Manipulierte USB-Sticks Wie Kate Winslet nach Nordkorea kam

Besucher aus China schleusen Hollywood-Filme, südkoreanische Serien und politisches Informationsmaterial nach Nordkorea. Dort wird die subversive Kost gierig konsumiert - auch wenn das nicht ganz ungefährlich ist.

Computernutzer in Pjöngjang: Surfen geht nur im Intranet
AP/dpa

Computernutzer in Pjöngjang: Surfen geht nur im Intranet


Nordkorea-kritische Aktivisten haben einen Weg gefunden, den Bewohnern des abgeschotteten Landes einen flüchtigen Blick in die weite Welt zu ermöglichen: Sie nutzen USB-Sticks, auf denen zum Beispiel amerikanische Filme gespeichert sind. Um sie sicher über die Grenze zu bringen, haben sie die Speicher besonders präpariert.

Beim Test durch einen nordkoreanischen Zollbeamte zeigten die USB-Sticks an, dass "0 Byte" Speicherkapazität belegt sind, erklärt Aktivist Kim Heung-kwang. Erst nach einer bestimmten Zeit würden die auf dem USB-Stick befindlichen Daten wieder sichtbar. Kim war in seinem ersten Leben Computerspezialist an der Universität von Pjöngjang. Vor sechs Jahren floh er nach Südkorea und baute dort die Gruppe Solidarität Nordkoreanischer Intellektueller (NKIS) auf. Der Verband von Koreaflüchtlingen hat es sich zur Aufgabe gemacht, Nachrichten über das Leben in ihrer alten Heimat aus dem totalitären Staat herauszuschmuggeln.

In den vergangenen Monaten sind auf den inoffiziellen Kanälen von NKIS erstaunlich akkurate Informationen aus dem Norden Koreas ins Ausland gelangt. So waren es Informanten der Dissidenten, die im vergangenen Dezember zuerst über die Hinrichtung des in Ungnade gefallenen Kim-Onkels Jang Song Thaek berichtet hatten.

Im Gepäck von Geschäftsleuten

Lange war fraglich, wie und wie viel westliche Geistesgüter in das über Jahrzehnte hermetisch abgeschottete Nordkorea hineingelangen. Denn Internetzugang hat kaum ein Nordkoreaner. Das Regime erlaubt es nur wenigen Linientreuen, sich ins weltweite Netz einzuklinken. Der Rest der Bevölkerung kommuniziert über das staatliche Intranet Kwangmyong.

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Nordkorea: Der genesene Diktator
Doch schon 2012 berichteten die Autoren einer vom US-Außenministerium in Auftrag gegebenen Studie, dass immer mehr Nordkoreaner Zugang zu Aufzeichnungen von ausländischen Radio- und Fernsehsendungen hätten. Nun hat NKIS enthüllt, auf welchem Weg dieses Material ins Land kommt: Chinesische Studenten und Geschäftsleute reisten zu Tausenden in den abgeschirmten Staat. Im Gepäck hätten einige eben jene manipulierten USB-Sticks, von denen Kim auf der Webseite seiner Organisation schreibt. Während einige der Sticks von Aktivisten der NKIS mit Büchern, Lehrmitteln und politischem Material gefüllt würden, enthielten die meisten der geschmuggelten Speichereinheiten Hollywoodfilme und südkoreanische Serien, so Kim.

Warum die Aktivisten so offenherzig über ihr Vorgehen Auskunft geben, lässt sich nur vermuten. Felix Patrikeeff, Nordkorea-Experte an der Adelaide-Universität, sagt, dass auf diese Weise zusätzlicher Druck aufgebaut werden soll: "Es geht immer auch darum, das Regime zu verunsichern."

Patrikeeff zufolge war Pjöngjang bei der Verfolgung des Konsums illegaler Medien in letzter Zeit längst nicht mehr so streng: "Nordkorea versucht, sich ein ganz kleines bisschen zu öffnen." Wenn die Diktatur es seinen Bürgern durchgehen lasse, auch mal einen nicht zensierten Film zu sehen, sei das wie "Druck aus dem Sicherheitsventil des Dampfkochtopfs" zu lassen, so Patrikeeff zu SPIEGEL ONLINE.

