Prüfung abgeschlossen: Staatstrojaner bleibt Geheimnis

Von

Eigentlich wollte sich der Bundesbeauftrage für den Datenschutz den umstrittenen Staatstrojaner genauer ansehen - doch weil die Behörden bei der Auftragsvergabe Fehler gemacht haben, bleibt der Quellcode unter Verschluss.

DigiTask-Firmenschild in Hessen: "Spezielle Kommunikationssysteme" Zur Großansicht
dapd

DigiTask-Firmenschild in Hessen: "Spezielle Kommunikationssysteme"

Hamburg - Der Bundesbeauftrage für den Datenschutz, Peter Schaar, hat die Überprüfung des Staatstrojaners abgeschlossen - so gut es eben ging. Denn weil Bundeskriminalamt und Zollkriminalamt bei der Bestellung der Spionage-Software nicht auf die Vertragsbedingungen geachtet haben, fehlt bei der Untersuchung nun ein wichtiger Teil: der Blick in den Quellcode des Trojaners.

Der wäre eigentlich dringend nötig gewesen, weil der umstrittene Einsatz des Schnüffelprogramms tief in die Grundrechte der Zielpersonen eingreift. Schon die bekannten Funktionen der Software haben Datenschützer alarmiert - es ließ sich offenbar weit mehr überwachen, als überhaupt zulässig sein könnte. In einem ersten Bericht hatte Schaar bereits Anfang des Jahres gravierende Mängel festgestellt.

Danach wollte er genauer hinsehen. Doch die Firma, die hessische DigiTask, stellte Bedingungen: Nur unter Aufsicht und nur in den Räumen des Unternehmens dürften Schaar und seine Mitarbeiter auf den Quellcode schauen, und auch das nur mit unterschriebener Geheimhaltungsvereinbarung. Außerdem seien die Personalkosten zu erstatten.

Darauf wollte Peter Schaar sich nicht einlassen: "Das ist beides nicht akzeptabel", so der Datenschützer am Dienstag. "Wie können ich oder meine Mitarbeiter dem Bundestag dann Bericht erstatten?" Er werde schließlich vom Bundestag gewählt. Das habe er auch dem Innenausschuss mitgeteilt. Das Schreiben hat der Chaos Computer Club auf seiner Website veröffentlicht.

Lücken in der Strafprozessordnung

Schaar sieht die Behörden in der Verantwortung: "Sie müssen bei solchen öffentlichen Aufträgen dafür Sorge tragen, dass sich Software prüfen lässt, und zwar auch durch die Datenschutzbeauftragten", sagte er. "Beim Körperscanner gab es zum Beispiel umfangreiche Tests, die dazu geführt haben, dass diese Technik in Deutschland erst mal nicht zum Einsatz kommt."

Das hieße, dass bei öffentlichen Aufträgen vertraglich sichergestellt sein müsste, dass Schaar und seine Leute sich Software im Detail ansehen. Man müsse nicht in jedem Fall den Quellcode einsehen, aber: "Eine Software muss umso stärker geprüft werden können, je mehr sie in die Grundrechte eingreift." Für den Staatstrojaner gilt das allemal. "Wenn Unternehmen da nicht mitmachen wollen, müsste man sich notfalls auf dem Markt nach Alternativen umsehen."

Kritik äußerte er auch an DigiTask. Eine gesetzliche Kontrollkompetenz gegenüber dem Unternehmen habe er zwar nicht. "Die Firma hätte sich aber auch anders entscheiden können, das hätte ihrer Reputation sicher nicht geschadet." Der Chaos Computer Club hatte einen Trojaner der Firma analysiert und gravierende Mängel festgestellt. Die Analyse des Datenschützer stützt viele der Vorwürfe. DigiTask hatte sich damals damit verteidigt, dass die Software bereits mehrere Jahre alt und nicht mehr auf dem neuesten Stand sei.

Noch ein grundsätzlicheres Problem hat Schaar mit der staatlichen Schnüffelei: "Es fehlt nach wie vor größtenteils ein rechtlicher Rahmen. Die Strafprozessordnung gibt den Einsatz eines solchen Staatstrojaners schlicht nicht her." So sieht das auch sein Kollege in Bayern, der unlängst den Einsatz von Trojaner-Software des Landeskriminalamts scharf kritisiert hatte.

