S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Gefährliches Drehbuch

Anlass, Reaktion, Eskalation: Der politische Diskurs ist unerträglich vorhersehbar geworden. Das ist ein Geschenk für rechte Hetzer.

Eine Kolumne von


Bittere Erkenntnis im Sommer 2016: Ich ertrage die politischen Debatten nicht mehr. Natürlich liegt das auch immer an einem selbst. Die politische "Schreispirale" zerrt und zehrt an den Nerven; um Trump, AfD, Front National zu verstehen, muss man sie beobachten, und schon die Beobachtung ist eine Belastung.

Aber der ausschlaggebende Grund, weshalb der politische Diskurs kaum erträglich ist, ist nicht seine Hitze, sondern seine verstörende Berechenbarkeit. Diskussionen erscheinen mir als Schauspiel mit feststehender Rollenverteilung und gestanztem Drehbuch, das mit immer gleichen Phrasen und Posen abgearbeitet wird. Am deutlichsten fällt es mir bei den Drehbuchdebatten um rechtsautoritäre und rechtsextreme Positionen auf:

  • 1. Anlass
    Eine (oft extremistische) Person äußert einen missverständlichen, provozierenden oder absichtsvoll extremistischen Satz. Alternativ wird eine entsprechende Handlung oder Haltung bekannt.
  • 2. Erstbericht
    Ein Medium erkennt die Sprengkraft und bereitet den Anlass entsprechend auf. Zur Aufbereitung kann ein erster Deutungsvorschlag ebenso gehören wie die Verortung im Gesamtwerk der Person. Aber auch die Entkontextualisierung des Satzes kann zum Instrumentarium gehören.
  • 3. Erstreaktionen in sozialen Medien
    Die interessierte Öffentlichkeit in sozialen Medien - bestehend vor allem aus Journalisten, Publizisten und Politikern - legt in einer spontanen Erstreaktion und oft ohne Kenntnis des gesamten Kontextes sowohl die vorherrschende Deutung wie auch das Empörungslevel fest. Die Witze, die Kommentare, das käsige Wettrennen um den allertollsten Politaphorismus in sozialen Medien sind von unendlich trauriger Vorhersagbarkeit und taugen damit als Omen für die gesamte Drehbuchdebatte. Kein denkbares Wortspiel, das auf Twitter nicht fünftausend Mal gemacht wird von fünftausend sich für originell haltenden Kommentatoren.
  • 4. Mediale Eskalation
    Je nach Erstbericht und vor allem den Erstreaktionen von Einzelpersonen in sozialen Medien erscheint das Thema relevant, groß oder attraktiv genug für weitere mediale Berichterstattung in redaktionellen Medien. Dabei wird oft die Deutungsvariante des Erstberichts aus den sozialen Medien übernommen. Die Medienbeiträge sind meist darauf hingeschrieben, den Anlass aufmerksamkeitsstark und -verstärkend aufzubereiten, indem sie die politische Stimmung in der Öffentlichkeit intensiv miteinbeziehen. In dieser Phase wird aus dem Anlass ein eigenes Thema.
  • 5. Soziale-Medien-Hype
    Ein Meinungssturm in den sozialen Medien ergibt sich aus der medialen Eskalation. Während in den Anfangsjahren der sozialen Medien oft von "Kakophonie" oder "Durcheinander" die Rede war, scheint die Phase des Social-Media-Hypes heute oft überraschend gleichförmig, nämlich in drei Lager aufgeteilt: Pro, kontra, von allem genervt. Alle drei überbieten sich in humoristisch gemeinter Bewältigungskommunikation. Befeuert wird die Hype-Phase durch die Distanzierungen, Deutungsangebote und Darstellungen der eigenen Position der immer gleichen Figuren der politischen Parteien, die nur Minuten später wiederum medial verarbeitet werden. Denn die beiden Phasen "mediale Eskalation" und "Soziale-Medien-Hype" vermischen sich schnelldrehend miteinander, nur um noch explosiver und eskalativer zu wirken.
  • 6. Erstreaktion des Absenders
    Der Absender meldet sich mit gespieltem oder echtem Erstaunen. Die Reaktion besteht fast immer aus einer Mischung aus Zurückrudern und Zurückschießen, aus Trotz und Beleidigtsein. Einsicht lässt sich einhornhaft selten beobachten. Diese Reaktion ist meist eingebettet in eine Art Erklärungsversuch mit deutlicher Betonung auf "Versuch", ebenso lässt sich regelmäßig eine "Nonpology" beobachten, also Entschuldigungen ohne Entschuldigungen ("Wenn ich falsch verstanden wurde, tut mir das irre leid"). Während vorher der Kontext medial unterbetont war, wird vom Absender der Kontext als Erklärung und Entschuldigung für alles betrachtet. Damit unterscheidet sich die Reaktion des Absenders strukturell kaum von gewöhnlichen, politischen Reaktionen - außer durch die (extremistische) Aussage zu Beginn.
