Huawei im NSA-Visier: Warum die USA Chinas Netzwerk-Giganten ausspähte

Von

Huawei-Logo auf der Cebit 2014: Bevorzugtes Ziel der NSA Zur Großansicht
Getty Images

Huawei-Logo auf der Cebit 2014: Bevorzugtes Ziel der NSA

Der chinesische Huawei-Konzern zählt zu den größten Netzwerkausrüstern der Welt - und steht nach SPIEGEL-Informationen bei der NSA weit oben auf der Spähliste. Die Geheimen hegen ein tiefes Misstrauen gegen den Tech-Giganten.

Hamburg - Huawei ist vielen als Handy-Hersteller bekannt, der versucht, Samsung Chart zeigen und Apple Chart zeigen Kunden abspenstig zu machen. Doch für den amerikanischen Geheimdienst dürfte interessanter sein, dass der chinesische Konzern auch einer der größten Netzwerkausrüster der Welt ist.

Nach SPIEGEL-Informationen hatte die NSA Huawei fest im Visier. Anfang 2009 starteten die Späher eine umfangreiche Operation gegen das Unternehmen. Einer Spezialeinheit des US-Nachrichtendienstes gelang es, an rund 100 Stellen das Computernetzwerk von Huawei zu infiltrieren und unter anderem eine Liste mit mehr als 1400 Kunden sowie interne Dokumente für das Training von Ingenieuren an den Huawei-Produkten zu kopieren.

Laut einer geheimen NSA-Präsentation schafften es die NSA-Mitarbeiter nicht nur, sich Zugang zum E-Mail-Archiv zu verschaffen, sondern auch zum geheimen Quellcode einzelner Huawei-Produkte. Der Quellcode einer Software gilt als das Allerheiligste von Computerunternehmen. Weil Huawei den Mail-Verkehr jedes Mitarbeiters über die Zentrale in Shenzhen leitete, wo die NSA eingedrungen war, lasen die Amerikaner von Januar 2009 an einen Großteil des Mail-Verkehrs der Belegschaft mit - inklusive der Post des Firmenchefs Ren Zhengfei und der Verwaltungsratschefin Sun Yafang.

Angst vor Huawei

Huawei gehört seit einigen Jahren vor allem im Mobilfunkbereich zu den festen Größen. So hat das Unternehmen 2009 in Norwegen das erste kommerzielle LTE-Netz der Welt für den Mobilfunkanbieter Telia Sonera in Betrieb genommen. In Russland verlegte Huawei Zehntausende Kilometer Glasfaserkabel und mit seinen Netzwerkroutern ist der Gigant mittlerweile die Nummer zwei auf dem Weltmarkt. Gleich nach US-Marktführer Cisco.

Weil über eben diese Router Internetverbindungen hergestellt, Datenpakete vermittelt, E-Mails zugestellt und Rechenzentren miteinander verbunden werden, hat sich in westlichen Ländern Angst breitgemacht, die Geräte könnte staatliche Schnüffelsoftware enthalten.

Einer der Gründe für diese Angst ist die Vorgeschichte des Huawei-Gründers Ren Zhengfei. Der war bis 1983 Mitglied des Ingenieurkorps der chinesischen Volksbefreiungsarmee, soll auch damals schon für Informations- und Kommunikationstechnologie zuständig gewesen sein. Bis heute werden dem öffentlichkeitsscheuen Mann gute Kontakte zur politischen Führung des Landes nachgesagt.

Ex-NSA-Chef glaubt an Spionage durch Huawei

Ihren bisherigen Höhepunkt erreichten die Anschuldigungen gegen das Unternehmen 2012, als ein US-Geheimdienstausschuss zu dem Schluss kam, Huawei könne "nicht getraut werden". Die Firma und deren Konkurrent ZTE stünden vermutlich unter dem Einfluss der Regierung in Peking, urteilte das Gremium. Im Abschlussbericht (PDF) hieß es: "Die Vereinigten Staaten sollten das fortgesetzte Vordringen chinesischer Telekommunikationsunternehmen in den US-Markt mit Argwohn betrachten."

Huawei reagierte mit einer Charmeoffensive. Im November 2012 bot das Unternehmen US-Behörden an, sich und seine Produkte einer intensiven Überprüfung zu stellen, um die Vorwürfe aus der Welt zu schaffen. Im Mai 2013 gab Gründer Ren Zhengfei sein erstes Interview. Doch davon ließ sich beispielsweise der ehemalige CIA- und NSA-Chef Michael Hayden nicht beeindrucken. In einem Interview sagte er, dass es Beweise für Spionageangriffe des Konzerns gebe. Er sei sich sicher, dass Huawei die chinesische Regierung mit geheimen Informationen aus den USA versorge.

In diesem Umfeld der Angst und des Misstrauens verwundert es nicht, dass Huawei für die NSA ein Spionageziel ist. Indem der Geheimdienst in die internen Netze der Firma eindrang, sich Informationen über Produkte, Mitarbeiter und Technologie verschaffte, konnte er besser einschätzen, ob wirklich eine Bedrohung von dem Unternehmen ausgeht. Vor allem aber dürfte es ein Ziel des Geheimdienstes gewesen sein, sich einen Zugang zu den Routern zu verschaffen, mit denen Huawei immer mehr Netzwerke in aller Welt ausrüstet.

