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NSA-Reförmchen: Das Internet als Waffe

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Präsident Obama: Internet als Spielwiese des Militärs Zur Großansicht
REUTERS

Präsident Obama: Internet als Spielwiese des Militärs

Barack Obama hat einige Einschränkungen verfügt, doch er wird die NSA nicht entscheidend zügeln. Der Geheimdienst ist viel zu wertvoll für ihn: Die NSA hat das Internet in ein globales Waffensystem von geostrategischer Bedeutung verwandelt.

Barack Obamas lange vorbereitete Reaktion auf die Snowden-Enthüllungen ist, trotz einiger angekündigter Einschränkungen der Macht der NSA, eine Enttäuschung. Ein paar Änderungen am Telefon-Metadatenprogramm innerhalb der USA, etwas mehr Aufsicht für dieses spezielle Programm, ein Zugeständnis, künftig keine befreundeten Staatschefs mehr abzuhören - mit gewissen Einschränkungen. Viele eher wolkige Ankündigungen über weitere Beratungen mit dem US-Kongress und wohlfeile Versicherungen darüber, dass man die Privatsphäre auch von Nicht-US-Bürgern achte und künftig noch mehr achten werde. Aber kein klares Wort zum Internetschleppnetz, zu den Hackerattacken der NSA, zu kompromittierten Verschlüsselungsstandards und global verteilten Hintertüren in Privat- und Unternehmensrechnern. Obama pries sogar ausdrücklich die Bemühungen der NSA um die Privatsphäre von US-Bürgern.

Überraschend ist Obamas allzu zahmer Umgang mit der NSA nicht.

Die US-Regierung hat kein Interesse daran, die Macht ihres Geheimdienstes zu verringern, oder gar die Schatteninfrastruktur anzutasten, mit der die NSA den Planeten überzogen hat. Tatsächlich nämlich hat der Geheimdienst weit mehr getan, als an strategisch wichtigen Punkten im Internet Lausch- und Spähposten aufzustellen: Die NSA hat das Internet in ein Waffensystem verwandelt.

Heute kann sie sich potentiell Zugriff auf jeden Rechner, jedes Handy, jedes ans Internet angeschlossene Gerät verschaffen, etwa mit einem Programm namens Quantum Insert, das NSA-Programme unbemerkt über den Internetbrowser einschmuggeln kann. All die kompromittierten Computer, angezapften Überseekabel, Handy-Abhörstationen und verwanzten Rechner dienen bei weitem nicht nur der Spionage - sie sind ein Milliarden Dollar teures Rüstungsprojekt. Eines, das keine US-Regierung ohne Not aufgeben wird.

Das Budget der NSA betrug im Jahr 2013 10,8 Milliarden Dollar, es wird weiter wachsen. Und allein das Budget des US Cyber Command des Pentagon soll sich im Jahr 2014 auf 447 Millionen Dollar mehr als verdoppeln. Das Cyber Command ist eine Einrichtung der US-Streitkräfte, geleitet aber wird es von keinem anderen als NSA-Chef Keith Alexander. Zu seinen Aufgaben gehört es, "auf Anweisung das gesamte Spektrum militärischer Operationen im Cyberspace durchzuführen".

Dass eine US-Regierung sich von dem Angriffswerkzeug wieder verabschiedet, das da bei der Suche nach Terroristen scheinbar nebenbei entstanden ist, kann als ebenso unwahrscheinlich gelten wie eine freiwillige Abkehr von den eigenen Nuklearwaffen. Das Schattennetz der NSA verschafft den USA einen unschätzbaren geostrategischen Vorteil. "Amerikas Fähigkeiten sind einzigartig", sagte Obama in seiner NSA-Rede am Freitag in Washington ganz unverblümt - wenn auch ohne konkreten Bezug zu aggressiven Cyber-Operationen.

