Jahrestagung von Netzwerk Recherche im Livestream Hacker enttarnen, Fakes entgehen

Es geht um Falschmeldungen, um Hacks und die fragwürdigen Methoden der Klatschpresse: Auf der Jahrestagung von Netzwerk Recherche debattieren Journalisten über ihre Branche. Wir zeigen den Livestream.

Werbebild zur Netzwerk-Recherche-Konferenz
Vincent Burmeister/Netzwerk Recherche

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"Leiden schafft Recherche": Unter diesem Motto kommen am Freitag und Samstag über 800 Journalisten verschiedener Medien zusammen, um zu diskutieren, wie es um den Journalismus steht. Auf der Jahreskonferenz von Netzwerk Recherche (nr) in Hamburg geht es zum Beispiel um die Frage, wie sich Hacker enttarnen lassen - angesichts der Bundestagswahl und mit Blick auf den Bundestags-Hack aus dem Jahr 2015 ein auch in Deutschland wichtiges Thema. Weitere Themen sind etwa Fake News, das umstrittene Netzwerkdurchsetzungsgesetz von Justizminister Heiko Maas und der Fall des in der Türkei inhaftierten "Welt"-Korrespondenten Deniz Yücel.

Neben vielen Debatten bietet die Konferenz auch Workshops mit praktischen Tipps. So verraten Referenten etwa, wie man online Quellen prüfen und so vielleicht vermeiden kann, auf in sozialen Netzwerken kursierende Fakes oder Falschmeldungen hereinzufallen.

Wir zeigen acht ausgewählte Panels der Jahrestagung im Livestream. Weitere Streams und Mitschnitte finden Sie in einer YouTube-Playlist der Isarrunde, mehr Informationen zu den Veranstaltungen stehen im Programm der Konferenz. SPIEGEL ONLINE gehört zu den Medienpartnern der Konferenz.


Freitag, 9. Juni

10.45 Uhr Der Kampf um Aufmerksamkeit - Schwierige Zeiten für Medien

Wie steht es um die Medien - in einer Zeit mit "Lügenpresse"-Rufern und Facebook als wichtigem Kommunikationsweg? Was hat sich verändert in einer Welt mit einem Präsidenten Donald Trump und einem anstehenden Brexit? Darum geht es auf dem Auftaktpodium der Konferenz unter anderem SPIEGEL-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer. Auch Stephan Lamby ist dabei, der Macher des hier kostenlos abrufbaren Dokumentarfilms "Nervöse Republik - ein Jahr Deutschland".


10.45 Uhr Die Ente bleibt draußen - Quellenprüfung online

Propaganda und erfundene Nachrichten, manipulierte Bilder und Videos, die in einen falschen Kontext gesetzt werden: Im Netz stößt man schnell auf Informationen, bei denen eine genaue Prüfung sinnvoll ist. In diesem Workshop geben die Journalisten David Korsten, Fiete Stegers und Albrecht Ude Tipps für einen kritischen Umgang mit Quellen und Recherche-Ergebnissen.

Einige Tipps zum Entlarven von Internet-Fakes finden Sie auch in dieser Info-Box:

Tipps für den Online-Alltag: So enttarnen Sie Fakes
Ist die Quelle seriös?
Stößt man auf eine spektakuläre Nachricht, sollte man zunächst prüfen, auf welcher Quelle sie beruht. Bei einer Falschmeldung des "Denver Guardian" aus dem US-Wahlkampf etwa hätte es schon gereicht, den Namen des Mediums zu googeln. Einen "Denver Guardian" gibt es nämlich nicht, wie die "Denver Post", eine real existierende Zeitung, klarstellte. Seriöse Nachrichtenseiten haben ein Impressum und Kontaktmöglichkeiten und verschleiern nicht, wer sie betreibt.

Interessant ist auch, was eine Seite bislang veröffentlicht hat. Ist eine spektakuläre Nachricht vielleicht der erste Beitrag überhaupt? Gibt es die angeblich traditionsreiche Seite möglicherweise erst seit einer Woche? Oder postet die Seite sonst offenkundig blödsinnige Nachrichten?
Handelt es sich um eine Satire-Meldung?
Hat man den Kontext im Blick, entdeckt man auch Satire-Postings leichter. Seit Jahren zum Beispiel kommt es vor, dass Internetnutzer "Postillon"-Meldungen für bare Münze nehmen. Die Website verspricht zwar "ehrliche Nachrichten - unabhängig, schnell, seit 1845", veröffentlicht aber Quatschmeldungen wie "Katastrophenschutz warnt: Werwölfe heute Nacht bis zu 15 Prozent größer". Ähnliches gilt für "Die Tagespresse", die sich als "Österreichs seriöseste Onlinezeitung" bezeichnet.