Dieses Ziel haben die Computerexperten der NSA offenbar erreicht. Sie haben, womöglich durch ihre Spähaktionen bei Huawei, so viel über Aufbau und Funktionsweise der Router des chinesischen Unternehmens gelernt, dass sie eine Software entwickeln konnten, die ihnen einen dauerhaften Zugang zu den Geräten verschafft. Wie das Headwater genannte Programm funktioniert, wird in einem NSA-internen Katalog beschrieben, den der SPIEGEL einsehen konnte.

In dem Katalog, der Dienstleistungen der NSA-Abteilung Advanced Network Technology (ANT) auflistet, heißt es, die Headwater-Software könne via Internet auf den Ziel-Router installiert werden und würde dort eine Hintertür einrichten, die auch nach Software-Updates erhalten bleibe und über die der Geheimdienst auf alle übertragenen Daten zugreifen könne.

Ein derart manipulierter Router wäre für die NSA demnach so offen, als würde er direkt im Geheimdiensthauptquartier in Fort Meade stehen. Ein ideales Werkzeug, um Daten im großen Stil abzugreifen.

DER SPIEGEL

Was steht im neuen SPIEGEL? Bestellen Sie den SPIEGEL-Brief - den kostenlosen Newsletter der Redaktion.

(Mobilnutzer klicken bitte hier. )

Immer sonntags ab 8 Uhr finden Sie hier die neue digitale SPIEGEL-Ausgabe .

Hier geht es zur Mobilausgabe sowie den SPIEGEL-Apps für iPhone , Android und Windows Phone.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 36 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Heftig!
apalanca 23.03.2014
was soll man dazu noch sagen? Fehlt nur noch, dass die Informationen an Cisco verkauft oder ausgehändigt wurden. Das wird die Russisch-Chinesische-Kooperation fester binden. Die USA katapultieren sich ins Abseits...
2. Doppelmoral
liany 23.03.2014
Da zeigt sich mal wieder die Doppelmoral. Man beschuldigt Huawei für China zu spionieren aber infliltriert und infiziert gleichzeitig die Router der Firma mit U.S. Hintertüren. Die U.S. Hintertüren werden natürlich nur gegen Terroristen eingesetzt und dienen in keinem Fall der U.S. Spionage...
3. Man kann beiden nicht über den Weg trauen ...
joeeoj 23.03.2014
... aber da die Beiden auch kei ngegenseitiges Vertrauen ineinander haben, ist das gut für uns Bürger, denn wenn man z.B. Router von Huawei (Chinesische Backdoors) mit Geräten von anderen Herstellern in Reihe kombiniert (NSA Backdoor), dann kommt keiner mehr von Staatlichen Cyberkiminellen leicht durch Das dürfte der Grund sein warum die NSA die Panik bekommt; sie könnten dann nicht mehr überall ganz einfach zugreifen. Dann müssen sie sich schon deutlich mehr anstrengen. Gut so !
4.
Celestine 23.03.2014
Man könne der Huawei nicht trauen, so die NSA. Das ist der Brüller des Tages. Soll das im Umkehrschluss nun bedeuten, dass "wir" der NSA trauen sollten und könnten? Dabei spielt es doch keine Rolle, wer die Netze verlegt hat, oder? Oder sollte es doch eher heißen: Lasst die Amerikaner lieber die Netze verlegen, denn denen könnt ihr trauen! Oder auch: Lasst ein Unternehmen "unseres Vertrauens" die Netze verlegen (wobei "unser Vertrauen" gleichbedeutend mit der NSA sei). Tja, so geht es im globalen Wettbewerb: Misstrauen säen, dadurch für sich selbst um Vertrauen buhlen.
5. Dann können wir ja getrost davon ausgehen, dass auch die Cisco-Router ein Hintertürchen haben.
habu 23.03.2014
Wenn es denn gelungen ist, unter großem Aufwand die Huawei-Router zu verseuchen, wieviel einfacher ist es dann, die heimischen Cisco-Geräte schon bei der Produktion zu manipulieren. Die Welt sollte sich endlich gegen die Anmaßung der USA wehren - z.B. da, wo es wirklich wehtut, ein Impotverbot für amerikanische Internet- und Netzwerktechnik.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Netzpolitik
RSS
alles zum Thema NSA-Überwachung
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 36 Kommentare
SPIEGEL-Briefkasten

Interaktive Grafik

NSA-Geheimdokumente
  • Zur Quantum-Familie gehört auch QFIRE. Das ist ein im Jahr 2011 ausgearbeitetes Pilotprojekt der NSA, um eine weltweite Struktur zum aktiven Angreifen von Internetverbindungen zu schaffen. Das System soll der NSA erlauben, Internetverbindungen zu unterbrechen und umzuleiten sowie die Kontrolle über Botnetze zu übernehmen.
  • Fotostrecke: "Vorwärtsverteidigung" mit QFIRE


Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.