Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Motivationsbrief vom Geheimdienstchef: "Liebe NSA-Familie..."

Von

NSA-Chef General Keith Alexander: "Integrität in Zweifel gezogen" Zur Großansicht
AFP

NSA-Chef General Keith Alexander: "Integrität in Zweifel gezogen"

Die NSA steht weltweit in der Kritik. Nun wirbt Geheimdienstchef Keith Alexander in einem Brief an die Familien seiner Mitarbeiter offenbar um Verständnis, Nachsicht und Unterstützung. Neben Lob und viel Pathos gibt es eine klare Ansage: Da kommt noch was.

Fort Meade - Spätestens seit Juni hat die NSA einen denkbar schlechten Ruf: Durch die Enthüllungen Edward Snowdens landet der amerikanische Geheimdienst fast täglich in den Schlagzeilen. Das Bild einer unersättlichen Behörde ist entstanden, die kaum kontrolliert sammelt, speichert, auswertet, was immer sie an Daten kriegen kann, die dabei Fehler macht, Bürgerrechte verletzt, US-Volksvertreter anlügt.

Um die Familien ihrer Mitarbeiter angesichts all dessen zu beruhigen, hat die Chefetage jetzt offenbar einen Brief an die Angehörigen derjenigen geschickt, die für die National Security Agency (NSA) und Central Security Service (CSS) arbeiten. Allein die NSA beschäftigt geschätzte 30.000 bis 40.000 Menschen.

Ein Blogger hat ein abfotografiertes Exemplar des Briefes veröffentlicht. Das Schriftstück ist unterzeichnet von NSA-Chef General Keith Alexander und seinem Stellvertreter John Inglis. Die NSA hat auf eine Anfrage zur Echtheit des Schreibens bis zum Erscheinen dieses Artikels nicht reagiert. Sie hat jedoch auch Berichte über den Brief nicht dementiert, etwa einen im britischen "Guardian".

Der Brief der Chefs ist ein Appell an den Nationalstolz der Angehörigen und die Berufsehre der NSA-Angestellten selbst. "Liebe NSA/CSS-Familie", beginnt das Schreiben, "wir möchten die Informationen, die sie in den Medien lesen und hören, in einen größeren Zusammenhang stellen und Ihnen versichern, dass die Behörde und ihre Arbeitskräfte ihre Unterstützung verdient haben und dankbar dafür sind." Als Angehöriger eines NSA-Mitarbeiters spiele jeder Adressat eine wichtige Rolle für die eine große Mission des Geheimdienstes: "unser Land zu schützen und zu verteidigen".

Die NSA als "nationaler Schatz"

Screenshot von dissenter.firedoglake.com Zur Großansicht
firedoglake.com

Screenshot von dissenter.firedoglake.com

Manche Medien hätten die Enthüllungen "sensationalisiert" und die Motive der NSA in Frage gestellt. "Fälschlicherweise" seien auch "die Integrität und der Einsatz der außergewöhnlichen Menschen, die hier bei NSA/CSS arbeiten, in Zweifel gezogen" worden. Es sei entmutigend gewesen, zu sehen, wie die NSA in den Nachrichten eher als unkontrolliert agierende Behörde dargestellt wurde - und nicht als "nationaler Schatz", der sie doch eigentlich sei.

Seit 61 Jahren sei die NSA für den Schutz der USA zuständig, und: "Alles, was wir tun, um diese Mission auszuführen, ist legal." Die Behörde werde von allen drei Staatsgewalten kontrolliert.

Die Mitarbeiter lernten "vom ersten Arbeitstag an", Privatsphäre und Grundrechte der amerikanischen Bürger zu schützen. Man sei bemüht, Fehler zu vermeiden, aber: "Wir sind Menschen, und weil das gesetzliche und technologische Umfeld, in dem wir arbeiten, so komplex und dynamisch ist, kommen Fehler manchmal vor." Die aber analysiere und behebe man - und schreibe Berichte an die jeweiligen Kontrollgremien.

Screenshot von dissenter.firedoglake.com Zur Großansicht
firedoglake.com

Screenshot von dissenter.firedoglake.com

"Einige von diesen Berichten sind an die Presse durchgesickert und falsch wiedergegeben worden, um uns als verantwortungslos und fahrlässig darzustellen; nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein."

"171 tote Kryptologen"

Die Journalisten, die sich die Zeit nähmen, die geleakten Dokumente richtig zu studieren, hätten ganz andere Schlussfolgerungen gezogen als diejenigen, die nur auf "die schnelle Schlagzeile" aus wären. Zum Beleg wird der geheimdienstfreundliche Jurist Benjamin Wittes zitiert, der im Blog "Lawfare" (Untertitel: "Hard National Security Choices") klar Partei für die NSA ergriffen hat.

