NSA-Skandal Prisms großer Bruder

Wie umfangreich ist das Spähsystem Prism? Microsoft und Facebook sprechen von wenigen Anfragen des Geheimdienstes NSA, der Whistleblower Snowden vom "Vollzugriff". Eine mögliche Erklärung für den Widerspruch: Es gibt den Totalzugriff - aber durch ein anderes, noch umfassenderes Abhörprogramm.

Internet-Seekabel (Symbolbild): Absaugstation am Grenzübergang?
DPA/ TE SubCom/ Arctic Cable Company

Internet-Seekabel (Symbolbild): Absaugstation am Grenzübergang?

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Washington - Das Überwachungsprogramm Prism sei "eigentlich ein relativ kleiner Teil eines wesentlich umfassenderen und zudringlicheren Abhörprogrammes", berichtet die Nachrichtenagentur AP. Die National Security Agency (NSA) zweige an Internetknotenpunkten im großen Stil Daten ab, "sie kopiert den Internet-Traffic, der die USA erreicht oder verlässt, und leitet ihn für Analysezwecke weiter". Der Zweck des kürzlich enthüllten Programms namens Prism sei es lediglich "aus der Kakophonie des Internet-Rohdatenstroms Bedeutung zu extrahieren".

Diese Lesart würde die dunklen Andeutungen diverser US-Politiker seit den Prism-Enthüllungen erklären. Nach einem Treffen mit Geheimdienstleuten in der vergangenen Woche hatte etwa die demokratische Senatorin Loretta Sanchez aus Kalifornien gesagt, Prism sei "nur die Spitze des Eisbergs".

Der NSA ist es eigentlich verboten, Daten über US-Bürger zu sammeln. Dennoch erteilte der damalige Präsident George W. Bush nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 dem Geheimdienst die Erlaubnis, sich Zugang zu den Glasfaserkabeln zu verschaffen, die das US-Internet mit dem der übrigen Welt verbinden. Dadurch habe die NSA nun Zugriff auf E-Mails, Telefonate, Videochat, Websites, Banktransaktionen und mehr gewonnen - ohne Gerichtsbeschlüsse zu benötigen.

Obama stimmte dagegen - damals

Die "New York Times" berichtete 2005 erstmals über das NSA-Programm, im Jahr 2006 verriet ein ehemaliger Angestellter des Providers AT&T, dass die NSA in einer AT&T-Einrichtung einen eigenen Server installiert hatte, um den Datenverkehr abzuzweigen. US-Vizepräsident Dick Cheney verteidigte das Programm damals mit den Worten, es sei "sehr wertvoll beim globalen Krieg gegen den Terror".

2007 stoppte die Regierung Bush das Programm zur Telefonüberwachung ohne Gerichtsbeschluss, verschaffte sich aber mit dem Protect America Act neue Befugnisse. Nun musste sich die NSA einem Geheimgericht in Washington erklären, dem seit den siebziger Jahren bestehenden Foreign Intelligence Surveillance Court. Einzelne Gerichtsbeschlüsse für konkrete Maßnahmen wurden aber weiterhin nicht verlangt. Der US-Kongress winkte das Gesetz durch, Barack Obama, damals Präsidentschaftskandidat und Senator, stimmte dagegen.

Die AP zitiert ungenannte ehemalige Beamte mit der Aussage, eine juristische Hilfskonstruktion erlaube den Behörden, auch Daten über US-Bürger unbegrenzt zu speichern. Sie müssten demnach versiegelt in einem speziellen Speicherbereich eines Rechners aufbewahrt werden, "bis die Informationen in Ermittlungen zur nationalen Sicherheit relevant werden".

Ein Programm namens US-98XN - genannt Prism

In der "Washington Post" widerspricht ein anderer ungenannter NSA-Beamter: Sobald "die Daten mit uns in Kontakt kommen, haben wir sie auch, was auch immer man für Verben dafür benutzt". Die Äußerungen zum Thema bleiben widersprüchlich. So berichtet die "Washington Post", die NSA habe über Jahre auf "Internet-Metadaten" zugegriffen - also IP-Adressen, Verbindungszeiten, und -dauern, nicht auf Inhalte. AP dagegen spricht von einem vollständigen Absaugen allen Internet-Traffics.

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Utah: Die NSA und ihr Mammut-Datencenter

Als Folge des Protect America Acts sei ein geheimes Programm namens US-98XN entstanden, berichtet die Agentur - genannt Prism. Das geheime Gericht stattet Behörden dafür mit einer breiten, unspezifischen Erlaubnis aus, Daten zu beschlagnahmen. So werden beispielsweise seit 2006 wohl kontinuierlich Telefon-Verbindungsdaten von allen Telefonaten gespeichert, an denen ein US-Anschluss beteiligt ist.