  • 7. Reaktion auf die Reaktion
    Die Reaktion des Absenders wird vom extremistischen Lager paradoxerweise gleichzeitig als Bestätigung der Position und vollständige Entlastung von jedem Vorwurf betrachtet ("Das hat er gar nicht gesagt, außerdem stimmt es!"). Das empörte Lager deutet die Reaktion weitgehend unabhängig von deren Inhalt als Bestätigung der eigenen Deutung und Haltung. Das genervte Lager wächst minütlich.
  • 8. Detonation
    Die Detonation stellt den verzögerten Höhepunkt dar, oft bestehend aus zwei bis achtunddreißig politischen Talkshows zum Thema, die durch ihre Form der medialen Verarbeitung ihrerseits zum eigenen Thema werden. Kontraintuitiv ist die Detonation zugleich der Anfang vom Ende. Denn dadurch wird der ursprüngliche Anlass regelrecht verdrängt, das neu gesetzte Thema besteht nun aus der Diskussion über die angemessenen Reaktionen auf den Anlass sowie der Verhandlung des politischen Hintergrunds von Meinungsfreiheit über Rassismus bis Weltordnung des 21. Jahrhunderts.
  • 9. Meinungsbildung und Analyse
    Die fundierteren Analysen erscheinen, sie beziehen die politische Großwetterlage mit ein, die Detonation, den Kontext sowie die Erstreaktion des Absenders auf die allgemeine Erregungswelle. Die meinungsstarken Analysetexte sind oft klug, interessant zu lesen und perspektivöffnend, aber beschäftigen sich selten mit dem eigenen, systemischen Anteil an der Erregung. Deshalb erscheinen diese Beiträge häufig allein aus dem Moment geboren, zu situativ, mit zu wenig Analysewert über den Tag hinaus. Sie wirken wie Traubenzucker beim Marathonlauf, nicht ganz falsch, aber nicht abendfüllend.
  • 10. Reaktionen auf Meinungsbildung und Analysen
    In sozialen und redaktionellen Medien bilden sich Gegenmeinungen, die einen Gegenhype anheizen. Dabei werden oft nur vermeintliche Gegenpositionen ausformuliert, weil es nicht mehr um die Ausdeutung des Anlasses geht, sondern um die Einschätzung der gesamten Thematik. Der ursprüngliche Anlass ist vom eigenen Thema zurückgeschrumpft zu einem bloßen Anlass. Gleichzeitig wird in dieser Phase - wiederum unabhängig vom Inhalt des Anlasses - intensive Relativierung betrieben. Während vorher die Tendenz zur Überzeichnung erkennbar war, folgt hier der Backlash, der noch die schlimmste Menschenfeindlichkeit kleinzureden vermag.
  • 11. Kipppunkt
    Verblüffend schnell, manchmal nach nur wenigen Stunden, ist der Kipppunkt erreicht. Es scheint, als würde sich die Debatte schlagartig ihrer eigenen Ritualisierung bewusst. Vor allem in den sozialen Medien erscheint der Anlass aus wirklich allen Blickwinkeln auserzählt. Mittlerweile nerven in sozialen Medien auch schon Scherze über die Genervtheit vom Thema und sogar die bloße Erwähnung der Genervtheit über die Genervtheit. Redaktionelle Medien veröffentlichen Zusammenfassungen, gebündelte Twitter-Reaktionen aus schon hundertmal gesehenen Tweets und chronologische Gesamtschauen mit dem Charme eines Katasteramtsarchivs. Am Kipppunkt kristallisiert sich die Unerträglichkeit des Diskurses, weil an dieser Stelle viele Teilnehmer und Beobachter das schale Gefühl bemerken: Hier standen wir doch schon mal. Schon hundert Mal. Die tragische Funktion des Kipppunktes kann nämlich auch sein, dass ein wichtiges Diskussionsthema wie extremistische Positionen als kaum noch produktiv diskutierbar oder toxisch empfunden wird.
  • 12. Ausklang
    Metaanalysen erscheinen, Spätzünder erklären sich selbst öffentlich alles noch einmal, Nachklappberichte erreichen nur noch einen Bruchteil der Öffentlichkeit, die Erhitzung ist vorbei. Bald beginnt ein Sportereignis. In der Ferne bellt ein Hund.

