Neue ARD-Vorsitzende: Monika Piel verläuft sich im Internet

In einem Interview hat die neue ARD-Vorsitzende Monika Piel den Zeitungsverlegern Hilfe angeboten. Gemeinsam müsse man gegen die "Kostenloskultur" im Netz angehen. Sogar kostenpflichtige ARD-Apps kann Piel sich vorstellen. Sie hätte besser geschwiegen, findet Christian Stöcker.

WDR-Intendantin Monika Piel: Seltsame Ansichten zum Netz Zur Großansicht
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WDR-Intendantin Monika Piel: Seltsame Ansichten zum Netz

Die neue ARD-Vorsitzende Monika Piel glaubt, Google sei "eine Bedrohung für die ARD". Das sagte sie Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart und seinem Medienredakteur Hans-Peter Siebenhaar in einem bemerkenswerten Interview. Leider fragten Steingart und Siebenhaar nicht nach: Inwiefern die ARD denn von einer Internetsuchmaschine bedroht sei? Das hätte einen schon interessiert. Sieht Monika Piel die Gefahr, dass Google-Wegelagerer die Männer mit den Geldtaschen, die jedes Jahr insgesamt fünf Milliarden Euro Rundfunkgebühren für ARD und ZDF transportieren, auf dem Weg zur Bank überfallen könnten? Oder besteht die Gefahr darin, dass die künftig flächendeckend zwangszahlenden Fernsehbürger Deutschlands beim Googeln feststellen könnten, dass es da draußen im Internet viel Interessanteres gibt als "Tatort"-Wiederholungen, "In aller Freundschaft" und "Die Krone der Volksmusik"?

Piel wartete in dem Gespräch, das wohl gewissermaßen Teil ihrer öffentlichen Regierungserklärung nach der Amtsübernahme sein sollte, mit weiteren bemerkenswerten Ansichten auf. Zum Beispiel mit dem vermutlich als Geste des guten Willens gemeinten Versprechen, sich dafür einzusetzen, dass "auch wir", die ARD, künftig Geld verlangen sollten für ARD-Apps für Smartphones und Tablet-Rechner. Aber nur dann "wenn es die Verleger schaffen, alle ihre Apps kostenpflichtig zu machen".

Gebührenfinanzierte Apps noch einmal bezahlen?

Noch mal langsam: Um den Verlegern einen Gefallen zu tun, bietet Piel an, für die komfortabel gebührenfinanzierten Inhalte von ARD und ZDF in anderer Darreichungsform noch mal Geld zu verlangen. Wenn das kein Friedensangebot ist. Das Problem, das die Privaten mit solchen Apps haben, ist aber nicht, dass sie kein Geld kosten. Sondern, dass ARD und ZDF mit Gebührengeldern finanziert presseähnliche Erzeugnisse herstellen. Konkurrenzprodukte. Das Angebot, die nun zu verkaufen, ist keine Lösung, sondern ein Affront. Piel aber kann sich sogar "gemeinsame Plattformen vorstellen, um unsere Inhalte zu vermarkten".

Die öffentlich-rechtlichen Sender sollen ihre Inhalte aber gar nicht verkaufen. Sie sollen sie zur Verfügung stellen, mehr nicht. Bezahlt sind sie ja schließlich bereits, wie Stefan Niggemeier völlig korrekt anmerkt, der sonst stets als Verteidiger öffentlich-rechtlicher Internetangebote auftritt. Marcel Weiss weist, ebenfalls völlig zu Recht, darauf hin, dass eine derartige "Allianz der Qualitätsanbieter im Wettbewerb unter anderem gegen Google, Apple und Vodafone" (Piel), kartellrechtlich durchaus problematisch sein dürfte.

Das Internet, das zeigt sich hier einmal mehr, verwirrt mit seiner transformativen Wucht viele Vertreter traditioneller Medienhäuser noch immer nachhaltig. Öffentlich-rechtliche Intendanten sind da keine Ausnahme. Bei Monika Piel zeigt sich das auch daran, dass sie die häufig wiederholte, damit aber trotzdem noch immer unsinnige These wiederkäut, im Internet herrsche eine "Kostenloskultur", das sei ein "Geburtsfehler", den man "beseitigen" müsse. Das ist schlicht falsch.

Im Radio und im Fernsehen herrscht schon immer Kostenloskultur

Erstens bezahlen Menschen online durchaus Geld für Dinge, man frage mal bei Amazon nach, oder bei Test.de oder beim "Wall Street Journal" - aber eben nicht für alle. Zweitens bezahlen selbst die, die kein Geld für Inhalte ausgeben, und zwar gleich doppelt: mit ihrer Aufmerksamkeit - fragen Sie mal Vertreter einer Media- oder Werbeagentur, ob die wertlos ist. Und mit dem Geld, das sie für ihren Internetzugang und die dafür notwendigen Geräte ausgeben, ob stationär oder mobil.

