Umstrittener Besuch Eric Schmidt sieht Nordkoreanern beim Googeln zu

Was macht Eric Schmidt in Nordkorea? Der Spitzenmanager des Informationskonzerns Google besucht den Zensur-Weltmeister. Dort trifft er unter strenger Aufsicht Studenten - und lässt sich das Internet erklären. Aus Sicht der stalinistischen Führung eine gelungene Inszenierung.

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AP

Pjöngjang - In keinem anderen Land wird der Zugang zu Informationen so stark kontrolliert wie in Nordkorea. Chinas Internet-Regime ist im Vergleich geradezu liberal. Die Menschen, die in der stalinistisch geprägten Diktatur leben, haben in der Regel gar keinen Zugang zu Computern oder gar Netzwerken. Und wenn, dann nur zum nordkoreanischen Intranet, einer von den Zensoren des Systems gepflegten Ansammlung von Artikeln und Informationsseiten. Nordkorea ist der exakte Gegenentwurf zur Unternehmensphilosophie Googles: möglichst viel Information für jedermann zugänglich zu machen.

Was also macht Eric Schmidt, einst Google-Chef und heute der Vorsitzende des Verwaltungsrates, in Nordkorea? Diese Frage stellt man sich auch im US-Außenministerium. Als bekannt wurde, dass Schmidt gemeinsam mit dem früheren Gouverneur von New Mexico, Bill Richardson, in das Land reisen wollte, erklärte eine Sprecherin des Ministeriums: "Wir finden das Timing dieser Reise nicht sonderlich hilfreich" - immerhin hat Nordkorea erst vor wenigen Wochen die westliche Welt mit einem Raketenstart brüskiert.

"Private und humanitäre Reise"

Zwar sickerte aus dem Umfeld der Delegation um Schmidt und Richardson vorab durch, dass die Reise lange vor dem Raketenstart geplant worden war - und damit auch vor der überraschenden Ankündigung eines Kurswechsels des jungen Diktators Kim Jong Un. Am Unmut der US-Regierung ändert das jedoch nichts. "Sie bringen keine Botschaften von uns mit", erklärte die Sprecherin, Schmidt und Richardson seien "als private Bürger" unterwegs.

Ähnlich formulierte es auch Richardson selbst vor der Abreise. Es handele sich um eine "private und humanitäre Reise". Unter der Hand wurde mitgeteilt, Richardson werde sich auch für den US-Amerikaner Kenneth Bae einsetzen, der derzeit in Nordkorea im Gefängnis sitzt, wegen "feindseliger" Handlungen gegen den Staat. Ihm droht eine lange Haftstrafe.

Die Propagandisten Nordkoreas aber sorgen für Öffentlichkeit. Schon am Flughafen wurden Schmidt und Richardson von Fotografen und Kamerateams erwartet, die staatliche Nachrichtenagentur KCNA veröffentlichte Bilder, die die beiden Männer umgeben von Objektiven und Mikrofonen zeigten. Richardson, der bereits mehr als ein halbes Dutzend Mal in Nordkorea war, erklärte vor der Abreise freimütig: "Wir kontrollieren diesen Besuch nicht. Man wird uns den Zeitplan wissen lassen, wenn wir dort ankommen."

"Da wohne ich"

Für Dienstag sah der Zeitplan einen Besuch an der Kim-Il-Sung-Universität in Pjöngjang vor. Aus Sicht der Gastgeber warf dieser Besuch erfreuliche Fotos von Schmidt und Richardson ab, die einen Computerraum der Universität besuchten, ausgestattet mit ziemlich neu aussehenden HP-Rechnern mit Aufklebern, die sie als "Geschenk von Kim Jong Il", dem Ende 2011 verstorbenen Vater Kim Jong Uns, auswiesen. Ein Student führte Schmidt und Richardson vor, wie er Informationen von der Website einer US-Universität abrief, und Schmidt sagte erstaunt zu Richardson: "Er geht tatsächlich auf eine Cornell-Seite." Anschließend fragte der mitreisende Google-Mitarbeiter Jared Cohen den jungen Mann, wie er denn online Informationen finde, und der erwies sich als höflich: Er rief Google auf. Cohen revanchierte sich mit einem Blick in seine Heimat: Nachdem er "New York City" gesucht und die entsprechende Wikipedia-Seite angeklickt hatte, zeigte er auf ein Foto und sagte zu dem Studenten: "Da wohne ich."

Ein Vertreter der Universitätsbibliothek erklärte, die Studenten hätten täglich von acht Uhr morgens bis Mitternacht Zugang zu den Rechnern. Doch der Internetgebrauch wird streng überwacht, ebenso wie an anderen Universitäten des Landes. Wer Zugang will, muss sich registrieren lassen. Die meisten Nordkoreaner haben ohnehin noch nie an einem Rechner mit Internetanschluss gesessen.

Der Leiter der "E-Library", die Schmidt und Richardson besuchten, hatte in einem Interview kürzlich erklärt, Internetzugänge würden in dem Land bald mehr Menschen zur Verfügung stehen. Man sei dabei, Computer in alle Klassenzimmer und an alle Arbeitsplätze zu bringen. Kim Jong Un hatte in seiner vielbeachteten Neujahrsrede gesagt, Wissenschaft und Technologie müssten beim Aufbau von Nordkoreas Wirtschaft eine zentrale Rolle spielen.

Schmidts Auftritt in einem Universitäts-Computerraum kann vor diesem Hintergrund als gelungene Inszenierung der neuen Aufbruchstimmung gewertet werden. Wer nach Nordkorea reist, wird instrumentalisiert.

Mit Material von AP



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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
expendable 08.01.2013
1. Eric Schmidt...
...looking at Things.
Whitejack 08.01.2013
2.
Zitat von sysopAPWas macht Eric Schmidt in Nordkorea? Der Spitzenmanager des Informationskonzerns Google besucht den Zensur-Weltmeister. Dort trifft er unter strenger Aufsicht Studenten - und lässt sich das Internet erklären. Aus Sicht der stalinistischen Führung eine gelungene Inszenierung. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/nordkorea-besuch-google-manager-eric-schmidt-besucht-studenten-a-876379.html
Mag sein. Aber wer dem Land droht oder Sanktionen ankündigt, wird ebenso instrumentalisiert ("Seht her, dort sind die Feinde, die uns vernichten wollen, daher braucht Ihr euren großen Führer."). Das liegt in der Natur eines Regimes, das JEGLICHE Reaktion zensiert und nach eigenem Gutdünken umschreibt. Also stellt sich die Frage, was besser ist: Die Bevölkerung aushungern und auf einen gewaltsamen Umsturz hoffen, oder eine wirtschaftliche und politische Öffnung zu unterstützen, selbst wenn sie in kleinen Schritten vorangeht. Ich glaube, Alternative zwei ist auch im Interesse der Nordkoreaner die günstigere Option.
just_a_dude 08.01.2013
3.
Zitat von expendable...looking at Things.
well... when in Rome, do as the Romans do...
discotieren 08.01.2013
4. Man muss ihn nur .....
... in seinen eigenen Worten zitieren und man weiß, wie gut er, der Google-Schmidt, nach Nord-Korea passt: "Wir wissen, wo du bist. Wir wissen, wo du warst. Wir wissen mehr oder weniger, worüber du nachdenkst." - SPIEGEL Online Zitate. Außerdem will Google wie facebook einen Klarnamenszwang. China hat ihn konsequent gerade eingeführt. In Deutschland steht noch das Gesetz dagegen - § 13 VI TMG. Aber hat es die US-Industrielobby jemals interesssiert, wenn in anderen Ländern andere Gesetze gelten? Shrink-Wrap-Verträge?
kein Ideologe 08.01.2013
5. hihi
Zitat von expendable...looking at Things.
der war gut. Aber egal, wenn es nur ein ganz klein wenig das Regieme aufweicht, und das tut schon jemand, der offensichtlich ohne Vorgaben frei spricht, ist es OK.
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