Neben Satire-Seiten gibt es Websites, die mit erfundenen Nachrichten Besucher locken wollen, um über Anzeigen Geld zu verdienen. Die US-Aufklärungswebsite "Snopes" listet diverse solcher vermeintlicher Nachrichtenangebote auf, darunter etwa "World News Daily Report" und "National Report". Bei Twitter-Accounts sollte man überprüfen, ob ein Tweet wirklich von dem Account kommt, dem er zugeschrieben wird. Mitunter begegnet man auf Twitter auch Fake-Accounts, die nur so ähnlich heißen wie ein bekannter Account. Davon, dass ein Twitter-Konto wirklich demjenigen gehört, dem er angeblich gehört, kann man erkennen, wenn er von Twitter "verifiziert" wurde, also einen weißen Haken auf blauem Hintergrund neben dem Profilnamen hat.
Was steht wirklich im Artikel - und was nur in der Vorschau?
Gerade bei aggressiv etwa per Facebook angepriesenen Artikeln lohnt es sich, im Original-Artikel nachzuschauen, ob der kleine Vorschauschnipsel auf den Artikel und der eigentliche Inhalt zusammenpassen: Steht die Sensation überhaupt im Text?

Jeder Facebook-Nutzer, der eine Seite betreibt oder eine Community managt, kann beim Posten eines fremden Artikels auch die Überschrift und den Einleitungstext ändern.
Hier zum Beispiel haben wir einen SPIEGEL-ONLINE-Artikel mit der Überschrift "Kristina Schröder zieht sich aus Bundespolitik zurück" mal anders verpackt. Wir hätten auch Quatsch schreiben können wie "Kristina Schröder begeistert von Trumps Frauenbild". Merken würde man das als Facebook-Nutzer erst beim Klick auf den Artikel.
Wo kommt die Information her?
Seriös arbeitende Journalisten machen deutlich, wo ihre Informationen herkommen. Wenn etwa über eine Studie berichtet wird, sollte diese genau genannt oder verlinkt sein. Und wenn man ein anderes Medium zitiert, kann man auch einfach einen Link setzen.

Bei Medien wie SPIEGEL ONLINE steht am Ende von Meldungen übrigens oft ein Hinweis wie "dpa", "Reuters" oder "AFP". Dieses Kürzel zeigt an, dass die Meldung oder ein Teil ihrer Informationen von einer Nachrichtenagentur stammt. Meldungen aus Agenturen lassen sich nicht immer verlinken.
Wurde die Quelle richtig wiedergegeben?
Wenn es schon Quellen-Erwähnungen oder -Links gibt, lohnt es sich bei kontroversen Meldungen oft, sich durchzuklicken, bis man irgendwann bei der Ursprungsquelle ankommt. Manchmal ist sie uralt oder wird falsch wiedergegeben, was nicht immer böswillig geschehen muss: So kann es zum Beispiel Übersetzungsfehler geben. Wie der Quellencheck konkret aussehen kann, zeigt zum Beispiel dieses Video vom Kanal "Die besorgte Bürgerin":
Seiten wie "We Watch Fake Anonymous" konnten mit teils simplem Quellenaufrufen immer wieder Behauptungen der mittlerweile gelöschten Facebook-Hetzseite "Anonymous.Kollektiv" widerlegen.
Falle ich gerade auf einen Fake-Klassiker rein?
Viele Falschmeldungen kursieren monate- oder jahrelang durchs Netz - und trotzdem gibt es immer wieder Nutzer, die darauf reinfallen. Das gilt zum Beispiel für Aufrufe, bei denen behauptet wird, per Bild-Posting könne man den Facebook-AGB widersprechen.

Oft reicht es schon, Stichworte einer Meldung mit dem Zusatz "Fake" ins Google-Suchfeld zu packen. Aufklärungsseiten wie "Mimikama" und "Emergent" und Medienkritik-Portale wie "Übermedien" und das "BILDblog" haben schon über viele wiederkehrende Falschmeldungen berichtet.

Viele aufregende Geschichten entlarven sich per simplem Googlen auch als Urban Legends, als Großstadtmythen. Das gilt für manche angebliche Horrornachricht rund um Flüchtlinge - wie die "Hoaxmap" zeigt -, aber auch für viele Anekdoten, die jemand von einem ungenannten Dritten gehört haben will, etwa die Geschichte vom Hund, der im Kaufhaus stirbt.
Ist die Information tatsächlich brisant?
Vorsicht ist auch dann geboten, wenn als Quelle nebulös ein Leak angegeben wird. Nur, weil etwa eine E-Mail nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war, heißt dass nicht, dass sich darin automatisch eine spektakuläre Enthüllung verbirgt.

Bei Reddit und in anderen Internetforen wurde rund um die US-Wahl in allerlei Beiträgen, vor allem aus dem Umfeld von Trump-Fans, auf eine von WikiLeaks veröffentlichte E-Mail verwiesen. Dabei wurde mitunter suggeriert, Hillary Clintons Wahlkampfleiter würde sich in der Nachricht kritisch über Deutschlands Umgang mit der Flüchtlingskrise äußern. Ein Klick auf die Quelle beweist aber: Die E-Mail wurde an den Mitarbeiter Clintons geschickt, nicht von ihm.

