XKeyscore: NSA beobachtet Anonymisierungs-Server von deutschem Studenten

Zwiebelsymbol des Tor-Netzwerks: Server von Student im Visier der NSA Zur Großansicht
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Zwiebelsymbol des Tor-Netzwerks: Server von Student im Visier der NSA

Schon länger bemüht sich die NSA, Nutzer des Tor-Netzwerks zu identifizieren. Der Code des Spionagewerkzeugs XKeyscore liefert nun Details: Laut eines Medienberichts hat der Geheimdienst den Server eines deutschen Studenten im Visier.

Auch wer in Deutschland anonym das Internet nutzt, hat gute Chancen, genau dadurch für die NSA interessant zu werden. Was schon länger bekannt war, wollen die Fernsehsender NDR und WDR nun auch anhand eines Ausschnitts des XKeyscore-Codes belegen können, der den Sendern in der NSA-Programmiersprache "Genesis" vorliegt. Ein Hinweis in der Kommentarspalte des Codes soll zeigen, dass die NSA Nutzer von Anonymisierungsprogrammen wie Tor als "Extremisten" bezeichnet.

Bei XKeyscore handelt es sich um ein NSA-Spionagewerkzeug, das annähernd die digitale Totalüberwachung ermöglicht. Ausgehend von Verbindungsdaten, den sogenannten Metadaten, lässt sich darüber beispielsweise rückwirkend sichtbar machen, welche Stichworte Zielpersonen in Suchmaschinen eingegeben haben - und sogar auf Volltexte von E-Mails zugreifen, sofern sie abgefangen wurden.

Die Fernsehsender berichten, anhand des XKeyscore-Quellcodes deutsche Überwachungsopfer identifiziert zu haben. In diesem Zusammenhang nennt das Magazin "Panorama" den Erlanger Studenten Sebastian Hahn, der einen von weltweit insgesamt 5000 Tor-Servern betreibt. Die IP-Adresse seines Servers tauche im Quellcode von XKeyscore als zu überwachendes Objekt auf, neben weiteren Adressen.

Die Abkürzung Tor steht für "The Onion Router", einen Dienst, der wie eine Zwiebel mit ihren vielen Lagen auch den eigenen Internetverkehr durch verschiedene "Schichten" schickt, bevor er am Ziel ankommt. Wer über das Tor-Netzwerk auf welche Inhalte von wo aus zugreift, lässt sich schwer feststellen. Nach Angaben der Tor-Betreiber nutzen außer Journalisten, Staatsanwälten und Firmen sogar Mitarbeiter der U.S. Navy das Netzwerk, um ihre Spuren im Internet zu verwischen.

Schon im Oktober hatte der "Guardian" berichtet, wie sich die NSA bemüht, Tor-Nutzer zu identifizieren. Bislang gilt der Dienst aber als vergleichsweise sicher.

Die NSA will herausfinden, wer das Netzwerk nutzt

Student Hahn betreibt für die Tor-Community eine von neun sogenannten Directory Authorities, heißt es bei "Tagesschau.de". Das bedeutet: Auf seinem Server befindet sich eine Liste, in der alle Tor-Server aufgelistet sind. Wer sich mit dem Tor-Netzwerk verbindet, greift automatisch auf eine der Directory Authorities zu, um die neueste Liste herunterzuladen.

Auf Hahns Server soll es aus diesem Grund pro Tag Hunderttausende Zugriffe geben. Nach Recherchen der Fernsehsender werden alle diese Zugriffe von der NSA markiert, anschließend landen sie in einer speziellen NSA-Datenbank.

Obwohl Sebastian Hahn anscheinend nicht persönlich Ziel der Überwacher ist - in erster Linie will die NSA über seinen Server herausfinden, wer das Tor-Netzwerk nutzt - fühlt sich der Student in seiner Privatsphäre verletzt. Er gerate in den Fokus der Geheimdienste, weil er etwas Gutes tue, zitiert ihn "Tagesschau.de".

