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NSA, GCHQ und Co.: Die Unsicherheitsbehörden

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Ethernet-Kabel: Eingriff ins Netzwerk Zur Großansicht
DPA

Ethernet-Kabel: Eingriff ins Netzwerk

Die Geheimdienste der westlichen Welt sollen die Sicherheit der Bürger schützen. Im Internet tun sie das exakte Gegenteil: Sie unterminieren die Sicherheit, um ihre Macht zu erweitern.

Zu den Aufgaben der National Security Agency (NSA) gehört es, bei der Erarbeitung von Standards mitzuhelfen, die "kostengünstige Systeme für den Schutz sensibler Computerdaten" ermöglichen. Verschlüsselungsstandards zum Beispiel. Zu den Standards, welche die NSA selbst für den Gebrauch empfiehlt, gehört beispielsweise der Advanced Encryption Standard (AES). Ein Dokument aus dem Snowden-Archiv, das der SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE nun veröffentlichen, zeigt aber: Die NSA besitzt offenbar schon "eine Handvoll Methoden", AES "kryptanalytisch anzugreifen". Und sie arbeitet an weiteren.

Dieser Fall ist beispielhaft für die gespaltene Persönlichkeit der vermeintlichen Sicherheitsbehörde mit dem Milliardenbudget. Auf der einen Seite will die NSA die Sicherheit - auch die Internetsicherheit - von US-Bürgern schützen. Auf der anderen Seite arbeitet sie aktiv daran, Sicherheitsmechanismen zu unterminieren, auf denen weite Teile der weltweiten digitalen Kommunikation basieren.

Die NSA, das britische GCHQ und ihre Verbündeten knacken beispielsweise routinemäßig und offenbar millionenfach sogenannte SSL/TLS-Verbindungen - dazu gehören all jene Internetverbindungen, über die Bankgeschäfte abgewickelt, online Einkäufe getätigt oder E-Mails abgerufen werden, zu erkennen am Kürzel "https" in der Browserzeile. Die Dienste attackieren auch VPN-Verbindungen, mit denen etwa Unternehmen ihren Mitarbeitern ermöglichen, sich von außen ins Firmennetz einzuloggen. Und sie greifen speziell gesicherte Zugänge an, über die Adminstratoren Rechner, Router und andere Hardware aus der Ferne warten. All das zeigen nun erstmals veröffentlichte Snowden-Dokumente.

Die Cloud ist voller Löcher

Mit anderen Worten: Grundlegende Sicherheitsmechanismen dessen, was unter dem Namen Cloud Computing gerade Teile der Wirtschaft revolutioniert, werden von den Geheimdiensten routinemäßig und massenhaft ausgehebelt. Zu diesem Zweck greifen sie zu einer ganzen Reihe unterschiedlicher Mittel: Geheime Schlüssel werden mit der Spionage-Infrastruktur von NSA und GCHQ aus dem Netz gefischt, Internet-Router gehackt, Supercomputer zum Errechnen von Schlüsseln in Stellung gebracht - alles Möglichkeiten, die durchaus auch anderen Nationalstaaten zur Verfügung stünden. Vor allem aber hat gerade die NSA offenbar seit Jahren systematisch, aber heimlich mathematische und technische Systeme sabotiert, auf denen all diese Verschlüsselungsmethoden basieren. Sie und ihre Verbündeten haben das Netz für alle unsicherer gemacht, denn auch jeder andere, der diese Schwächen entdeckt, kann sie ausnutzen. Seien es Kriminelle oder andere Nationalstaaten.

Bei NSA und Co. reagiert man auf jede neue Enthüllung verlässlich mit dem Hinweis, man tue das alles doch nur, um gefährlichen Terroristen auf die Spur zu kommen, denn die benutzten schließlich ebenfalls das Internet. US-Dienste und Strafverfolger agitieren in den letzten Monaten sogar öffentlich gegen die Bemühungen von IT-Firmen aus ihrem eigenen Land, ihren Kunden besser abgesicherte Hard- und Software anzubieten, etwa sicher verschlüsselte Handys. Das behindere sie bei der Terrorabwehr und Strafverfolgung. Dass sie dafür offenbar bereit sind, die Sicherheit aller aufs Spiel zu setzen, zeigt deutlich, dass die vermeintlichen Sicherheitsbehörden jedes Maß verloren haben.

