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Pro-Guttenberg-Bewegung: Ein Klick - das war's dann

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Waren all die Facebook-Fans nun echt? Warum ist dann kaum einer auf die Straße gegangen, um Baron zu Guttenberg ins Amt zurück zu demonstrieren? Die Antwort ist einfacher, als sie auf den ersten Blick scheint: Es ist ein weiter Weg von einem Klick zu politischem Engagement.

Facebook & Co.: Gutt-e Geschäfte Fotos

Es ist schon ein auffälliges Faktum in der Sache Guttenberg, an dem sich auch jetzt noch Kommentatoren abarbeiten: Die Netz-Front gegen den Rücktritt des Ministers und die dann doch seltsam kümmerlichen Pro-Guttenberg-Demonstrationen im öffentlichen Raum am vergangenen Wochenende. Wo sich doch viele so geärgert hatten über seinen Sturz!

Hunderttausende - aktueller Stand am Dienstagabend: gut 587.000 - haben sich bei Facebook mit einem Klick zu Karl-Theodor zu Guttenberg bekannt. Oder das zumindest scheinbar getan - wenn man sich die Kommentare innerhalb der Gruppe ansieht, stellt man fest, dass da auch viele Hobbysatiriker und Lästermäuler versammelt sind, die sich nur ein bisschen über all die Fans lustig machen wollen. Unter dem Strich aber blieb: Da hatten sich doch verdammt viele hinter den Baron gestellt. Und das im Internet, das man doch als Hort der hippen, coolen, im Zweifel linken Jugend betrachtet. Oder?

Dann kamen die Demonstrationen (die auch wieder über Facebook organisiert wurden) - und man sah, dass man nicht viele sah. Eigentlich nur sehr wenige. Nicht Hunderttausende, sondern, etwa in Hamburg, gerade mal mit Müh und Not Hunderte. Der Druck auf die Maustaste schien sich in den Druck der Straße nicht so recht übersetzen zu lassen. Die Rufe nach einer sofortigen Rückkehr des ehemaligen Doktors der Juristerei sind seitdem merklich leiser geworden.

Warum kam kaum einer zum Demonstrieren?

Wie aber ist diese Diskrepanz zwischen Guttenberg-Hype bei Facebook und der dürftigen Besetzung der Pro-Guttenberg-Demos zu erklären?

SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Sascha Lobo und andere gingen der Frage nach, ob da womöglich geschummelt worden ist bei den Zahlen der Gruppe. Diese Frage beschäftigt manche Netzbeobachter schon seit vergangener Woche. Wohl auch, weil man sich einfach nicht vorstellen konnte, dass - hier bei uns im Internet! - plötzlich so viele offen für einen CSU-Politiker waren. Einen, der substantielle Teile seiner Doktorarbeit irgendwo zusammenkopiert, im Anzug auf dem Times Square posiert hat und dessen Haar immer so gegelt aussieht? Das gibt's doch nicht.

Die Beteuerungen von Facebook, man könne im Zusammenhang mit den Unterstützerseiten keine Manipulationen erkennen, stießen auf Unglauben und teilweise offene Häme. Inzwischen mehren sich jedoch die Anzeichen, dass all die Zustimmung doch überwiegend mit rechten Dingen zugegangen ist. Vermutlich haben sich tatsächlich ein paar neue Nutzer bei Facebook angemeldet, nur um dem Baron ihre Unterstützung zu versichern. Die deutsche Facebook-Nutzerschaft ist, das zeigt eine Statistik, die Lobo dankenswerterweise ausgegraben hat, gerade in den vergangenen Wochen kräftig gewachsen. Sicher sind da auch ein paar gefälschte Profile dabei und ein paar, die nur sehr kurz aktiv und dann sehr lange Karteileichen sein werden.

Butterkeks-Fanatiker, Automarken-Fanatiker, Politiker-Fanatiker

Die eigentliche Erklärung für den Guttenberg-Hype bei Facebook aber ist schlicht: Das Internet im Jahr 2011 in Deutschland ist ein Mainstreammedium, Mainstreamkommunikationswerkzeug, wie auch immer man das nennen will. Es ist kein Hort der Avantgarde, sondern wandelt sich Tag für Tag noch ein Stückchen mehr zu einem Abbild der bundesdeutschen Gesellschaft (wenn auch derzeit noch mit einer gewissen Ungleichgewichtigkeit bei der Altersverteilung). Und große Teile dieser bundesdeutschen Gesellschaft fanden Guttenberg, unterstützt von wohlwollender Medienberichterstattung, eben ziemlich gut.