Servername "Gabelmoo" soll im Quellcode auftauchen

Im Quellcode von XKeyscore soll neben der IP-Adresse auch der Name von Hahns Server auftauchen, "Gabelmoo", fränkisch für "Gabelmann". Auch die Namen der anderen Directory Authorities aus Berlin, den Niederlanden, Österreich, Schweden und den USA seien Teil des Quellcodes.

Konstantin von Notz, Grünen-Obmann im NSA-Untersuchungsausschuss, kommentierte die Recherchen im ARD-"Morgenmagazin": Die einzige Antwort der Bundesregierung auf die NSA-Affäre laute, dass sich die Bürger im Internet selbst schützen und ihre Daten verschlüsseln sollten. Nun stelle man fest, "dass gerade die, die verschlüsseln und das nutzen, überwacht werden. Das ist pervers und verrückt."

mbö/dpa

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1. Troja!
Eichsfelder 03.07.2014
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINESchon länger bemüht sich die NSA, Nutzer des Tor-Netzwerks zu identifizieren. Der Code des Spionagewerkzeugs XKeyscore liefert nun Details: Laut eines Medienberichts hat der Geheimdienst den Server eines deutschen Studenten im Visier. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/nsa-spaehte-tor-server-von-deutschem-student-mit-xkeyscore-aus-a-978914.html
Ich habe Leute nie verstehen können, die das Internet über Anonymisierungs-Server nutzen. Meine Vermutung war immer, dass sie nicht von Geheimdiensten ausgespäht, sondern (getarnt selbstverständlich) von ihnen betrieben werden.
2. VPN sollte Pflicht sein
Dr_EBIL 03.07.2014
http://de.wikipedia.org/wiki/VPN Bei Politikern gilt der alte Spruch: "Wenn man keine Ahnung hat, muss man wenigstens Verwirrung stiften." Tor würde ich nicht nutzen. Das ist langsam, hat Probleme mit Videos und ist bekannt, dass es im Fokus der NSA steht, weil es so populär ist. Der Vorteil ist, dass es kostenlos ist. VPN (virtual private Network) sollte jeder Deutsche eigentlich benützen (müssen), schon seit langem. Momentan hinterlassen die Nicht-VPN-Nutzer überall ihre IP. Auch wenn es oft nur eine dynamische ist, das ist schon ziemlich nahe und die wechselt nicht mehr so oft wie früher bei den Providern. Damit kann ein Angreifer ganz leicht gezielt Angriffe fahren, weil er quasi wie im echten Leben bei einer Ortsadresse genau weiß, wo er hin muss. Ein weiterer Vorteil von VPN ist, dass die Daten verschlüsselt werden. So kann man nicht mehr so einfach offene Daten auf verschiedenen Knotenpunkten abgreifen. Also der Grüne könnte mal einen Gesetzesvorschlag in die Richtung machen. Das würde natürlich abgeschmettert von den kontrollierten Regierungsvasallen. Ich kann nur jedem raten VPN zu benützen. Das kostet leider etwas mehr pro Monat, wenn man nicht gerade ein eigenes Servernetz hat, weil schnelle Server eher nur bei kommerziellen Anbietern laufen, aber es macht das Internet sicherer. Die NSA hat keine Probleme damit einzelne Personen auszuspionieren. Doch wenn eine kritische Masse erreicht wird, z.B. bei VPN-Benützern, dann wird das für die NSA sehr teuer. Die Möglichkeit steigt, dass sie einen Teil ihrer Macht verliert. Die Vision der NSA ist, dass sie uns mit Hilfe ihrer Technologie immer mehr kontrollieren und lenken in ihrem Sinne. Terrorgefahr ist dabei nur ein Strohmann-Argument. Es geht darum, dass sie unser Leben nicht nur überwachen, sondern lenken wollen. Je größer die Lücke wird zwischen Macht und Ohnmacht, um so schlimmer wird es für die Ohnmächtigen.
