Von Gregor Peter Schmitz
Doch als Mitglied gilt schon, wer Petitionen oder E-Mails per Klick unterstützt oder weiterleitet. Leute wie David Postelt. Der 22-jährige Hamburger studiert Sport, was ganz genau in Kopenhagen verhandelt wurde, weiß er nicht. Aber der Klimawandel ist ihm wichtig: "Dessen Folgen treffen so viele Unschuldige."
Postelt klickt auf die Avaaz-Petitionen, er hat sogar mal ein paar Euro gespendet, um Aktionen zu unterstützen. Die freiberufliche Grafikdesignerin Katja Ulbert, 33, gibt ihre Arbeitskraft, sie gestaltet Logos für Avaaz. Ulbert war früher mit Autonomen befreundet, die Berlinerin begeistert der Elan der jungen Online-Macher wie van de Laar, aber ein wenig fremd bleibt er ihr auch: "Sie sind so dynamisch, ich könnte mir vorstellen, dass sie auch noch mal was anderes aufbauen."
"Die Bindung an die Organisation ist bei solchen Netzwerken oft gering", weiß Malte Spitz aus dem Bundesvorstand von Bündnis 90/Die Grünen. Der Onlineexperte zählt Zehntausende Besucher auf grünen Webseiten. Doch davon sind nur wenige für Aktionen zu begeistern, so Spitz. "Die Hemmschwelle ist hoch. Amerika ist uns bei der Mobilisierung weit voraus." Daher seien die gigantischen Avaaz-Mitgliederzahlen wenig aussagekräftig.
"So etwas geht in Deutschland nicht"
Auch van de Laar hat sich kurz an Wahlkampfhilfe für die SPD versucht. Die wollte ihren Online-Auftritt nach Obama-Vorbild aufmöbeln. Doch rasch schmiss er hin: "Im Willy Brandt-Haus habe ich immer nur gehört: So etwas geht in Deutschland nicht."
Aber geht dauerhaftes Online-Engagement? "Avaaz ist für deutsche Verhältnisse hochprofessionell, doch in erster Linie 'campaigning', daher bleibt die Bindung sprunghaft und lose", sagt Leonard Novy, Fellow bei der Berliner Stiftung Neue Verantwortung und Herausgeber eines Buches über Lehren aus dem US-Wahlkampf. Selbst Obama habe Schwierigkeiten, Unterstützer aus dem Wahlkampf dauerhaft im Netz für Regierungsanliegen zu mobilisieren.
Denn ohne Wahlkampfmagie oder Aufregerthema bleiben die Klicks aus. Auch für Avaaz muss nach Kopenhagen ein neues her. Nur welches? Atomkraft oder der deutsche Afghanistan-Einsatz sind zu kontrovers. "Burma oder Tibet interessieren viele", sagt van de Laar.
Genug, um nicht nur die Computermaus zu bewegen - sondern wirklich aktiv zu werden? Klimaschützer Postelt wollte vor der Kopenhagen-Konferenz zu einer Avaaz-Mahnwache in Hamburg gehen. Aber dann war am Vormittag eine Protestaktion in der Uni, nachmittags eine Verabredung zum Klettern, seinem Hobby. "Am Ende hat es wieder nicht geklappt", sagt er. "Ich glaube, das geht vielen so. Ein Mausklick ist halt einfacher."
Postelts Mutter, eine Lehrerin, hat ihm aber von der Mahnwache berichtet. Die 46-Jährige ist ebenfalls Online-Mitglied bei Avaaz - doch sie ging auch zur Mahnwache.
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