Es gibt keine Unbeteiligten mehr

Der Diskursnährwert dieser Drehbuchdebatten ist allenfalls homöopathisch vorhanden. Denn niemand scheint irgendetwas daraus zu lernen, und wenn doch, geschieht es in erschütternder Antiproportionalität: Je schneller und heftiger die Diskussion, desto langsamer und seichter die Erkenntnis. Ein echter Lernprozess würde schließlich auch verändertes Verhalten beinhalten, und doch verhalten sich praktisch alle Teilnehmer beim nächsten Mal wieder nach dem gleichen Muster.

Natürlich bin ich selbst auch ein Teil dieser dysfunktionalen Diskursmaschine, mit meiner Kolumne wie mit Auftritten in Talkshows und Wortmeldungen in sozialen Medien, mein Unwohlsein mit diesen wiederkehrenden Medienmustern schließt also ein Unwohlsein über meine eigene Rolle explizit mit ein.

Aber vielleicht ist genau das ein wichtiger Teil des Problems: Es gibt keine Außenstehenden, keine Unbeteiligten mehr. Jede noch so kleine Reaktion bedeutet Zuordnung zu einem der Debattenlager, und die Lagerzuordnungen verstärken sich durch offensive Ab- und Ausgrenzung gegenseitig. Das Publikum ist selbst zum wichtigsten Akteur geworden. Aus den subjektiv als Einzelmeinung empfundenen Äußerungen wird ein unerfreulich berechenbarer Chor der Parteinahme, bei dem jeder Anlass nicht der Reflexion, sondern der Selbstvergewisserung dient: ein Schauspiel, die Aufführung einer Debatte, und alle machen mit, selbst die Verweigerer scheinen in ihrer Resignation berechenbar. Aber wo öffentliche Empörung zum Ritual gerinnt, verliert sie ihre politische Kraft und ihre dringend benötigte Wirksamkeit.

Der Diskurs ist defekt

Die zentrale Schwierigkeit des heutigen blitzentfachten, politischen Diskurses - seine wiederkehrenden Reiz-Reaktions-Schemata - scheinen eine enorme Müdigkeit selbst bei wohlmeinenden Teilnehmern zu bewirken. Die Beschleunigungsspirale aus sozialen und redaktionellen Medien erzeugt kaum mehr als situative Verpuffungen. Es scheint dabei leicht, die professionellen Medien als Alleinschuldige auszumachen, aber das blendet die inzwischen tragende Funktion der sozialen Medien und damit der Öffentlichkeit selbst aus. Und auch die reißerischste Artikelüberschrift teilt sich nicht von allein über Facebook.

