KP-Parteitag: Chinas Zensoren kappen Google-Verbindungen

Zum Parteitag der Kommunisten haben die Blockaden in Chinas Internet eine neue Dimension erreicht. Das Sperren unliebsamer Inhalte sind die Nutzer zwar gewohnt - doch jetzt klemmen die Zensoren ganze Dienste wie Google und VPN-Tunnel ab.

Google-Datencenter: Keine Fehler bei den eigenen Servern festgestellt Zur Großansicht
DPA/ Google

Google-Datencenter: Keine Fehler bei den eigenen Servern festgestellt

Peking - Ausnahmezustand in Chinas Internet: Das Internetangebot von Google war am Freitag in weiten Teilen Chinas nicht zu erreichen. Eine Sprecherin des Unternehmens sagte, Google habe keine Fehler bei seinen eigenen Servern und Netzwerken festgestellt, die die Probleme in China erklären könnten. Im Internet kamen daraufhin Spekulationen auf, der Zugang zu Google Chart zeigen sei wegen des derzeit stattfindenden Parteitags der Kommunistischen Partei (KP) blockiert worden. Erst im Laufe des Samstags öffnete sich der Zugang langsam wieder.

Nie zuvor waren nach Angaben von Experten so viele Menschen von der Blockade eines Webdienstes betroffen. Auch Tunnelverbindungen, die ungefilterten Zugang zu Informationen aus dem Ausland ermöglichen, werden seit Tagen attackiert und lahmgelegt. Im Gegensatz zu den beispiellosen Internetsperren und Cyber-Angriffen titelte die kommunistische Propaganda am Samstag in einem Bericht über Online-Aktivitäten der Delegierten in Peking: "Parteitag reagiert positiv auf das Zeitalter des Internets."

Es ist der erste Parteitag im Zeitalter sozialer Netze. Im Vorfeld hatten schwere Korruptionsskandale und Machtkämpfe die Partei erschüttert. Die rund 2300 Delegierten werden auf ihrer Sitzung bis Mittwoch einen Generationswechsel in der Führung einleiten. Der 69 Jahre alte Parteichef Hu Jintao wird vom zehn Jahre jüngeren, heutigen Vizepräsidenten Xi Jinping abgelöst. Am Donnerstag soll seine neue Führungsmannschaft vorgestellt werden.

Nummer zwei in China

Seit ihren Berichten über das Vermögen der Familien des künftigen Führers Xi Jinping und des scheidenden Regierungschefs Wen Jiabao sind die Webseiten der "New York Times" sowie der Nachrichtenagentur Bloomberg in China gesperrt. Die zusätzlichen Filter und Kontrollen anlässlich des Parteitags haben die ohnehin langsame Geschwindigkeit des Internets in China noch weiter gebremst, was auch die Arbeit von Unternehmen schwer beeinträchtigt.

Nach Baidu ist Google in China nur die zweitgrößte Suchmaschine, zählt aber zu den fünf wichtigsten Webseiten in China. Schätzungen zufolge surfen in China mehr als 500 Millionen Nutzer im Internet. Das Unternehmen hatte seine Server 2010 von China noch Hongkong verlegt, um seine Suchergebnisse nicht mehr selbst zensieren zu müssen. Vorausgegangen war eine Cyber-Attacke auf Google, die offenbar aus China kam.

Wer von China aus heute politisch heikle Suchwörter bei Google eingibt, endet meist vor einem blanken Schirm. Danach sind häufig auch andere Dienste wie Gmail vorübergehend gesperrt. Ein Neustart des Browsers bietet hier meist Abhilfe.

Boom für Tunneldienste

Aber auch die Angriffe auf kommerzielle Tunneldienste haben ein bislang ungekanntes Ausmaß erreicht. Mit diesen VPN-Verbindungen (Virtual Private Network) können Nutzer in China die Sperren umgehen. Der "Großen Firewall" wird damit vorgegaukelt, dass nicht eine gesperrte Webseite angesteuert wird, sondern vielmehr ein unbekannter Server im Ausland.

Damit können die in China gesperrten sozialen Netzwerke wie Facebook Chart zeigen und Twitter oder das Videoportal YouTube benutzt werden. Es gibt einen richtigen Boom bei diesen Diensten, die umgerechnet 50 bis 80 Euro im Jahr kosten. Allerdings arbeiten auch viele internationale Firmen in China für ihre internen Netzwerke mit solchen VPN-Tunneln und leiden auch unter den Störungen.

mik/dpa

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Internet China aktuell - jetzt hier
klaus64 10.11.2012
es ist für chinesche Verhältnisse z.Z. erträglich. Google - Ergebnisse sind immer etwa 1:10, d.h. es werden max. 10% der Ergebnisse im Vergleich zu Deutschland angezeigt, auch völlig normale Suchanfragen, wie Interneteinträge unserer Firma.
2.
DMenakker 10.11.2012
Der vielleicht letzte Kampf einer korrupten Altherreriege ( man schaue sich nur die Milliardenvermögen der Politiker an ), den sie auf jeden Fall mittelfristig verlieren wird. Die elektronische Wissensgesellschaft wird auf Dauer alle Diktatoren dieser Welt entfernen.
3. "Im Vorfeld hatten schwere Korruptionsskandale
laolu 11.11.2012
und Machtkämpfe die Partei erschüttert" Ja? Wirklich? Mit "schwere Korruptionsskandale" ist doch wohl der Bericht der New York Times" zu den 2,7 Mrd USD Vermögen, die sich im Umfeld um den scheidenden Premierministers angesammelt haben sollen, gemeint, oder? Und die Machtkämpfe? Bo Xilai? Ich schmeiß mich...
4. Allerdings
paulesfreunde 11.11.2012
kann man das "Abklemmen" von Google und Facebook auch als Schutz vor der Datensammelwut einer fremden Macht verstehen.
5. mein Gott...
derlabbecker 11.11.2012
was müssen die alten Herren Angst um ihre Macht, Pfründe und Bankkonten haben. Die sind doch gelähmt vor Angst auch nur einen Millimeter ihrer Macht zu verlieren.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Netzpolitik
RSS
alles zum Thema Internet in China
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 9 Kommentare
  • Zur Startseite

Fotostrecke
Bilder aus Rechenzentren: Googles Schatzkammern


E-Book-Tipp
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher
    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    Kindle Edition: 1,99 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon bestellen.