Der Autor auf Facebook

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
niska 11.09.2012
Zitat von sysopdapdEigentlich wollte sich der Bundesbeauftrage für den Datenschutz den umstrittenen Staatstrojaner genauer ansehen - doch weil die Behörden bei der Auftragsvergabe Fehler gemacht haben, bleibt der Quellcode unter Verschluss. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,855103,00.html
Und wer hat diese absurden Verträge unterschrieben, die dem Auftraggeber keine ausreichenden Rechte geben die Leistung zu bewerten oder auf Legalität zu überprüfen? Sofort fristlos und ohne Pensionen entlassen.
2. Schlussfolgerung
eigene_meinung 11.09.2012
Der Prüfungsbericht des Datenschutzbeauftragten kann demzufolge doch nur eine Empfehlung enthalten, nämlich diese SW nicht einzusetzen. Sollte die Bundesregierung diese SW zulassen, muss das BVG angerufen werden und entsprechend entscheiden.
3. Problem
ralphofffm1 11.09.2012
Das Problem beim Datenschutz sind nicht mehr so sehr die staatlichen Stellen sondern die Unternehmen und die Nutzer wie bei z.B. Facebook und Co
4.
niska 11.09.2012
Zitat von eigene_meinungDer Prüfungsbericht des Datenschutzbeauftragten kann demzufolge doch nur eine Empfehlung enthalten, nämlich diese SW nicht einzusetzen. Sollte die Bundesregierung diese SW zulassen, muss das BVG angerufen werden und entsprechend entscheiden.
Exakt. Genau diese SW will aber m.W. auch niemand mehr einsetzen. Daher ist es wichtig, dass die etwaigen Nachfolgeprodukte und deren Verträge genauestens analysiert werden. Auch diese werden streggenommen nicht Verfassungskompatibel zur TKÜ einsetzbar sein, da man um diese zu installieren, zu initialisieren und upzudaten immer soweit in das zu überwachende Computersystem eingreifen muss, dass die erweiterten Befugnisse einer OD nötig sind. Dieser absurden Rechtslage entgenet man derzeit damit, dass der Strafenkatalog für schwere Straftaten um alle möglichen leichteren Straftaten ergänzt wurde. Dies macht eine TKÜ aber dann trotzden überflüssig, da es sich damit nur um eine OD mit anderem Namen handelt. Politirrsin und das BVerfG steigt bei der Thematik leider technisch auch nicht mehr ganz durch. Gefährliches Terrain.
5. Wozu haben wir die Staatsanwaltschaft?
gerd33 11.09.2012
Wenn der Verdacht besteht, dass der Trojaner illegale Routinen enthält, dann sollt die Beschlagnahme des Quellcodes mit Richterbeschluss möglich sein. Und dann noch ein öffentliches Interesse unterstellt könnte der Datenschutzbeauftragte das Ding anlysieren und dem Parlament Bericht erstatten.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Netzpolitik
RSS
alles zum Thema Staatstrojaner
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 15 Kommentare
Schad- und Spähsoftware
Klicken Sie auf die Stichworte, um mehr zu erfahren
Trojaner
Wie das Trojanische Pferd in der griechischen Mythologie verbergen Computer-Trojaner ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten Backdoor , einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere Schadprogramme nachgeladen werden.
Virus
Computerviren befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in Tauschbörsen einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Rootkit
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen: "Root" ist bei Unix-Systemen der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein Rootkit ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte Shell auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um Trojaner , Viren und andere zusätzliche Schadsoftware über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren Kompromittierungen eines Rechners.
Wurm
Computerwürmer sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein Schadprogramm , das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats, AIMs , P2P-Börsen und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Drive-by
Unter einem Drive-by versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von Scripten nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter Schadcode Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potentiell so gut wie jeder.
Botnetz
Botnets sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die Zombiearmeen werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen Web-Seiten in die Knie zu zwingen oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei SPIEGEL ONLINE)
Fakeware, Ransomware
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um "falsche Software" . Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als Adware-Programme belästigen sie den Nutzer mit Werbung.

Die perfideste Form aber ist Ransomware : Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Zero-Day-Exploits
Ein Zero-Day-Exploit nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von Schadprogrammen ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Risiko Nummer eins: Nutzer
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
DDoS-Attacken
Sogenannte distribuierte Denial-of-Service-Attacken (DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.


Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.