Die Organisation NKIS ist nicht die einzige, die Filme ins Land schickt, um das dortige Weltbild zu ändern. Das in Seoul ansässige North Korea Strategy Center gibt an, allein 2013 mehr als 2000 USB-Sticks mit 10.000 Filmen in den Norden geschmuggelt zu haben. Derzeit kooperiert das Zentrum mit einer Studentenorganisation der Yale-Universität in den USA, um noch gezielter Filme zu schicken, die über Menschenrechte aufklären.

"Titanic" mit Kate Winslet - der letzte Schrei aus Amerika

Dass viele Nordkoreaner dank dieses Ideentransfers per USB-Stick einen Teil ihrer immensen Wissenslücken inzwischen haben schließen können, zeigt sich bei Befragungen von gerade in Südkorea eingetroffenen Flüchtlingen. Diese seien recht gut über die Geschehnisse in der Außenwelt informiert, sagte Yoo Ho-yeol, der die Neuankömmlinge im Auftrag der Korea Universität in Seoul interviewt, jüngst gegenüber dem "National Public Radio" (NPR).

Westliche Filme gelangen allerdings erst mit großer Zeitverzögerung nach Pjöngjang. Klaas Glenewinkel, Direktor der Organisation Media in Cooperation and Transition (MICT), war vergangenes Jahr in Nordkorea, um dort gemeinsam mit dem Sportkommentator Marcel Reif Sportjournalisten des staatlichen Fernsehens zu schulen. MICT, das unter anderem vom Auswärtigen Amt finanziert wird, ist darauf spezialisiert, Journalisten in Krisengebieten und Ländern im Umbruch zu unterstützen. "In einem kleinen Kaffee in Pjöngjang habe ich mich mit einem jungen Koreaner über Filme unterhalten", sagte Glenewinkel gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Er hat mir von dem allerneuesten Film aus Amerika erzählt, 'Titanic' mit Kate Winslet."

Trotz aller Lockerungen bleibt es riskant, sich mit ausländischem Material erwischen zu lassen. Im November 2013 hatte eine südkoreanische Zeitung behauptet, über 80 Nordkoreaner seien in einem Sportstadium öffentlich hingerichtet worden, weil sie eine "beim Feind" produzierte TV-Serie geschaut hätten. Solche Schreckensberichte sind aber wohl maßlos übertrieben: Tatsächlich drohte bei solchen Vergehen bis vor Kurzem drei Jahre Gefängnis oder Arbeitslager, sagt Aktivist Kim. Mittlerweile schienen die Behörden den Kampf gegen die Flut von ausländischem Material jedoch aufgegeben zu haben.

Das größte Hindernis für den freien Zugang zu Informationen stellten inzwischen ausgerechnet die von den USA gegen Nordkorea verhängten Sanktionen dar, sagte Kim gegenüber NPR. Die Sanktionen beschränken die Lieferungen von Computern in den Norden Koreas. Doch je weniger Koreaner Zugang zu einem Rechner haben, desto weniger könnten etwas mit den eingeschmuggelten USB-Sticks anfangen.

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
se3ed1337 26.11.2014
1.
Dabei handelt es sich wohl um illegale Raubkopien?
drmedwurst 26.11.2014
2. Ba-dum
Herr Vorredner, erklären sie das mal einem Nordkoreaner.
thbaerle 27.11.2014
3. Raubkopien
Filme als Raubkopien in Nordkorea: da bekommt der name Kim Dotcom gleich einen neuen sinn ?
Baribal 27.11.2014
4.
Wie wäre es mit ähnlich getarnten WLAN-sticks, um ein Freifunk-Netz aufzubauen?
sitiwati 27.11.2014
5. was sind
illegale Raubkopien? gibts auch legale?
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