Piraten-Erfolg in Berlin: Arroganz der Etablierten

Von

Der Wahlerfolg der Piraten in Berlin ist eine Ohrfeige für Deutschlands etablierte Parteien. Ein Teil der jungen Geisteselite fühlt sich von der Politik nicht mehr vertreten - weil sie die digitale Revolution schlicht verschlafen hat.

Feiernde Piraten in Berlin: Als Arroganz getarnte Ignoranz nicht mehr akzeptieren Zur Großansicht
Getty Images

Feiernde Piraten in Berlin: Als Arroganz getarnte Ignoranz nicht mehr akzeptieren

Dieser Text ist ein gekürzter und aktualisierter Auszug aus Christian Stöckers Buch " Nerd Attack - eine Geschichte der digitalen Welt vom C64 bis zu Twitter und Facebook".

Ein bisschen überrascht wirkt das deutsche Politik-Establishment dann doch vom Wahlerfolg der Piratenpartei in Berlin. 8,9 Prozent, über 73.000 Erst- und knapp 130.000 Zweitstimmen - das ist mehr, als man der Truppe zugetraut hätte, die Renate Künast von den Grünen kürzlich noch "resozialisieren" wollte. Der der alte und neue regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) "ein völlig unklares Profil" zu "wesentlichen gesellschaftlichen Themen" bescheinigte. Als könne man das in diesen Tagen nicht der gesamten politischen A-Riege des Landes vorwerfen.

Für andere dagegen ist der Erfolg der Piraten mitnichten überraschend: Er steht für ein Versagen der deutschen (Bundes-)Politik in Sachen Gegenwart, das viele gebildete junge Menschen zumindest in der Bundeshauptstadt offenbar nicht länger zu akzeptieren bereit sind.

Das Land der Ingenieure verliert den Anschluss an die digitale Welt

Trotz Internet-Enquete, trotz aller Politikberatungsrunden mit Vertretern von Hackern und "Netzgemeinde" - zwischen weiten Teilen der deutschen Politik und denen, für die das Internet und digitale Technologie Selbstverständlichkeiten sind, herrscht nach wie vor eine bezeichnende Sprachlosigkeit. Vielleicht liegt das, soweit es die Politik betrifft, an der insgeheim gewonnenen, aber natürlich nie laut formulierten Erkenntnis, dass man versagt hat in diesem Bereich - unter den 100 wichtigsten Websites der Welt findet sich keine einzige aus Deutschland. Es gibt in Deutschland ein einziges Softwarehaus von Weltbedeutung, keinen Handy-, PC- oder Elektronikhersteller mehr. Das Land der Ingenieure verliert den Anschluss an die digitale Welt.

Vielleicht spürte man in Berlin doch, dass Deutschland heute ein Entwicklungsland ist, was seine Präsenz und Relevanz im weltweiten Netz angeht, der durchaus lebendigen Start-up-Szene in der Hauptstadt zum Trotz. Weil man sich viele Jahre lang in tapferem Ignorieren des digitalen Wandels geübt hat, um dann, als das Internet nicht mehr zu ignorieren war, als Erstes darüber nachzudenken, wie man dieses Monstrum nun zähmen und wie man es gleichzeitig als Überwachungs- und Kontrollinstrument in Stellung bringen könnte.

Ein immer noch aktuelles Beispiel zum Thema ist die Vorratsdatenspeicherung: Nach dem Erfolg der Verfassungsbeschwerde gegen das Gesetz, das Provider verpflichtet, alle Internetverbindungsdaten zu speichern, wird nun erneut offensiv eine sofortige Wiedereinführung der gigantischen Datenerfassung gefordert. Die Union wittert angesichts einer desaströs geschwächten FDP eine Chance, sich mal wieder als Law-and-Order-Partei zu profilieren. Die Vorratsdatenspeicherung, um das noch einmal deutlich zu sagen, ist in etwa so, als stelle man prophylaktisch an allen deutschen Straßenkreuzungen Kameras auf, um vollständig zu erfassen, wer wann wo vorbeigefahren ist. Es könnte ja sein, dass mal ein Verbrechen passiert. Die aktuelle Petition gegen dieses Vorhaben ist bislang von 61.000 Bürgern unterzeichnet worden.

"Signifikanter Rückgang des Interesses an politischen Fragen"

Das ist die eine Seite der neuen Internetpolitik: Man hat sich damit abgefunden, dass dieses Werkzeug nun zur Verfügung steht, also kann man es doch wenigstens in größtmöglichem Ausmaß dazu einsetzen, die eigenen Bürger zu überwachen.

