Online-Kampagnen Wie Campact mit Klicks die Welt verändern will

Wut und Empörung lassen sich schnell in Unterschriften verwandeln. Damit Online-Petitionen wirklich etwas bewirken, setzt die Kampagnen-Plattform Campact auf einige wenige Aktionen statt schierer Masse. Ihr größter Schatz: eine Million E-Mail-Adressen.

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Es gibt so viel Gutes zu tun im Internet, man kommt kaum hinterher: "Stoppt und bestraft die Jagd auf Delfine vor der Küste Perus", "Essen statt E10 - Hungersprit verbannen" und "Stoppt die Ausbeutung der Ponys auf dem Oktoberfest", heißen drei zufällig ausgewählte Online-Petitionen, die derzeit Unterschriften sammeln.

Man gibt Name, Wohnort und E-Mail-Adresse an, schon ist man Teil einer solchen Online-Petition. Plattformen wie Avaaz oder Change.org organisieren die Aktionen. In Deutschland feiert die Seite Campact gerade eine Million Unterstützer. Sind ein paar hunderttausend Unterschriften zusammen, werden die Forderungen an Regierungen oder Firmen übergeben: Seht her, das Internet ist sauer.

Die Plattformen vermitteln ihren Nutzern so das Gefühl politischer Beteiligung. Rund 56 Millionen Menschen haben bereits bei Change.org mitgemacht, wo die Nutzer auch selbst Petitionen starten können. Bei Avaaz sind es 32 Millionen Menschen. Ein paar erklärende Sätze, schon kann die Sammlung von Unterschriften für einen guten Zweck losgehen.

"Klicktivismus" nennen Kritiker solche Online-Petitionen. Sie bestreiten, dass Unterschriften die Welt besser machen. Micah White, selbst Aktivist, warnt vor den Folgen solcher durchoptimierten Klick-Kampagnen: Leeres Marketing würde echtes politisches Engagement verdrängen.

Campact will mehr als Klicks

Felix Kolb von Campact verteidigt Online-Petitionen: Sie seien ein erster Schritt, um Menschen an Politik heranzuführen. "Wir zeigen anschließend, wie man sich weiter engagieren kann." Zum Beispiel hätten 120.000 Menschen im vergangenen Jahr eine Aktion zur Energiewende per Klick unterstützt. "Denen haben wir dann vorgeschlagen, einen Filmabend mit Freunden und Bekannten zu organisieren."

Rund 2000 hätten das tatsächlich gemacht und die Dokumentation "Die 4. Revolution" gezeigt - und so mehr Leute erreicht als über E-Mails. "Klicken und Spenden ist okay, aber um politisch etwas zu bewegen, braucht es mehr", sagt Kolb. Deswegen organisiert Campact auch Demonstrationen, das gibt Bilder für die Medien und beeindruckt Entscheider oft mehr als lange Namenslisten.

Eine Million Menschen haben sich bereits für mindestens eine der Kampagnen engagiert und stehen nun mit ihrer E-Mail-Adresse in der Campact-Datenbank. Seit zehn Jahren gibt es die Plattform, die sich als links-progressiv bezeichnet und sich für mehr Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Ökologie einsetzt. Campact fordert etwa Asyl für Snowden, hat für den Atomausstieg demonstriert, gegen Steueroasen und die Privatisierung der Bahn.

Bevor Campact eine neue Kampagne startet, werden 5000 der E-Mail-Adressen zufällig ausgewählt und angeschrieben. So können die Berufsaktivisten abschätzen, ob eine Kampagne Aussichten auf eine rege Teilnahme hat. 25 Mitarbeiter arbeiten für Campact, das Jahresbudget liegt bei rund drei Millionen Euro, finanziert aus Spenden.

E-Mail-Verteiler als Schatz

Dieses Jahr will sich Campact vor allem um die Energiewende und das transatlantische Freihandelsabkommen kümmern. Mehr als 15 Kampagnen wolle man aber nicht angehen, sagt Kolb. Im Vergleich zu Kampagnenseiten wie Avaaz oder Change.org ist Campact winzig. "Wir müssen uns immer fragen: Wie viele E-Mails können wir unseren Nutzern zumuten", sagt Kolb. Schließlich sollen die dabei bleiben und sich nicht genervt von ständigen Massen-Mails abmelden.

