Morde von Orlando und Paris Regie führen die Mörder

Seit 9/11 werden Terroranschläge von den Tätern als Live-Events inszeniert. Nun, mit den Morden von Orlando und Paris, bricht eine neue Ära des medial vermittelten Grauens an. Das nutzt den Tätern.

Passanten in Orlando, kurz nach dem Anschlag am 12. Juni
AP

Passanten in Orlando, kurz nach dem Anschlag am 12. Juni

Von


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Als am 11. September 2001 zwei Passagierflugzeuge in die Twin Towers des World Trade Center rasten, markierte das auch die Geburt einer neuen Strategie des Terrors.

Die Anschläge waren so geplant, dass sie zu einem über Stunden andauernden Live-Event des Schreckens wurden. Es ging darum, das Entsetzen der Menschen möglichst lange auszudehnen, sie medial an den sich entfaltenden Terror zu fesseln, dazu zu zwingen, hinzustarren, während unschuldige Menschen starben.

Der "Islamische Staat" (IS) und andere islamistische Terrorgruppen haben diese Strategie von al-Qaida übernommen - sie war, mit jeweils zunehmender Präzision, zu beobachten bei den Terroranschlägen von London im Jahr 2005, bei der Attacke auf zwölf Ziele in der indischen Stadt Mumbai im November 2008, bei den Anschlägen von Paris und Brüssel. In Paris sollten die ersten Bomben eigentlich im Stade de France explodieren, während des Länderspiels Frankreich-Deutschland. Die Täter wollten von Anfang ein ein möglichst großes Fernsehpublikum erreichen.

Anschläge auf das World Trade Center am 11. September 2001
AP

Anschläge auf das World Trade Center am 11. September 2001

Doch etwas hat sich geändert seit 2001. Studien (PDF-Link) zufolge erfuhr etwa die Hälfte aller US-Bürger von den Anschlägen des 11. Septembers aus dem Fernsehen, ein weiteres Viertel von Freunden und Bekannten. Nur ein Prozent der Menschen bekam die Information über die Taten aus dem Internet. Mobiltelefone waren während der Katastrophe wichtig, das mobile Web dagegen war so gut wie nicht existent.

Zwar spielten Amateuraufnahmen der Ereignisse eine große Rolle in der medialen Berichterstattung - verbreitet wurden sie aber vor allem über traditionelle Medienkanäle.

Als vier Jahre später vier Bombenanschläge auf U-Bahnen und einen Bus die britische Hauptstadt London erschütterten und 53 Unschuldige getötet wurden, war schon alles anders. Informationen aus dem chaotischen Stadtzentrum drangen auch über Blogs hinaus in die Welt, und erstmals spielte ein Social-Media-Dienst - auch wenn man das damals noch nicht so nannte - eine zentrale Rolle bei der Dokumentation des Geschehens: Die ersten Fotos von Menschen, die aus einer im Tunnel festsitzenden U-Bahn durch einen rauchgefüllten Tunnel ins Freie flohen, erschienen damals bei der Fotoplattform Flickr. Sie gingen um die Welt.

Zerstörter Bus nach den Attentaten von London (2005)
AP

Zerstörter Bus nach den Attentaten von London (2005)

Allein die BBC erreichten am Tag der Terroranschläge in London eigenen Angaben zufolge "300 Fotos - 50 innerhalb der ersten Stunde nach der ersten Explosion - und mehrere Videosequenzen". Dieser Tag sei "ein Wendepunkt für die Medien", schrieb der BBC-Medienkorrespondent Torin Douglas. Der Tag des Terrors habe "die Medien 'demokratisiert'".

Eine Symbiose, die den Tätern in die Hände spielt

Binnen weniger Jahre veränderte der Siegeszug des mobilen Internets und die Tatsache, dass jedes Smartphone über eine Kamera verfügt, die Wahrnehmung aller Ereignisse, die für globales Interesse sorgen, ob Terror, Naturkatastrophen oder Aufstände.

Bei den Anschlägen von Mumbai im Jahr 2008 hatten die alten Medien schon gelernt, sich die neuen effektiv zunutze zu machen: CNN etwa interviewte Blogger und Flickr-Fotografen in der Stadt, Social-Media-Kanäle von Twitter bis YouTube wurden umgekehrt mit kopierten oder verlinkten Medieninhalten aus klassischer Produktion überschwemmt. Nutzer sozialer Medien zitierten die traditionellen, und die wiederum die sozialen Medien. Die global-mediale Echtzeit-Echokammer war fertig.

Terroranschläge von Mumbai (2008): Brennendes Taj-Mahal-Hotel
AP

Terroranschläge von Mumbai (2008): Brennendes Taj-Mahal-Hotel

Dann kam der IS - und fing sehr schnell an, dieses neue, kompliziertere, kaum kontrollierbare mediale Ökosystem zu einem integralen Bestandteil seiner Strategie zu machen. Nicht nur Terrorakte, die gesamte Propaganda und die Rekrutierungsstrategie des IS setzen darauf.

Der IS lässt das Hochglanzmagazin "Dabiq" produzieren, das sich vor allem in PDF-Form verbreitet, nutzt also formal klassische Mediengattungen - doch IS-Sympathisanten und -Kämpfer betrieben auch Zehntausende Twitteraccounts, sie posten teils professionell produzierte Propagandaclips auf Videoplattformen und zeigen, zumindest in Syrien, nicht nur Videos, sondern sogar Livestreams von Hinrichtungen.

Der Terror der digitalen Gegenwart beschränkt sich nicht mehr darauf, Ereignisse zu inszenieren, die traditionelle Medien zur Berichterstattung zwingen und soziale in Aufruhr versetzen - er schafft sich seine eigene mediale Realität. Wer will, muss die Filterblase des Wahnsinns gar nicht mehr verlassen, in deren Inneren man gemeinsam mit Gleichgesinnten auf den Endkampf, die Apokalypse warten kann, wie es zur IS-Ideologie gehört.

Jede Tat wird medialisiert, von Opfern und Tätern gleichermaßen

Die Einzeltäter von Orlando und Paris sind zweifellos über das Internet mit der Ideologie des IS in Verbindung gekommen. Ob sie je tatsächlich mit aktiven IS-Kämpfern in Berührung kamen, ist dabei zweitrangig. Ihre Mordtaten wiederum wurden zwangsläufig und sofort medialisiert, wie die Medienforschung das nennt - im Fall des Polizistenmörders von Paris sogar durch ihn selbst, in Form eines Facebook-Video-Livestreams.

In Orlando schickten Opfer des Massenmörders mit dem Sturmgewehr noch kurz vor ihrer Ermordung Text- oder Chatnachrichten an Freunde und Bekannte ab. In den Snapchat-Videos der 25-Jährigen Amanda A. sind zunächst noch feiernde, tanzende Menschen zu sehen, später sieht man ihr gequältes Gesicht, im Hintergrund sind laute Schüsse zu hören. Wenige Minuten später war sie selbst tot.

Dass Terroristen und Massenmörder, wie der rassistische Killer von Charleston oder Anders Breivik, sich und ihre Gesinnung in online abgelegten Manifesten zelebrieren, ist nichts Neues. Neu ist aber, dass nun der Terror selbst zum Live-Ereignis wird. Nicht nur, weil traditionelle Medien berichten, sondern weil fast jeder eine Kamera bei sich trägt, die bei Bedarf in Echtzeit ins Internet senden kann.

Beim Anschlag auf "Charlie Hebdo", bei den Attentaten von Paris im November 2015, den Morden von Brüssel diesen März spielten diese allgegenwärtigen Kameras längst zentrale Rollen. Die wirklich schlimmen Bilder, die von blutenden Menschen, von Explosionen, von Tätern mit der Waffe im Anschlag, gab es früher oft einfach nicht zu sehen: Weil Kamerateams erst anreisen mussten und sich dann in der Regel nicht in Lebensgefahr begaben. Heute filmt immer irgendjemand, spätestens, wenn die ersten Schüsse fallen.

Die Dokumentation des Schreckens ist das letzte bisschen Autonomie, das Opfern und Zeugen in einer solchen Situation noch bleibt, ein verzweifelter Akt der Kommunikation mit der Welt da draußen, Hilferuf und Anklage zugleich.

Livestream des Polizistenmörders von Paris
AFP PHOTO / HO / AAMAQ NEWS AGENCY

Livestream des Polizistenmörders von Paris

Der Livestream aus dem Handy des Täters ist nun der logische Endpunkt dieser Entwicklung: Wie könnte man die Inszenierung eines Terroranschlages als Medienereignis besser kontrollieren, als wenn man die Bilder gleich selbst liefert?

Ob und inwieweit die klassischen Medien dieses perfide Spiel mitspielen, ist dabei mittlerweile schon zweitrangig. Denn das Internet hat die Journalisten als Gatekeeper eben tatsächlich entmachtet - nicht in Form von Blogs, wie das auf entsprechenden Veranstaltungen jahrelang düster prophezeit wurde, sondern in Gestalt der sozialen Medien. Mehr als die Hälfte aller Internetnutzer beziehen heutzutage Nachrichten bei Facebook und Co., 28 Prozent der 18- bis 24-Jährigen nennen einer aktuellen Reuters-Studie zufolge Social Media als ihre primäre Nachrichtenquelle, noch vor dem Fernsehen.

Den mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu erwartenden Täter-Livestream einer weiteren Inszenierung des Terrors werden viele schon zu Gesicht bekommen haben, bevor die Maschinerie der traditionellen Medien überhaupt angelaufen ist.

Facebook oder Twitter mit dem Livestreaming-Dienst Periscope werden sich dann Fragen gefallen lassen müssen, warum es so lang gedauert hat, bis die mörderische Livepropaganda endlich ausgeknipst wurde - auch wenn die Plattformbetreiber die heraufziehenden Risiken offenbar erkannt haben.

Für die Terroristen, die sich maximale mediale Wucht für ihre Gräueltaten wünschen, ist diese Entwicklung ein Geschenk. Das Grauen rückt noch näher an uns alle heran, Regie führen die Mörder - wenn wir es denn zulassen. In der global-medialen Echokammer sind wir Mediennutzer, ob Facebook nun rechtzeitig filtert oder nicht, unsere eigenen Gatekeeper: Wir werden nur dann zu Augenzeugen des Terrors, wenn wir klicken, teilen, hinsehen.

Die stärkste Abwehr, die wir dem inszenierten Schrecken entgegensetzen könnten, wäre, so paradox das klingen mag, die Selbstinszenierung der Täter so weit als möglich zu ignorieren.

Video: Dokumentarfilm zeigt Orlando-Attentäter als Wachmann

Josh und Rebecca Tickell

Zusammengefasst: Seit dem 11. September wird Terror immer wieder als Medienereignis inszeniert. Die sozialen Medien verändern die Dynamik dieses Prozesses: Opfer, Zeugen und nun auch Täter produzieren Livebilder von Anschlägen. Das spielt den Tätern in die Hände - wenn wir es zulassen.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 24 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
vassiliki2000 16.06.2016
1. Gladio führt Regie...
und die amerikanische CIA hat mehr als 23 Patente für Mind Control zwischen 1953 bis heute angemeldet... Darüber wird nicht berichtet. Ein "Attentäter" der einen Pass verliert wie in Paris ist doch unglaubwürdig...
kittiwake 16.06.2016
2.
Sollen wir jetzt drauf gedrillt werden, Terroranschläge als was normales zu betrachten und einfach zu ignorieren? Schöne neue Welt lol!
stern69 16.06.2016
3. Es gibt einen Unterschied
Ich hätte die Latinoparty gerne besucht wenn ich in Orlando gewesen wäre. Aber was soll ich mitten in der Nacht mit einem Telefon in der Disco ? Wen hätte ich anchatten, gar anrufen sollen ? Wohin soll ich die Bilder posten ? Meine Mutter schläft zu dieser Zeit längst. Brennpunkte schaue ich nicht. Fragen über Fragen. Der Mensch bleibt sein eigener Regieassistent, müssen muß er nichts.
spieglein19 16.06.2016
4. An die eigene Nase fassen
Oder gehört der Live-Ticker bei Spon und Co. zur klassischen, aufklärenden Pressearbeit?
hf-mg 16.06.2016
5. Zeitrechnung
Es galt lange die Zeitrechnung vor Christus und nach Christus. Seit 9/11 gilt die Zeitrechnung vor 9/11 und nach 9/11. Mit 9/11 ist ein neues Feindbild entstanden und es hat weltweit gravierendste Veränderungen gegeben. Auch Kriege konnten (oder mussten?) in Folge geführt werden. Es gibt den "Krieg gegen den Terror" - es steht fest: Das ist kein Krieg wie frühere Kriege. Dieser Krieg kann als Krieg für die Ewigkeit fortgeführt werden
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.