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insgesamt 54 Beiträge
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1. Zerstörung des Internets
Tornado 29.12.2014
Langfristig werden alle Machtblöcke dieser Welt ihr eigenes Internet, ihre eigenen PCs, ihre eigenen Betriebssysteme entwickeln. Man gab im 18. Jahrhundert ja auch die Depeschen nicht irgendwem sondern seinen eigenen Kurieren. Die NSA mag also für ein paar Dekaden einen großen Wurf gelandet haben - lagfristig verspielen die USA und auch die Briten so jedes Vertrauen beim Rest der Welt. Man muss also die Strategen im White House doch mal fragen: welchen Sinn machen die paar Vorteile durch die Daten wenn man dafür seinen guten Ruf zerstört hat? Der angerichtete Schaden ist extrem! 1950 hat die ganze Welt zu den USA aufgeblickt - heute setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass die USA krank sind. Eine krank gewordene Demokratie die wild um sich schlägt.
2. wieviele und wie betroffen?
bebreun 29.12.2014
Um einschätzen zu können, welche Beeinträchtigung und persönliche Schädigung aus der Überwachung resultiert, wäre interessant zu wissen, wieviele Bürger z.B. in Deutschland tatsächlich von den Ausspähungen Konsequenzen gespürt haben. Wie haben diese Konsequenzen ausgesehen und sich auf die Personen ausgewirkt? Ich will dazu nicht wissen, was man denkt und fühlt, wenn man die Informationen zu den Ausspähungen liest.
3. Unkenntnis der Regierenden
Hamid A. 29.12.2014
Das eigentliche Problem, um das es hier geht, ist die Tatsache, dass die Alteingesessenen in der Politik und in der Justiz nicht mit Internet und PCs aufgewachsen sind und darin auch nicht geschult wurde, um überhaupt dessen Zusammenhänge und Gesetze zu kennen, geschweige denn effiziente Regeln und Methoden zu entwickeln. Eines dieser Hauptpunkte ist das Unverständnis, dass ein PC nicht in der Lage ist zwischen demokratisch-gewählter Bit und kriminellem Bit zu unterscheiden. Darum verstehen sie auch nicht, dass wenn sich die demokratisch gewählten Personen Hackmöglichkeiten bei Großunternehmen wie google und Microsoft erpressen, dass sie auch dadurch Hackmöglichkeiten für ihre Feinde ermöglichen. Allein wenn sie diese eine Sache verstehen und verinnerlichen würden, wäre das ein riesiger Schritt. Bis sie noch alle anderen Gesetzmäßigkeiten des Informationszeitalters begreifen, ist noch ein langer Weg, aber selbst diese eine Sache zu verinnerlichen und danach zu handeln, wäre schon ein Riesenschritt.
4.
mantrid 29.12.2014
Dem Staat hat meine Privatssphäre nichts anzugehen, egal ob interessant oder uninteressant. Der Staat hat den Bürgern zu dienen, nicht umgekehrt. Der Staat hat seine Bürger zu schützen und nicht auszuspionieren. Die vermeintliche Terrorgefahr muss man relatvieren. In Deutschland sterben mehr als 3.000 Menschen jährlich im Straßenverkehr, während man die Terror-Toten an einer Hand abzählen kann. In den USA sind im letzten Jahr weit mehr Menschean durch den Gebrauch legaler Schusswaffen gestorben, als durch Terroranschläge jeder beliebigen Dekade einschließlich 9/11. Außerdem bleibt es bei der wichigsten Frage: Wer kontrolliert die Geheimdienste? Die USA treten die Menschenrechte mit Füßen, in dem sie foltern und morden (harte Verhörmethoden) und Menschen ohne jede Rechtsgrundlage oder Rechtsbeistand wegsperren. Inzwischen geht der Terror von den Geheimdiensten aus. Danke SPON für diesen Artikel. Richtig so, an Fakten halten, statt nebulöse Ängste zu schüren.
5. Der reine Faschismus
demokratie-troll 29.12.2014
Zitat: "Die Geheimdienste der westlichen Welt sollen die Sicherheit der Bürger schützen. Im Internet tun sie das exakte Gegenteil" Es geht ja nicht darum, sich vor Angriffen feindlicher Regime zu schützen, sondern um flächendeckende Volksüberwachung in einer totalen Schnüffelgesellschaft. Die mit der totalen Schnüffelei einhergehende Macht ist die Manipulationsmacht über die Gesellschaft. Das Wesen der Geheimdienste ist die Intransparenz und folglich ist ihre Manipulationsmacht über die Kommunikationsdaten aller Bürger demokratiezerstörend. Wo der Geheimdienst seine Finger im Spiel hat, funktioniert der Rechtsstaat nicht mehr. Die angestrebte Datenherrschaft der Geheimdienste ist also der reine Faschismus. Mit der NSA kommt der Faschismus an die Macht.
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  • Zur Quantum-Familie gehört auch QFIRE. Das ist ein im Jahr 2011 ausgearbeitetes Pilotprojekt der NSA, um eine weltweite Struktur zum aktiven Angreifen von Internetverbindungen zu schaffen. Das System soll der NSA erlauben, Internetverbindungen zu unterbrechen und umzuleiten sowie die Kontrolle über Botnetze zu übernehmen.
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