Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

"Netzpolitik.org" feiert Geburtstag: Blogger ärgern das Kanzleramt

Auch weil "Netzpolitik.org" Interna der Bundesregierung veröffentlicht hat, bekommen Abgeordnete nun Drohbriefe aus dem Kanzleramt. Fast schon ein Geschenk für das kleine Blog, das gerade zehn Jahre Geburtstag feiert.

Berliner Blogger: Sie stecken hinter "Netzpolitik.org" Fotos
DPA

Als das Kanzleramt sich bei den Abgeordneten des NSA-Untersuchungsausschusses über die Weitergabe von Geheimnissen beschwerte, fanden Berichte des SPIEGEL, der "Süddeutschen Zeitung" und von "Netzpolitik.org" besondere Erwähnung. Ein kleines Blog, erstellt von zweieinhalb festen Autoren in einer Berliner Dachgeschosswohnung, in einer Aufzählung neben zwei Redaktionen mit Hunderten Mitarbeitern.

Der Brief aus dem Kanzleramt war so etwas wie ein Geburtstagsgeschenk für "Netzpolitik.org". Die Blogger feiern gerade mit einer Konferenz das zehnjähriges Bestehen. Mit Internetaktivisten und Experten sind die Netzpolitik-Blogger bestens vernetzt. Es gebe ein riesiges Netzwerk aus Kontakten, sagt Gründer Markus Beckedahl. "Jeder unterschätzt uns, wenn man uns nur auf diese zweieinhalb Personen oder nur auf meine Person reduziert."

Neben Beckedahl sind die hauptamtlichen Schreiber Andre Meister sowie Anna Biselli mit einer halben Stelle, dazu kommen eine Handvoll weiterer Autoren. Beckedahl begann als einer der ersten, die politischen Debatten rund um das Internet öffentlich zu notieren. "Netzpolitik.org" arbeitet sich an Themen wie Netzsperren, Acta-Abkommen und Vorratsdatenspeicherung ab. Beckedahl sagt, er wolle "möglichst alles abdecken, was es da draußen rund um Netzpolitik gibt". Das Blog solle eine Brücke zwischen Nerds und Netznutzern schlagen.

Transparenz für den BND

Den NSA-Untersuchungsausschuss verfolgt "Netzpolitik.org" besonders intensiv. Andre Meister veröffentlicht Protokolle der stundenlangen Zeugenaussagen. Eine Live-Übertragung gibt es nicht, Aufnahmen sind verboten. Meisters Mitschriften bieten einen der wenigen Wege für Außenstehende, die Befragungen im Detail zu verfolgen. "Netzpolitik.org" veröffentlichte auch die vertraulichen Regeln, die der BND für Befragungen vor dem Ausschuss vorgibt.

Außerdem berichtete das Blog über die Sorge des Nachrichtendienstes, dass der Untersuchungsausschuss die Arbeit der BND-Abteilung zur Technischen Aufklärung besonders genau prüfen würde. Dazu veröffentlichte "Netzpolitik.org" einen Ausriss des entsprechenden internen BND-Protokolls.

Es waren diese beiden Berichte des Blogs, die Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU) in seinem Brief an die Ausschussmitglieder anprangerte. Die Reaktion der Blogger: Sie veröffentlichten auch den Brief von Altmaier im Wortlaut. "Uns liegen nicht nur Dokumente vor. Wir veröffentlichen sie auch", verkündeten sie selbstbewusst. Man werde sich nicht einschüchtern lassen und weiter berichten.

Netzpolitik-Kosmos mit Blog, Lobby und Konferenz

Gleichzeitig bat die Redaktion um Spenden. Diese Spenden finanzieren etwa zwei Drittel der Arbeit von "Netzpolitik", sagt Beckedahl. Denn obwohl das Blog etwa eine Million Leser pro Monat habe, klappte eine Finanzierung über Werbung bisher nicht. Die Agentur Newthinking, die "Netzpolitik.org" betreibt, verdient unter anderem Geld mit der Organisation von Veranstaltungen.

Seit drei Jahren existiert außerdem die "Digitale Gesellschaft", entstanden eben aus jenem Umfeld. Die Lobby will sich für digitale Bürgerrechte einsetzen, Markus Beckedahl und Andre Meister gehören zu den Mitgliedern. Ebenfalls aus dem "Netzpolitik.org"- und Newthinking-Kosmos entstanden ist die jährliche Netzkonferenz re:publica, die mittlerweile mehr als 5000 Besucher in Berlin versammelt.

Die Blogger streiten oft mit Nachdruck und Fachwissen für ihre Überzeugungen. Auch im politischen Berlin wird die Seite verfolgt. Die Inhalte seinen "immer sehr relevant", sagt der FDP-Netzpolitiker Manuel Höferlin. Er wünscht sich allerdings mehr Ausgewogenheit bei dem Blog, dessen politische Ausrichtung er bei den Grünen verortet. "Das würde die Seite noch interessanter machen." Es sei einfach, Politik aus Netzsicht zu kritisieren, sagt er. Doch diese Kritik sei manchmal überzogen.

ore/dpa

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: