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Politik-Netzwerk Avaaz: Per Mausklick zur besseren Welt

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Das Vorbild ist Obamas Online-Offensive: Das Netzwerk Avaaz.org will die erste wirklich moderne Globalisierungsbewegung sein. Für Klimaschutz, Menschenrechte, eine gerechtere Welt. Doch ohne Symbolfigur und klares Thema bleibt das Engagement unverbindlich und sprunghaft.

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Online-Bewegungen: Politik-Netzwerk Avaaz
Der junge Mann, der Obamas Online-Welt nach Deutschland bringen will, greift in wichtigen Momenten zum Notizbuch. Er zückt keinen Blackberry, keinen Palm, er blättert gemächlich in seinem schwarzen Büchlein. Darin hält Julius van de Laar Punkte fest, die er nachschlagen will, etwa Zahlen zur Demografie seiner Online-Gemeinde. "Ich schreibe mir das mal auf", sagt er gewissenhaft.

Van de Laar, 27, dunkler Anzug, sitzt in einem Berliner Café, er ist Deutschland-Chef von Avaaz.org, einem Online-Netzwerk, inspiriert von MoveOn.Org - der amerikanischen Internetbewegung, die Barack Obama ins Weiße Haus tragen half. Deren Organisatoren jonglieren meist Blackberrys beidhändig.

Jetzt will Avaaz den Rest der Welt missionieren. Avaaz operiert in 14 Sprachen, von Portugiesisch bis Koreanisch, über drei Millionen Aktive hat es nach eigenen Angaben weltweit, mehr als 200.000 in Deutschland. Sie möchten die erste wirklich moderne Globalisierungsbewegung sein, für Klimaschutz, für Menschenrechte, für eine gerechtere Erde. Hauptamtliche Mitarbeiter wie van de Laar werden aus Spenden finanziert, bei wichtigen Entscheidungen sind die Vorreiter aus Übersee blitzschnell per Konferenzschaltung erreichbar.

Denen muss ihr deutscher Online-Arm derzeit noch fast so altmodisch vorkommen wie das Notizbuch des Deutschland-Koordinators. Es dauert beinahe eine Woche, bis Reportern deutsche Avaaz-Freiwillige zum Gespräch vermittelt werden können. Der Datenschutz. Und wohl die Personalknappheit. Van de Laar lächelt: "Die Deutschland-Organisation bin derzeit mehr oder weniger ich."

Sein Vorteil aber: Er kennt die so viel schnellere US-Welt gut. Der Hüne war Basketballstipendiat an einer Uni in South Carolina, er träumte wie so viele von einer NBA-Karriere, dann kam ein doppelter Kreuzbandriss - und doch noch die Nähe zum wohl bekanntesten Basketballfan der Welt: Während van de Laars Politikstudium begann das Obama-Fieber in den USA, er ließ sich mitreißen, in Missouri half er 2008 monatelang, als "Youth Vote Director" junge Wähler für Obama zu begeistern. Seine Facebook-Seite ziert ein Foto von dessen Wahlkampfbus, van de Laar steht davor. Ein anderer Schnappschuss zeigt ihn mit dem Präsidentschaftskandidaten im Aufzug vor einem Auftritt, die beiden plaudern munter.

"Wie machen die das, immer Leute da zu haben?"

Jetzt will er seine Begeisterung nach Deutschland tragen. Er kämpft, wie einst auf dem Basketballfeld, er verschickt bis zu 600 E-Mails am Tag: "Ich weigere mich zu glauben, dass Deutsche für diese Art von politischem Engagement nicht zu begeistern sind", beharrt van de Laar.

