Gesichtserkennung Aktivisten wollen Libyern gefälschte Pässe schicken

Aus Protest gegen Überwachungstechnik hat ein Künstlerkollektiv deutsche Pässe gefälscht und nach Libyen geschickt. Möglicherweise dienen sie zur illegalen Einreise. Das Innenministerium sagt, alles sei unter Kontrolle.

Geflüchtete sitzen an Bord eines Rettungsbootes.
DPA

Geflüchtete sitzen an Bord eines Rettungsbootes.

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Demnächst reisen vielleicht fünf Libyer, die wohl keine Chance auf ein Visum gehabt hätten, nach Deutschland ein. Helfen sollen ihnen manipulierte Pässe, vor laufender Kamera verschickt von einem Künstlerkollektiv. Es ist eine Protestaktion gegen den zunehmenden Einsatz von Überwachungstechnik.

Die Bundesregierung 2017 hatte beschlossen, dass der Verfassungsschutz, sowie Polizei- und Zollbehörden automatisiert auf die Datenbanken der Meldeämter zugreifen dürfen, in der die biometrischen Lichtbilder deutscher Staatsbürger gespeichert sind. Schon das halten manche für verfassungswidrig. Hinzu kommen der verstärkte Einsatz von Videoüberwachung und Experimente mit Software zur automatischen Gesichtserkennung. Das politaktivistische Peng-Kollektiv findet: "Die technologischen Möglichkeiten, um uns zu überwachen und zu kontrollieren" würden "immer umfassender".

Deshalb starteten die Aktivisten eine Protestaktion: Mithilfe einer Software verschmolzen sie zwei Passfotos. Das erste zeigt eines ihrer Mitglieder, das sich "Billie Hoffmann" nennt. Das zweite zeigt die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini. Anschließend ließen sie sich mit dem manipulierten Foto einen Reisepass ausstellen. Mit bloßem Auge ist die Manipulation nicht zu erkennen. Theoretisch könnte sowohl die Peng-Aktivistin als auch Mogherini den Pass benutzen und damit verreisen.

Peng: Pässe seien "Mittel der Unterdrückung"

Pass mit gemorphtem Foto
Peng!

Pass mit gemorphtem Foto

Mogherini sei mit dafür verantwortlich, dass Pässe zu einem "Mittel der Unterdrückung" würden, so die Begründung der Aktivisten. "Eine ausufernde Überwachung führt dazu, dass sich Menschen nicht als Persönlichkeiten und letztlich nicht als Bürger entfalten können", sagt Billie Hoffmann. "Und das bedroht unsere Demokratie."

Das Bundesinnenministerium weist die Vorwürfe zurück. Eine "Massenüberwachung" fände nicht statt, teilte ein Sprecher dem SPIEGEL mit. Das Innenministerium habe im Übrigen schon länger Kenntnis davon, dass eine Verschmelzung von Fotos möglich sei, die Zahl der Fälle sei jedoch gering. Eine Einführung von "sofortigen und verpflichtenden Lichtbildaufnahmen in den Bürgerämtern" sei daher nicht zu rechtfertigen.

Weil es den Aktivisten nicht reichte zu beweisen, dass die Manipulation möglich ist, riefen sie auf der Website mask.id andere dazu auf, sich an der Aktion zu beteiligen. Nach eigenen Angaben ließen sie fünf weitere manipulierte Pässe ausstellen. Die jeweiligen Fotos bestünden je zur Hälfte aus dem Gesicht eines deutschen und eines libyschen Staatsbürgers. Im Livestream sichtbar, verpackten die Aktivisten die Pässe und brachten das Paket zur Post. Das Ziel: Libyen.

Innenministerium: Grenzbeamte würden den Trick durchschauen

"Das ist eine Verzweiflungstat", sagt Billie Hoffmann. "Die Bundesregierung verstärkt die Überwachung in Deutschland und verschärft gleichzeitig die Abschottung Europas. Sie setzt auf die Milizen in Libyen, um Flüchtlinge von der Überfahrt nach Europa abzuhalten, und kümmert sich nicht um den Schutz der Zivilbevölkerung. Wir suchen nach Wegen, wie wir direkt helfen können."

Das Paket sei derzeit über Tunesien auf dem Weg nach Libyen, auf der Website des Peng-Kollektivs lässt sich der Transport nachverfolgen. Bekommen sollen es letztlich fünf libysche Künstler - für die Einreise nach Deutschland. Es sind, sofern die Angaben der Aktivisten stimmen, jene fünf, deren Fotos mit denen deutscher Bürger "gemorpht" wurden. "Auch wenn die Manipulation an einem deutschen Flughafen erkannt wird, sind die Menschen schon mal nicht mehr im Kriegsgebiet", so Hoffmann. Das Innenministerium teilte mit, die zuständigen Grenzbeamten seien "qualifiziert und sensibilisiert" solche Identitätstäuschungen zu erkennen.

Dass es so weit kommt, ist aber keineswegs sicher. Vielleicht kommt das Paket nicht an. Oder die libyschen Behörden stoppen die Empfänger. Oder die Peng-Aktivisten, immerhin geübte Medienhacker, haben eigentlich ein anderes Ziel: Aufmerksamkeit für das Thema Biometrie und Überwachung.

Im Video: Bundespolizei in Lagos - Jagd auf Passfälscher

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