Die Chefs wiederholen die Behauptung, dass man Amerika und seine Verbündeten vor 54 geplanten terroristischen Anschlägen bewahrt habe. Gemeinsam habe man Soldaten das Leben gerettet und Politiker und Militärs mit Informationen versorgt, damit sie "kritische Entscheidungen" treffen konnten, "um diese Nation zu schützen." Dafür habe man Risiken auf sich genommen: An der Gedenkwand der NSA stünden die Namen von 171 Kryptografen, die seit Bestehen der Behörde bei der Erfüllung ihrer Pflicht gestorben seien.

"Grauenvoll schlecht reagiert"

Auch in Fort Meade weiß man, dass die Affäre längst nicht ausgestanden ist: "In den kommenden Wochen und Monaten werden noch mehr Geschichten veröffentlicht werden." Man wolle die Familien deshalb mit Informationsmaterial versorgen, um ihnen zu helfen, "Wahrheit und Fiktion voneinander zu trennen". Das Schreiben schließt mit markigen Worten: "Wir haben schon früher Stürme überstanden, und wir werden auch diesen gemeinsam überstehen."

Aber ist der Brief überhaupt echt? Blogger Kevin Gosztola, der das Schreiben veröffentlichte, verweist auf Anfrage auf einen prominenten, zweifellos gut informierten Kommentator, der den Brief aufgriff: Harvard-Professor Jack Goldsmith, der unter Präsident George W. Bush wichtige Positionen im Justiz- und Verteidigungsministerium innehatte und heute für das genannte, sehr geheimdienstfreundliche Blog schreibt. "Lawfare" wird im NSA-Brief sogar wörtlich zitiert. Goldsmith schreibt, der Brief zeige, dass "es den Leitern der NSA bewusst ist, dass die Regierung der Vereinigten Staaten wirklich grauenvoll schlecht auf die häufig irreführenden öffentlichen Darstellungen reagiert hat".

Mitarbeit: Christian Stöcker

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 43 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Und dieser befindet sich in guter Gesellschaft:
Fridolin_Forenfleiß 21.09.2013
Zitat von sysopAFPDie NSA steht weltweit in der Kritik. Nun wirbt Geheimdienstchef Keith Alexander in einem Brief an die Familien seiner Mitarbeiter offenbar um Verständnis, Nachsicht und Unterstützung. Neben Lob und viel Pathos gibt es eine klare Ansage: Da kommt noch was. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/nsa-schickt-motivationsbrief-an-mitarbeiter-familien-a-923536.html
Vladimir Putin defends the U.S. on spying programs, drones and Occupy Wall Street (http://www.washingtonpost.com/blogs/worldviews/wp/2013/06/13/vladimir-putin-defends-the-u-s-on-spying-programs-drones-and-occupy-wall-street/) Putin findet das NSA-Programm praktikabel und den richtigen Weg, wie eine zivilisierte Gesellschaft den Terrorismus bekämpfen sollte. Snowden hat Russland nichts erzählt, was es nicht schon wüsste. Die Methoden, die Snowden enthüllt habe, seien ein generelles Phenomen im weltweiten Kampf gegen den Terrorismus. Sie seien im allgemeinen praktikabel, aber sie sollten von Gerichten und Öffentlichkeit kontrolliert werden. So wie in Russland :) Internetzensur: Russland startet schwarze Liste für Websites - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/internetzensur-russland-startet-schwarze-liste-fuer-websites-a-864903.html)
2. Liebe NSA Familie ...
robert.c.jesse 21.09.2013
Wir haben es bisher geschafft, die Welt und sogar unsere Regierung zu belügen. Aber jetzt ist gelungen uns auch selbst zu belügen. In Anbetracht dieser Tatsache, brauchen wir ihr vollstes Vertrauen ...
3. 171 tote Kryptologen?
seppfrieder 21.09.2013
171 tote Kryptologen in 61 Jahren. Bei der CIA sind es 102 Agenten seit 1947 und der Job dürfte um einiges gefährlicher sein, oder was tun Kryptologen.
4. Weshalb dieser Motivationsbrief
a.peanuts 21.09.2013
Frustrierte Mitarbeiter könnten ja zu Whistblowern werden. Und Stolz auf WAS ? Ressourcenverschwendung ? Tausende Spezialisten, aber nicht mal in der Lage sichere Software zu entwickeln.
5.
kuac 21.09.2013
Zitat von sysopAFPDie NSA steht weltweit in der Kritik. Nun wirbt Geheimdienstchef Keith Alexander in einem Brief an die Familien seiner Mitarbeiter offenbar um Verständnis, Nachsicht und Unterstützung. Neben Lob und viel Pathos gibt es eine klare Ansage: Da kommt noch was. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/nsa-schickt-motivationsbrief-an-mitarbeiter-familien-a-923536.html
Warum braucht eine Behörde eines demokratischen Staates einen solchen Rechtfertigungsschreiben? Da stimmt was nicht mit der Behörde.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: