Südkoreas Bürger-Spitzel: Big Brother im Nebenjob

Von Malte E. Kollenberg, Seoul

Ordnung ohne Amt: In Südkorea übernehmen sogenannte Bürger-Paparazzi die Aufgaben der Staatsbediensteten. Für gemeldete Regelverstöße zahlen die Behörden Prämien. Rund um die freiberuflichen Ordnungwächter blüht eine regelrechte Denunziations-Industrie auf.

Spitzel-Industrie: Lehrer und Gegner der Bürger-Paparazzi Fotos
Malte Kollenberg

Stolz zeigt Kim Jung Hee das Heft mit den Kontoauszügen, in dem sie mehrere Zeilen rosa angestrichen hat. Knapp 3500 Euro sind ihr im April 2011 innerhalb von vier Tagen überwiesen worden. Von den koreanischen Behörden, denn Kim ist Paparazzo. Ihr Job besteht aber nicht darin, für Magazine, Zeitungen oder Internetseiten zu arbeiten - sie meldet Regelverstöße ihrer Mitmenschen an die Arbeitsaufsicht, an das Finanz- oder das Ordnungsamt. "Meine Spezialität ist die Überprüfung von Nachhilfeschulen", erzählt sie.

Seit vier Jahren ist Kim nun Paparazzo. Bis zu 7000 Euro im Monat lassen sich damit verdienen, sagt sie. Je nach gemeldetem Delikt kann die Belohnung zwischen fünf und mehreren tausend Euro betragen. Ein Fehltritt an der roten Ampel bringt weniger als eine ordentliche Steuerhinterziehung.

Wie Kim wenden sich immer mehr Menschen in Korea dem professionellen Bespitzeln ihrer Nachbarn und Mitmenschen zu. Sogar lernen kann man das Anschwärzen. Wenn die Wirtschaft in der Rezession steckt, steigen an den Paparazzi-Schulen die Anmeldezahlen. Mittlerweile stellen die Schulen erfahrene Paparazzi ein, damit die ihr Wissen weiter geben können. Auch Kim arbeitet seit sechs Monaten bei Mismiz, einer dieser Schulen.

Moon Seung Ok ist Inhaber von Mismiz. Der 66-jährige sagt, er wolle mit seiner Arbeit und seiner "Akademie" für eine bessere Gesellschaft eintreten. Wer gegen Regeln verstößt, muss zur Rechenschaft gezogen werden, das ist sein Credo. Vor 13 Jahren hat Moon sich zum ersten Mal mit einem Fotografen auf den Weg gemacht, um außerhalb Seouls Verkehrsverstöße abzulichten. "500 bis 1000 solcher Verstöße habe ich pro Tag aufgezeichnet", erinnert sich Moon.

Mit den Fotos und später Videosequenzen ist er zur Straßenverkehrsbehörde gegangen, hat reihenweise Autofahrer angezeigt. Wenig später hatte er die Belohnung auf dem Konto. Vor der Jahrtausendwende waren es nur Verkehrsverstöße und illegale Abfallentsorgung, für die Kopfprämien gezahlt wurden. Mittlerweile gibt es einen ausführlichen Bußgeldkatalog für 360 Regelverstöße. Moon hat den Trend rechtzeitig erkannt und sich selbständig gemacht. Heute macht sein Paparazzi-Unternehmen rund eine Million Euro Umsatz, sagt er.

Beweisfotos für Geld

Zwei seiner aktuellen Schüler: Park, ein 21 Jahre alter Student, und Choi, eine Mittvierzigerin und Hausfrau, die sich etwas dazu verdienen möchte. Von Moon lernen sie, wie sie eine versteckte Kamera handhaben müssen, um gutes Beweismaterial zu sammeln, und wie sie im Anschluss bei den Behörden damit an ihr Geld kommen.

Ihren vollen Namen wollen die Spitzel-Schüler lieber nicht nennen. Ihre Familien sollen nach Möglichkeit nicht wissen, was sie machen. Auch Freunde sollen von dem "Doppelleben" nichts erfahren. Allerdings muss Student Park grinsend zugeben: "Wenn ich meinen Freunden davon erzähle, wollen die das auch alle machen, wegen des Geldes."

"1500 der Leute, die wir hier ausgebildet haben, arbeiten heute aktiv als Bürger-Paparazzi", sagt Moon stolz. Verkehr und Müll hat er längst anderen überlassen. Moon hat sich auf Steuerhinterziehung spezialisiert. "Ich gehe beispielsweise zu einer der in Korea sehr populären Schönheitskliniken und lasse mir einen Kostenvoranschlag geben. Meistens heißt es dann, wenn sie bar zahlen, können wir einen Rabatt gewähren. Dann lasse ich mir die Kontodaten des Unternehmens sagen und erkläre, den Betrag zu überweisen. Die Kontodaten leite ich dann an das Finanzamt weiter." Das Gespräch in der Klinik nimmt Moon mit versteckter Kamera auf. Wird so ein Steuerhinterzieher erwischt, bekommt Moon einen Prozentanteil von den Steuern, die daraufhin eingetriebenen werden können.