Im Juli 2009 hat er übernommen, und er kann schon Erfolge vorweisen. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel im September per Zug durch Deutschland reiste, erinnerten Avaaz-Aktivisten sie bei jedem Stopp an ihre Klimaversprechen. Beim ersten Stopp fielen die Avaaz-Bewegten, meist in ihren Zwanzigern oder Dreißigern, der Kanzlerin noch kaum auf - obwohl sie strahlend grüne Arbeitshelme auf dem Kopf trugen, als Symbol für eine umweltfreundlichere Energiepolitik. Beim zweiten Stopp schaute Merkel länger, beim vierten fragte die Regierungschefin verblüfft: "Wie machen die das, immer Leute da zu haben?"

Vor der Weltklimakonferenz setzte Avaaz - in vielen Sprachen das Wort für "Stimme" - eine Online-Petition an die Staats- und Regierungschefs auf: "Wir fordern jeden Einzelnen von Ihnen auf, die notwendigen Zusagen zu machen, um Ihrer historischen Verantwortung in dieser Krise gerecht zu werden." 15 Millionen Menschen unterschrieben angeblich weltweit per Mausklick, die Namen lasen Avaaz-Aktivisten im Konferenzzentrum in Kopenhagen laut vor. Als es schien, Union und FDP wollten sich vor mehr Geldzusagen für internationalen Klimaschutz drücken, bombardierte der deutsche Avaaz-Ableger die Büros der Fraktionsvorsitzenden mit Protestmails.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 29 Beiträge
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1. Vielleicht..
Mars05 16.01.2010
Vielleicht liegt es nicht nur an der fehlenden Symbolfigur, sondern an den undurchdachten, radikalpazifistischen Forderungen.
2. supa
systemfeind 16.01.2010
Zitat von sysopDas Vorbild ist Obamas Online-Offensive: Das Netzwerk Avaaz.org will die erste wirklich moderne Globalisierungsbewegung sein. Für Klimaschutz, Menschenrechte, eine gerechtere Welt. Doch ohne Symbolfigur und klares Thema bleibt das Engagement unverbindlich und sprunghaft. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,672017,00.html
wirklich trendy . Sicherlich eine tolle Plattform um süße Oberschichtschnecken kennenzulernen oder mal wieder ein exotisches Land zu besuchen .Macht sich im Lebenslauf eines angehenden Soziologen ganz gut , sone Politaktivität . ( ich dachte attac ist für die heile Welt zuständig oder sind die nicht mehr en vogue ? )
3. Ich würde die Weltherrschaft
kofler, 16.01.2010
dem SPIEGEL und dessen Lesern übertragen. Die wissen schliesslich wirklich ALLES besser.
4. Ohne Ismus keine Revolution.
llothar 16.01.2010
Zitat von sysopDas Vorbild ist Obamas Online-Offensive: Das Netzwerk Avaaz.org will die erste wirklich moderne Globalisierungsbewegung sein. Für Klimaschutz, Menschenrechte, eine gerechtere Welt. Doch ohne Symbolfigur und klares Thema bleibt das Engagement unverbindlich und sprunghaft. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,672017,00.html
Ohne -ismus also ohne theoretischen Unterbau wird das nicht. Das ist die Politikversagungspest der letzten 20 Jahre ausserparlamentarische Opposition. Hier wird nichts weiter als hipper Aktionismus gepredigt aber keine Veränderung der Welt egal ob "Hope" oder "Change". Ein bisschen weniger CO2 aber alles weiter so wie bisher ist halt nicht wirklich was kämpferisches. Aber warten wir mal ab wie sich die Soziale Frage entwickelt. Und wie Avaaz regiert wenn aus ihrer Demo raus die Mollis auf die Arbeitsagenturen fliegen.
5. impact
julia38 16.01.2010
Die Aktionen von AVAAZ.org sind sehr erfolgreich. Eine Klimaschutzmahnwache am 12. Dezember in Berlin war gut organisiert, gut besucht und hat viele "Parteiverdrossene" auf die Straße gebracht. Selbst PM Brown hat AVAAZ vor der Klimakonferenz in Kopenhagen ausdrücklich aufgefordert, nicht locker zu lassen. AVAAZ macht es möglich, dass auch mal die Stimme des Volkes gehört wird. Statt nur alle paar Jahre zu wählen, kann der Wähler über Online-Kampagnen direkt und zum richtigen Zeitpunkt Druck auf die Politiker ausüben.
