Pseudonyme: Facebook-Nutzer sollen Freunde verpetzen

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Facebook will seine rigiden Regeln mit Hilfe der eigenen Nutzer durchsetzen: Sie sollen Freunde verpfeifen, die unter Pseudonym unterwegs sind. Alles nur ein Test, wiegelt das Unternehmen ab.

Facebook-Nutzerin (Symbolbild): Aufruf zum Denunziantentum Zur Großansicht
dapd

Facebook-Nutzerin (Symbolbild): Aufruf zum Denunziantentum

Hamburg - "Ist dies der echte Name deines Freundes?" Diese Frage stellt Facebook seinen Nutzern. In einem Dialogfenster werden dazu Foto und Facebook-Name eines Kontaktes angezeigt, dazu die Aufforderung, diese Angaben zu überprüfen. Die Antwort soll angeblich anonym bleiben und "keinen Einfluss auf das Konto" des Freundes haben.

Mehrere Screenshots dieser Frage - auf Englisch und Deutsch - kursieren im Web. Das Unternehmen bestätigt die Echtheit. Es handele sich um einen Test, heißt es von Facebook, mit dem Fake-Accounts identifiziert werden sollen.

Ein ähnliches Verfahren nutzt Facebook bereits, um bei verdächtigen Loginversuchen zu prüfen, ob sich da wirklich der Profilbesitzer anmeldet: In solche Fällen bekommt man mehrere Fotos seiner Facebook-Freunde zu sehen und muss aus einer Liste mit Vorschlägen den Porträts die korrekten Namen zuordnen. Mit diesem Sicherheitscheck hat die neue Methode nichts zu tun: Hier geht darum, die "Echtheit" anderer Nutzer von Facebook-Mitgliedern überprüfen zu lassen.

Bisher hatte das Werbenetzwerk kaum eine Möglichkeit, abgewandelte Namen oder Pseudonyme aufzuspüren - wenn man sich nicht gerade "Justin Bieber" oder "Anonymous Haxx0r" nannte, ein auffälliges Profilbild nutzte oder Tausende Freunde auf einmal hinzufügte.

Facebook ruft seine Kunden nun zu Spitzeldiensten auf, sie sollen dem US-Konzern melden, welche ihrer Freunde sich verdächtig verhalten, weil sie Pseudonyme nutzen. Das Netzwerk will zum weltweiten Melderegister werden: echte Namen, echte Personen, alles andere ist verboten. Bei Verdacht auf falschen Namen sperrt das Netzwerk Nutzer und schaltet diese erst wieder frei, wenn sie die Kopie eines Ausweises schicken.

Dabei gibt es Menschen, die aus guten Gründen nicht mit ihrem im Pass eingetragenen Namen im Netz unterwegs sein wollen - Stalking, Angst vor Repressionen, Sorge um den Datenschutz (die soll es sogar bei manchen Facebook-Nutzern noch geben). Kritiker eines Klarnamenszwangs wie die Flickr-Gründerin Caterina Fake und die Sozialforscherin Dana Boyd argumentieren, für viele Menschen ermöglichen Pseudonyme im Web erst eine wirklich freie Nutzung.

Facebook begründet seinen Aufruf zur Denunziation so: Man wolle die "Plattform sicherer" machen, Klarnamen seien die "Grundlage" für den Austausch zwischen "echten Menschen". Sind also Stalking-Opfer und politisch Verfolgte ein Sicherheitsrisiko für Facebook?

Facebooks Vorgaben zur Veröffentlichung echter Namen und Porträts schaffen die Grundlage für ein privates Melderegister. Facebook deklariert diese Informationen generell als öffentlich, ohne Widerspruchsmöglichkeit: Name, Profilbild, Geschlecht, Angaben zu Netzwerken (Schule, Arbeitsplatz), Nutzername und Nutzerkennnummer. Diese von Facebook veröffentlichten Informationen lassen sich zum Beispiel so nutzen:

  • Jemand fotografiert Passanten, Software ordnet jedem Gesicht den echten Namen und das Facebook-Profil zu. Solche Software entwickeln derzeit US-Forscher. In einem ersten Experiment gelang es dank der Facebook-Daten, Hunderte von Nutzern von Flirtseiten per Gesichtserkennung und Facebook-Datenabgleich zu demaskieren.
  • Forscher des Massachusetts Institute of Technology (MIT) haben schon 2009 in einer Studie gezeigt, dass sich die sexuelle Orientierung innerhalb der Plattform auf Basis der Kontakte einer Person vorhersagen lässt.
  • Kriminelle recherchieren in öffentlich zugänglichen Facebook-Profilen persönliche Informationen über Opfer, die dabei helfen, E-Mail-Konten zu übernehmen.

