NSA-Skandal Was wollte Harold Martin mit einem Schuppen voller Geheimdokumente?

Ein ehemaliger externer Mitarbeiter der NSA wird beschuldigt, Daten gestohlen zu haben. Es gibt Parallelen zum Fall Edward Snowden. Doch Harold Martin ist kein Whistleblower, sagen seine Anwälte.

NSA-Hauptquartier in Fort Meade
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NSA-Hauptquartier in Fort Meade

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Wie konnten geheime NSA-Hacking-Werkzeuge in den falschen Händen und plötzlich sogar im Internet landen? Diese Frage beschäftigt US-Ermittler seit Wochen - und vor kurzem sah es sogar aus, als würde die Öffentlichkeit eine schnelle Antwort darauf bekommen. Wie Anfang Oktober bekannt wurde, wird ein ehemaliger externer Mitarbeiter beschuldigt, vertrauliche Daten des Geheimdienstes gestohlen haben.

Das FBI beschlagnahmte bei dem Mann namens Harold Martin "Tausende Seiten Dokumente" und geschätzt gleich 50 Terabyte an Daten, auf "Dutzenden" Computern und anderen Speichermedien. Gelagert hatte der 51-Jährige die Dokumente zu Hause - in einem Schuppen im Garten und in seinem Auto.

Obwohl offenbar nur ein Teil der 50 Terabyte Geheimdokumente waren: In dem beschlagnahmten Material finden sich wohl so viele "Secret"- und "Top Secret"-Informationen, dass US-Medien mittlerweile von einem Datenleck historischen Ausmaßes schreiben. Die NSA-Datensätze von Edward Snowden - immerhin mehrere Hunderttausend Dokumente - könnten gegen Martins Daten, die aus den Jahren 1996 bis 2006 stammen sollen, fast unbedeutend klein wirken.

Seit August in Haft

Festgenommen worden ist Martin laut Gerichtsunterlagen bereits am 27. August, momentan befindet er sich in Haft. Wie die "New York Times" vergangene Woche berichtete, ist es den Ermittlern bislang nicht gelungen, eindeutig nachzuweisen, dass Martin Daten an die Hackergruppe "The Shadow Brokers" weitergegeben oder verkauft hat, die die NSA-Hacking-Tools im Netz anbot. Auch Belege dafür, dass Martin durch einen Hack wichtige Informationen entwendet wurden, scheint es bislang nicht zu geben.

Den Umgang der Behörden mit Martin macht das kompliziert. Warum besaß der Mann aus Maryland, der fast zwei Jahrzehnte für Behörden wie die NSA gearbeitet hat, so viele interne Dokumente? In den Fokus der Ermittler war er offenbar durch ein Internet-Posting geraten, dessen Inhalt bislang nicht bekannt ist. Martin soll sich mit dem Verschlüsseln von Daten und Kommunikation ausgekannt haben und dieses Wissen auch privat genutzt haben.

"Ein Typ wie James Bond"

Insidern zufolge, die sich der "New York Times" anvertrauten, galt Martin als Patriot und als ein enthusiastischer Mitarbeiter. Er soll sich nach seiner Festnahme damit verteidigt haben, dass er sich angewöhnt habe, Material mit nach Hause zu nehmen, um seine Fähigkeiten zu schulen.

"Er sah sich immer als einen Typen wie James Bond, der die Welt vom Computer-Bösen rettet", zitiert die "New York Times" anonym einen Bekannten Martins. Von Menschen, die Martin gut kennen, heißt es, er habe nicht viele Freunde gehabt, berichtet die Zeitung, oft soll er in seine Arbeit vertieft gewesen sein.

Martins Motiv bleibt ein Rätsel. Wollte er tatsächlich Arbeit mit nach Hause nehmen? Mit den kopierten Daten Geld verdienen? Oder wollte er eines Tages doch in die Fußstapfen von Whistleblower Edward Snowden treten? Martin war von 2009 an bei der selben Firma wie einst Snowden angestellt, Booz Allen Hamilton.

Unregistrierte Waffen und Alkoholprobleme

Am Mittwoch wurde bekannt, dass Martins Anwälte eine Überprüfung des Haftbefehls gefordert haben, eine entsprechende Anhörung soll es am Freitag in Baltimore geben. Sie stört der Vergleich mit Snowden. James Wyda, einer von Martins Anwälten, sagte vorher über seinen Mandanten: "Er ist nicht Edward Snowden. Er ist niemand, der wegen politischen oder philosophischen Ideen denkt, er weiß es besser als alle anderen."

Warum Martin so viele Dokumente mitnahm, erklärte Wyda aber nicht. Stattdessen wurden bei der Anhörung Alkoholprobleme Martins angeführt. Man habe außerdem zehn zum Teil nicht registrierte Waffen gefunden, hieß es.

Zwölf Jahre in der Navy

Dem Dokument zufolge, mit dem nun der Haftbefehl angefochten wird, war Martin zwölf Jahre in der Navy. Danach war er zwei Jahrzehnte im Auftrag von US-Behörden tätig. Laut "Ars Technica" hat Martin nach seiner Festnahme seinen Job und seine Sicherheitsfreigabe verloren.

Beim FBI ist man laut den Insidern aus dem "New York Times"-Artikel skeptisch, ob Harold Martin voll mit den Behörden kooperiert, oder ob er manche Dinge doch für sich behält. Im Umfeld der Geheimdienste sei die Aufregung um den Fall groß, heißt es. Martin konnte schließlich jahrelang Material mit nach Hause nehmen, ohne aufzufliegen.