Auch wenn viele Blogs und Foren eine Nachricht diskutieren - und kein etabliertes Medium -, hat man nicht unbedingt einen Beleg für "Lügenpresse"-Vorwürfe gefunden. Eins von vielen Gegenbeispielen für diese These findet sich etwa bei "Mimikama".
Zeigt ein Foto wirklich, was es zu zeigen vorgibt?
Gerade kurz nach Naturkatastrophen oder Gewalttaten machen häufig auch Foto-Fakes die Runde. Viele Menschen suchen dann nach Bildern und bekommen zum Beispiel alte Fotos von anderen Ereignissen vorgesetzt.
Vier Schritte - die wir hier detaillierter erklären - können helfen, solche Fakes zu entlarven: von der Bilder-Rückwärtssuche bis hin zum Check der Bildinhalte auf Plausibilität.
Wie neu ist ein angeblich neu aufgetauchtes Video?
Nach Ereignissen wie der Kölner Silvesternacht werden in sozialen Netzwerken oft nicht nur alte Fotos, sondern auch alte Videos als vermeintliche hochaktuelle Augenzeugen- oder Skandalclips inszeniert.

Will man eine Ahnung davon bekommen, ob ein YouTube-Video vielleicht schon älter ist, kann man zum Beispiel den YouTube DataViewer von Amnesty International anwerfen. Der Dienst liefert unter anderem sogenannte Thumbnails, Bildausschnitte aus Videos, mit denen sich dann wieder eine Bilderrückwärtssuche durchführen lässt. Außerdem wird das Upload-Datum angezeigt.
Kann ich anderen Nutzern helfen?
Haben Sie einen Fake entlarvt, kann es nie schaden, andere Internetnutzer an der Erkenntnis teilhaben zu lassen und beispielsweise einen Erklärlink als Kommentar unter ein dubioses Facebook-Posting zu setzen. Bei Facebook sollten Sie auch versuchen, Fake-News zu melden. In einem Untermenü der Meldeoption kann man explizit angeben, dass es sich möglicherweise um eine gefälschte Nachricht handelt.

12.00 Uhr Hacker im Staatsauftrag(?): Wie sie vorgehen und wie man sie enttarnen kann

Noch immer wird darüber diskutiert, welche Rolle Hacker aus Russland im US-Wahlkampf spielten. Dieses Podium, moderiert von Netzwelt-Ressortleiterin Judith Horchert, beschäftigt sich mit der Frage, wie man - möglicherweise staatlich gesteuerten - Hackergruppen überhaupt auf die Spur kommen kann. Dafür spricht Horchert mit dem Präsidenten des Bundesamts für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, mit dem freien Tech-Journalisten Hakan Tanriverdi und Tillmann Werner, einem Analysten der IT-Sicherheitsfirma CrowdStrike.

15.15 Uhr Fakten statt Floskeln - Warum hartnäckige Interviews wichtig sind

Mit der Stilform des Interviews und ihren Herausforderungen für Fernseh- wie Magazinjournalisten beschäftigt sich dieses Podium von Anja Reschke. Sie spricht mit Klaus Brinkbäumer, dem Autoren Friedrich Küppersbusch und den Moderatoren Ingo Zamperoni ("Tagesthemen") und Armin Wolf (ORF).


16.30 Uhr Datenfriedhöfe - Warum Datenrecherchen manchmal scheitern müssen

Datenjournalismus ist für Journalisten ein immer populärer werdendes Arbeitsfeld. Doch nicht jeder Datensatz, den ein Journalistenteam in die Hände bekommt, taugt für eine große Geschichte. Unter dem Motto "Datenfriedhöfe" erzählen drei erfahrene Datenjournalisten von ihren schwierigsten Fällen. Ulrike Köppen vertritt den Bayerischen Rundfunk, Sascha Venohr "Zeit Online" und Christina Elmer SPIEGEL ONLINE. Es moderiert die freie Journalistin Astrid Csuraji.


19.00 Uhr SPIEGELMining: Das verraten die Daten über SPIEGEL ONLINE

Was lässt sich allein durch das Sammeln und Auswerten öffentlicher zugänglicher Daten über ein Unternehmen herausfinden? Der Informatiker David Kriesel hat sich vorgenommen, anhand von 100.000 Artikeln von SPIEGEL ONLINE Rückschlüsse über die Arbeit unserer Redaktion zu ziehen. Im Gespräch mit Judith Horchert gibt er einen Einblick in seine Erkenntnisse.


Samstag, 10. Juni

10.45 Uhr "Populisten" und "Lügenpresse" - Die AfD und die Medien

Unter dem Motto "Populisten" und "Lügenpresse" - die Anführungszeichen sind jeweils bewusst gesetzt - geht es am Samstagvormittag um die Frage, wie Journalisten über die AfD berichten. Diskutieren wird Moderator Stefan Weigel von der "Rheinischen Post" das mit einem Spitzenfunktionär der Partei: mit Alexander Gauland. Auf dem Podium sitzen außer ihm noch ARD-Aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke und SPIEGEL-Redakteurin Melanie Amann.

mbö



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