US-Spionage NSA späht Banktransfers und brasilianischen Ölkonzern aus

Neue Enthüllungen aus dem Fundus von Edward Snowden: Einem brasilianischen TV-Sender zufolge überwacht die NSA Geldtransfers über das internationale Bankennetzwerk Swift. Auch Firmen, etwa Google und der Ölkonzern Petrobras, stehen demnach im Visier des US-Geheimdienstes.

Petrobras-Bohrinsel: Der brasilianische Ölkonzern soll ins Visier der NSA geraten sein
DPA

Petrobras-Bohrinsel: Der brasilianische Ölkonzern soll ins Visier der NSA geraten sein

Von


São Paulo - Dem brasilianischen Fernsehsender TV Globo zufolge zapft der US-Geheimdienst NSA auch das für den Datenaustausch zwischen Banken genutzte Swift-Kommunikationsnetzwerk an. Darüber werden beispielsweise internationale Überweisungen und andere Finanztransaktionen abgewickelt. Außerdem habe sich der Geheimdienst Zugang zu Netzwerken von Unternehmen verschafft. Konkret genannt werden Google und der brasilianische Ölkonzern Petrobras. "Diese neuen Enthüllungen widersprechen den Behauptungen der NSA, sie betreibe keine Wirtschaftsspionage", heißt es in einem auf Englisch auf der Globo-Website veröffentlichten Bericht.

Auch seien Netze des französischen Außenministeriums angezapft worden, so TV Globo. Der Sender beruft sich auf Dokumente aus dem Fundus des amerikanischen Geheimdienst-Whistleblowers Edward Snowden, konkret auf NSA-Präsentationen vom Mai 2012, mit denen offenbar Agenten für das Ausspähen von Unternehmen geschult wurden. TV Globo ließ einen Computersicherheitsexperten zu Wort kommen, der die Dokumente einsehen konnte. Es handele sich offenbar um ein "sehr konsistentes System, das starke Ergebnisse liefert, eine sehr effektive Form der Spionage".

"Flying Pig" und "Hush Puppy"

Präsentationsfolien, die in dem TV-Bericht zu sehen sind, enthalten immer wieder die Abkürzungen SSL und TLS - dabei handelt es sich um Verschlüsselungssysteme für Web-Inhalte und E-Mails. Am Donnerstag hatte die britische Zeitung "The Guardian" berichtet, die NSA und das britische GCHQ hätten große Summen investiert, um diese und andere Verschlüsselungssysteme zu knacken. Die beiden Dienste arbeiten bei der Internetüberwachung eng zusammen.

Auch GCHQ-Folien tauchen in dem TV-Globo-Bericht auf, etwa eine über zwei Programme mit den Namen "Flying Pig" und "Hush Puppy". Beide dienen offenbar dem Knacken von SSL-Verschlüsselungen. "Flying Pig" wird an einer Stelle als "allgemeiner SSL-Werkzeugkasten" bezeichnet. SSL gehört zu den grundlegenden Sicherheitsmechanismen des Internets, wird etwa für den vermeintlich sicheren Transport von E-Mails und für die Absicherung von Online-Banking-Transaktionen verwendet. Auf einer anderen Folie ist schematisch erklärt, wie eine sogenannte Man-in-the-Middle-Attacke funktioniert. Dabei gibt sich der spionierende, zwischengeschaltete Rechner als der Zielrechner einer Internetverbindung aus und kann so alle anfallenden Daten protokollieren.

"Regierungen, Fluggesellschaften, Energieversorger"

In den Dokumenten seien neben Google, Petrobras und diversen Banken weitere Unternehmensnamen enthalten, deren Netzwerke angezapft würden. Diese habe man jedoch geschwärzt, heißt es in dem Bericht. Auf einer der Folien ist auch von "Netzwerken fremder Regierungen, Fluggesellschaften, Energieversorgern und Finanzinstituten" die Rede.

Einer der Autoren ist der Journalist Glenn Greenwald, der Zugriff auf die Dokumente hat, die Snowden von seinem Arbeitsplatz bei einem NSA-Dienstleister mitnahm. Greenwald lebt selbst in Brasilien. Er begründete die Schwärzungen so: "Diese Dokumente enthalten Informationen darüber, wie Terroristen ausgespäht werden, über Angelegenheiten der nationalen Sicherheit, die nicht veröffentlicht werden sollten, weil niemand bezweifelt, dass die USA, wie jedes andere Land, das Recht haben, im Dienste ihrer nationalen Sicherheit Spionage zu betreiben."