Dabei ist das tatsächliche Problem der redaktionellen Medien, dass die Balance der angemessenen Berichterstattung zwischen "Menschenverachtung verschweigen" und "Kleinigkeiten überlebensgroß aufblasen" keineswegs so leicht zu halten ist, wie die allgegenwärtigen Alles-Experten zu wissen glauben. Denn vor allem durch soziale Medien ist eine rechtsautoritäre Gegenöffentlichkeit entstanden, die sowohl das Verschweigen wie auch das Berichten als Bestätigung betrachtet.

Deshalb ist die Berechenbarkeit auch so gefährlich - sie kann ausgenutzt werden, und sie wird ausgenutzt. Die letzten Wortmeldungen der AfD erscheinen mir persönlich seltener als durchdachte, clevere Strategie und häufiger als Mischung aus ungeschickter Formulierung und herausquellender Menschenverachtung. Jedenfalls noch.

Donald Trump ist dagegen schon weiter und hat, wie die "New York Times" schätzt, durch seine Getösestrategie Berichterstattung mit einem Wertäquivalent von zwei Milliarden Dollar provoziert (was mir deutlich zu gering erscheint). Aber genau das ist die Essenz des Problems: Die Berechenbarkeit der Aufmerksamkeitszyklen ist in jedem Fall ein Geschenk für populistische Manipulation. Diese Berechenbarkeit der Reaktionen zwischen sozialen und redaktionellen Medien ist einer der wichtigsten Gründe für das Erstarken der Rechtsextremen.

tl;dr

Der Diskurs ist defekt, und das macht seine Unerträglichkeit aus. Aber ich fürchte, es hilft nur die Flucht nach vorn. Wenn ich nur wüsste, wie die aussieht.

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Seite 1
Bondurant 01.06.2016
1. Wie überraschend!
Diskussionen erscheinen mir als Schauspiel mit feststehender Rollenverteilung und gestanztem Drehbuch, das mit immer gleichen Phrasen und Posen abgearbeitet wird. Als die Talkshows noch "Je später der Abend" oder "3 nach neun" mit Gerd von Paczensky hießen und die Diskutanten ZEIT und SPIEGEL und FAZ lasen, war der Mechanismus natürlich ein ganz anderer, nicht wahr? - Das einzige, was dieser angebliche Netzexperte nicht zu schnallen scheint, ist: früher konnte man unliebsame, aber real vorhandene Meinungen besser totschweigen. Jetzt ist man ganz platt, dass das nicht mehr geht, nicht zuletzt wegen der "sozialen Netzwerke". Der Wirkungsmechanismus als solcher ist aber nicht neu, es dürfen jetzt nur die Schmuddelkinder voll mitmachen.
burkhard.salz@web.de 01.06.2016
2. Sascha
dieser Beitrag ist doch wohl nur ein Hilferuf von Dir.
Pfaffenwinkel 01.06.2016
3. Wie die Flucht nach vorne aussieht,
lieber Autor, kann ich Ihnen sagen: Diesen ganzen Spektaktel ignorieren. Nachteil: Sie müssten Ihren Beruf als Journalist aufgeben.
TLB 01.06.2016
4.
Zitat_ Verblüffend schnell, manchmal nach nur wenigen Stunden,...Zitatende. Das ist auch mein persönliches Problem. Dem entgehe ich, indem ich oftmals den Nachrichtenkonsum verweigere
e-tech 01.06.2016
5. Langweilig!
Ab "4. Mediale Eskalation" habe ich aufgehört zu lesen, als ich gesehen habe, dass die öde Aufzählung der Phasen bis Punkt 12. noch weiter geht. Dass die meisten Artikel hier auf SPON keine besondere Tiefe haben, daran habe ich mich schon gewöhnt, aber dass sie dazu noch derart langweilig sind, ist neu. Ich lese hier sonst alles zu Ende, selbst echt unsinnige Artikel. Aber der hier? Gähn.
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