Internet als digitale Fernbedienung

Schön illustriert wird die wahre Motivationslage der US-Sicherheitsbehörden durch einen geheimdiensttypischen Euphemismus in einem NSA-Dokument, das SPIEGEL ONLINE Ende Dezember veröffentlicht hat. Im Zusammenhang mit einem Internetprojekt namens QFire ist da die Rede von "forward-based defense", was hier in Wahrheit bedeutet: von Angriffen in Computernetzen, von Standorten möglichst nah beim Gegner aus. In dem Dokument aus dem Jahr 2011 geht es unter anderem darum, dass man sich noch mehr "Präsenzpunkte" überall auf der Welt verschaffen wolle, um Netzwerke in aller Welt noch besser unterwandern zu können, für Verteidigung und Angriff im Netz. Präsenzpunkte sind gekaperte Computer.

In 85.000 bis 100.000 Rechnern in aller Welt hat sich die NSA bislang eingenistet. Sie alle können, ohne Wissen ihrer Besitzer und Benutzer, jederzeit auf Wunsch der US-Regierung ausgeforscht, ferngesteuert oder einfach unbrauchbar gemacht werden. Betroffen sind nicht nur PC und Laptops: Wie Unterlagen belegen, die SPIEGEL ONLINE Ende Dezember veröffentlichte, hat eine Spezialabteilung der NSA gezielt und erfolgreich Schadsoftware für teure Profirechner entwickelt, die in Unternehmensrechenzentren und bei Internetprovidern eingesetzt werden; für Server, Router und Firewalls.

Eingeschleust werden die heimlichen Helfer der NSA über das Netz oder auf dem Postweg: Pakete mit Hardware von US-Herstellern wie Juniper, Cisco oder Dell fängt der Geheimdienst unterwegs zum Besteller ab, reichert sie unauffällig mit seinen digitalen Fernbedienungen an und schickt sie dann zu den Endkunden weiter.

Diese Art von Infiltration hat kriegerisches Potential: Wer die Rechenzentren der Großunternehmen und Internetprovider eines Landes so unterwandert hat, der kann auch dafür sorgen, dass die längst lebensnotwendige Infrastruktur Internet auf Kommando ihren Dienst einstellt, dass Telefonnetze ausfallen, Kommunikation zusammenbricht.

Ein solcher digitaler Blackout ist ein Szenario, vor dem US-Politiker wie der Richard Clarke, einst Sicherheitsberater mehrerer US-Präsidenten, seit Jahren öffentlichkeitswirksam warnen, immer verbunden mit der Forderung nach mehr Geld für "Cyberabwehr". Clarke selbst hat einen fiktiven Thriller zum Thema geschrieben, in dem in den USA Züge entgleisen und der Strom ausfällt, alles durch Cyberattacken. In Wahrheit hat die NSA ihrer Regierung längst die Möglichkeit verschafft, solche Waffen bei Bedarf selbst einzusetzen.

Sabotageziele Iran und China

Die NSA-Einheit für "Maßgeschneiderte Operationen" (TAO) zählt Angriffe auf sogenannte Scada-Systeme explizit zu ihrem Aufgabenbereich, wie Dokumente belegen, die der SPIEGEL einsehen konnte. Scada-Systeme sind Steuereinheiten für Industrieanlagen und Kraftwerke. Die Geheimoperation mit dem Codenamen "Olympic Games", in deren Rahmen die USA und Israel das iranische Atomprogramm mit Hilfe einer komplexen Software namens Stuxnet weit zurückwarfen, ist wohl auch als eine Art Testballon zu werten: Hier waren Scada-Steuerungsmodule in Uranzentrifugen das Sabotageziel.

Die Debatte um ein No-Spy-Abkommen zwischen Deutschland und den USA, die zaghaft vorgetragenen Wünsche der europäischen Verbündeten nach einem bisschen weniger Spionage, und auch die Forderungen von US-Bürgerrechtlern an den eigenen Geheimdienst sind deshalb im besten Falle naiv: Der Totalzugriff auf weite Teile des Netzes, die digitalen Angriffskapazitäten, die sich die NSA und ihre Verbündeten aus der "Five-Eyes"-Allianz verschafft haben, sind ein globaler Machtfaktor, der mit dem sogenannten Krieg gegen den Terror nur noch am Rande zu tun hat. Es geht um einen kalten Krieg im Netz, mit Gegnern wir Iran, China, Nordkorea und auch Russland. Um ein digitales Wettrüsten, in dem die USA im Augenblick zumindest dem Anschein nach vorne liegen.