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Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach eigenen Angaben hat Facebook 845 Millionen aktive Mitglieder weltweit (Dezember 2011). Mehr zu Facebook auf der Themenseite.
Google+
Google+ ist der Versuch, den sozialen Funktionen von Facebook und Twitter etwas entgegenzusetzen. Das soziale Netzwerk wurde im Juni 2011 gestartet und hat nach Firmenangaben rund 170 Millionen Nutzer (April 2012). Der Funktionsumfang ist rein aus Nutzersicht vergleichbar mit Facebook, Schnittstellen für externe Entwickler sind allerdings eingeschränkt. Google animiert seine Nutzer, das Netzwerk als zentralen Hub für seine Dienste zu nutzen. Mehr zu Google+ auf der Themenseite.
Twitter
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Der auf kurze Textnachrichten spezilalisierte Dienst Twitter wurde im Juli 2006 gegründet. Populär wurde der Dienst als Verteilnetzwerk für Links, Fotos und Videos. Twitter zählt nach eigenen Angaben mehr als 140 Millionen Nutzer (März 2012). Mehr zu Twitter auf der Themenseite.
Xing
Xing (früher OpenBC) wurde 2003 von Lars Hinrichs gegründet. Nach eigenen Angaben hat Xing über 11,7 Millionen Mitglieder (Stand: Dezember 2011), etwa acht Prozent haben einen kostenpflichtigen Premium Account. Bei Xing geht es vor allem um berufliche Kontaktaufnahme. Mehr zu Xing auf der Themenseite...
StudiVZ
Ehssan Dariani hat die Studenten-Community StudiVZ 2005 gegründet. Zuerst investierten Lukasz Gadowski und Matthias Spiess in StudiVZ, später finanzierten es vor allem die Gebrüder Samwer - bekannt für die Klingeltonfirma Jamba - und der Venture-Capital-Arm des Holtzbrinck-Verlags ("Die Zeit", "Handelsblatt"). Im Januar 2007 übernahm Holtzbrinck StudiVZ. Derzeit haben die Plattformen studiVZ.net, schuelerVZ.net und meinVZ.net nach eigenen Angaben rund 17,4 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2011). Mehr zu StudiVZ auf der Themenseite...
Lokalisten
Im Mai 2005 gegründet, hat das Netzwerk Lokalisten nach eigenen Angaben (Stand Juli 2010) inzwischen 3,6 Millionen Nutzer. Mehr zu Lokalisten bei Wikipedia...
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Das 1996 in Regensburg gegründete Unternehmen Spin betreibt ein eigenes soziales Netzwerk, aber auch integrierte Unter-Communitys mit regionalem Fokus, die mit Partnern vor Ort (Lokalradios vor allem) betrieben werden. Nach eigenen Angaben (Stand Februar 2011) hat Spin.de eine Million aktive Mitglieder. Mehr zu Spin.de bei Wikipedia...
Wer kennt wen
Wer-kennt-wen wurde von den beiden Studenten Fabian Jager und Patrick Ohler gegründet. Seit Februar 2009 gehört das Netzwerk vollständig RTL Interactiv, die Gründer schieden Ende August 2010 aus. Das Netzwerk hat laut Betreiber über 9,5 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2012). Mehr zu Wer-kennt-wen bei Wikipedia...
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MySpace war 2006 das populärste soziale Netzwerk in den USA. Ein Jahr zuvor war es von Rupert Murdochs News Corporation gekauft worden. Bekannt wurde es durch die Möglichkeit, Musik einzubinden. Künstler und Bands nutzten die Plattform als Marketingplattform. Zeitweise hatte MySpace mehr als 220 Millionen Nutzer, nach Berechnungen von Google rund 30 Millionen Nutzer (Dezember 2011). Mehr zu MySpace auf der Themenseite...

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