Diese und diverse andere Risiken existieren, weil Facebook die echten Namen seiner Mitglieder und eine Reihe weiterer Informationen zwangsweise veröffentlicht. Meldet man sich neu bei Facebook an, ist sogar die Freundesliste standardmäßig öffentlich. Facebook liefert also nicht nur allen Interessierten Klarnamen plus Porträt, sondern auch alle privaten und beruflichen Kontakte eines Mitglieds - Facebook differenziert da nicht von sich aus. Kein Wunder, dass das die Auskunftei Schufa bei einem - nach Protesten eingestellten - Analyseverfahren Facebook-Profile auslesen.

Statt Mitglieder vor Auswertern zu schützen, spannt Facebook Nutzer zur Optimierung seines Melderegisters ein. Facebook-Managerin Randi Zuckerberg sagte Mitte 2011, kurz bevor sie das Unternehmen verließ: "Anonymität im Internet muss verschwinden."

Auch für Ordnungshüter ist ein Klarnamen-Facebook interessant: Sie nutzen das soziale Netzwerk bei Ermittlungen, mit echten Namen kann die Polizei einfacher arbeiten. Und wer weiß, vielleicht werden die Teilnehmer sogenannter Facebook-Partys künftig von der Stadtreinigung und den Einsatzkräften zur Kasse gebeten - weil sie einer öffentlichen Party-Einladung gefolgt sind und auf "Ich nehme teil" oder "Gefällt mir" geklickt haben.

Mit voller Transparenz will nicht nur Facebook sein Netz sauber halten. Auch Google setzt auf echte Namen, nicht nur bei seinem Konkurrenz-Netz Google+, sondern generell als Maßnahme gegen Vandalismus. Google-Manager Eric Schmidt stellte vor zwei Jahren auf einer Konferenz fest: "Der einzige Weg, dem zu begegnen, ist echte Transparenz und keine Anonymität. In einer Welt asynchroner Bedrohungen ist es zu gefährlich, auf eine Möglichkeit zu verzichten, Menschen zu identifizieren. Wir brauchen einen Namensdienst für Menschen. Regierungen werden das verlangen."

Nachtrag: Nach Erscheinen dieses Artikels teilte Facebook mit, die bei diesem Test gesammelten Informationen würden nur "aggregiert" zu "statistischen Zwecken" ausgewertet.

