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Späh-Enthüllungen: NSA-Chef Alexander und das peinliche PR-Video

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Geheimdienstchef Keith Alexander will weitere Enthüllungen über die NSA verhindern. In einem Propaganda-Interview forderte er politische und juristische Lösungen, damit Journalisten nicht weiter interne Dokumente veröffentlichen. Das Video erntet im Netz Spott.

Geheimdienst-Chef Keith Alexander: "Wir müssen einen Weg finden, das zu stoppen" Zur Großansicht
DPA

Geheimdienst-Chef Keith Alexander: "Wir müssen einen Weg finden, das zu stoppen"

Washington/Fort Meade - Der oberste Spion der USA sitzt in einem halbdunklen Raum, im Hintergrund ist sphärische Musik zu hören, als solle der Zuschauer eingelullt werden. General Keith Alexander, Chef der NSA, antwortet auf unhörbare Fragen, die auf Texttafeln eingeblendet werden, wie in einem Stummfilm. Devote Fragen wie "Aber es geht doch um unser aller Sicherheit, richtig?" oder "Wie helfen diese Programme und Einrichtungen dem Militär, den militärischen Missionen?".

Dieses Propagandavideo des US-Verteidigungsministeriums erntet im Netz am Freitag viel Spott und Hohn. Über eine halbe Stunde erklärt Alexander darin den Auftrag seiner Behörde, erläutert, warum es bei allen Überwachungsprogrammen selbstverständlich mit rechten Dingen zugeht und warum vor allem die Medien sich derzeit schuldig machten mit all ihren böswilligen Enthüllungen über die Praktiken seiner Behörde.

Mit Zehntausenden geheimen Dokumenten hatte sich der ehemalige NSA-Mitarbeiter Edward Snowden im Juni ins Ausland abgesetzt. Seitdem enthüllen Journalisten die Aktivitäten des Militärgeheimdiensts. Öffentlich wurden so bereits Programme zur massiven Überwachung von Internet und Telefonen, bei denen zum Teil auch Amerikaner betroffen sind.

Die Nerven liegen bei der NSA offenbar blank: "Wir müssen einen Weg finden, das zu stoppen", sagt der General über Medienberichte zur Arbeit seiner Behörde. Was genau zu tun sei, wisse er nicht. Das sei aber auch eher Sache der Gerichte und Gesetzgeber.

Der seltsame Vergleich mit dem Bad

Es sei verkehrt, dass Journalisten all diese Dokumente hätten und sie nun "verkaufen und herausgeben", sagte Alexander dem "Armed With Science"-Blog, das vom Verteidigungsministerium betrieben wird. Das Video wurde auch auf YouTube veröffentlicht. Was er mit "verkaufen" meinte, führte er nicht weiter aus. Später sagt er: "Wenn Menschen sterben, sollten die, die das leaken, verantwortlich gemacht werden."

Unter dem Video haben sich bei YouTube mehr als 2300 Kommentare angesammelt. Die populärsten kritisieren "selbstgerechten Bullshit" und fordern die NSA auf, endlich die US-Verfassung ernst zu nehmen.

Alexander erklärt erneut, warum er Spähprogramme für unabdingbar hält, mit einem eigentümlichen Vergleich: Als Kind, sagte er, habe man doch auch nie ein Bad nehmen wollen. "Warum soll ich ein Bad nehmen? Warum muss das sein? Es muss doch eine bessere Methode geben!" Natürlich wüsste jeder Erwachsene, dass man eben baden oder duschen müsse. Und so sei es auch mit den NSA-Spionageprogrammen: "Was wäre eine bessere Methode, Terroristen zu fangen?"

Alexander weiter: "Die Leute sagen, da werden Amerikaner ausspioniert - das ist absolut falsch. Wir verfolgen mit diesen Programmen Terroristen."

Auch Amerikaner von Überwachung betroffen

Bisher hat der General die Arbeit seines mächtigen Apparats stets als "vorbildlich" verteidigt. Gericht, Kongress und Regierung würden sich genau anschauen, was die NSA tue. Auch in dem Interview wiederholte Alexander dieses Mantra.

Der US-Abgeordnete Alan Grayson schrieb gerade in einem Gastbeitrag für den britischen "Guardian": "Obwohl ich ein Kongressmitglied mit Sicherheitsfreigabe bin, habe ich aus den Medien sehr viel mehr darüber erfahren, wie die Regierung mich und meine Mitbürger ausspioniert, als aus den offiziellen Unterrichtungen."

USA warnen Geheimdienst-Partner vor weiteren Leaks

Der Journalist Glenn Greenwald, der mit Snowden zusammenarbeitet, hatte erklärt, aus den Dokumenten ergebe sich eine Anleitung dafür, wie der Geheimdienst aufgebaut sei. Wer sie studiere, so Greenwald, wisse genau, "wie die NSA das tut, was sie tut". Snowden selbst wolle aber nicht, dass alle diese Dokumente an die Öffentlichkeit kommen.

US-Sicherheitsbehörden warnen derzeit befreundete Geheimdienste in anderen Ländern vor möglichen Enthüllungen auf Basis dieser Dokumente, berichtet die "Washington Post". Offenbar gehen die USA davon aus, dass Snowden Informationen über Spionageaktionen zum Beispiel gegen Iran, Russland oder China kopieren konnte. Dabei sollen zum Teil Dienste von Ländern geholfen haben, mit denen die USA nicht offiziell zusammenarbeitet.

Das Büro des US-Geheimdienstdirektors James Clapper sei mit dieser heiklen Aufgabe befasst worden. In einem Fall soll ein Nato-Staat dabei helfen, Russland auszuspähen. Sollte diese Kooperation öffentlich werden, könne Russland sie schnell unterbinden.

Eins scheint klar zu sein: Die Folgen der NSA-Affäre werden den Geheimdienst wohl noch eine ganze Weile beschäftigen. Alexander, der seit den Enthüllungen zunehmend unter Beschuss gerät, dürften weitere unangenehme Monate bevorstehen. Im März oder April kommenden Jahres will er seinen Posten allerdings wie geplant räumen. Auch sein Stellvertreter wird dann gehen.

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insgesamt 233 Beiträge
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1. Hollywood
Hilfskraft 25.10.2013
auf eines ist Verlaß. Immer ganz großes Kino aus den USA. Ich liebe deren Movies voller Thrill, Witz und Crime. Und nun das Remake von "Alice im Wunderland". Fantastisch!
2. ohne Titel
Bedie 25.10.2013
das ist die absolute Krönung.
3. Mein lieber Herr Geheimdienstchef !
Badischer Revoluzzer 25.10.2013
das alles nichts "mit einem Weg finden " zu tun, sondern mit Grundanstand. Etwas, das die Amerikaner schon sehr, sehr lange nicht mehr haben ! Alles andere ist doch nur dummes Gefasel.
4. Hahahaha.
nemensis_01@web.de 25.10.2013
Der Mann gefällt mir. Den juckts aber mal gar nicht, dass so Geistesgrössen wie Pofalla, Friedrich und Frau Kanzlerin sich aufmandeln, dem gehts drum das nichts mehr rauskommt. Da sieht man einmal das Ansehen und die Wertschätzung unserer Politikelite im Ausland. Die liegt ungefähr so hoch wie ein Sack Reis. Klasse der Mann.
5. Vielleicht sollte
susi_123 25.10.2013
man darüber nachdenken, wie man Terroristen den Nährboden entziehen kann? Was treibt Menschen zum Terror? Im Grunde genommen ist Terrorbekämpfung alá NSA doch nur ein Deckmäntelchen für Wirtschafts- und Politikspionage.
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