Netzwerk Google+: Google-Manager verspricht Pseudonyme

Nun doch kein Klarnamenzwang? Laut Google-Manager Vic Gundotra erwägt der Konzern eine Änderung seiner strikten Regeln zur Nutzung echter Namen beim Netzwerk Google+. Bisher werden Profile mit Phantasienamen gesperrt.

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REUTERS

Googles soziales Netzwerk: Nun doch Pseudonyme?

Köln - Google-Manager Vic Gundotra verspricht Nutzern des Netzwerks Google+ Änderungen beim Klarnamenszwang - irgendwann. Bislang müssen sich Nutzer des Social Networks Google+ mit ihrem echten Namen anmelden. Wer ein (für Google als solches zu erkennendes) Pseudonym verwendet, fliegt wieder raus. Zum Ärger nicht weniger Nutzer von Google+, denen der Schutz der Privatsphäre über die kommerziellen Interessen eines Netzwerkbetreibers geht.

Google-Manager Gundotra kündigte nun an, der Konzern wolle "in Zukunft Pseudonyme unterstützen. Wir arbeiten daran. Es kommt." Einen genauen Zeitpunkt nannte er jedoch nicht. Vielleicht ist daher die siegestrunkene Meldung der Datenschützer der Electronic Frontier Foundation (EFF), die von der "Kapitulation" Googles spricht, ein wenig verfrüht.

Eric Schmidt nennt Google+ einen "Identitätsdienst"

Im August hatte Googles Verwaltungsratschef Eric Schmidt bei einer Konferenz Google+ als " Identitätsdienst" bezeichnet. Laut Zuhörern führte Schmidt aus, es sei unerlässlich, die echten Namen der Nutzer zu registrieren für den Fall, dass "man in Zukunft darauf aufbauende Produkte entwickeln werde". Im Sommer 2010 hatte Schmidt gesagt, der einzige Weg, Gefahren im Netz zu begegnen, sei "echte Transparenz und keine Anonymität". Man brauche einen "Namensdienst für Menschen", Regierungen würden dies verlangen.

Die Nutzungsbedingungen von Google+ geben Kunden vor:

"Verwenden Sie den Namen, mit dem Sie normalerweise von Freunden, Familie und Kollegen angesprochen werden. Dies dient der Bekämpfung von Spam und beugt gefälschten Profilen vor."

Ob Gundotras Äußerungen einen Kurswechsel ankündigen, ist unklar. Zur konkreten Umsetzung hat der Google-Manager sich nicht geäußert. Google könnte Registrierungen unter Pseudonym erlauben. Denkbar ist aber auch, dass bei Google+ eine Registrierung mit dem echten Namen weiterhin verpflichtend ist, dieser aber nicht in jedem Fall öffentlich angezeigt wird. Eine solche Lösung würde jedoch bedeuteten, dass bei Google+ Pseudonyme und echte Namen miteinander verknüpft hinterlegt sind.

Ein Ende des Klarnamenzwangs bei Google+ wäre eine wichtige Etappe zur Durchsetzung des Rechts auf freie Meinungsäußerung. Pseudonyme ermöglichen vielen Menschen eine freie Nutzung des Web: Wer in autoritär beherrschten Staaten lebt, begibt sich in Gefahr, wenn er online unter Klarnamen über Politik diskutiert, selbst wenn er einen Internetzugang nutzt, der nicht zu seiner Person zurückverfolgt werden kann. Kritiker des Klarnamenzwangs wie die Flickr-Mitgründerin Caterina Fake oder die Wissenschaftlerin Danah Boyd argumentieren, dass jene Menschen sich am häufigsten auf Online-Pseudonyme verlassen, die von der Gesellschaft am meisten ausgegrenzt werden.

Angesichts von inzwischen an die 40 Millionen Nutzern wäre die Beibehaltung der bisherigen strikten Regelung bei Google+ über kurz oder lang schon an der schieren Zahl der zu prüfenden Profile gescheitert. Außerdem beendet die Kehrtwende Googles eine in den Augen vieler Nutzer ärgerliche Ungerechtigkeit: So mancher Prominente besaß nämlich schon von Anfang an das Recht, unter seinem Künstler-, Dienst- oder Phantasienamen zu erscheinen. Niemand zwang Madonna, sich bei Google+ unter ihrem richtigen Namen Madonna Louise Ciccone einzuloggen. Und auch Tendzin Gyatsho darf bereits unter seiner viel bekannteren Amtsbezeichnung Dalai Lama auftreten.