Die Anfragen bei den Internetfirmen seien jedoch in der Regel spezifisch, beträfen eine konkrete Zielperson oder eine Gruppe. Genau das geben die großen Internetunternehmen übereinstimmend an. Mehrere von ihnen haben mittlerweile pauschale Gesamtzahlen von Auskunftsersuchen der US-Behörden veröffentlicht. Alle Firmen bestreiten aber vehement, der NSA direkten Zugriff auf ihre Server zu gestatten. Doch auf den Prism-Folien ist von "Vollzugriff" die Rede - wie kommt dieser Widerspruch zustande?

Die AP-Journalisten nennen ein Beispiel dafür, wie Prism ihrer Einschätzung nach konkret funktioniert: Beamte verschaffen sich Zugriff auf den E-Mail-Account eines Verdächtigen. Alle Kommunikationspartner dieser Person - also auch Amerikaner - können nun ihrerseits Ziel von Nachforschungen werden.

Prism rechtfertige die konkreten Zugriffe, doch die eigentliche Datenflut stamme von den Internet-Knotenpunkten. Auf Basis der Prism-Anhaltspunkte werde die Flut nun weiter durchforstet.

Unklar sei, ob dieser Datenstrom rückwirkend durchsuchbar ist. Etwa, indem man sich die Metadaten - Zeit, IP-Adressen und so weiter - einer Chat-Konversation verschafft und dann aus dem aufgezeichneten Datenstrom die eigentlichen Inhalte der Konversation extrahiert. Das würde gewaltige Speicher- und Rechenkapazität erfordern - in Utah baut die NSA gerade ein leistungsfähiges Rechenzentrum. Die Nachrichtenagentur AP kommt zu dem Schluss: "Ob die Regierung diese Macht hat und ob sie Prism so einsetzt, bleibt ein streng gehütetes Geheimnis."

cis/AP

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insgesamt 86 Beiträge
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HeinrichMatten 17.06.2013
1. Verdrossenheitstest
Zitat von sysopDPAWie umfangreich ist das Spähsystem Prism? Microsoft und Facebook sprechen von wenigen Anfragen des Geheimdienstes NSA, der Whistleblower Snowden vom "Vollzugriff". Eine mögliche Erklärung für den Widerspruch: Es gibt den Totalzugriff - aber durch ein anderes, noch umfassenderes Abhörprogramm. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/nsa-skandal-ueberwachen-die-usa-internet-seekabel-a-906158.html
SPON junckert.
DarkEnginseer 17.06.2013
2.
Zitat von sysopDPAWie umfangreich ist das Spähsystem Prism? Microsoft und Facebook sprechen von wenigen Anfragen des Geheimdienstes NSA, der Whistleblower Snowden vom "Vollzugriff". Eine mögliche Erklärung für den Widerspruch: Es gibt den Totalzugriff - aber durch ein anderes, noch umfassenderes Abhörprogramm. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/nsa-skandal-ueberwachen-die-usa-internet-seekabel-a-906158.html
Ich glaube, wer wie ich nichts zu verbergen hat, braucht sich auch nicht zu fürchten.
hubie 17.06.2013
3. Warum nicht in Bildung investieren?
Weil man damit keine Terroristen fängt. Außer der aussichtsreiche Nachwuchs entwickelt neue Methoden der Überwachung. So langsam mausert sich der Krieg - bzw. er ist es ja schon - gegen den Terror zum Totschlagargument für und gegen Alles.
hubie 17.06.2013
4. @#2 DarkEnginseer
Sehr weit gedacht. Nehmen sie mal an eine Behörde speichert ihre Daten auf Jahre hinaus. Nun werden sie in einigen Jahren vielleicht einer Straftat bezichtigt, die sie nicht begangen haben und als Argument für ihre Schuld wird eine Äußerung hervorgebracht die sie an anderer Stelle vor meinentwegen 7 Jahren in einem Forum geäußert haben oder in einem privaten Chat mit einem Freund / einer Freundin. Sie sind sehr einfältig wenn sie an Recht und Gerechtigkeit glauben in so einem System der Überwachung.
carrington 17.06.2013
5.
Zitat von DarkEnginseerIch glaube, wer wie ich nichts zu verbergen hat, braucht sich auch nicht zu fürchten.
Sagte der Bürger in der DDR und landete in Bautzen.
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