"Weltmärkte beeinflussen"

Greenwald fügte jedoch hinzu, er verfüge über Dokumente, die "noch viel mehr Informationen über das Ausspähen von Unschuldigen enthalten, von Leuten, die nichts mit Terrorismus oder Wirtschaftsinformationen zu tun haben". Diese Dokumente müssten veröffentlicht werden. Erst vor einer Woche hatte Globo aufgedeckt, dass E-Mails und Telefonate der brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff sowie von deren mexikanischem Kollegen Enrique Peña Nieto angezapft wurden. Brasilien hat deswegen eine Entschuldigung von US-Präsident Barack Obama gefordert.

Der nationale Geheimdienstdirektor der USA, James Clapper, räumte ein, dass die US-Dienste Wirtschafts- und Finanzdaten sammelten. Dies geschehe jedoch nur, um Finanzströme von Terroristen zu überwachen und "die Vereinigten Staaten und unsere Verbündeten mit einen Frühwarnsystem gegen internationale Finanzkrisen auszustatten, die die Weltwirtschaft beeinträchtigen könnten", so Clapperlaut "Washington Post". Auch die Wirtschaftspolitik oder das wirtschaftliche Handeln anderer Länder, die "die Weltmärkte beeinflussen könnten", stünden im Blickpunkt. All das geschehe lediglich "im Interesse der nationalen Sicherheit".

Clapper bestritt erneut, dass die NSA Wirtschaftsspionage betreibe: "Wir haben vielfach betont, dass wir unsere Möglichkeiten der Auslandsaufklärung nicht benutzen, um Wirtschaftsgeheimnisse anderer Unternehmen im Dienste von US-Firmen zu stehlen, um deren Wettbewerbsfähigkeit zu steigern oder ihre Gewinne zu erhöhen."

Der SPIEGEL berichtet in seiner aktuellen Ausgabe über die Fortschritte der NSA beim Ausspähen von Smartphones. Auch die Verschlüsselungsmechanismen der Business-Handys der Firma Blackberry hat der US-Geheimdienst demnach geknackt.

Themen im neuen SPIEGEL
Was steht im neuen SPIEGEL? Das erfahren Sie im SPIEGEL-Brief - dem kostenlosen Newsletter der Redaktion.

cis

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 149 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
caone 09.09.2013
1. mal langsam
bitte nicht zu jeder neuen pups- enthüllung einen bericht schreiben. über den nsa skandal wurde sowieso schon zuviel geschrieben. die meisten leute sind genervt vom medialen overkill zu dem thema und wenden sich davon ab aus desinteresse. und eigentlich sollte so etwas nicht passieren, da das thema generell wichtig ist. aber mit solchen meldungen macht man vieles kaputt. bitte darüber berichten, wenn es wirklich relevante neuigkeiten gibt. und mehr druck auf die politiker machen, das ganze aufzuklären. aber solche berichte schaden der öffentlichen aufmerksamkeit eher.
mrblond1981 09.09.2013
2. Natürlich......... dient nur der Terrorabwehr...
Zitat von sysopDPANeue Enthüllungen aus dem Fundus von Edward Snowden: Einem brasilianischen TV-Sender zufolge überwacht die NSA Geldtransfers über das internationale Bankennetzwerk Swift. Auch Firmen, etwa Google und der Ölkonzern Petrobras, stehen demnach im Visier des US-Geheimdienstes. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/nsa-ueberwacht-swift-banktransfers-und-oelkonzern-petrobras-a-921128.html
Gerade bei diesen Firmen ist die Entwicklung von terroristischen Aktivitäten groß, daher die Überwachung.
jue711 09.09.2013
3. Det Erfolg sagt doch alles!?
Die Inszenierung von Finanzkrisen unter vorheriger Gewinnabschöpfung wurde dich schon eindrucksvoll vorgeführt. Gerade kommen manche schon wieder aus der Rezession. Danke Amerika! Danke für den heldenhaften Kampf für die Freiheit der oberen 10000.
romaval 09.09.2013
4. Spon
bringt fast täglich neue Enthüllungen aber das war es dann auch.Man hört nichts mehr über Reaktionen der Betroffenen;Konsequenzen etc...Habe den Eindruck daß sich die Weltöffentlichkeit mit Allem, auch was noch kommt, abgefunden hat.
till-eulenspiegel 09.09.2013
5. Das ist keine Nachricht.
Eine Nachricht wäre es, was die NSA NICHT überwacht. Außer dem Schlafzimmer von Herrn Pofalla.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.