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Klarnamenzwang: Prominent unter Pseudonym

meu/lis

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Willkommen, Ambermoon.
Ambermoon 21.10.2011
Wenn G+-Nutzer haufenweise Madonnas Profil melden würden, wieder und wieder und wieder, dann würde Google vielleicht etwas schneller zu einer sinnvollen Entscheidung kommen.
2. Eine Kritikerin...
einsiedlerkrebs 21.10.2011
...des Klarnamen Zwangs heisst Caterina Fake. *schenkelklopf!* :-) Und Probleme bekommt man nicht nur in autoritären Staaten, wenn man auf seinen Konten bei FB oder G+ Realnamen angibt. Hier in DE kann es sich auch sehr nachteilig auswirken im Job / Bekanntenkreis, auch wenn man in den meisten Fällen wohl nicht zu Folter oder sogar Mord kommt. Man weiss einfach nicht, was die Zukunft noch spannendes mit sich bringt - und ob die Meinung, die man heute noch vertritt, in - sagen wir mal 20 Jahren - immer noch vertretbar ist. Mal ein willkürliches Beispiel: Man vertritt heute eine linke Position. In 20 Jahren sind aber dank Wirtschaftskrise wieder rechtsgerichtete Parteien an der Macht. Die holen sich einfach die Datenbestände, an die sie ran kommen, um sie nach potentiellen Gefahren zu suchen, und finden raus, das man damals eine linke Position vertreten hat. Und *zack* bekommt man eines nachts Besuch. Ist wie gesagt nur ein Beispiel. Aber es verdeutlicht, warum man nicht mit seinen privaten Daten hausieren gehen sollte.
3. Aw:
HariboHunter, 21.10.2011
Wie sieht es eigentlich aus mit dem Klarnamenzwang im Spiegelforum / Dein Spiegel. Oder ist freie Meiungsaeusserung hier nicht erwuenscht?
4. .
_j_o_e_ 21.10.2011
"Zum Ärger nicht weniger Nutzer von Google+, denen der Schutz der Privatsphäre über die kommerziellen Interessen eines Netzwerkbetreibers geht." Ehrlich gesagt geht es auch um die Interessen der Nutzer. Ein soziales Netzwerk wird schlicht unbenutzbar, wenn plötzlich die eigenen Kontakte nicht mehr unter ihrem Namen auffindbar sind. Ich denke nicht wenige Nutzer verwenden soziale Netzwerke nicht primär zur Selbstdarstellung, sondern vor allem als Möglichkeit mit vielen Bekanntschaften in Kontakt zu bleiben. Dies funktioniert aber nicht, wenn ich nach einem Kontakt suche, diesen aber nicht mehr finde. Wenn Manfred Mustermann Angst davor hat, seinen Ruf im Netz zu verspielen, sollte er vielleicht darüber nachdenken seine Privatsphäreeinstellungen anzupassen, bestimmte Äußerungen nur mit bestimmten Menschen zu teilen (dafür sind Circles doch explizit gemacht), oder die Selbstdarstellung insgesamt auf ein verträgliches Maß zu reduzieren, anstatt sich von nun an Derfnam Master zu nennen. Na klar, jetzt kommt gleich wieder das Argument politisch Verfolgter in Krisenländern. Zugestanden. Aber ich schmeiße solche Kontakte inzwischen rigoros aus meiner "Freundes"liste. Finden würde ich sie eh nicht, wenn ich es bräuchte.
5. .
rtavi 21.10.2011
Zitat von _j_o_e_"Zum Ärger nicht weniger Nutzer von Google+, denen der Schutz der Privatsphäre über die kommerziellen Interessen eines Netzwerkbetreibers geht." Ehrlich gesagt geht es auch um die Interessen der Nutzer. Ein soziales Netzwerk wird schlicht unbenutzbar, wenn plötzlich die eigenen Kontakte nicht mehr unter ihrem Namen auffindbar sind. Ich denke nicht wenige Nutzer verwenden soziale Netzwerke nicht primär zur Selbstdarstellung, sondern vor allem als Möglichkeit mit vielen Bekanntschaften in Kontakt zu bleiben. Dies funktioniert aber nicht, wenn ich nach einem Kontakt suche, diesen aber nicht mehr finde. Wenn Manfred Mustermann Angst davor hat, seinen Ruf im Netz zu verspielen, sollte er vielleicht darüber nachdenken seine Privatsphäreeinstellungen anzupassen, bestimmte Äußerungen nur mit bestimmten Menschen zu teilen (dafür sind Circles doch explizit gemacht), oder die Selbstdarstellung insgesamt auf ein verträgliches Maß zu reduzieren, anstatt sich von nun an Derfnam Master zu nennen. Na klar, jetzt kommt gleich wieder das Argument politisch Verfolgter in Krisenländern. Zugestanden. Aber ich schmeiße solche Kontakte inzwischen rigoros aus meiner "Freundes"liste. Finden würde ich sie eh nicht, wenn ich es bräuchte.
Ach Gott nicht das schon wieder. Wenn Sie jemanden bei G+ suchen und der mit Pseudonym dort unterwegs ist, können Sie ja einfach danach fragen. Wenn er mit Ihnen zu tun haben will, wird er es Ihnen schon mitteilen. Und wenn nicht, vielleicht mal darüber nachdenken warum. Ich bin froh, dass mich eine Menge der Leute, mit denen ich mal die Schulbank gedrückt habe, nicht im Netz finden können. Außerdem, es gibt auch viele Leute, die sich nur unter ihren Pseudonymen kennen. Denen ist mit Klarnamen dann genausowenig zu dienen wie Ihnen mit Pseudonymen. Denn jemand, der nach Schnuckiputzi23 sucht, wird Anton Mustermann auch nicht zu seinem Zirkel hinzufügen, selbst wenn das der besagte Schnuckiputzi sein sollte.
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  • Richard Meusers schreibt als Autor für SPIEGEL ONLINE über die Digitalisierung.



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