Fotoserie Der kalte Blick der Überwachungskameras

Kunst aus Überwachungstechnik: Zwei Fotografen nutzten Gesichtserkennungs-Software, um eine gruselige Porträtserie zu schießen. Normalerweise erfasst die Technik Menschen in der Bahn oder am Flughafen.

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Adam Broomberg & Oliver Chanarin 2015 courtesy MACK

Die Augen leer, das Gesicht so ausdruckslos wie eine Maske: So sehen die Bilder aus, die die beiden Künstler Adam Broomberg und Oliver Chanarin von ihren Protagonisten geschossen haben. Um ihre Porträts zu machen, setzten die zwei Künstler aus London auf dieselbe Gesichtserkennungs-Technologie, die auch in modernen Überwachungssystemen zum Einsatz kommt.

Das System für Gesichtserkennung kann zum Beispiel an Flughäfen eingesetzt werden oder in U-Bahn-Stationen - überall also, wo große Menschenmassen zusammenkommen. Dank der Software können dennoch einzelne Personen aus der Masse erfasst werden. Dann gleicht das System die Aufnahmen mit seiner Bilddatenbank ab und meldet eine Übereinstimmung. Alle erfassten Gesichter werden außerdem für die Zukunft gespeichert, ein digitales Archiv der Massenüberwachung.Der russische Hersteller Vocord beschreibt seine Technik als "nicht kooperativ". Das ist eine vorsichtige Formulierung für die Tatsache, dass sich die Fotografierten zumeist nicht bewusst sind, dass sie aufgenommen werden.

Diese Aufnahmesituation spiegelt sich auch in den Bildern der Künstler wider: Die Überwachungstechnik produziert anonyme, kalte Bilder, mehrere Linsen nehmen das Gesicht zeitgleich aus verschiedenen Blickwinkeln auf. So geraten die Gesichter der Abgebildeten seltsam leer und ausdruckslos, die Künstler bezeichneten die Motive gar als "Totenmasken". Es gibt kein Posieren, kein Spiel mit der Kamera, die Augen der Porträtierten starren ins Leere.

Auch eine Pussy-Riot-Aktivistin ist unter den Fotografierten

Mithilfe der Technik produzierten Broomberg und Chanarin 120 Aufnahmen von Moskauer Bürgern, die sie zum Teil zufällig auf der Straße angesprochen hatten. Aber auch bekanntere Personen wie die Pussy-Riot-Aktivistin Jekaterina Samuzewitsch oder der Dichter Lew Rubinstein ließen sich für das Projekt mit dem Namen "Spirit is a Bone" fotografieren.

Mit ihrer Serie greifen die zwei Künstler die anhaltende Debatte um die Überwachung des öffentlichen und auch privaten Raums durch staatliche Behörden und Privatunternehmen auf. Schon jetzt würden Menschen beim Grenzübergang, an Bahnhöfen, Sportstadien und selbst in Kinos erfasst, sagten Broomberg und Oliver Chanarin zum britischen "Guardian" zu Beginn ihrer Arbeit an dem Projekt.

Demnächst könne die Technik überall eingesetzt werden, zum Beispiel an einer Tankstelle. "Eine Kamera erkennt das Gesicht einer 35-jährigen Frau, kurz darauf wird ihr ein Werbespot für zuckerfreien Kaugummi geschickt." So könnten sich dank der Gesichtserkennung nicht nur Möglichkeiten für staatliche Überwacher ergeben, sondern zum Beispiel auch für Unternehmen, die so immer mehr über ihre Kunden erfahren.


Die Porträts von "Spirit is a bone" wurden als Buch vom Londoner Mack Verlag veröffentlicht.

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insgesamt 3 Beiträge
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weltenbrand 19.02.2016
1. Langweilig
Das ist so unglaublich langweilig, mir fehlen die Worte.
rainerseiferth 19.02.2016
2.
Na toll. Und was hab ich jetzt davon? Fingerabdrücke sind auch nicht sexy. Kriminaltechnik ist halt nix für Romantiker.
niska 19.02.2016
3.
Zitat von weltenbrandDas ist so unglaublich langweilig, mir fehlen die Worte.
Portraits von den Spannern hinter den Kameras wären sicher interessanter.
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