Netzangriffe Anonymous-Anhänger nehmen Pegida ins Visier

Unbekannte, die sich selbst zum Kollektiv Anonymous zählen, haben zu einem Angriff gegen Pegida aufgerufen. Offenbar wurden bereits die ersten Webseiten lahmgelegt.

Rauchender Mann mit Guy-Fawkes-Maske: "Anonymous wird nicht mehr tatenlos zusehen"
REUTERS

Rauchender Mann mit Guy-Fawkes-Maske: "Anonymous wird nicht mehr tatenlos zusehen"

Von Tobias Lill


Bei Pegida ist man sichtlich stolz auf die eigene Präsenz im Netz. "Vielen Dank, Freunde! Ihr seid unglaublich!", jubelten die Islamgegner auf ihrer offiziellen Facebook-Seite vergangene Woche, nachdem die Zahl der Likes die Hunderttausender-Marke übersprungen hatte.

Doch der heilen Online-Welt der "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" droht offenbar Ungemach. Denn Pegida scheint ins Visier von Anonymous-Anhängern geraten zu sein.

In einer mit dramatischer Musik und Anonymous-Logo eingeleiteten Video-Ansprache drohen angebliche Aktivisten des losen Kollektivs auf YouTube mit Attacken gegen die Islamkritiker: "Anonymous wird nicht mehr tatenlos zusehen, wie Angst und Hass durch Pegida verbreitet werden. Wir werden massiv gegen Pegida und deren Ableger im Internet vorgehen", heißt es darin.

In einem Statement auf der Plattform Pastebin nennen die Hacker zudem konkrete Ziele wie E-Mail-Adressen und Internetseiten aus dem vermeintlichen oder tatsächlichen Pegida-Umfeld, darunter auch der Facebook-Auftritt von Pegida selbst. Auch die Webseite von "Hooligans gegen Salafisten" (Hogesa) wird als potenzielles Ziel genannt.

Öffentlicher Aufruf zur "Operation Pegida"

Die deutsche Website "Anonymous News Germany", die regelmäßig über Anonymous-Aktionen berichtet, hat das mit dem Titel "Operation Pegida" versehene Video unter anderem bei YouTube und auf der eigenen Homepage veröffentlicht. "Anonymous News Germany" wurde das Video nach eigenen Angaben am Sonntagabend von deutschen Anonymous-Aktivisten zugespielt. Die Nachrichtenseite gilt als gut vernetzt mit Aktivisten des Kollektivs.

Man hoffe, die "Operation Pegida" bleibe aufklärend und informativ und ende nicht einfach "in wilden DDoS oder Defacements", teilt das Portal mit. Distributed-Denial-of-Service-Angriffe (DDoS) sind Cyber-Attacken, bei denen Webseiten durch massenhafte Anfragen überlastet und lahmgelegt werden. Unter "Defacement" versteht man das Entstellen einer Website, etwa so, dass statt des üblichen Inhalts ein Spottbild oder eine Botschaft der Hacker zu sehen ist.

Offenbar zeigt der Aufruf der Unbekannten bereits Wirkung: Der IT-Szene-Blog "Tarnkappe" berichtete Anfang der Woche, die Internetseite der "Kasseler gegen die Islamisierung des Abendlandes" (Kagida) sei nicht mehr erreichbar. "Anfangs wurde lediglich eine Sicherheitslücke des Webservers ausgenutzt, um die Inhalte nicht mehr zugänglich zu machen. Jetzt steht die Webseite unter DDoS und kann gar nicht mehr besucht werden", schreibt das Portal. Auch im Laufe der Woche war Kagida.de trotz zahlreicher Abrufversuche "nicht verfügbar". Kagida ließ eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE, ob die Nichterreichbarkeit der Website einem Hacker-Angriff geschuldet ist, unbeantwortet.

Sprecher nennt Angreifer "kriminelle Arschlöcher"

Dem Bericht zufolge war auch die Webseite Patrioten.net "aufgrund heftiger DDoS-Attacken" zumindest am Montag nicht erreichbar. Derzeit ist die dem Berliner Pegida-Ableger Bärgida nahestehende Seite allerdings problemlos abrufbar. Ein Sprecher des Orga-Teams von Bärgida ließ ausrichten, man habe bisher nichts von einem Hacker-Angriff auf Patrioten.net bemerkt. Falls es eine Cyber-Attacke gegeben habe, steckten "kriminelle Arschlöcher" dahinter. Pegida selbst ließ einen umfassenden Fragenkatalog von SPIEGEL ONLINE bislang unbeantwortet.

Ein Blog hatte diese Woche zudem berichtet, Anonymous habe auch die Internetseite des Leipziger Pegida-Ablegers Legida lahmgelegt. Auf einer Seite namens www.legida.de prangt seit einigen Tagen tatsächlich in großen Lettern der Schriftzug "#keinfussbreit für fremdenfeindliche Hetze und Rassismus". Ein Legida-Sprecher verweist jedoch darauf, dass die offizielle Seite www.legida.eu noch immer abrufbar ist. Legida.de sei niemals von Pegida genutzt worden: "Wir haben mit der Seite nichts zu tun." Dennoch nehme man die Drohungen der Hacker ernst.

Angriffe auf Ku-Klux-Klan, NPD und AfD

Attacken von Anonymous-Aktivisten oder -Sympathisanten auf rechte Gruppierungen sind keine Seltenheit. 2012 erschienen auf einer extra dafür eingerichteten Internetseite die Namen und Telefonnummern hunderter mutmaßlicher Rechtsextremer. Im Sommer 2014 hatten Unbekannte zunächst Seiten der NPD lahmgelegt, Wochen später veröffentlichte ein österreichischer Anonymous-Ableger dann persönliche Daten zahlreicher sächsischer AfD-Mitglieder. Man beobachte "schon seit einiger Zeit und mit Besorgnis die intolerante Panikmache der Pegida-Bewegung", rechtfertigen die Unbekannten die aktuellen Angriffe in ihrer Videobotschaft.

Anonymous ist keine Organisation im eigentlichen Sinne, sondern eine lose Gruppierung. Jeder kann sich den Namen und das Symbol aneignen. Es gibt allerdings offenbar Positionen, die viele Sympathisanten teilen. Der Kampf gegen Rassismus und für Toleranz scheint ebenso wichtig zu sein wie der gegen Scientology oder für die Netzfreiheit. Erst im November hackte Anonymous den Twitter-Account des Ku-Klux-Klan (KKK) und veröffentlichte Namen und Bilder von Mitgliedern. Ähnliches könnte nun auch Pegida blühen.

Update, 9. Januar: Mittlerweile ist bestätigt worden, dass ein Pegida-Ableger Ziel eines Online-Angriffs geworden ist. Ein Sprecher von Pegida Deutschland teilte SPIEGEL ONLINE am späten Freitagvormittag per E-Mail mit, die Seite Kagida.de sei Opfer einer DDoS-Attacke geworden. Der Provider habe die Seite vom Netz nehmen müssen, "da der Angriff so massiv war". Der Sprecher sprach von einem "schweren Eingriff in die Meinungsfreiheit." Bei Pegida vermutet man "eher Linksextremisten hinter dem Anschlag". Man habe bereits Strafanzeige gestellt.

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