Über mehr oder weniger Spionage, über Vertrauen unter Verbündeten zu reden, geht deshalb am Kern der Sache vorbei: Die einzige Möglichkeit, die Militarisierung des globalen Kommunikationsnetzes zurückzudrehen, wären internationale Abrüstungsverhandlungen. Die Privatsphäre Hunderter Millionen Internetnutzer ist im kalten Cyberkrieg nicht mehr als ein Kollateralschaden.

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1.
Atheist_Crusader 17.01.2014
Zitat von sysopREUTERSBarack Obama wird die NSA nicht entscheidend zügeln. Der Geheimdienst ist viel zu wertvoll für ihn: Die NSA hat das Internet in ein globales Waffensystem von geostrategischer Bedeutung verwandelt. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/nsa-refoermchen-obamas-digitale-waffen-a-944123.html
Ohne Not?. Die Infrastruktur bröckelt auseinander, jede Generation Schüler ist schlechter gebildet als die Letzte, die Wirtschaft gehört nur noch im Bereich Computer und Rüstung zur Weltspitze, das Land zerbricht immer mehr an politischen, ideologischen und subkulturellen Grenzen und das Verhältnis von Niedrig- zu Spitzenverdienern hat noch nie dagewesen Höhen erreicht. Derweil fühlt man sich von sogenannten Terroristen bedroht, die im Jahr weniger Amerikaner umbringen, als die Straßenkriminalität an einem Wochenende, und deren Gefahr man um mindestens 50% senken könnte, wenn man einfach aufhören würde mit ihren Heimatländern herumzupfuschen. Aber gut, stattdessen hat man sein "globales Waffensystem von geostrategischer Bedeutung". Denn wenn diesem Land EINES fehlt, dann sind es Waffen.
2. Wir können dieses Lauschsystem unschädlich machen
BBTurpin 17.01.2014
indem wir alle in jeder Email und in jedem Online-Kommentar einen Satz nach dem Zufallsprinzip ausgewählter Worte des NSA-Lauschprogramms einfügen. Weiß auf weißem Hintergrund, von mir aus. Dann kennen sie sich vor lauter potenziellen Tätern nicht mehr aus. So schlägt man die Lauscher mit ihren eigenen Waffen.
3. Diktator Obama
genau_so_isses 17.01.2014
Ich predige es schon seit 20 Jahren. Aber manche merken es erst jetzt: Wer solche "Freunde" hat, braucht keine Feinde mehr.
4. So wie es aussieht,...
Emmi 17.01.2014
So wie es aussieht, ist die einzige Möglichkeit, sich vor Ausspähung zu schützen, offline zu gehen, das Handy auszuschalten und nach Möglichkeit überhaupt keine elektronischen Geräte zu nutzen. Autofahren kann man - zumindest mit neueren Autos - auch vergessen. Das ist zumindest die Quintessenz der letzten Tage/Wochen mit Meldungen über Router mit Hintertüren, Hintertüren in "smarten" Kühlschränken, TVs, Zählern und Thermostaten, der allgegenwärtigen Standortverfolgung und SMS-Abgreiferei bei Handies, des Mitlesens von Emails und Chatprogrammen, der "Vernetzung" von Autos und sogar der Verwanzung von offline-PCs mit Funkmodulen... Viel Spaß in der Welt von vor 30 Jahren!
5. Da gibts doch nur die gleiche Lösung wie bei Atomwaffen ...
Pinin 17.01.2014
... nämlich dass genug Staaten ähnlich aufrüsten um zum "Gleichgewicht des Schreckens" zu führen. Unbestrittene militärische Überlegenheit eines Staates führt unweigerlich zu Kolonialkriegen - China z.B. kann ein Lied davon singen ...
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