Diejenigen, die sich bei Facebook mit einem Klick auf den "Like"-Button zu einem Butterkeks, einer Band oder einem gestrauchelten Politiker bekennen, werden gemeinhin "Fans" genannt. Der Begriff, das verliert man heute manchmal ein bisschen aus dem Blick, kommt vom englischen fanatic und bezog sich ursprünglich nur auf die Unterstützer von Sportmannschaften (die ja häufig durchaus einen gewissen Fanatismus an den Tag legen).

Ein "Fan" bei Facebook aber ist kein Fanatiker. Es gibt kaum eine un-fanatischere Handlung als mal eben auf ein kleine blaue Hand mit gerecktem Daumen zu klicken. Zum Glück, andernfalls wäre die Welt nämlich voll sehr beunruhigenden Fanatikern: Vin-Diesel-Fanatikern zum Beispiel (aktuell: 21 Millionen Fans), Nutella-Fanatikern (7,7 Millionen), Schlaf-Fanatikern (4,2 Millionen).

Weil aber ein Fan eben kein Fanatiker ist, sondern im Zweifel ein womöglich weitgehend apolitischer Sympathieträger-Gutfinder, übersetzten sich die Mausklicks nicht in Transparente, nicht in Sprechchöre, nicht in Märsche. Um auf die Straße zu gehen, braucht es etwas mehr, als dass jemand jetzt wegen so einer Sache zurücktritt, den man eigentlich doch viel netter fand als so viele andere von diesen faden Berliner Politikern. Beispiele für dieses "etwas mehr", das Social-Media-Wut in echte Wut verwandeln kann, hat es in den vergangenen Wochen wahrlich zur Genüge gegeben.

Die getippte Empörung, die man auf der Pinnwand der Pro-Guttenberg-Gruppe zu lesen bekam, war dann wohl doch nur die Emotion einiger weniger. Die allermeisten kamen nur mal kurz vorbei, sagten mit einem Fingerzucken "ja, ich finde auch, er hätte nicht zurücktreten müssen" und verschwanden geräuschlos wieder.

Unfanatisch.

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1. Guttenberg ist unbeliebt
angela_merkel 08.03.2011
Die breite Ablehnung, die Baron von und zu Guttenberg neuerdings entgegenschlägt, könnte auch etwas mit den jüngsten Veröffentlichungen über seine sexuelle Orientierung zu tun haben. Zitat dazu aus der jüngsten Ausgabe der ZEIT, Seite 3: "In der CSU-Vorstandssitzung am Montagvormittag in München muss sich Guttenberg Sticheleien und zweideutige Sätze seiner Parteifreunde gefallen lassen. Vereinzelt verbreiten Journalisten bereits das Gerücht, es gebe einen Zusammenhang zwischen einer Textstelle in der Doktorarbeit und seiner sexuellen Neigung."
2. Richtig
MarkusKrawehl, 08.03.2011
Ja, so siehts aus. Änhnliches gilt für Obama-Fans, als Anhängdr eines "anderen Amerikas". Hihi.
3. Och neee....
cohorte 08.03.2011
Zitat von sysopWaren all die Facebook-Fans nun echt? Warum ist dann kaum einer auf die Straße gegangen, um Baron zu Guttenberg ins Amt zurück zu demonstrieren? Die Antwort ist einfacher, als sie auf den ersten Blick scheint: Es ist ein weiter Weg von einem Klick zu politischem Engagement. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,749774,00.html
...müssen wir in dieser Diskussion jetzt wieder alle pro-contra-Argumente austauschen? Wie wäre es wenn hier einfach mal niemand postet?
4. 578.000
angela_merkel 08.03.2011
Wenn der Lüganbaron von und zu Googleberg tatsächlich 578.000 Fans in Deutschland hat, dann enspricht das ja auch ziemlich genau der Gesamtanzahl der Befürworter des verfassungswidrigen Kriegs Deutschlands gegen Afghanistan. Kommt also schon hin. Wenn jeder Bundeswehrsoldat nur dreimal auf den "Like" Button klickt, kommt man auch auf eine ähnliche Größenordnung.
5. ...
soissesimmernoch 08.03.2011
tja, wer da wem schdet... http://www.youtube.com/watch?v=4VWq0hMpHGE&feature=related
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