Und was bringt es am Ende, wenn die NSA Interna mit größtem Aufwand verschleiert, wenn man sie einfach aus einem Auto hätte erbeuten können?



insgesamt 15 Beiträge
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ackergold 28.10.2016
1. Grundregeln der westlichen Demokratie:
Es ist das Recht des Bürgers zu wissen, was der Staat tut, denn nicht die NSA ist der Souverän in einer rechtsstaatlichen Demokratie, sondern der Bürger ist der Souverän. Der Bürger ist auch nicht dazu da, der NSA oder sonstigen Geheimdiensten zu dienen, sondern die Geheimdienste dienen dem Bürger und zwar genau so, wie der Bürger es vorsieht und keinen Deut anders. Also nochmals: Es geht hier nicht um Machtausübung, sondern um DIENEN!
Luna-lucia 28.10.2016
2. Quantencomputer, und danach ... ?
Zitat von ackergoldEs ist das Recht des Bürgers zu wissen, was der Staat tut, denn nicht die NSA ist der Souverän in einer rechtsstaatlichen Demokratie, sondern der Bürger ist der Souverän. Der Bürger ist auch nicht dazu da, der NSA oder sonstigen Geheimdiensten zu dienen, sondern die Geheimdienste dienen dem Bürger und zwar genau so, wie der Bürger es vorsieht und keinen Deut anders. Also nochmals: Es geht hier nicht um Machtausübung, sondern um DIENEN!
Quantencomputer sind millionenfach schneller als herkömmliche Rechner. Sie stehen zwar noch am Anfang ihrer Entwicklung. Sie haben zwar enormes Potenzial, bergen aber auch die Gefahr, die üblichen Sicherheits-Technologien vollständig auszuhebeln. Dass die Technik bald real sein wird, zeigt die neue Sicherheitsempfehlung für die Industrie der National Security Agency (NSA) aus dem August dieses Jahres. Die Experten gehen davon aus, dass Quantencomputer zumindest im Ansatz bald zum Einsatz kommen und so bestehende Sicherheitssysteme unnütz machen. Quantencomupter können jede Verschlüsselung mit Leichtigkeit knacken So groß die Fortschritte für manche Bereiche und Wirtschaftszweige auch sein mögen, gibt es auch bei dieser Technologie Kehrseiten. Und diese haben drastische Auswirkungen auf unser digitales Leben. Ein funktionierender Quantencomputer würde sämtliche unserer gängigen Verschlüsselungen und kryptografischen Tools nutzlos machen. Die komplette IT-Sicherheit für den Email-Verkehr, Banküberweisungen, Kartenzahlungen, Online-Einkäufe etc. wäre unbrauchbar. Und dann ???? aus >>> http://www.focus.de/finanzen/experten/mueller/it-sicherheit-mit-quantencomputern-ist-keine-verschluesselung-mehr-sicher_id_6121304.html sind millionenfach schneller als herkömmliche Rechner. Sie stehen zwar noch am Anfang ihrer Entwicklung. Sie haben zwar enormes Potenzial, bergen aber auch die Gefahr, die üblichen Sicherheits-Technologien vollständig auszuhebeln. Dass die Technik bald real sein wird, zeigt die neue Sicherheitsempfehlung für die Industrie der National Security Agency (NSA) aus dem August dieses Jahres. Die Experten gehen davon aus, dass Quantencomputer zumindest im Ansatz bald zum Einsatz kommen und so bestehende Sicherheitssysteme unnütz machen. Quantencomupter können jede Verschlüsselung mit Leichtigkeit knacken So groß die Fortschritte für manche Bereiche und Wirtschaftszweige auch sein mögen, gibt es auch bei dieser Technologie Kehrseiten. Und diese haben drastische Auswirkungen auf unser digitales Leben. Ein funktionierender Quantencomputer würde sämtliche unserer gängigen Verschlüsselungen und kryptografischen Tools nutzlos machen. Die komplette IT-Sicherheit für den Email-Verkehr, Banküberweisungen, Kartenzahlungen, Online-Einkäufe etc. wäre unbrauchbar. Und dann ???? aus >>> http://www.focus.de/finanzen/experten/mueller/it-sicherheit-mit-quantencomputern-ist-keine-verschluesselung-mehr-sicher_id_6121304.html
sven2016 28.10.2016
3.
Schon spaßig: die staatlichen Dienste sammeln unter hohem personellen, technologischen und finanziellen Aufwand unter Nutzung aufgeweichter Bürgerrechte alles an Daten, die erreichbar sind und dann lassen sie sich die jahrelang "klauen". Ein Hoch auf die Cyber-Security. Bitte alles online stellen. Vllt regen sich mal mehr Leute drüber auf.
caroline.weysenhoff 28.10.2016
4.
Das größte Sicherheitsrisiko ist immer noch der Mensch. Da können sie abhören und verschlüsseln wie sie wollen.
j.vantast 28.10.2016
5. Nicht der Einzige
"Martin soll sich mit dem Verschlüsseln von Daten und Kommunikation ausgekannt haben und dieses Wissen auch privat genutzt haben." Da ist er heutzutage sicher nicht der Einzige. Ausser dass der Mann Dokumente mit nach Hause nahm ohne sie jedoch zu veröffentlichen wirft man ihm also nichts vor. Ich frage mich aber immer wieder wie hoch die Sicherheitsvorkehrungen bei der NSA sind wenn da bald jeder Daten mitnehmen kann.
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