Der E-Mail-Verteiler ist der Schatz der Plattform, wichtiger noch als die Website oder der Facebook-Auftritt. Über die E-Mails bekommen neue Kampagnen die meisten Unterstützer. Einige Kampagnenplattformen vermarkten diesen Schatz offensiv: Bei Change.org können zum Beispiel Organisationen gegen Geld Nachrichten an die Nutzer schicken. Wer gerade für den Erhalt des Regenwalds geklickt hat, könnte von einer anderen Gruppe um eine Spende für einen ähnlichen Zweck gebeten werden.

Der über Jahre angewachsene E-Mail-Verteiler unterscheidet solche Plattformen auch von der offiziellen Online-Petition des deutschen Bundestags. Wer sein Anliegen dort einreicht und Mitstreiter sammelt, kann später nicht mit diesen in Kontakt treten.

Kritik an Bundestagspetitionen

"Vor fünf Jahren wurde für eine Online-Petition gegen Netzsperren viel Kraft aufgewendet", sagt Kolb. Mehr als 134.000 Menschen unterschrieben damals. "Hätten die Initiatoren die alle direkt kontaktieren können, hätte daraus eine machtvolle Bewegung werden können." Doch stattdessen lagen die Adressen ungenutzt bei der Verwaltung.

Der Campact-Aktivist hält die Online-Petition beim Bundestag ohnehin für politisch wenig sinnvoll. Wenn eine Petition genügend Unterstützer findet, kann der Antragsteller zwar vom Ausschuss persönlich eingeladen werden und darf vor den 26 Parlamentariern sprechen. "Der Petitionsausschuss ist aber eher mit der zweiten Reihe von Politikern besetzt", sagt Kolb, "das ist nicht der Ort, wo die politische Macht sitzt."

Campact konzentriere sich stattdessen auf die Politiker, auf die es wirklich ankomme. "Bei unserer Kampagne gegen Genmais haben wir geschaut, wer die verantwortlichen Personen sind und haben dann ganz gezielt in den Wahlkreisen von Horst Seehofer und Ilse Aigner Aktionen gemacht", sagt Kolb. "Wenn wir nur eine Petition machen würden, dann würde das auch nicht mehr bringen."

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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
lolhonk 09.01.2014
1. Gutes Konzept!
Bisher waren alle Aktionen durchaus gelungen und die von Campact angesprochenen Themen sollten jeden etwas angehen! Also mitmachen!
analyse 09.01.2014
2. Und wer entscheidet,was ein
z.B.:Gegen die oberirdische Lagerung von Castoren ! oder:für die Gentechnik,oder:Gegen die Verschwendung der Gelder von Stromkunden für die Photovoltaik. Gegen unsinnige Geldtransfers in Südländer oder:gegen die Ausspähung durch englische,französische und chinesische Geheimdienste !oder:für einen Mindestlohn von 20 EURO oder ein bedingungsloses Grundeinkommen von 2500 EURO. oder oekologischer Landbau weltweit ! 0-Einsatz von Pflantenschutzmitteln etc etc ! NGOs an die Regierung !
hanfiey 09.01.2014
3. Campact nervt!
Ich habe da eher das Gefühl das die mir was "verkaufen" wollen und penetrant sind die auch. Ich habe daher den Kontakt abgebrochen.
oljabusch 09.01.2014
4. Nutzen
Selbst wenn man das Thema nicht spannend genug findet und nicht mitmacht, wird das Denken über unsere Welt angeregt. Vielleicht bekommen wir dadurch eine Gesellschaft mit neuen Werten.
mittelstandsfreund 09.01.2014
5. Regionale Stützpunkte
Mit dem Aufbau regionaler Stützpunkte (auf ehrenamtlicher Basis) liessen sich die Nutzer und Unterstützer fester einbinden. Auf diese Art gäbe es regionale Ansprechpartner, die das Ganze aus der Anonymität herausholen würden durch Stammtische, regionale Fachvorträge und ein Zusammengehörigkeitsgefühl der Unterstützer. Damit könnte auch die regionale Presse mit einbezogen werden.
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