Transit-Zahlungen für breitbandige Angebote erhöhen sich für die Anbieter der Daten die Kosten - und damit der Druck hin zu Bezahldiensten. Das Mehr-Klassen-Internet könnte sich so analog zur TV-Landschaft in eine Free- und Pay-Zone diversifizieren - in ein Zwei-Klassen-Netz aus schnellen Premium- und langsameren Brot-und-Butter-Diensten. Abhängig wäre das nicht vom Erfolg der Angebote, sondern allein von der Finanzkraft der Anbieter. Es würde Dienste wie YouTube begünstigen, den Druck auf Angebote wie Wikipedia aber erhöhen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 48 Beiträge
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1. Wikipedia wird wohl kaum leiden
spon-1178394816883 05.08.2010
In eine Minute HD-Video passen jede Menge Wikipedia-Artikel. Ein Bandbreitenproblem schaffen solche und ähnliche Dienste genauso wenig wie Suchmaschinen und textlastige Informationsangebote.
2. Geld wo man hinschaut
micky2 05.08.2010
Wie immer: Geld regiert die Welt.....man kann einfach nicht mehr hinschauen.
3.
static_noise 05.08.2010
Sehr geehrter Kunde der Kreissparkasse, die Session Ihrer Online Überweisung ist leider abgelaufen. Transaktione sind aktuell nicht möglich, da wir den "15 funniest Homevideos" von YOUTUBE sowie der 52sten Wiederholung von "Cobra 11" auf T-Home das Netz überlassen müssen. Bitte kommen sie doch in die Filliale in Hintertupfingen (die kleinen haben wir ja leider wegen Onlinebanking geschlossen.) Schönen Abend noch!
4. Welche Netzneutralität ?
uli67 05.08.2010
Zitat von sysopDroht das Ende der Gleichberechtigung der Daten im Netz? Google ist offenbar bereit, für eine Vorzugsbehandlung seiner Dienste in die Tasche zu greifen: Die "New York Times" berichtet, entsprechende Verhandlungen mit dem Infrastrukturkonzern Verizon stünden bereits vor dem Abschluss. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,710267,00.html
Da wird eine sehr einseitige Perspektive auf das Thema gezeigt: Wie sieht es denn bei den "edlen" Inhalteanbietern aus beim Thema Netzneutralität ? Die Google-Suche: Ich bezahle Geld an Goggle und stehe mit meinem Angebot als "sponsored link" ganz weit oben. SPON: Wenn ich auf eure Startseite gehe, hüpft mir das Angebot von Haribo entgegen ? Ist das nicht gegenüber den "kleinen" Süsswaren-Herstellern, die sich eine so teure Werbung nicht leisten können, ungerecht ? Die Diskussion um Netzneutralität ist heuchlerisch...
5. Das ewig falsche Argument
fuzzy2 05.08.2010
Und wieder kommt das Totschlag-Argument schlechthin: ---Zitat--- Die einen wollen nicht länger zusehen, dass ihnen zu große Kosten durch Dienste entstehen, die dafür nicht bezahlen, ... ---Zitatende--- Und genau das ist eben falsch. Ich, als Kunde, baue die Verbindung auf und Frage die Daten beim Inhalte-Anbieter an. Und ich zahle dafür. Genauso wie der Inhalte-Anbieter dafür zahlt, im Internet erreichbar zu sein.
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Netzneutralität - Gleiches Recht für alle Daten
Wofür steht Netzneutralität?

Ob YouTube-Video oder Nachrichten von SPIEGEL ONLINE, ob World of Warcraft oder BitTorrent: Neutrale Netze leiten alle Inhalte durch, ohne nach der Herkunft der Datenpakete zu fragen. Die Netzbetreiber, darunter vor allem die großen Telekommunikationsunternehmen, kontrollieren nicht, welche Inhalte unterwegs sind. Ebenso wenig bremsen sie bestimmte Daten aus - etwa Filme aus Tauschbörsen, die oft mehrere Gigabyte groß sind.

dpa
Was spricht für Netzneutralität?

Befürworter sehen in neutralen Netzen eine Voraussetzung für den Wettbewerb - und der dient dem Verbraucher. Das wird an einem Negativ-Szenario deutlich: Was wäre etwa, wenn ein Provider mit einem Online-Kaufhaus kooperiert und dessen Konkurrenten ausbremst? Oder wenn nur eine Suchmaschine zugelassen wäre? Außerdem gilt das Prinzip als Garant für Innovationen. Weil die Kosten für ein digitales Kaufhaus, Blog oder Web-2.0-Portal vergleichsweise niedrig sind, versuchen Jahr für Jahr Tausende Unternehmer ihr Glück. Viele scheitern, einige schaffen es. Auch heutige Größen wie Google, Amazon und Facebook fingen klein an.

dpa
Warum gibt es Bedenken?

Der Verkehr auf der Datenautobahn wächst durch Videos, Internet-TV und das Telefonieren im Netz (VoIP) rasant - so sehr, dass es ohne Regulierung bald einen Mega-Stau geben könnte. Schon heute betreiben Telekom, Vodafone und andere daher ein Netzwerkmanagement, um die verfügbare Bandbreite sinnvoll zu nutzen.

dpa
Wer ist gegen Netzneutralität?

Vor allem die Netzbetreiber fordern eine Abkehr vom Prinzip in seiner Reinform. Ihr Argument: Wer die Leitungen besonders stark in Anspruch nimmt, soll auch mehr zahlen. Bei der Deutschen Telekom und dem spanischen Pendant Telefónica ist etwa zu hören, dass sie beispielsweise den Internet-Giganten Google gerne zur Kasse bitten würden. Darüber hinaus böten sich ihnen neue Geschäftsmodelle, etwa durch differenzierte Tarife: Nutzer, die große Datenmengen saugen, zahlen mehr als Gelegenheitssurfer.

dpa
Gibt es schon nicht neutrale Netze?

Aber sicher: Das Paradebeispiel sind die Mobilfunknetze. So blockieren etliche Anbieter den Dienst Skype oder verlangen dafür einen Zuschlag - die Software für Internet-Telefonie schadet dem eigenen Geschäftsmodell.

dpa


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