Von Konrad Lischka und Ole Reißmann
Hamburg - "Ist dies der echte Name deines Freundes?" Diese Frage stellt Facebook seinen Nutzern. In einem Dialogfenster werden dazu Foto und Facebook-Name eines Kontaktes angezeigt, dazu die Aufforderung, diese Angaben zu überprüfen. Die Antwort soll angeblich anonym bleiben und "keinen Einfluss auf das Konto" des Freundes haben.
Mehrere Screenshots dieser Frage - auf Englisch und Deutsch - kursieren im Web. Das Unternehmen bestätigt die Echtheit. Es handele sich um einen Test, heißt es von Facebook, mit dem Fake-Accounts identifiziert werden sollen.
Ein ähnliches Verfahren nutzt Facebook bereits, um bei verdächtigen Loginversuchen zu prüfen, ob sich da wirklich der Profilbesitzer anmeldet: In solche Fällen bekommt man mehrere Fotos seiner Facebook-Freunde zu sehen und muss aus einer Liste mit Vorschlägen den Porträts die korrekten Namen zuordnen. Mit diesem Sicherheitscheck hat die neue Methode nichts zu tun: Hier geht darum, die "Echtheit" anderer Nutzer von Facebook-Mitgliedern überprüfen zu lassen.
Bisher hatte das Werbenetzwerk kaum eine Möglichkeit, abgewandelte Namen oder Pseudonyme aufzuspüren - wenn man sich nicht gerade "Justin Bieber" oder "Anonymous Haxx0r" nannte, ein auffälliges Profilbild nutzte oder Tausende Freunde auf einmal hinzufügte.
Facebook ruft seine Kunden nun zu Spitzeldiensten auf, sie sollen dem US-Konzern melden, welche ihrer Freunde sich verdächtig verhalten, weil sie Pseudonyme nutzen. Das Netzwerk will zum weltweiten Melderegister werden: echte Namen, echte Personen, alles andere ist verboten. Bei Verdacht auf falschen Namen sperrt das Netzwerk Nutzer und schaltet diese erst wieder frei, wenn sie die Kopie eines Ausweises schicken.
Dabei gibt es Menschen, die aus guten Gründen nicht mit ihrem im Pass eingetragenen Namen im Netz unterwegs sein wollen - Stalking, Angst vor Repressionen, Sorge um den Datenschutz (die soll es sogar bei manchen Facebook-Nutzern noch geben). Kritiker eines Klarnamenszwangs wie die Flickr-Gründerin Caterina Fake und die Sozialforscherin Dana Boyd argumentieren, für viele Menschen ermöglichen Pseudonyme im Web erst eine wirklich freie Nutzung.
Facebook begründet seinen Aufruf zur Denunziation so: Man wolle die "Plattform sicherer" machen, Klarnamen seien die "Grundlage" für den Austausch zwischen "echten Menschen". Sind also Stalking-Opfer und politisch Verfolgte ein Sicherheitsrisiko für Facebook?
Facebooks Vorgaben zur Veröffentlichung echter Namen und Porträts schaffen die Grundlage für ein privates Melderegister. Facebook deklariert diese Informationen generell als öffentlich, ohne Widerspruchsmöglichkeit: Name, Profilbild, Geschlecht, Angaben zu Netzwerken (Schule, Arbeitsplatz), Nutzername und Nutzerkennnummer. Diese von Facebook veröffentlichten Informationen lassen sich zum Beispiel so nutzen:
Diese und diverse andere Risiken existieren, weil Facebook die echten Namen seiner Mitglieder und eine Reihe weiterer Informationen zwangsweise veröffentlicht. Meldet man sich neu bei Facebook an, ist sogar die Freundesliste standardmäßig öffentlich. Facebook liefert also nicht nur allen Interessierten Klarnamen plus Porträt, sondern auch alle privaten und beruflichen Kontakte eines Mitglieds - Facebook differenziert da nicht von sich aus. Kein Wunder, dass das die Auskunftei Schufa bei einem - nach Protesten eingestellten - Analyseverfahren Facebook-Profile auslesen.
Statt Mitglieder vor Auswertern zu schützen, spannt Facebook Nutzer zur Optimierung seines Melderegisters ein. Facebook-Managerin Randi Zuckerberg sagte Mitte 2011, kurz bevor sie das Unternehmen verließ: "Anonymität im Internet muss verschwinden."
Auch für Ordnungshüter ist ein Klarnamen-Facebook interessant: Sie nutzen das soziale Netzwerk bei Ermittlungen, mit echten Namen kann die Polizei einfacher arbeiten. Und wer weiß, vielleicht werden die Teilnehmer sogenannter Facebook-Partys künftig von der Stadtreinigung und den Einsatzkräften zur Kasse gebeten - weil sie einer öffentlichen Party-Einladung gefolgt sind und auf "Ich nehme teil" oder "Gefällt mir" geklickt haben.
Mit voller Transparenz will nicht nur Facebook sein Netz sauber halten. Auch Google setzt auf echte Namen, nicht nur bei seinem Konkurrenz-Netz Google+, sondern generell als Maßnahme gegen Vandalismus. Google-Manager Eric Schmidt stellte vor zwei Jahren auf einer Konferenz fest: "Der einzige Weg, dem zu begegnen, ist echte Transparenz und keine Anonymität. In einer Welt asynchroner Bedrohungen ist es zu gefährlich, auf eine Möglichkeit zu verzichten, Menschen zu identifizieren. Wir brauchen einen Namensdienst für Menschen. Regierungen werden das verlangen."
Nachtrag: Nach Erscheinen dieses Artikels teilte Facebook mit, die bei diesem Test gesammelten Informationen würden nur "aggregiert" zu "statistischen Zwecken" ausgewertet.
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