Hausfrauen spitzeln mit versteckter Kamera

Die Paparazzi stoßen nur auf wenig Kritik. "Das, was hier passiert, benachteiligt einseitig die Schwachen und Armen in der Gesellschaft", sagt Ku Ja Kyung, früher aktiv in der Studentenbewegung, heute Menschenrechtsaktivist. Eine ältere Nachbarin, erzählt er, habe eine Geldstrafe zahlen müssen, weil sie den Müll schon um 18 Uhr, statt wie vorgeschrieben ab 19 Uhr hinausgestellt habe. Das sei völlig unverhältnismäßig, empört sich der 42-jährige. 2004 hat er bei der koreanischen Menschenrechtskommission eine Beschwerde eingereicht. "Die wurde aber abgewiesen."

Dass die Aktivitäten der Paparazzi in Korea nicht als Eingriff in bürgerliche Freiheitsrechte gesehen werden, habe mit der Vergangenheit Koreas zu tun, sagt Chun Sang Chin, Soziologieprofessor an der Sogang Universität in Seoul. "Korea ist erst seit gut 20 Jahren eine Demokratie. Das Überwachungssystem der Bürger-Paparazzi ist harmlos, verglichen mit dem, was hier in fast 40 Jahren Diktatur passiert ist. Für die normalen Bürger sind die Paparazzi darum kein echtes Problem", sagt der Soziologe mit dem Doktortitel aus Bielefeld.

Dass Staatsaufgaben so ohne weiteres ausgelagert werden könnten, habe auch mit dem großen Misstrauen gegenüber dem System zu tun. Die Bevölkerung habe das Gefühl, die Mächtigen stünden wegen der allgegenwärtigen Korruption über dem Gesetz. Die Folge, so der Soziologe: "Die Paparazzi sind zwar unerwünscht, aber durch den gesamtgesellschaftlich gesehen positiven Aspekt werden sie akzeptiert, auch wenn es gegen Schwächere geht."

Der Vergleich mit dem Spitzelsystem in Nordkorea drängt sich auf. Dort verpfeifen Nachbarn einander regelmäßig, nicht für Geld, aber zum Beispiel für eine Essensration. Statt einer Geldstrafe wartet ein Arbeitslager auf die Delinquenten. Ein südkoreanischer Paparazzo-Blogger, der auf seiner Internetseite praktische Tipps für den Spitzel-Alltag gibt, war nach der Frage zum Vergleich mit Nordkorea nicht mehr bereit, Auskunft zu geben. Er fühle sich persönlich angegriffen und seine Arbeit habe rein gar nichts mit dem zu tun, was in Nordkorea passiere, teilte er mit.

Paparazzi für eine bessere Welt?

Das Argument, das viele der Paparazzi zur Rechtfertigung ihrer Arbeit verwenden, wird auch vom nordkoreanischen Regime angeführt: Es gehe um die Verbesserung der Gesellschaft. Dass die meisten allerdings weniger auf die Gesellschaft und mehr aufs Geld abzielen, ist auch Moon bewusst. Theoretisch sind die Paparazzi sehr anfällig für Bestechungen, besonders dann, wenn es um die dicken Fische und um viel Geld geht. Immerhin gibt es eine Selbstverpflichtung: "Wenn ein Schüler meinen Kurs abschließt, muss er ein Dokument unterzeichnen, dass er keine Bestechungsgelder annehmen wird", sagt Moon.

Die Bürger-Überwachung macht auch vor Paparazzo-Ausbilder Moon Seung Ok nicht halt. Auch er wurde schon wegen eines Verkehrsdelikts angezeigt, gibt er zu. 50 Euro habe er zahlen müssen. Aber das sei okay. Das habe ihm gezeigt, dass das System, an dem er mitarbeite, funktioniere.

Die Paparazzi-Industrie in Südkorea ist so erfolgreich, dass mittlerweile sogar Anfragen aus dem Ausland kommen. "Wir exportieren unser Wissen", sagt Moon. Rund 50 Japaner habe er schon ausgebildet, die kämen immer dann, wenn mal wieder ein Fernsehsender über ihn berichtet habe. Und selbst aus China kommen Nachhilfeschüler. 30 Chinesen haben Moons Programm durchlaufen und kümmern sich dem Firmenmotto folgend nun in ihrem Heimatland um die Rechtschaffenheit ihrer Mitmenschen.

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Fläche: 99.646 km²

Bevölkerung: 48,184 Mio.

Hauptstadt: Seoul

Staatsoberhaupt:
Park Geun Hye

Regierungschef: Chung Hong Won

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