Dieses Modell ist nicht neu und sollte gerade Monika Piel bestens bekannt sein: Ihre private Konkurrenz, ob im Radio oder im Fernsehen, lebt schon seit vielen Jahren komfortabel mit der Kostenloskultur des Rundfunks. Direkt verdient haben an TV-Zuschauern und Radiohörern hierzulande stets nur Hersteller und Verkäufer von Unterhaltungselektronik - und die Kabelnetzbetreiber. Von einem "Geburtsfehler" war dort nie die Rede, obwohl die Sender samt und sonders werbefinanziert sind. Mit einer Ausnahme, versteht sich: ARD und ZDF sind die einzigen, die hierzulande kostenpflichtigen Rundfunk machen.

Das wird sich aber ja nun ändern: Geld schuldet man ARD und ZDF bald nicht mehr für die Möglichkeit, ihre Programme zu empfangen, sondern einfach dafür, in Deutschland zu wohnen. Bezahlen werden wir nicht mehr für den Empfang, sondern für unsere Existenz. Eine Ausnahme gibt es übrigens, wie Piel im Gespräch mit dem "Handelsblatt" betonte: "Taubblinde werden auf Antrag weiterhin befreit."

Durchschnittsalter 60 plus

Man kann es offenbar nicht oft genug sagen: Das Problem, das Presseverlage im Internet haben, ist nicht, dass dort nicht für Presseerzeugnisse bezahlt würde. Von den Verkaufserlösen könnte in Deutschland kaum ein Medienhaus leben - der unter marktwirtschaftlichen Bedingungen hergestellte Journalismus ist auch hierzulande seit eh und je maßgeblich werbefinanziert. Das Problem, das das Internet gebracht hat, sind nicht mangelnde Verkaufserlöse, sondern ein gigantischer Zuwachs an Werbeflächen - die natürlich nicht mehr alle in den Angeboten von Verlagshäusern liegen. Mit Online-Werbung wird derzeit zu wenig verdient, um die Verluste aus dem Printgeschäft auszugleichen. Bei diesem Problem kann die ARD den Verlagen nicht weiterhelfen. Das könnte sie allenfalls, indem sie künftig darauf verzichtet, online Konkurrenzprodukte anzubieten.

Sie sollte sich lieber intensiver mit der Frage auseinandersetzen, woran es liegt, dass ihr Publikum (Durchschnittsalter: 60+) langsam vergreist. Vielleicht hat das ja etwas mit "Tatort"-Wiederholungen zu tun, mit "In aller Freundschaft" und "Die Krone der Volksmusik".

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1. ...Troja
eikfier 04.01.2011
Zitat von sysopIn einem Interview hat die neue ARD-Intendantin Monika Piel den Zeitungsverlegern Hilfe angeboten. Gemeinsam müsse man gegen die "Kostenloskultur" im Netz angehen.*Sogar kostenpflichtige ARD-Apps kann*Piel sich vorstellen. Sie hätte besser geschwiegen, findet Christian Stöcker. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,737692,00.html
...keine Dumme die Emma Peel im ARD-Chefsessel, vielleicht hat sie ja auch Verwandte im Trojanischen Krieg gehabt, auf jeden Fall empfehle ich persönlich den Verlegern höchste Holzpferde-Vorsicht: "...timeo Danaos...et dona ferentes!"
2. Antwort
archie 04.01.2011
Da scheint bei der Intendantin wohl Hopfen und Malz verloren. Das Internet und ARD sind Gegensätze. Ich gehöre was TV betrifft ja zu den Totalverweigern. Da diese demnächst abgeschafft werden, muß ich mich, wenn ich denn schon bezahle, ja wieder fürs Programm interessieren. Ich plane, eine Vetretung für Kunden der ÖR zu gründen, die dann die Rechte der Zuschauer auf niveauvolles Programm vertritt (da ja zwangsbezahlt). Eine enge Kooperation mit dem Verbraucherschutzministerium wird angestrebt.
3. Dazu passt noch…
wika 04.01.2011
…dass * „Georg Schramm jetzt Regierungssprecher wird“* … Link (http://qpress.de/2011/01/03/wird-georg-schramm-regierungssprecher/), denn dann wäre es endlich mal vorbei mit der Idiotie und es gäbe Klartext *g*. Dass sich die Piel verpeilt, peilt man ja schon nach dem ersten öffentlichen Peeling der Dame. Aber wir wären ja auch nicht in Deutschland, würden wir nicht solche Peinlichkeiten auch noch zelebrieren. Stichwort Volksverblödung für die das Volk auch noch in mehrfacher Hinsicht zahlen muss.
4. Nein,
dr_gisela_v._kerf-binsing 04.01.2011
so alt kann ich gar nicht werden, bevor ich ein App-Dingsbums bei Frau Piel bestelle, die sich angesichts des kommenden Geldsegens wohl Dollar- (nein, Euro-) Zeichen vor die Linsen geklebt hat.
5. Nach GEZ-Zwangsbeglückung für Alle
wasissn 04.01.2011
jetzt GEZ-Zwangsbeglückung für AlleS. Ungarn, wir könnens noch besser (ist ja auch alte Schule).
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