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insgesamt 157 Beiträge
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    Seite 1    
1. Echtname??
farang 09.07.2012
Zitat von sysopFacebook will seine rigiden Regeln mit Hilfe der eigenen Nutzer durchsetzen: Sie sollen Freunde verpfeifen, die unter Pseudonym unterwegs sind. Alles nur ein Test, wiegelt das Unternehmen ab. Pseudonyme: Facebook-Nutzer sollen Freunde verpetzen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,843326,00.html)
Ich werde bei FB nie meinen echten Namen verwenden. Das geht schliesslich niemanden ausser mir etwas an. Fazit : FB nur mit Echtnamen = Account auflösen, denn mein Echtname taucht nirgends auf im Internet, und das soll auch so bleiben. Basta.
2.
verpiler 09.07.2012
Später werden wir unseren Kindern nostalgieerfüllt vorschwärmen "hach, als ich und das Internet noch jung war, da war alles so frei... überall konnte man sich anmelden und einfach drauf los schreiben... niemand wollte den eigenen Namen wissen, es sei denn, man wollte ihn sagen" Ich frage mich nur, wieso. Bisher hat das Netz auch mit Pseudonymen immer funktioniert. Das Ziel, das Internet zur Kommunikation zu nutzen, haben wir schon lange erreicht. Derzeit schießen wir wohl leider weit darüber hinaus.
3. http://forum.spiegel.de/f22/pseudonyme-facebook-nutzer-sollen-freunde-verpetzen-65456
ayahuasca2 09.07.2012
Zitat von sysopFacebook will seine rigiden Regeln mit Hilfe der eigenen Nutzer durchsetzen: Sie sollen Freunde verpfeifen, die unter Pseudonym unterwegs sind. Alles nur ein Test, wiegelt das Unternehmen ab. Pseudonyme: Facebook-Nutzer sollen Freunde verpetzen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,843326,00.html)
... danach werden alle Daten autom. an die amerikanischen Geheimdienste weitergegeben
4. Einfach alle verpfeifen
EinfachEinBuerger 09.07.2012
Zitat von farangIch werde bei FB nie meinen echten Namen verwenden. Das geht schliesslich niemanden ausser mir etwas an. Fazit : FB nur mit Echtnamen = Account auflösen, denn mein Echtname taucht nirgends auf im Internet, und das soll auch so bleiben. Basta.
Gut wäre, wenn einfach jeder FB Nutzer jeden verpfeift, also auch die deren Namen echt ist. Wenn dann jeder Nutzer seinen Perso zu FB schicken soll, glaube ich kaum dass dann am Ende 900 Mio Nutzer übrig bleiben.
5.
Nevermeind 09.07.2012
Zitat von verpiler(...) Ich frage mich nur, wieso. Bisher hat das Netz auch mit Pseudonymen immer funktioniert. (...).
Das sehen viele Leute anders. Wuerden nur Klarnamen zugelassen, stuende zwar immer noch viel Unsinn im Netz, aber sicher deutlich weniger. So wird zum Beispiel bei Wikipedia schon lange gefordert, nur noch Klarnamen zuzulassen. Anonyme Plattformen sollten bestehen bleiben, weil sonst unter Umstaenden Informationen aus Angst vor Repressalien nicht weitergegeben werden. Dazu muss gesagt werden: interessanterweise bloggen gerade gefaehrdete Personen oft mit Absicht unter ihrem Klarnamen. Die Regel sollte in jedem Fall ein entanonymisiertes Netz sein.
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Facebook
DPA
Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach eigenen Angaben hat Facebook 845 Millionen aktive Mitglieder weltweit (Dezember 2011). Mehr zu Facebook auf der Themenseite.
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Google+ ist der Versuch, den sozialen Funktionen von Facebook und Twitter etwas entgegenzusetzen. Das soziale Netzwerk wurde im Juni 2011 gestartet und hat nach Firmenangaben rund 170 Millionen Nutzer (April 2012). Der Funktionsumfang ist rein aus Nutzersicht vergleichbar mit Facebook, Schnittstellen für externe Entwickler sind allerdings eingeschränkt. Google animiert seine Nutzer, das Netzwerk als zentralen Hub für seine Dienste zu nutzen. Mehr zu Google+ auf der Themenseite.
Twitter
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Der auf kurze Textnachrichten spezilalisierte Dienst Twitter wurde im Juli 2006 gegründet. Populär wurde der Dienst als Verteilnetzwerk für Links, Fotos und Videos. Twitter zählt nach eigenen Angaben mehr als 140 Millionen Nutzer (März 2012). Mehr zu Twitter auf der Themenseite.
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Xing (früher OpenBC) wurde 2003 von Lars Hinrichs gegründet. Nach eigenen Angaben hat Xing über 11,7 Millionen Mitglieder (Stand: Dezember 2011), etwa acht Prozent haben einen kostenpflichtigen Premium Account. Bei Xing geht es vor allem um berufliche Kontaktaufnahme. Mehr zu Xing auf der Themenseite...
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Ehssan Dariani hat die Studenten-Community StudiVZ 2005 gegründet. Zuerst investierten Lukasz Gadowski und Matthias Spiess in StudiVZ, später finanzierten es vor allem die Gebrüder Samwer - bekannt für die Klingeltonfirma Jamba - und der Venture-Capital-Arm des Holtzbrinck-Verlags ("Die Zeit", "Handelsblatt"). Im Januar 2007 übernahm Holtzbrinck StudiVZ. Derzeit haben die Plattformen studiVZ.net, schuelerVZ.net und meinVZ.net nach eigenen Angaben rund 17,4 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2011). Mehr zu StudiVZ auf der Themenseite...
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Das 1996 in Regensburg gegründete Unternehmen Spin betreibt ein eigenes soziales Netzwerk, aber auch integrierte Unter-Communitys mit regionalem Fokus, die mit Partnern vor Ort (Lokalradios vor allem) betrieben werden. Nach eigenen Angaben (Stand Februar 2011) hat Spin.de eine Million aktive Mitglieder. Mehr zu Spin.de bei Wikipedia...
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Wer-kennt-wen wurde von den beiden Studenten Fabian Jager und Patrick Ohler gegründet. Seit Februar 2009 gehört das Netzwerk vollständig RTL Interactiv, die Gründer schieden Ende August 2010 aus. Das Netzwerk hat laut Betreiber über 9,5 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2012). Mehr zu Wer-kennt-wen bei Wikipedia...
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MySpace war 2006 das populärste soziale Netzwerk in den USA. Ein Jahr zuvor war es von Rupert Murdochs News Corporation gekauft worden. Bekannt wurde es durch die Möglichkeit, Musik einzubinden. Künstler und Bands nutzten die Plattform als Marketingplattform. Zeitweise hatte MySpace mehr als 220 Millionen Nutzer, nach Berechnungen von Google rund 30 Millionen Nutzer (Dezember 2011). Mehr zu MySpace auf der Themenseite...


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