Die andere, für Deutschlands Zukunft womöglich noch problematischere Seite ist jedoch die, für die etwa Kulturstaatsminister Bernd Neumann steht. Er ist ein Mann der alten analogen Welt, er bekennt das auch gerne freimütig, obwohl in sein Ressort zum Beispiel die Verantwortlichkeit für den Deutschen Computerspielpreis fällt - den Neumann offenkundig wenig schätzt. Wesentlich mehr am Herzen liegt ihm die "Nationale Initiative Printmedien", die wohl einzige mit staatlicher Unterstützung ausgestattete Aktion zur Rettung eines Datenträgers. Bernd Neumann ist ein Freund des Wortes, aber nicht des geschriebenen, sondern des gedruckten. Zitat: "Junge Menschen lesen heute immer weniger Zeitungen und Zeitschriften. Im Zentrum ihrer Mediennutzung stehen elektronische Angebote." Mit dieser Entwicklung, behauptet Neumann, "geht ein signifikanter Rückgang des Interesses von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen an politischen und gesellschaftlichen Fragen einher". Für diese These dürften die 130.000 Berliner Piraten-Wähler kaum mehr als ein müdes Lächeln übrighaben.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 193 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Armes Hirn
ewspapst 19.09.2011
Zitat von sysopDer Wahlerfolg der Piraten in Berlin ist eine Ohrfeige für die deutsche Parteienlandschaft. Ein Teil der jungen Geisteselite dieses Landes fühlt sich von der Politik nicht mehr vertreten - weil sie die digitale Revolution schlicht verschlafen hat. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,786993,00.html
Wahlt nur die Piraten, das dicke Ende kommt bestimmt. Wir hatten in Hamburg etwas Vergleichbares: Die Schillpartei und kauen immer noch an den Folgen.
2. Bestätigung der,
OneTwoThree 19.09.2011
..daß ein Teil der Unzufriedenen in diesem Land dann eigene Partein gründet, um sich selber in die (gestaltende?) Politik einzubringen, anstatt mit Aufständen zu reagieren.
3. Vorrastdatenspeicherung
_j_o_e_ 19.09.2011
"Die Vorratsdatenspeicherung, um das noch einmal deutlich zu sagen, ist in etwa so, als stelle man prophylaktisch an allen deutschen Straßenkreuzungen Kameras auf, um vollständig zu erfassen, wer wann wo vorbeigefahren ist." Ich bin weiß Gott kein Freund der Vorratsdatenspeicherung, aber dieser Vergleich hinkt gewaltig. Wenn man diese Analogie ziehen wollte, dann müsste man davon ausgehen, dass alle Verkehrsteilnehmer ohne Nummernschilder und maskiert unterwegs wären. Da dies glücklicherweise nicht der Fall ist, können Vergehen und Verbrechen häufig aufgrund von Zeugen aufgeklärt werden. Was soll also so ein unsinniger und hinkender Vergleich? Ein konkreter und konstruktiver Beitrag zum Thema wäre wohl zu komplex gewesen.
4. Die Dinos sterben aus
meinefresse 19.09.2011
Selbst bei den 45-jährigen ist mittlerweile ein Großteil technik-affin, viele sind mit dem C64 aufgewachsen oder bei "Kumpels" in Berührung gekommen. Die Generation der 20-30 jährigen, die in den 80ern ihre ersten Computererfahrungen machen durften ist jetzt 40-50 Jahre alt. Und auch aus dieser Generation haben viele die Schnauze voll davon, wie aus der Politik ständig Rufe nach mehr Überwachung laut werden.
5. Da Capo!
darkwingduck 19.09.2011
Zitat von sysopDer Wahlerfolg der Piraten in Berlin ist eine Ohrfeige für die deutsche Parteienlandschaft. Ein Teil der jungen Geisteselite dieses Landes fühlt sich von der Politik nicht mehr vertreten - weil sie die digitale Revolution schlicht verschlafen hat. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,786993,00.html
Dazu kann man nur eins sagen: Perfekt analysiert! Besonders die CDU/CSU tut sich hier hervor: Sie stellt das Internet (unbewusst?) als einen Tummelplatz von Pädophilen und Terroristen da und schwadroniert von "digitalen Radiergummis". Die SPD scheint das Thema weitestgehend zu ignorieren, gleiches gilt für die Grünen. Diese Arroganz kommt mir bekannt vor: Als die Grünen aufs Parket kamen wurden sie belächelt, ignoriert, verteufelt. Schaun wir mal
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Netzpolitik
RSS
alles zum Thema Berlin-Wahl 2011
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 193 Kommentare
Buchtipp

Zum Autor
  • Christian Stöcker ist Jahrgang '73. Er ist in Würzburg geboren und aufgewachsen, studierte Psychologie in Würzburg und Bristol und promovierte 2003 in Kognitiver Psychologie. In München studierte er anschließend an der Bayerischen Theaterakademie Kulturkritik und schrieb parallel unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", "Die Zeit" und SPIEGEL ONLINE. Seit 2004 arbeitet er bei SPIEGEL ONLINE, seit Februar 2011 leitet er das Ressort Netzwelt. Am 29. August erschien sein Buch "Nerd Attack - eine Geschichte der digitalen Welt vom C64 bis zu Twitter und Facebook".
  • E-Mail schreiben
  • @Chrisstoecker auf Twitter


Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.