3. ....
toledo 03.07.2014
Zitat von Dr_EBILhttp://de.wikipedia.org/wiki/VPN Bei Politikern gilt der alte Spruch: "Wenn man keine Ahnung hat, muss man wenigstens Verwirrung stiften." Tor würde ich nicht nutzen. Das ist langsam, hat Probleme mit Videos und ist bekannt, dass es im Fokus der NSA steht, weil es so populär ist. Der Vorteil ist, dass es kostenlos ist. VPN (virtual private Network) sollte jeder Deutsche eigentlich benützen (müssen), schon seit langem. Momentan hinterlassen die Nicht-VPN-Nutzer überall ihre IP. Auch wenn es oft nur eine dynamische ist, das ist schon ziemlich nahe und die wechselt nicht mehr so oft wie früher bei den Providern. Damit kann ein Angreifer ganz leicht gezielt Angriffe fahren, weil er quasi wie im echten Leben bei einer Ortsadresse genau weiß, wo er hin muss. Ein weiterer Vorteil von VPN ist, dass die Daten verschlüsselt werden. So kann man nicht mehr so einfach offene Daten auf verschiedenen Knotenpunkten abgreifen. Also der Grüne könnte mal einen Gesetzesvorschlag in die Richtung machen. Das würde natürlich abgeschmettert von den kontrollierten Regierungsvasallen. Ich kann nur jedem raten VPN zu benützen. Das kostet leider etwas mehr pro Monat, wenn man nicht gerade ein eigenes Servernetz hat, weil schnelle Server eher nur bei kommerziellen Anbietern laufen, aber es macht das Internet sicherer. Die NSA hat keine Probleme damit einzelne Personen auszuspionieren. Doch wenn eine kritische Masse erreicht wird, z.B. bei VPN-Benützern, dann wird das für die NSA sehr teuer. Die Möglichkeit steigt, dass sie einen Teil ihrer Macht verliert. Die Vision der NSA ist, dass sie uns mit Hilfe ihrer Technologie immer mehr kontrollieren und lenken in ihrem Sinne. Terrorgefahr ist dabei nur ein Strohmann-Argument. Es geht darum, dass sie unser Leben nicht nur überwachen, sondern lenken wollen. Je größer die Lücke wird zwischen Macht und Ohnmacht, um so schlimmer wird es für die Ohnmächtigen.
Das scheint mir aber der bessere Ansatz zu sein! Die Politik sollte endlich das Recht auf Anonymität im Internet konsequent durchsetzen, auch um den Preis einer Nichtverfolgbarkeit! Die Nutzung von -kostenlosen- Internetdiensten muss mit falschen Identitäten möglich sein! Ich beispielsweise teile meinen Google Account bereits mit mehreren Personen, sodaß dort abgegriffene und ausspionierte Informationen wertlos sind, weil dort mehrere Charaktere mit unterschiedlichen Interessen tätig sind! Diese Googledaten sind Schrott und lassen nicht auf eine einzelne Person rückschließen! Verschleiern und verfälschen... meiner Meinung nach der einzige Weg, staatskriminelle Lauscher und Spione abzuwehren!
4. Dieser Staat ...
pieres 03.07.2014
... und auch die anderen mißtrauen ihren Bürgern zutiefst. Erst wenn Gedankenkontrolle und -manipulation, durch welche Eingriffe auch immer, verwirklicht sind, braucht es kein NSA u. ä. mehr. Das heißt dann anders. Deprimierend, aber so wird es kommen, ohne das es zu verhindern ist!
5. Spionage unter Freunden ...
skeptiker97 03.07.2014
... geht gar nicht, hat mal eine allseits bekannte Dame gesagt. Die Sache kam allseits zur Sprache, die USA haben sich, wie man sieht, definitiv entschieden: Keine Freunde! Punkt.
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