Von Frank Patalong
Der Angriff erfolgte am Mittwoch. Völlig unvermittelt stieg die Zahl der Seitenaufrufe der Web-Seite des australischen Premierministers Kevin Rudd in sonst nie dagewesene Höhen. Bis an die Grenzen der Serverkapazitäten ging das, und für einen Augenblick auch darüber hinaus: Für rund eine Stunde brach die Seite zusammen. Dann erschien sie wieder, und in einem IRC-Kanal begann das große Fluchen: Ein "Fail! Fail! Fail!" (Web-Slang für Versagen, Panne) , sei die Aktion, hieß es da - "einverstanden, dass wir abbrechen?"
Was da abgebrochen wurde, war eine koordinierte Denial-of-Service-Attacke von zahlreichen Rechnern - eine DDoS. Dabei wird versucht, durch massenhafte Datei- und Seitenaufrufe einen Web-Server zu überlasten. Es ist eine seit rund zehn Jahren beliebte Methode von Cyber-Vandalen, Kriminellen, aber auch von politisch motivierten Hacktivisten, ihre jeweiligen Botschaften an den Mann zu bringen.
In diesem Fall ist das die folgende: In einem bei YouTube veröffentlichten Video (siehe unten) werden Premier Kevin Rudd zwei ultimative Forderungen gestellt:
Ansonsten, so die Drohung des Videos, werde Australiens Regierung die "entfesselte Wut" der Hacktivisten auf sich ziehen - und das sei etwas, was sich Rudd nicht wünschen solle:
Inzwischen, berichtete der "Sydney Morning Herald" am 11. September, gebe es Hinweise darauf, dass die Gruppe hinter den Attacken auch plane, in Regierungsrechner einzudringen und dort echte Schäden zu verursachen. Hinter den Attacken, berichtet der "Herald" und folgt damit der Behauptung des Videos, stehe eine Gruppe namens Anonymous.
Das wäre in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert, denn in solcher Offenheit hat wohl noch keine Netz-Gruppierung eine Regierung herausgefordert. Es wäre allerdings auch deshalb etwas Besonderes, weil Anonymous genau gesehen alles andere als eine Gruppe ist - es ist eine "Un-Gruppe" ohne jede feste Struktur und mit bisher ganz anderen Zielen und Methoden.
Ad-hoc-Netzwerk von Gleichgesinnten
Am ehesten läßt sich Anonymous als Interessengemeinschaft beschreiben. Die Bewegung ist weltweit tätig: Absolut jeder kann Anonymous sein, wenn er sich dieses Label anhängt, bestimmte Dinge tut und sich dabei in bestimmter Weise verhält. Anonymous ist man, wenn man sich dazu erklärt.
Rund um eine übergreifende Selbstdarstellungsseite und den Anonymous-Artikel der englischen Wikipedia, der als eine Art FAQ und "offizielle" Chronik genutzt wird, gibt es zahlreiche Foren und Web-Seiten, über die Anonymous-Aktionen koordiniert werden: Die Interessengemeinschaft ohne personelle Struktur hat nur eines - eine perfekte Kommunikationsinfrastruktur. Kein Mensch weiß, wie viele Anonymous-Foren, Web-Seiten und Messageboards es wirklich gibt (eine kleine Auswahl finden Sie im Link-Verzeichnis in der linken Spalte). Wer will, macht einfach eins auf, lädt Gleichgesinnte zu Aktionen ein und schafft damit beispielsweise eine temporär auftretende regionale Struktur. Wenn die Ziele und Aktionen dem Anonymous-Geist entsprechen, ist quasi alles "amtlich".
Klares Ziel: Proteste gegen Scientology
Der Kanon des Anonymous-typischen Verhaltens sowie die Ziele aller Aktionen waren bisher ganz klar definiert: Die Anonymous-Community versteht sich als friedlich-humorige Protestbewegung gegen die Church of Scientology. Begonnen hatte das alles im Januar 2008 mit einer DDoS-Attacke gegen Scientology. Sie wurde in den Foren einiger sogenannter Imageboards (vor allem 4chan, wo alle Teilnehmer Anonymous heißen) verabredet und war als Protest gegen den Versuch der Scientologen gemeint, ein ganz besonders wirres Video, in dem der Schauspieler Tom Cruise über Scientology redet, aus dem Web entfernen zu lassen.
Als sich Scientology erfolgreich gegen die Cyber-Attacke wehrte, verabredeten erste Forenteilnehmer andere Protestformen: Maskiert mit den aus dem Comic und Film "V wie Vendetta" bekannten Guy-Fawkes-Masken demonstrieren seitdem weltweit Anonymous-Sympathisanten gegen Scientology. Und natürlich finden sich die Masken auch auf zahlreichen anderen Demonstrationen, auf denen es um Themen wie Zensur geht - zuletzt am Samstag in Berlin auf der "Freiheit statt Angst"-Demonstration (siehe Bildergalerie).
Da scheint es plausibel, dass sich Teile der Bewegung auch wieder mit Hack-Methoden gegen andere Ziele richten könnten. Das Selbstverständnis der australischen Gruppe geht jedenfalls über den bisherigen Fokus der Bewegung hinaus: "Wir ruinieren das Leben von Tiermisshandlern und führen Pädophile der Gerechtigkeit zu. Wir zerstören den Ruf von politischen wie religiösen Führern. Unsere Soldaten bekämpfen zurzeit den Kult der Scientologen und die iranische Regierung."
Kapert da wer den guten Namen?
Das sind ganz schön steile Ziele, vorgebracht mit Vocoder-verzerrter Automatenstimme, sehr viel Pathos und noch mehr Hybris - eine Form der aufgeblasenen Selbstironie, die szenetypisch ist. Die Frage, die sich nun stellt, ist diese: Kapert hier jemand den Namen Anonymous? Oder kündigt sich hier das Entstehen einer Art militanten Armes der keimenden Internetbewegung rund um Bürgerrechte, Kampf gegen Überwachung und Zensur an?
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